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Gedanken zum Sonntag, den 11. Oktober 2020

Das VATER UNSER 

von Vikarin Janika Frunder (Hamburg)

Jesus sagte zu seinen Jüngern: So sollt ihr beten:

„Wenn du betest, geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dich belohnen.

So sollt ihr beten:                                                                                                                                 Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

 

Ich öffne die hölzerne Tür einen Spalt. Meine Hand tastet an der kühlen Mauer nach dem Lichtschalter. Das einzige, was diesen Morgen noch retten konnte, war ein Nutellabrot. Schokolade hilft bei schwachen Nerven. Seelenfutter.

Der Tag war erst ein paar Stunden alt, aber ich war jetzt schon gestresst: ein Stapel Rechnungen in der Post, die Kaffeemaschine hatte ihren Geist aufgegeben und ich machte mir Sorgen. Meiner Schwester ging es gerade nicht gut.

Als ich den Lichtschalter gefunden hatte, wurde die winzige Vorratskammer, die eigentlich nur aus gut gefüllten Regalen bestand, in schwaches Licht getaucht.

Und da saß er. Auf einem Bierkasten in der Ecke saß Gott.

Er sieht keineswegs überrascht aus, als er mich sieht. Lächelnd hält er mir ein Nutellaglas hin. Mit offenem Mund nehme ich das Glas entgegen und stammle: „Ähm. Danke.“

Gott lacht. „Und, wie geht’s dir?“, fragt er mich, und er scheint ehrlich interessiert. „Ach, ganz gut.“, sage ich. Was man eben so sagt. Aber Gott lässt nicht locker: „Stressiger Morgen, hm?“ Da bricht es aus mir heraus. „Ja. Heute Morgen das mit der Kaffeemaschine. Und dann meine Schwester. Ich mach mir echt Sorgen um sie. Muss dauernd an sie denken. Und ich muss noch so viel organisieren… und…und …“  Gott nickt und sieht mich an: „Ich weiß“, sagt er. „Ich weiß.“

Das mit der Vorratskammer, das kommt von Jesus selbst. Als seine Jüngerinnen und Jünger ihn fragen, wie sie beten sollen, sagt er ihnen: Betet im Kämmerlein. Macht keine Show daraus. Betet nicht, um vor anderen besonders gut dazustehen. Betet für euch selbst. Eben im Kämmerlein.

Im griechischen Originaltext heißt es tatsächlich „Vorratskammer“. Zu Zeiten Jesu ein kleiner Raum ohne Fenster, das einzig abschließbare Zimmer in den sonst offen gebauten Häusern damals. Dorthin sollen die Jüngerinnen und Jünger gehen zum Beten. Keine Ablenkung und kein Publikum. Vor allem: Ruhe.

Manchmal ist es aber schwierig, richtige Worte zu finden. Wenn das Herz schwer und der Kopf durcheinander ist. Darum schenkt Jesus uns ein Gebet: Das Vater Unser. Das Gebet, das die gesamte Christenheit verbindet, über alle  Landesgrenzen hinweg, in allen Sprachen, in allen Generationen. Seit über 2000 Jahren. Jeden Tag wird es überall auf der Welt in hunderten Sprachen gebetet: Vater Unser; Our Father, Notre Père, … Wenn wir es heute im Gottesdienst beten, verbinden wir uns mit allen Christinnen und Christen, auch mit denen, die vor uns waren und denen, die nach uns sein werden.

Die Worte sind einfach, aber sie sagen alles. Wer sie auswendig kann, hat einen Schatz für Zeiten, in denen die Worte einem nicht auf der Zunge liegen.

Beten ist wie ein Besuch in der Vorratskammer. Da, wo ich alles aufbewahre: Meine Sorgen, meine Schuld, meine Wünsche und meine Dankbarkeit. Wenn ich bete, kann ich aufräumen in mir. Kann alten Krempel wegwerfen; Belastendes loswerden. Kann die Dinge Gott in die Hand drücken, wenn sie mir zu schwer werden. Ich kann zu Gott kommen, wenn ich hungrig bin und er gibt meiner Seele ein Nutellabrot. Oder ein Schwarzbrot. Je nachdem, was ich gerade brauche.

Im Gebet muss ich Gott nicht erklären, wie es mir geht. Er weiß das schon längst. Ich muss keinen guten Eindruck machen, brauche keine besonders hübsch formulierten Sätze. Das Vater Unser reicht. Und wenn ich nicht will, brauche ich auch überhaupt nicht zu sprechen.

 „Soll ich das Licht ausmachen?“, frage ich, als ich die Vorratskammer verlassen will. Mir geht es jetzt schon viel besser. Gott schüttelt den Kopf: „Nicht nötig. Ich bleib noch ein bisschen hier.“ Ich nicke. „Ich weiß.“

Amen.

Gottesdienst in der Stadtkirche zum Erntedankfest am 4. Oktober 2020, 10 Uhr

Auch in Zeiten von Corona gibt es immer noch genug, wofür wir danken können. Und so wird auch in diesem Jahr wieder die Erntekrone von den Landfrauen und den Pfadfindern feierlich in die geschmückte Kirche getragen.

Gemeinsam haben sie das Getreide auf dem Acker geschnitten; und gemeinsam haben sie damit die Erntekrone geschmückt.

Zusammen kann man viel bewirken. Darum wird es in dem Gottesdienst gehen.

Wie jedes Jahr stellen uns auch diesmal wieder die Gemüsebauern der umliegenden Höfe  frische und gesunde Erntegaben zur Verfügung.

Und die Bäckerei Klingbeil spendiert frisches leckeres Brot.

Seien auch Sie dabei!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Gedanken über 2. Timotheus 1, 7 - 10 von Pastor Thomas-Christian Schröder

Liebe Gemeinde!
Kann man Ostern auch im Herbst feiern? Was für eine Frage! Ostern ist im Frühjahr, wenn die Knospen sprießen, wenn das Grün sich entfaltet und neues Leben aufbricht. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

„Ostern ist für mich ausgefallen“, sagte mir neulich ein Freund, als wir über den Lockdown sprachen. „Ohne Gottesdienste und ohne Ostergruß blieb es für mich Karfreitag“, so meinte er, „schrecklich: drei Tage Trauer“.

Aber auch das gab es zu Ostern: Mit Straßenkreide hatte jemand flüchtig auf den Asphalt gekritzelt: „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.“ Wo sonst Kinder die Kästchen für „Himmel und Hölle“ malen, stand plötzlich die Botschaft dessen, der die Hölle überwunden und den Himmel erschlossen hat. Unwillkürlich musste ich stehenbleiben: Die ewige Botschaft im vergänglichen Staub, schon der nächste Regen würde sie wegspülen. Und trotzdem: Die Worte gelten weiterhin, auch im Herbst, wenn die Spuren schon längst verwaschen sind.
Kann man Ostern auch im Herbst feiern? Ja, man kann! Davon bin ich überzeugt! Jeder Sonntag ist Osterfest und jeder Gottesdienst Feier der Auferstehung. Besonders der heutige Sonntag, ein halbes Jahr nach Ostern. Der Wochenspruch klingt ganz österlich: „Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.“

Ostern im Herbst. Statt Frühlingsknospen Herbstfärbung. Statt keimendem Leben fallendes Laub: die Zeichen der Vergänglichkeit.

Aber auch dahinein spricht die Osterbotschaft. Wie schrieb Paulus an seinen Freund Timotheus?

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“  -2. Timotheusbrief 1,7-10


Paulus sitzt im Gefängnis. Vor dem Kaiser soll er sich verantworten. Er macht sich keine Hoffnungen. Er ahnt, dass man ihn zum Tode verurteilen wird.

Das klingt im zweiten Timotheusbrief an. „Testament des Paulus“ hat man den Brief darum auch genannt. Der Brief wurde wohl erst von einem Späteren aufgeschrieben. Aber der hatte Paulus gut gekannt und konnte sich noch genau daran erinnern: Paulus wollte sich von Timotheus, seinem wichtigsten Schüler, verabschieden. Er wollte ihm nochmals das Wertvollste ans Herz legen. Liebevoll spricht der Ältere zum Jüngeren: ‚Fürchte dich nicht!‘ „Denn Gott hat dir nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Was für eine Ermutigung! Damals wurde sie Timotheus zugesprochen. Heute gilt sie uns. Was will sie uns sagen?

Kraft, Liebe, Besonnenheit. - Louisa hatte das erlebt. Sie hatte sich zu einem Sterbeseminar im Kloster angemeldet. Von ihren Freundinnen erntete sie verwunderte Blicke, als sie dorthin aufbrach. Auch ihr war etwas mulmig zumute, sich drei Tage mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen. Aber dann merkte sie, wie befreiend es sein kann, die Realität des Todes nicht zu verdrängen.

Eine Frage auf dem Seminar lautete: „Was würde ich tun, wenn ich nur noch 24 Stunden zu leben hätte? Und was würde ich lassen?“ Louisa malte sich das in Gedanken aus. Sie merkte, wie sich ihr Blick auf die Dinge verschiebt. Was wurde plötzlich alles überflüssig und bedeutungslos! Manches fiel als Ballast ab, womit sie sonst die Tage füllte. Anderes wurde ihr wichtig: Gesichter von Menschen, die sie schon vergessen hatte, traten ihr in Erinnerung. Begegnungen bekamen neue Bedeutung für sie. Bestimmte Dinge wollte sie noch einmal ganz bewusst erleben.

Und auf einmal hatte sie einen Blick für scheinbar Nebensächliches: Sie entdeckte Blüten, die der Herbst noch bereithielt, freute sich am Lachen spielender Kinder und beobachtete einen Vogel, der sein Gefieder wohlig in der Herbstsonne spreizte. „Wieviel Schönes umgibt mich und ich hatte es nicht bemerkt“, dachte sie.
Wohl erst der Blick darauf, dass alles ein Ende hat, vermag die Augen zu öffnen für das Schöne und für das, was wirklich wichtig ist: Beziehungen etwa. Wie wertvoll sind Menschen, die einem zugetan sind; Freunde, auf die Verlass ist. Man bekommt ein Gespür dafür, wo Liebe und Treue tragen.

Es gab viel Beglückendes, das Louisa auf ihrem Seminar entdeckte.

Aber es blieb auch Angst. Doch die bekam genauere Konturen: Angst, vor dem, was kommen mag. Angst, ob die Kräfte reichen, ob sie durchtragen. Angst vor dem Sterben, Angst vor Schmerzen.  Angst vor dem Nichts, in das man fallen kann. Die Angst ließ sich nicht leugnen.

Aber zugleich bemerkte Louisa auch, dass sie sich dieser Angst stellen kann. Besonnen – nicht in Panik. Die Angst durfte sein, weil da noch etwas anderes war, was ihr Kraft gab und sie trug.

Wir müssen es nicht nur aus eigener Kraft schaffen, unsere Angst zu überwinden. Die Kraft, die wir dazu brauchen, wächst uns zu. Darauf dürfen wir vertrauen.

GOTT gibt uns die Kraft, die wir brauchen. ER gibt „uns nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

ER macht besonnen, schenkt Kraft und macht fähig zu lieben – trotz aller Angst.

Kann man Ostern auch im Herbst feiern, war die Frage gewesen. Die Schriftstellerin Hilde Domin gibt darauf eine sehr persönliche Antwort:
„Es knospt / unter den Blättern / das nennen sie Herbst.“
Wer sich jetzt im Herbst einmal genau die Blätter anschaut, der bemerkt: In den Blattachseln sind nicht nur die Sollbruchstellen für den Laubabwurf  vorgezeichnet, sondern auch schon die Knospen für das kommende Frühjahr angelegt.

Vielleicht sind ja auch in meinem, von der Vergänglichkeit gezeichneten, Leben verborgene Spuren des künftigen himmlischen Lebens gegenwärtig. Ich sehe meist nur die Sollbruchstellen im Leben und trauere den zu Boden taumelnden Blättern nach: Vergangene Tage, vergebene Chancen, unwiederbringliche Abschiede. Lange könnte man darüber sinnieren.
Vielleicht wäre es aber besser, einen neuen Blick auf das Leben einzuüben, einen österlichen – auch im Herbst: Was zunächst wie eine Enttäuschung aussah, mag sich noch als Chance entpuppen – vielleicht ist es ja der Ausgangspunkt für etwas ganz Neues.

Was unvollkommen oder bruchstückhaft war, kann sich vielleicht zu einem Ganzen entwickeln.

So kann schon hier etwas von jener anderen Welt aufblitzen, die meinen Augen verborgen und für mein Denken so unvorstellbar ist.

Ich darf hoffen: Was in diesem Leben geschieht, ist eben nicht belanglos oder vergeblich. Gerade das kann der Blick auf den Herbst lehren: Auch wenn das alte Leben verwelkt und abfällt wie Herbstlaub, sind bereits verborgen die Knospen von GOTTES neuer Welt da.

So kehrte auch Louisa aus dem Kloster verändert zurück. Da war so eine stille Freude, in ihr. Sie hatte für sich festgestellt: Das Wertvolle im Leben sind nicht Dinge wie Erfolg, Glück oder Reichtum. Wertvoll sind Beziehungen, in denen sie mit anderen das Leben teilte.

Sie spürte in sich eine Gelassenheit und Weite, die alle Furcht vertrieb. Egal, was kommen sollte, so sagte sie sich, von Christus kommen wir her, zu ihm kehren wir wieder zurück. Er trägt uns in jedem Moment.
So kann auch uns die Osterbotschaft verändern, uns einen neuen Blick schenken - auch jetzt im Herbst, mitten im Alltag, auf dem Asphalt der Straßen. Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

 

 

 

Worte zum Sonntag, dem 20. September von Pastorin Schinkel

Erinnern Sie sich noch an Elisabet, liebe Gemeinde?

Die Gärtnerin aus Leidenschaft?

Die Liegestuhl-Philosophin?

Die lebenserfahrene und weise Frau mit den schönsten Garten-Gleichnissen?

Kurz vor den Sommerferien habe ich hier von ihr erzählt.

Sie nennt den liebevoll gepflegten Garten hinter dem Haus gerne ihr “kleines Paradies”. Und ist sich sicher, dass die meisten Gärten ein Ausdruck der Ursehnsucht nach dem Garten Eden sind. Dem Garten, den Gott selbst gepflanzt hat. Der Versuch, sich ein Stückchen heile Welt zu schaffen. Einen Rückzugsort.

Wo es wohl zu finden ist, das echte Paradies?

Elisabet ist der Ansicht, dass es nicht im Himmel sein kann. Warum sollte Gott einen Wohnsitz gewählt haben, der so weit entfernt ist von allen anderen?

Und dass wir bis zu unserem Tod warten müssen, um es wieder zu betreten, hält sie auch für unwahrscheinlich.

Die Bibel sagt, es war einmal ein Garten zwischen vier Flüssen. Zwei davon kennen wir, Euphrat und Tigris. Die anderen zwei sind nicht sicher zu identifizieren. Also: Der genaue Ort ist unbekannt. Immerhin so viel ist klar: Das Paradies ist eine Flusslandschaft. Dort gibt es Wasser. Reichlich Wasser und grüne Wiesen, grüne Bäume. Und der Mensch mitten drin mit einem klaren Auftrag: Den Garten Gottes zu bebauen und zu bewahren. Es ist kein Schlaraffenland, in dem der Mensch faul herumliegt und sich die Nahrung in den Mund fallen läßt. Der Garten bringt Arbeit und Verantwortung mit sich. So hat alles angefangen.

Und dann wurde alles anders.

Das Paradies ging verloren und der Weg dorthin geriet in Vergessenheit.

Nur die Hölle, die können wir eindeutig hier auf Erden verorten.

Wenn man die Nachrichten liest und sieht aus aller Welt, dann ist die Hölle mitten unter uns. An Euphrat und Tigris blühen keine Bäume. Es blühen Hass und Gewalt. Flüchtlinge fliehen in vollgepferchten Booten, dem Kentern nahe, dem Ertrinken nahe.Fliehen, auch wenn sie ahnen, dass sie nicht willkommen sein werden, egal wo auf dieser Welt.

Wir Menschen sind es, die Menschen töten, Menschen vertreiben und Menschen abweisen. Wir Menschen sind es, die Ressourcen verbrauchen, die für nachfolgende Generationen bestimmt sind.

Die Hölle ist mitten unter uns. Wir bereiten sie uns selbst.

Wo ist das Paradies?

Vielleicht sollten wir uns einfach auf den Weg machen, auf den Weg zurück ins Paradies. Mit der Ahnung von einem Leben im Herzen, das anders sein kann. Indem wir aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Indem wir unseren Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, ernst nehmen.Indem wir aufhören, einander die Hölle auf Erden zu bereiten.

Schon jetzt und hier beginnt der Weg zurück, der Weg zum Paradies. Äußerlich und innerlich. Auf dem Weg zurück werden wir etwas spüren von der Liebe und Wärme, die Gott zu dieser Welt hatte, als er sie erschuf – und uns mitten darin. Das Paradies ist nicht verloren und der Weg dahin nicht vergessen.

Das Paradies auf Erden- wir können es finden, wir könnten es erschaffen, wir könnten es sein. So wie es der Prophet Jesaja beschreibt:

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen. Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

“Ich habe es doch gewusst!”, höre ich Elisabet sagen.

Amen.

Ihre Pastorin Gabriele Schinkel

 

Danke-ABC

 

Es gibt viele Dinge, für die man dankbar sein kann - nicht nur in der Corona-Zeit!

Sie haben gemeinsam mit uns ein "Danke-ABC" erstellt!

Wenn Sie auf das nebenstehende Bild klicken, erfahren Sie, wie vielfältig das ABC geworden ist.

Vielen Dank an all jene, die mir ihren Ideen dazu beigetragen haben.

 

 

 

Predigt für Sonntag, den 06.09.2020 von Pastorin Schinkel

Früher war alles besser, liebe Gemeinde.

Diesen Eindruck bekommt man jedenfalls, wenn man den Erzählungen des Evangelisten Lukas über die Urgemeinde in Jerusalem lauscht.

Eine tolle Zeit: Sie waren täglich beieinander, aßen zusammen. Beteten viel und gern. Waren einmütig, es gab keinen Streit. Sie hatten alles gemeinsam, sie verkauften ihren Besitz – alles, was sie so hatten – und teilten es miteinander, je nachdem wie es einer nötig hatte.

Doch dann gab es Ärger im Paradies. Weil die Gemeinde einfach zu schnell wuchs. Was eigentlich doch ein Segen war, brachte große Probleme mit sich. Einiges geriet aus dem Blickfeld. Bedürftige Menschen , Witwen, wurden bei der täglichen Versorgung übersehen. Und niemanden schien das zu interessieren, sie hatten keine Lobby. Ein handfester Skandal- und das in einer christlichen Gemeinde. Noch dazu, weil es zugezogene Frauen waren, mit einem anderen sprachlichen und kulturellen Hintergrund- Migrantinnen. Dabei hatte Paulus doch immer behauptet: “Hier ist weder Jude noch Grieche!” Von wegen. Es waren nur scheinbar alle gleich, einige waren gleicher.

Die Frauen finden Fürsprecher, die diese Misere vor das Leitungsgremium bringen, und das handelt sofort. Vor allem pragmatisch. Im Sinne christlicher Nächstenliebe wird eine Suppenküche eingerichtet.

Mich beeindruckt vor allem die Ehrlichkeit, mit der die Apostel vor die Gemeinde treten: “Wir schaffen all die Arbeit nicht mehr. Dieser Fehler hätte uns nicht unterlaufen dürfen. Wir brauchen mehr Schultern, die die Verantwortung mittragen.”

Was die Apostel hier erkennen, gilt für jedes Unternehmen, jede Kirchengemeinde, jede Familie. Man muss sich schon aufteilen, wenn jeder bedacht werden soll und sich keiner dafür zu Tode bzw. in den Burnout schuften will. Wenn sie ihre Aufgabe als Prediger und Seelsorger verantwortungsvoll wahrnehmen wollen, müssen die Apostel Aufgaben delegieren. Es wird eine zweite Leitungsebene eingeführt, sieben Männer mit tadellosem Ruf, großer Kompetenz und engagiertem Glauben- die Geburtsstunde der Diakonie.

Und damit allen klar ist, welche Rolle die Diakone zukünftig in der Gemeinde spielen werden, welche Bedeutung sie haben, werden sie feierlich in ihr Amt eingeführt. Die Apostel beten für sie und segnen sie.

Mich überzeugt dieses Krisenmanagement. Die Freunde Jesu “können Krise”, wie wir heute gerne sagen.

Zunächst einmal hören sie zu und stellen sich den unangenehmen Wahrheiten.

Sie bekennen sich zu ihren Fehlern und analysieren die Situation.

Und dann haben sie den Mut zu einer Entscheidung, die vielleicht nicht von allen akzeptiert wird. Deren Tragweite sie noch nicht vollständig ermessen können. Die jedoch sein muss und nicht auf die lange Bank geschoben werden kann. Zu diesem Zeitpunkt alternativlos ist.

Aber sie vertrauen zutiefst darauf, dass sie auch in einem möglichen Scheitern getragen bleiben von der vergebenden Liebe Gottes. Wie es Martin Luther seinem oftmals wenig entscheidungsfreudigen Freund Melanchthon geraten hat: “Sündige tapfer und glaube noch tapferer.”

Unsere Kirche heute befindet sich wieder in einer Krise. Allerdings nicht, weil sie sich vor neuen Mitgliedern kaum retten kann. Die Kirche schrumpft. Nur: Deshalb wird die Arbeit nicht weniger- sie ist in einer Gemeinde mit 2000 Gemeindegliedern oft genauso groß wie in einer mit 5000. Zudem verteilen sich die Aufgaben auf immer weniger Haupt- und Ehrenamtliche. Die dennoch versuchen, den weiterhin hohen Ansprüchen gerecht zu werden, die sowohl die Kirchenmitglieder aber auch die Nichtmitglieder an ihre Arbeit haben. In jeder Gemeinde soll möglichst alles vorgehalten werden. Und manchmal gerät dabei ins Hintertreffen, dass wir auch einen missionarischen Auftrag haben. Kirche nicht nur für die da ist, die ihr schon angehören, sondern auch für die, die noch am Rand stehen. Auf Dauer kann das nicht gut gehen.

Wir müssen uns also erneut Gedanken machen über die Zukunft der Kirche, Entscheidungen treffen darüber, welche Aufgaben wir fortführen können, und welche wir vielleicht aufgeben müssen. Und ich hoffe sehr, dass wir dann auch “Krise können” so wie die Apostel damals. Einander zuhören, auch wenn es unbequem ist. Niemanden übersehen und zurücklassen. Viel beten und dann mutige Entscheidungen treffen. Auf Gottes Geist und Vergebung bauen.

Und ich hoffe sehr, dass viele dabei sein werden, auf die man zählen und mit denen man rechnen kann. Ehrenamtliche, Freiwillige, helfende Hände. Die sich um andere kümmern, die mitdenken, planen, besorgen, verwalten, gestalten.

Und die damit rechnen können, dass die Gemeinschaft sie achtet und trägt – mit ihnen betet und für sie betet – und dass Gottes Liebe sie leitet und schützt.

Dann wird vielleicht nicht alles, aber vieles besser.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen und Euch

Pastorin Gabriele Schinkel

 

 

Gedanken zum Sonntag, den 30. August 2020 - Pastorin Birgit Dušková

Liebe Gemeinde,

„Du kannst Du zu mir sagen! Ich bin der Sebastian…!“ Das waren die ersten Worte, die Claudia an ihrem ersten Arbeitstag in der neuen Firma von ihrem neuen Vorgesetzen zu hören bekam.  „Wir sprechen hier alle auf Augenhöhe miteinander und sind quasi wie eine große Familie!“ und „Als Chef will ich, dass Dir die Arbeit hier auch richtig Spaß macht!“ sagte er zu ihr. Claudia war richtig beeindruckt. Sebastian wirkte als Chef so modern und charismatisch. Er sah gut aus, war voller Energie und sprudelte nur so vor Ideen.  Was sich hinter den Worten ihres neuen Vorgesetzten verbarg, stellte Claudia dann erst langsam mit der Zeit fest.  Da klingelte noch zu später Stunde ihr Telefon und Sebastians lockere Stimme war am anderen Ende der Leitung zu hören:  „Du, Claudia, ich bräuchte, da ganz schnell eben noch einmal eine Info von Dir….“ flötete er durch das Telefon. Claudia lernte schnell, dass es ratsam war, immer sofort ans Telefon zu gehen, wenn ihr Chef sie anrief, egal zu welcher Uhrzeit das geschah. Und sie lernte, dass es ratsam war, ihm mit ebenfalls lockerer fröhlicher Stimme zu antworten, also einfach so zu tun als wäre es eben das Normalste der Welt von seinem Chef mitten in der Nacht aus den Federn geklingelt zu werden. Ging sie einmal nicht ran oder gelang es ihr nicht, ihre Müdigkeit zu verbergen, konnte Sebastian richtig ausfallend, ja geradezu bedrohlich werden. Das wollte sie auf jeden Fall vermeiden! Was man in ihrer Abteilung unter Teamarbeit verstand, fand Claudia dann ebenfalls recht bald heraus. Alles war auf Sebastian konzentriert. Ihn zufrieden zustellen, ihm ein gutes Gefühl zu vermitteln, „sein Projekt“ voranzubringen, war alles, worum es sich bei der Arbeit drehte.  Er war der Stern, das Aushängeschild, der Mittelpunkt von allem. Und tatsächlich schien dies die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter irgendwie sogar zu erfüllen. „Für Sebastian, da mache ich alles! Er ist einfach sooo kreativ!“ verriet eine Kollegin Claudia während einer Pause in der Küche. Claudia merkte wie die Arbeit, genauer gesagt Sebastian, sie anfing langsam auszusaugen und sie immer mehr ihre Mitte verlor und das Ganze immer mehr auch ihre Gesundheit belastete.  Sie stellte fest, dass sich zwar  ihr die Augen geöffnet hatten, es aber quasi unmöglich war, diese ihre Wahrnehmung auch den anderen zu vermitteln. Alle Versuche mit den Kolleginnen und Kollegen darüber ins Gespräch zu kommen, scheiterten und stießen auf Widerstand. Immer mehr fühlte sie sich isoliert….

In dem Predigttext für den heutigen Sonntag, welcher steht im 1. Korintherbrief 3, 5-17 beschäftigt sich der Apostel Paulus mit Arbeit und Leitung damals in der Gemeinde in Korinth.

5 Was ist nun Apollos? Was ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: 6 Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.7 So ist nun weder der etwas, der pflanzt, noch der begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt.8 Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.

In der Gemeinde, das geht aus dem gesamten Kapitel hervor haben sich einzelne Gruppen gebildet. Jede Gruppe scharrt sich um einen Anführer. Einer heißt Kephas und ein anderer Apollos. Und noch eine Gruppe gibt es: die haben den Apostel Paulus selbst zu ihrem Wortführer ernannt. Die Gemeinde ist zerstritten und es droht Spaltung. Da greift Apostel Paulus aus der Ferne mit einem Brief ein. Man merkt, wie wütend er ist. Sogar mit dem Gericht Gottes droht er. Auch wenn die Worte und Bilder, die Apostel Paulus in seinem Brief verwendet, auf uns heute fremd und altertümlich wirken, im Kern beschreibt er meiner Ansicht nach etwas, was auch heute noch in unserer Lebens- und Arbeitswelt bedenkenswert ist.

Natürlich richtet sich Apostel Paulus mit seinen Worten an eine Gemeinde, ganz konkret an die Gemeinde damals in Korinth. Er ahnte ja nicht, dass seine Briefe einmal aufbewahrt und noch im Jahr 2020 gelesen werden würden.  Was er schreibt bezieht sich also zunächst auf den Raum Kirche, Gemeinde, Diakonie. Ich finde bei ihm aber Gedanken, die meines Erachtens auch für andere Bereiche, etwas austragen können, in denen Menschen miteinander tätig sind.  In Gemeinde und Kirche beziehen für unser Tun explizit auf die Wirklichkeit Gottes. Wir sind nur Gemeinde und Kirche, wenn wir in unserem Handeln und Tun auf diese andere uns übersteigende Wirklichkeit Gottes beziehen, für diese durchlässig bleiben und mit dieser rechnen.

Aber auch in nicht-kirchlichen Zusammenhängen, so meine Überzeugung, brauchen Menschen das Gefühl, dass ihre Tätigkeit einem übergeordneten Sinn dient, einer Sache, die größer ist als sie selbst. Ich glaube, dass die Sicherung unserer bloßen Existenz mit Essen, Kleidung, Wohnung uns als Menschen allein nicht erfüllt. So wichtig und absolut notwendig dies auch ist, gehört zum Menschen eben noch mehr.  Wir erfüllen unser Menschsein dann, wenn wir uns in unserem Tun mit etwas verbunden fühlen, das uns selbst und unsere Existenz übersteigt. Auch wenn wir ganz profane und ja richtiggehend einfache Dinge tun, erfüllt es uns, wenn wir glauben, dass diese uns mit einer anderen Dimension verbinden, sie einer guten Sache dienen, die einen Sinn hat.

Apostel Paulus zeigt der Gemeinde auf, dass sie ihre Bezogenheit auf eine andere Wirklichkeit – für Christinnen und Christen die Wirklichkeit Gottes – verloren haben. Die Anführer selbst haben sich zwischen die Menschen und die Wirklichkeit Gottes geschoben.  Vielleicht paradoxerweise gerade durch ihre Fähigkeit besonders schön über Gott zu sprechen. Sie haben sich also quasi selbst zu Göttern gemacht, auf die alles bezogen ist und andere haben das zugelassen. Da gleich mehrere Männer in der Gemeinde diesen Anspruch erheben, kommt es zum Streit. Da die Bezogenheit auf die alle übersteigende Wirklichkeit Gottes der Gemeinde verloren gegangen ist, wird mit dieser auch im täglichen Tun und Miteinander nicht mehr gerechnet. Die Menschen sind auf sich selbst geworfen und blicken allein auf ihre Anführer. Was in dieser Situation noch geschaffen wird, entlarvt der Apostel als Blendwerk. Luftschlösser, ohne Substanz und Fundament. Paulus macht die Situation in Korinth so wütend, dass er in die Vollen geht und ihnen sogar das Bild des göttlichen Gerichts vor die Augen malt. Die für diese Situation Verantwortlichen, da ist sich Apostel sicher, werden als Menschen am Ende in diesem  gerettet werden. Aber alles, was sie in ihrer Selbstbezogenheit geschaffen haben wird im Feuer vergehen. Die Substanzlosigkeit, Leere, Sinnlosigkeit ihres Tun wird sichtbar werden. Am Ende erinnert Paulus alle daran, dass sie selbst auch mit ihren Körpern Tempel sind für den Geist Gottes. Modern gesprochen: wenn eine Situation beginnt Menschen körperlich krank zu machen, dann kann es nichts Gutes sein. Egal wie rosarot etwas  auch gezeichnet wird, der Körper sagt immer die Wahrheit.

Zurück in die Gegenwart. Zurück zu Claudia. Claudia hatte irgendwann genug von Sebastian und dem angeblichen Team. Es gelang ihr der Absprung, sie kündigte und fand eine neue Arbeit. Durch Zufall begegnete ihr in einem anderen Zusammenhang ein anderer ehemaliger Mitarbeiter ihrer Firma, der aus ähnlichen Gründen gekündigt hatte. Da fühlte sie sich auf einmal nicht mehr so allein mit ihrer Wahrnehmung. Dieser berichtet ihr, dass er durch die Arbeit ernsthaft krank geworden war und dass er lange gebraucht hatte bis er wieder in einer neuen Arbeit Fuß fassen konnte. Und sie erfuhr, dass es auch noch weitere Mitarbeiter gab, denen es ganz ähnlich ergangen war wie ihr. Und noch viel später erfuhr sie durch einen Zufall, dass auch Sebastian seinen Hut hatte nehmen müssen, dem Aufsichtsrat war der Mitarbeiterverschleiß am Ende zu kostenintensiv geworden. Seine Projekte waren wie Seifenblasen am Ende zu oft geplatzt. Nicht immer braucht es gar ein göttliches Gericht.

Wo immer wir auch arbeiten, ob nun in der Kirche, Gemeinde, Diakonie oder in der allgemeinen Arbeitswelt können wir die Worte des Apostel Paulus erinnern: Passt auf, dass ihr einander nicht zu Göttern macht. Passt auf,  dass ihr selbst wirklich vorkommt mit Euren Gaben und Fähigkeiten. Achtet auf Eure Grenzen und lasst andere nicht über Eure Gesundheit bestimmen. Passt auf, dass ein größerer Horizont, ein Sinn, der uns mit Gott verbindet immer offen bleibt, auch dann, wenn unsere Tätigkeiten ganz klein erscheinen mögen. Und wenn das nicht der Fall ist, scheut Euch nicht etwas auszusprechen, Konflikte zu führen und etwas zu ändern. Und schließlich:  vertraut darauf, dass Gott selbst in allem mit baut und verspricht auch, das zu vollenden, was in unserem Tun ganz menschlich nur Stückwerk blieb.

Amen

Ihre Pastorin Birgit Dušková

Foto by pixabay.dom

 

 

Kleine und große Künstler

Vor einiger Zeit riefen wir dazu auf, ein Bild von unserer Kirche zu malen.

Hier sehen Sie nun ein paar der gelungenen Kunstwerke!

Michel,
4 Jahre
Merle. Thore und Bjarne,
zwischen 4 und 11 Jahre alt
Elisabeth,
12 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elisabeth
und Johanna
Melissa
Nelli,
10 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Laura

Worte zum Sonntag - Pastor Thomas-Christian Schröder

Gedanken zum 11. Sonntag nach Trinitatis 2020, über Lk 18, 9–14                                                                                     

18,9 „Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.


Jesus erzählt sein Gleichnis all denen, die von sich überzeugt sind, so ziemlich alles richtig zu machen. Und zugleich andere verachten.

Überzeugt zu sein, dass man das Richtige tut, ist ja durchaus in Ordnung.

Aber deswegen müssen jene, die es anders machen, noch lange nicht falsch  liegen!  Vielleicht gibt es ja mehrere richtige Lösungen.

Ich darf stolz sein auf mein Land; aber deswegen brauche ich nicht gleich Rassist zu werden; keine frauenfeindlichen Sprüche abzulassen oder blöde Witze über Schwule zu machen.

So was mache ich ja auch nicht.

Oder doch?  Vielleicht gerade, wenn ich meine,  besser zu sein als dieser Pharisäer???

Unser Gleichnis beginnt mit den Worten: „Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten."
Zwei Menschen suchen das Gespräch mit Gott.

"…. der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner."

Zwei extrem unterschiedliche Menschen. Zöllner gelten zur Zeit Jesu als Halsabschneider. Sie stehen im Ruf, korrupt zu sein und andere schamlos auszubeuten: Händler, Hausfrauen, Familien, Kleinbauern. Sie pressen aus ihnen raus, was geht.

Alle, denen Jesus das Gleichnis erzählt, kennen aus eigener Erfahrung üble Geschichten über Zöllner.

Und alle, denen Jesus das Gleichnis erzählt, kennen auch Pharisäer. Manche der Zuhörer sind selbst welche. In den harten Jahren römischer Besatzung tragen die Pharisäer den Glauben unters Volk. Sie vermitteln: Jede und jeder kann beitragen zur Heiligung des Volkes. Mit dem Essen. Mit dem Schabbat. Mit der Kenntnis der Schrift. Jeder. Nicht nur die Priester.

Die Pharisäer sind überzeugt von dem, was sie tun. Und manche verachten tatsächlich andere, die ein Leben mit Gott nicht ernst nehmen.

"Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst. So:
Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme."


Nicht nur in Corona-Zeiten kann man wirklich danken, wenn es einem gut geht. Dass man zu den Privilegierten gehört, die wahrscheinlich nicht abrutschen werden. Dass man Familie, Kinder und Freunde hat. Es ist ein Glück, noch etwas geben zu können und nicht selbst angewiesen zu sein auf andere.

Ich bin froh, gehalten zu sein. Ich bin froh, dass ich anderen Halt geben kann.

Muss ich mich aber deshalb über andere erheben? Muss ich mich wichtiger fühlen? Und vor allem richtiger? Was weiß ich denn von den anderen?

Was weiß der Pharisäer vom Zöllner? Was bekommt er von ihm mit? Er kennt ihn überhaupt nicht. Er weiß nicht nichts über sein Leben.

Warum verdammt er dann den ganzen Menschen? Als wenn jemand allein daraus bestünde, zu rauben, zu stehlen oder zu lügen. Als wenn jemand allein durch das Unrecht definiert würde, das er begeht.

Taten sind falsch und unrecht, aber nicht die Menschen.

"Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel. Sondern schlug an seine Brust. Und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig."

Auch er geht in den Tempel. Es muss ihn Kraft gekostet haben. Mit allem, was er auf dem Kerbholz hat, kann er Gott nicht in die Augen schauen.

Er selbst weiß das am besten – und er schämt sich dafür.  Er empfindet noch Scham! Man höre und staune! Er fühlt seine Schuld!
Wer weiß, was er gemacht hat! Ging es nur um Geld? Oder um noch ganz andere Dinge? Es muss etwas sein, was ihn sehr belastet.

Darum ist es gut, dass er sich zu Gott wagt. Gut, dass er so viel Gottvertrauen aufbringt. Er zieht sich nicht aus der Affäre. Er beschönigt nicht. Er redet nicht drum herum. Er weiß, dass GOTT weiß, was er getan hat. Dass GOTT weiß, was ihm auf der Seele lastet. So wie es im Psalm heißt (139,2): „Ob ich sitze oder stehe, DU weißt es. Du verstehst meine Gedanken von ferne.“ Und dann am Ende (139,23f): „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“

Er schlägt sich an die Brust. „Gott, sei mir Sünder gnädig.“

Vielleicht denkt der Zöllner an das fast wortgleiche Gebet in Psalm 51, das König David zugeschrieben wird.

Davids Schuld war abgrundtief: Es ging um Auftragsmord in Tateinheit mit  Ehebruch. David hatte seine Stellung und die Gutgläubigkeit eines Untergebenen schändlich missbraucht. Ob der Zöllner ähnliches gemacht hat?

Oder ob er sich einfach Davids Gebetsworte aneignet?

Die Wendung zum Guten beginnt, als der Psalm-Beter seine Schuld bekennt : Aber das kann er nur, weil er darauf vertrauen darf, dass Gott ihm gnädig ist.

Gott selbst nimmt die Schuld weg. ER tilgt die Missetat. Schafft ein reines Herz. Gibt einen NEUEN, beständigen Geist.

Das ist wie eine Geburt: noch einmal neu anfangen dürfen. Noch einmal eine Chance bekommen.

So kann der Beter vielleicht sogar wieder fröhlich werden.

Er wird zum Zeugen der Freundlichkeit Gottes. So war es bei David.

Warum sollte es beim bußfertigen Zöllner anders sein?

"Jesus sagt: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus, nicht jener."

Die Geschichte kommt mir vor, als wolle sie mir sagen: „Gib Gottes Gnade eine Chance. Sie ist da. Sie wirbt um dich.

Du brauchst nicht auf deine guten Seiten zu verweisen. Das könntest du im Übrigen auch gar nicht. Denn da ist nichts, was vor GOTTES prüfendem Blick  bestehen könnte.

GOTT sagt trotzdem „Ja“ zu dir! Du darfst leben! Du darfst dich freuen!

Nimm doch diese Freundlichkeit Gottes an - indem Du genauso freundlich zu Deinen Mitmenschen bist!

"Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."

GOTT erhöht den reuigen Schuldner und erniedrigt den Selbstgerechten.

Könnte es sein, dass sie sich am Ende auf Augenhöhe begegnen? Pharisäer und Zöllner. Mächtige und Machtlose. Hochstehende und Unterprivilegierte.

Weil Gott dem Gerechten den Gerechtfertigten zur Seite stellt, stehen sie zusammen in Gemeinschaft vor Gott.

In der kommenden Welt – aber auch schon hier und jetzt.
Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

 

 

Worte zum Sonntag, den 16. August 2020

Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht ... Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen." (Röm 11).

Wer von uns ist erlöst? Wer lebt sein Leben richtig? Wer glaubt das Richtige, das Wahre und Gute und handelt danach? Wen schaut Gott an und sagt zu ihm oder ihr: bei dir ist alles gut?

Vor 2000 Jahren musste Paulus auf diese Frage eine Antwort geben. Wenn nun die Christen den richtigen, den wahren Glauben haben, was wird aus den Juden? Und man kann sich vorstellen, wenn Paulus darüber schreiben musste, dann wird es einige gegeben haben, die für die war klar: Die Juden liegen falsch, sie sind – bildlich, biblisch gesprochen – der Verdammnis anheimgegeben.

Vor 2000 Jahren war das und in all den 2000 Jahren seitdem hat sich an dieser Frage nicht viel geändert. Die Juden konnten verdammt werden, weil man sich allein in Besitz der Wahrheit glaubte. Die Geschichte unserer Stadt erzählt davon, wie vor 400 Jahren Juden hier Schutz fanden, weil nicht nur die Frage immer wieder laut wurde, sondern auch die Antwort: „Nein, die Juden nicht. Die gehören nicht dazu.“

Und alles Versichern des Paulus half in diesen 2000 Jahren wenig. Dass er immer wieder deutlich machte, dass die Verheißung an das Volk Israels durch nichts zunichte gemacht werden kann. Israel steht unter der Verheißung Gottes, genauso wie wir als Christen. Bei allen Unterschieden. Aber: das wollten nur wenige hören.

Ich finde, es ist ein Text, der gerade in den letzten Jahren wieder extrem aktuell geworden ist. Die Frage, ob wir denen, die anders, vielleicht ganz anders sind als wir selbst, zugestehen, dass sie auch recht haben könnten, mit Paulus: erwählt sein könnten. Immer mehr Menschen hier in Deutschland haben das Gefühl, dass sich die Unterschiede in unserem Land verhärten. Man könnte sagen: Jeder lebt in seiner eigenen Erwählung: „Ich bin erwählt, mein Glaube meine Meinung, mein Handeln, mein Leben – so ist es richtig! Die anderen sollen mal die Klappe halten oder verduften“. Und überhaupt: Demokratie gibt es ja nur, wenn gemacht wird, was ich sage.

Wer nicht dazugehören soll – das wechselt immer schneller. Und es werden immer mehr, die man vor dem Angesicht Gottes wegzerren möchte. Juden sind noch immer eine Zielscheibe, so traurig das auch ist. Vor vier oder 5 Jahren dann Muslime und natürlich die Volksverräter. Und oftmals wurde fast ebenso laut auf der anderen Seite die Grenze der Reichs der Erwählung, des Reichs der ewigen Wahrheit und des wahren Glaubens gezogen: Wer nicht für ein sehr offenes Land ist, der ist Nazi.

Und jetzt, während der Corona-Epidemie erleben wir Ähnliches: Die, für die Corona nur eine Grippe ist, markieren ihr Reich der Erwählung genauso, wie die, die für die die Krankheit fürchterlich ist.

Um das klar zu sagen: Ich halte diese Krankheit für brandgefährlich. Aber es führt nicht weiter, wenn sich die Fronten verhärten und jeder in seinem eigenen Reich der Erwählung bleibt. Wenn die, die irgendwo dazwischen stehen, sich radikalisieren, weil kein Dialog mehr stattfindet – zumindest kein Dialog, in welchem dem anderen die Würde genommen wird. Das führt nur zur Verhärtung und die einzigen, die das freut, das sind die, die mit ihren Reichskriegsflaggen auf die Corona-ist-vorbei-Demos kommen. Die, die sich für niemanden interessieren, denen es egal ist, dass Menschen an dieser Krankheit sterben oder an den Beschränkungen leiden. Die, die an gar nichts mehr glauben.

Paulus sagt: Unsere Feinde sind von Gott erwählt und deshalb sollen wir sie als unsere Geliebten annehmen.

Keiner diese Unterschiede, die uns Menschen so wichtig sind, führt dazu, dass jemand von Gott verstoßen wird – nicht einmal die Fehler, nicht einmal die größten Fehler. Und so sollten wir es auch tun.

Amen.

Ihr Pastor Stefan Egenberger

 

Worte zum Sonntag von Pastorin Birgit Dušková für den 09. August 2020

Liebe Gemeinde,

wenn ich hier in Glückstadt abends friedlich mit meinem Hund über den Deich schlendere, die Sonne untergeht und eine kühle Brise vom Meer herüberweht, dann überkommt mich ein Gefühl tiefer Zufriedenheit und Dankbarkeit. Das sind Momente in denen ich mir bewusst mache, dass ich in einem Land lebe in dem seit 75 Jahren Frieden herrscht, in dem keine Bomben mehr fallen, in dem die Grundversorgung mit Essen und Kleidung gesichert ist, in dem Menschen sich Bildung aneignen können, Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben und das Schlagen von Kindern verboten ist. Und ich denke bei mir: so gut wie jetzt, war es wohl noch nie!

Und dann komme ich vom Spaziergang auf dem Deich nach Hause und höre die Nachrichten und ein ganz anderes Gefühl überkommt mich. Und ich finde mich auf einmal wieder in einer Welt, die am Abgrund torkelt: Klimawandel, Müll in den Meeren,  Artensterben, Flucht und Vertreibung, Überbevölkerung, atomare Bedrohung, soziale Spaltung der Gesellschaft,  Armutsmigration, Rassismus, Fundamentalismus, Vormarsch der völkischen Nationalisten und jetzt auch noch Corona oben drauf! Und immer wieder Menschen, die genau diese Dinge thematisieren und anmahnen, die sagen: „Wir müssen handeln und zwar Jetzt! Jetzt! Jetzt! Wir müssen darauf achten und darauf… dies ändern und das ändern….“

Ich wende mich von den Nachrichten ab und telefoniere mit einer Freundin, diese rechnet mir am Telefon ihre CO2 Bilanz vor:  trotz Auto und drei Kindern, sie essen immer Bio-Fair und kaufen viel Gebrauchtes, kann man ihr - wie sie sagt - „nichts vorwerfen!“ Und dann fragt sie mich: „Auf was kommst Du denn? Wie sieht deine CO2-Bilanz aus? Naja, ich rauche und habe einen Hund… ich esse noch Fleisch, ich kaufe im Discounter, aber ich habe kein Auto…. Aber nein, genau ausgerechnet habe ich die Bilanz noch nicht… und ein flaues Gefühl macht sich bei mir im Magen breit. Das schlechte Gewissen meldet sich.

Vielleicht wäre es gut, noch einmal auf den Deich zu gehen, denke ich bei mir. Der Hund muss raus! Doch der Hund schläft bereits in seinem Körbchen und ich muss die Predigt vorbereiten und ich schlage die Bibel auf Jeremia 1, 4-10, den Predigttext

Und ich lese:

„Und des Herrn Wort geschah zu mir:  Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.  Ich aber sprach: Ach, Herr ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“

Es ist die Berufungsgeschichte des Propheten Jeremia. Ganz jung war er noch als Gott ihn zum Propheten auserwählte und ihm den Auftrag erteilte, den Menschen den Spiegel vorzuhalten und ihnen zu sagen, was in den Augen Gottes falsch läuft und anders werden muss. Jeremia wird im Namen Gottes soziale Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Hochmut und Egoismus anprangern. Er erkennt schon damals, dass die verschiedenen Probleme miteinander zusammenhängen und global betrachtet werden müssen. Er ist daher nicht nur Mahner des kleinen Landes Israel, sondern sendet seine Botschaft in die ganze Welt. Die verschiedenen Missstände, die er kritisiert, haben seiner Ansicht nach alle ein und denselben Ursprung: die Menschen sind zutiefst entfremdet von Gott. Jeremia sieht die ihm bekannte Welt in der Zukunft untergehen und in Trümmern versinken. Jerusalem wird vernichtet werden! Der Tempel wird vernichtet werden! prophezeit er. Die Katastrophe vor Augen versucht er die Menschen wachzurütteln und zu einer Umkehr zu bewegen. Und weil die Menschen diese Botschaft nicht hören wollen, wird er oft beschimpft und davongejagt. Ein anstrengendes Leben, das er wohl überhaupt nur aushält, weil er sich von Gott - wie im heutigen Predigttext beschrieben - von Gott  beauftragt und getragen fühlt. Am Ende trat ein, was er vorausgesagt hatte: 586 vor Christus wurde Jerusalem durch die Truppen des babylonischen Königs Nebukadnezars II eingenommen, der Tempel zerstört und Teile der Bevölkerung deportiert.

Wie würde ich heute auf den Propheten Jeremia reagieren? Wahrscheinlich ähnlich wie ich heute auf andere Mahnerinnen und Mahner reagiere. Da sind zwei Gefühle in mir, die nicht so richtig zusammenpassen. Zwei Stimmen, in mir die nicht so recht zueinanderfinden wollen und einander nicht zuhören wollen. Die eine sagt deutlich und klar: Sie haben ja Recht! Ich teile viele Ansichten, derjenigen, die in unserer Gesellschaft etwas anmahnen. Ja, wir müssen etwas ändern, in ökologischer und in sozialer Hinsicht. So wie es jetzt ist, geht es global betrachtet nicht mehr weiter. Das sagt die eine Stimme in mir. Und die andere Stimme in mir die sagt:  Bitte lasst mich in Ruhe! Bitte liebe Mahnerinnen und Mahner, hört auf mir ein schlechtes Gewissen zu machen, hört auf mir zu sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich will zufrieden sein, auch mit mir selbst, ganz einfach leben, im hier und jetzt!

Und da frage ich mich wie ich das zusammenbringen kann… Und da meldet sich gleich eine dritte Stimme. Es ist die Stimme einer anderen Freundin, die mir immer wieder erzählt, dass sie jetzt meditiert. Sie sagt: seitdem ich meditiere, da schaffe ich viel mehr. Durch Meditation wäre es ihr gelungen auf eine vegane Ernährung umzusteigen, die ja viel ökologischer wäre… Man kann sich viel besser fokussieren! sagt sie. „Wolltest Du nicht auch auf Fleisch verzichten?“ fragt sie mich dann … „Ja, schon“ sage ich. „Dann kannst Du als Christin doch zum Beispiel einfach mehr beten, es muss ja nicht meditieren sein.... „ sagt sie, „bete doch einfach mehr!“  Und ich wie ich vollends anfange dicht zu machen.

Und ich ahne wie ich auf den Propheten Jeremia heute reagieren würde. Und ich stelle mir vor, er würde sich vor mir aufbauen und mich mit selbstgewisser mahnender Stimme von oben herab darüber belehren, was Gott von mir fordert und was ich alles in meinem Leben ändern soll. Und da möchte ich zu Jeremia gleich am Anfang seines Weges sagen:  Komm herab von deinem „ich bin gesetzt über die Völker und Königreiche und besitze die eine göttliche Wahrheit-Podest“!  Das geht nämlich schief! Steig herab, damit wir reden können von Mensch zu Mensch, diesmal ist es nämlich ernst und es droht mehr unterzugehen als die Stadt Jerusalem 500 Jahre vor Christus, die konnte nämlich wieder aufgebaut werden!

Wenn Menschen, die mahnen und Probleme aufzeigen dabei mit wissender Stimme von oben herab sprechen, führt dies quasi automatisch dazu, dass andere auf Durchzug schalten. Menschen, die womöglich - unter anderen Umständen - sehr wohl an einer gemeinsamen Suche nach einer Lösung des Problems interessiert gewesen wären. Werden Probleme moralisch als Forderungen von oben vorgetragen ist das Zeitfenster, in dem Menschen noch bereit sind, dies aufzunehmen, ganz klein. Das Haltbarkeitsdatum ist ganz schnell abgelaufen und dann kippt die Stimmung. Umkehrt kann es sein, dass Menschen auf gleichberechtigte und sachliche Weise auf ein Problem hinweisen und doch die Hörer aufgrund ihrer Vorerfahrungen, die können auch weit zurückliegen, Botschaften gleich auf der persönlichen Ebene empfangen. Da sagt eine „In den Flüchtlingslagern auf Lesbos befinden sich viele minderjährige Kinder“ und ein anderer antwortet gleich: „Nimm doch selbst eines auf!“ Oder einer sagt: „Viele Insektenarten sterben aus.“ Und der andere daraufhin: „Ich habe keinen Kiesgarten!“. Wir sind ganz schnell in einer Dynamik, in der wir alle möglichen Fragen unseres Miteinanders verhandeln, z.B. ‚wer bin ich und wer bist Du?‘, ‚wer hat hier wem etwas zu sagen?‘ und vor allem: ‚wer hat Schuld?‘ Das ursprüngliche Thema gerät dabei oft ganz aus dem Blick.

Ich finde, man kann nun auf der einen Seite sagen, so ist es eben. Menschen kommunizieren eben so. Ich auch! Oftmals merke ich das noch nicht einmal. Was mich persönlich nachdenklich macht ist, dass dies sehr viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt. Und ich glaube, dass unsere Kräfte nicht unendlich sind. Zeit und Energie, die wir bräuchten, um die Probleme zu lösen oder eben einfach neue Kräfte zu schöpfen. Es führt zudem dazu, dass die Stimmung immer gereizter wird und die Aufnahmebereitschaft damit zwangsläufig sinkt. Und wenn wir uns erst einmal in eine Sackgasse hineinkommuniziert haben, dann kommt es leider auch zu echten Kommunikationsabbrüchen. Die, die Probleme anmahnen und ihre Dringlichkeit betonen werden in solchen Situationen dann oft einfach immer lauter, sie wollen ja durchkommen, verständlich…. und die anderen beginnen sich zurückzuziehen, sagen: „Ich kann es einfach nicht mehr hören!“ und wollen einfach nur noch „auf den Deich“ – zumindest innerlich. Auch verständlich!  Und ja, mittlerweile gibt es auch noch eine dritte Gruppe von Menschen, die Demonstration in Berlin hat dies gezeigt, die demonstrieren laut dafür, dass es die ganzen Probleme einfach gar nicht gibt. Es gibt kein Corona, keinen Klimawandel, und das sind auch gar keine echten Flüchtlinge….usw. Gibt es nicht oder gibt es, aber ist gar nicht so schlimm. Wir wollen wieder Normalität! Diese Sehnsucht nach Einfachheit und Normalität, ich vermute, die können viele Menschen in dieser Zeit sehr gut verstehen.

Doch mischen sich unter die Demonstranten eben auch extremistische Demagogen, die aufstacheln zum Hass gegen Andersdenkende. Und die sind bereit, Menschen mit einer anderen Meinung auch etwas anzutun, diese einfach aus dem Weg zu räumen, um sich und ihre Wahrheit durchzusetzen. Da wird es dann wirklich gefährlich!

Vor diesem Hintergrund gerade: Ja es gibt vieles, was wir in dieser Zeit miteinander auszuhandeln haben und viele Probleme, die nach Lösungen verlangen. Und die Räume um vernünftig miteinander zu sprechen, sind unter diesen Bedingungen schwierig zu gestalten. Versuchen wir dennoch miteinander im Gespräch zu bleiben als einander Ebenbürtige, keiner besitzt im Menschlichen die Wahrheit allein. Die Wahrheit leuchtet auf in der Vielzahl der Perspektiven.

Und als Christen können wir bitten: Gott, stelle unsere Füße auf weiten Raum und geleite uns mit dem Geist deines Friedens durch diese Zeit! Amen!

Ihre Pastorin Birgit Dušková

Gedanken zum Sonntag, den 02. August 2020 von Pastorin Schinkel

Bleiben Sie gesund!

Das ist wohl der Satz, der in den letzten Wochen und Monaten am häufigsten gesagt oder geschrieben wurde- an der Kasse im Supermarkt, am Ende eines Telefonats, einer Email, einer WhatsApp- Nachricht. Ein wohltuender Satz- fand ich immer. Der mir zeigte: Da ist jemand besorgt um mich. Bis mir eine Freundin offenbarte, wie sehr sie dieser Satz ärgern würde: “ Ich bin nicht gesund, sondern chronisch krank. Also kann ich nicht gesund bleiben. Ich fühle mich ausgegrenzt, nicht gesehen, nicht gemeint. Entweder sagst du es präziser und wünschst mir, von Corona verschont zu bleiben. Oder du suchst dir einen anderen Satz aus.” Seitdem schreibe oder sage ich lieber: Bleiben Sie behütet! Das klingt wie ein Segen und meint: Wie auch immer du dich gerade fühlst, was auch immer mit dir geschieht- Gott bleibt an deiner Seite.

Krankheit grenzt aus. Heute und auch damals, zu Jesu Zeiten. Dass er blind geboren wurde, grenzt den Mann aus, von dem uns im Johannes- Evangelium an diesem Sonntag erzählt wird. Er muss betteln, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im Vorübergehen werfen die Menschen hastig etwas in seine Schale. Kaum einer bleibt stehen, um mit ihm zu reden. Er spürt nicht selten auch Verachtung, es wird getuschelt über ihn. Manchmal hört er die Frage ganz deutlich: “Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?”

Wir könnten diese Frage als rückständig abtun. Nur damit zu erklären, dass die Menschen zu wenig wussten über Krankheiten und ihre Ursachen.  Sie als göttliche Strafe zu verstehen, half ihnen, das Unbegreifliche begreifen und damit leben zu können.

Aber es gibt eine moderne Variante dieser Frage. Denn wir wissen heute, dass über unsere Gesundheit auch unser Lebensstil entscheidet. Wie ernährst du dich? Treibst du Sport oder sitzt du nur faul rum? Hast du Übergewicht?

Klar, daß es sich nicht gehört, in der Schwangerschaft zu rauchen oder zu trinken.

Wenn Menschen eine schwere Krankheit bekommen, meldet sich oft das schlechte Gewissen. Hätte ich eher zur Vorsorgeuntersuchung gehen sollen? Warum nur habe ich mich nicht anders verhalten, ernährt, bewegt? Jetzt bekomme ich die Quittung! Ich bin schuld. Vor diesen Selbstzweifeln gibt es kein Erbarmen und keine Erlösung. Du bist selbst verantwortlich, ob du krank wirst oder nicht.

Indem wir die Verantwortung für die Gesundheit so individualisieren, werden leider auch die gesellschaftlichen Zusammenhänge von Krankheit ausgeblendet. Armut etwa oder Umweltbedingungen. Es gerät aus dem Blick, dass für viele Menschen der Zugang zum Gesundheitssystem, zu Behandlung und zu Vorsorge erschwert ist, weil sie zu einer benachteiligten Gruppe gehören, weil ihre Wohnverhältnisse unzureichend sind oder es ihnen an Bildung mangelt. So liegen Krankheit und Ausgrenzung auch heute noch eng beieinander.

Für Jesus ist die Frage nach der Ursache  für die Erblindung des Mannes nicht relevant. Und dem Gedanken, dass sie eine göttliche Strafe sein könnte, erteilt er eine klare Absage. Jesus reagiert so, wie Ärzt*innen es täglich in der Sprechstunde tun: er nimmt die Menschen so, wie sie sind, egal wie die Vergangenheit aussieht. Und er behandelt sie einfach.

Jesus schenkt dem blinden Bettler mit seiner neuen Sehkraft auch einen Blick für seine Würde. Die nicht abhängig ist von Gesundheit oder Krankheit. Geschenkt von Gott, unverlierbar.

Ja, wir haben unser Leben nur bedingt in der Hand. Doch Gott verläßt uns nicht. Gott begleitet uns, in gesunden wie in kranken Tagen.

Bleibt behütet!

Eure Pastorin Gabriele Schinkel

 

Worte zum Sonntag, den 19. Juli 2020

 

Liebe Gemeinde,

Mit einem einfachen „Auf Wiedersehen!“  verabschiedete ich mich in meiner ersten Gemeinde als noch junge Pastorin von einer Dame nach einer Beerdigung auf dem Friedhof.  „Ich hoffe nicht!“ erwiderte sie mir.  Da ich die Dame verdutzt ansah, erklärte sie es mir mit einem Lächeln; „Naja, ich sehe sie immer, wenn es um den Tod geht“…  Sichtlich irritiert fing ich an ihr zu erklären, dass ich als Pastorin ja nicht nur für Beerdigungen zuständig wäre, sondern  äh…zum Beispiel auch für Taufen und Trauungen… und merkte gleich das diese Antwort auch mich nicht zufrieden stellte. Die Dame war freundlich, doch blieb sie bei ihrer Haltung: so schnell wolle sie mich auf keinen Fall wiedersehen! 

Wir trennten uns und auf meinem Weg über den Friedhof zurück zur Sakristei fühlte ich mich in meinem schwarzen langen Gewand tatsächlich für einen Moment wie der Sensenmann höchstpersönlich… „mir fehlt nur noch die Sense in der Hand“ dachte ich bei mir. So ungefähr muss ich der Dame auf dem Friedhof  vorgekommen sein. Da kommt sie die Dame in Schwarz mit dem Tod im Gepäck.

Tatsächlich denke ich, dass der Umgang mit dem Tod, mit der eigenen Sterblichkeit wohl eine der größten Herausforderungen unseres menschlichen Daseins ist. Es gibt verschiedene Wege damit umzugehen. Eine Möglichkeit ist diesen einfach zu verdrängen und in den Keller zu verbannen. Diese Möglichkeit wählte wohl die Dame, der ich auf dem Friedhof begegnet war. Das Problem ist: der Tod bleibt nicht im Keller, sondern kommt auch gerne mal ins Haus und auch die Pastorin verlässt gerne den Friedhof und man begegnet ihr auf einmal im Supermarkt in der Schlange. Gerade die Verdrängung kann dem Tod ziemlich viel Auftrieb und Macht geben. Der christliche Weg ist zudem ein anderer. So schreibt Apostel Paulus im heutigen Predigttext an die Gemeinde in Rom folgende Zeilen:

„Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln“

Diese sehr  steilen Worte des Apostels haben es in sich: „In den Tod getauft…!“ „Lieber Apostel“ möchte ich da fragen: ja, im ernst, kannst Du diese Sätze auch  Eltern mit einem frischgeborenen Säugling auf dem Arm bei der Taufe ins Gesicht sagen….?! Ist das nicht ganz und gar fehl am Platz?

Neulich habe ich einen Bericht über eine Frau gehört, die sich Zeit ihres Lebens dafür eingesetzt hat, dass die Gesellschaft dem Tod des Menschen mehr Beachtung schenkt: Cicely Saunders, englische Ärztin und Begründerin der modernen Palliativmedizin und Hospizbewegung.  Sie kämpfte gegen das gesellschaftliche Verdrängen-Wollen des Todes an. Sie machte darauf aufmerksam, dass mit der Verdrängung des Themas auch eine Verdrängung von Menschen einhergeht. Aus den Augen und aus dem Sinn geraten eben auch all jene, die gerade im Sterben liegen oder Abschied nehmen müssen. Und von dieser Ausgrenzung sind wir am Ende alle betroffen, nur eben zu verschiedenen Zeitpunkten.

Aber sich dem Tod stellen, ganz konkret!  Wenn das so einfach wäre! Da ist dieser Satz: „Ich werde sterbe. Menschen, die ich liebe, werden sterben.“  Ich weiß von manchen Menschen, die  mitten im Leben stehen und gesund sind, die sich im Zuge der Pandemie auf einmal mit dieser Realität beschäftigt haben. Aber wie findet man zu einer Haltung? Reine Kopfsätze helfen, so denke ich, dabei kaum. Das Sterben ist dafür viel zu körperlich, persönlich und konkret. Eine Haltung - so meine Beobachtung-  gewinnen Menschen eben auch durch schlaflose Nächte, durch Tränen, und im Durchstehen von Angst, Wut und Verzweiflung.  Was einem Menschen Halt und Hoffnung gibt wächst durch die Erfahrungen hindurch.  Und was dem einem helfen mag, vermag einen anderen leer erscheinen. Abnehmen können wir uns diese Aufgabe nicht. Aber für jede und jeden, der gerade damit zu tun hat, ist es ungemein hilfreich sich in einer Gesellschaft wiederzufinden, die dieses Thema nicht verdrängt. Indem wir uns dem Thema stellen, verliert der Tod seine Macht und Bedrohlichkeit und wir gewinnen Raum zum Leben. Cicely Saunders schaffte es, dass überhaupt die Bedürfnisse von Sterbenden in den Blick genommen und ihre Lebensqualität verbessert werden konnte. Ihre Haltung und ihre Kraft für ihr Engagement bezog Saunders auch aus ihrem christlichen Glauben. Gott in Jesus Christus ist zu finden im Ringen des Menschen um etwas, was ihm Halt und Hoffnung in Anbetracht des Todes schenkt.

Amen und Auf Wiedersehen!

Ihre Pastorin Birgit Dušková

 

 

 

Gute Wünsche

Gott möge Dich segnen und Dir beistehen:

dass Du Besuch bekommst,
und Du Aufmunterung erfährst,
wenn es Dir nicht gut geht
oder Du krank bist.

dass Du Freunde oder gute Menschen findest,
wenn Dich Probleme quälen
und Du Dich aussprechen möchtest.

dass Du getröstet wirst,
wenn Du traurig oder mutlos bist.

dass Dir jemand einen Weg weist,
wenn Du Dich verirrt hast
und Du nicht mehr weiter weißt.

dass Du eine Gemeinschaft findest
und darin gute Menschen,
die Dich in den Arm nehmen,
wenn Du einsam bist
und Dich verloren fühlst.

dass Dir jemand beim Tragen hilft,
wenn Du schwere Last oder
schweres Leid zu tragen hast.

dass Du Hilfe erfährst,
wenn Du derer bedarfst.

dass Du an jedem Ort einen Menschen findest,
der Dir beisteht, der sich mit Dir freut,
der Dich in schweren Stunden begleitet
und Dich nicht allein lässt,
wenn Du Dich verlassen fühlst.

- Heinz Pangels -

 

 

 

Gedanken über Hebr 13, 1 - 3 zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 26.07.2020

Liebe Gemeinde!

Das Corona-Virus hat unser Leben durcheinandergebracht. Nach dem Lockdown, der vieles auf Null gesetzt hat, gibt es nun Lockerungen und damit stellt sich die Frage: Was geht, und was geht nicht. Dinge, deren Ablauf zuvor selbstverständlich waren und einem ohne großes Nachdenken von der Hand gingen, brauchen jetzt erst eine Überprüfung: Gefährde ich durch mein Verhalten andere und mich selbst? Oder geht es?
Wenn unser Leben aus dem Takt geraten ist, wenn bisherige Selbstverständlichkeiten nicht mehr gelten, sind wir auf der Suche. Und nicht wenige sehnen sich danach, dass einer oder eine sagt, was wir tun sollen, damit wir auf der sicheren Seite sind.

Das Schreiben an die Hebräischen Gemeinden listet im 13. Kapitel klare und prägnante Handlungsanweisungen auf. Der ganze Brief richtet sich in einer Art Predigt an die jungen Christengemeinden. Sie sind verunsichert.                             

Als Christen sind sie in ihrer heidnischen Umgebung auf Widerstand gestoßen. Sie sind unfreundlich behandelt und ausgegrenzt, ja misshandelt worden. Nun will der Verfasser sie trösten und bestärken. Er erinnert sie daran, dass das Ziel nicht ist, sich im Hier und Heute einzurichten, so als ob die Welt die Heimat wäre. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13,14),  schreibt er an die Gemeinden.

Wir sind Gäste auf Erden; angewiesen auf Gastfreundschaft, auf Zusammenhalt untereinander.
Und dann schreibt er ganz konkrete Anweisungen zum Tun in der Gemeinde:

„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“

Sind DAS Ratschläge, die Mut machen???

Drei Aufforderungen, ja die Mahnung „vergesst nicht!“ – DAS soll helfen?
Vor allem die zweite Aufforderung ist eine Zumutung „Gastfrei zu sein, vergesst nicht“ – das griechische Wort für Gastfreundschaft heißt wörtlich übersetzt: die Liebe zum Fremden. Denen, die den christlichen Gemeindegliedern unfreundlich begegnen, die sie ausgrenzen und ihnen übel mitgespielt haben – die Fremden, denen gegenüber sollen sie nun gastfrei sein? Spinnt der?

Wäre nicht vielmehr Vorsicht gegenüber dem Fremden angemessen? Man weiß ja nie… Der Fremde könnte ein Feind sein. Die Fremde könnte schaden. Sie könnte etwas wegnehmen oder schlimmer: etwas Unangenehmes ins Haus schleppen ….
Normalerweise würden wir zur Zurückhaltung und Vorsicht dem Fremden gegenüber raten.
Nicht so der Hebräerbrief. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“
Und nicht nur im Hebräerbrief lesen wird die Aufforderung zur Gastfreundschaft. Überall wird in der Bibel daran erinnert:

„Übt Gastfreundschaft“, mahnt Paulus die Gemeinden. (Römer 12,13).
Von Jesus wird erzählt, wie er bei Menschen einkehrt und sie so zu Gastgebern macht oder sie auffordert, die Gastgeberrolle zu übernehmen. Den Zachäus nötigt er, sein Haus für ihn zu öffnen. Jesus lädt sich selbst bei ihm ein, wird so Gast.

„… denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

Im 1. Buch Mose wird von Sara und Abraham erzählt, die gastfreundlich drei unbekannte Männer bei sich aufnehmen. Sie laden sie ein, im Schatten des Baumes zu rasten; versorgen sie mit Wasser, um den Staub abzuwaschen und anschließend bewirten sie die drei Fremden großzügig. Es entwickelt sich ein Gespräch, in dem Abraham und Sara, den lange Kinderlosen, der ersehnte Sohn verheißen wird.
Anschaulich erzählt die Geschichte, wie die freundliche Aufnahme der Fremden Abraham u. Sara verwandelt. Die herzliche Offenheit, mit der sie den Fremden begegnen, lässt sie die Erfahrung von Wunderbarem machen. Auch wenn sie es im Moment noch nicht erfassen und glauben können.

Später erfahren Abraham und Sara, dass wer Gastfreundschaft übt, nicht nur etwas gibt, sondern auch etwas bekommt: Besonderes und Unerwartetes kann geschehen: Der ersehnte Sohn wird geboren (1.Mose 18).


„… denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“
In der Kunst sind daher aus den drei Fremden in der Abrahams-Geschichte Engel geworden. Die Dreifaltigkeitsikone des russischen Künstlers Andréj Rubljów zeigt die drei Männer als Engel.

 Engel sind Botschafter. Hoffnungsboten. Sie kündigen neues Leben an. Mit dem fremden Gast kommt die Ahnung, dass Nichts beim Alten bleiben muss. Davon erzählen die großen Geschichten der Bibel. Bei Sara und Abraham. Bei Maria in Nazareth. Bei den Hirten auf dem Feld in Bethlehem. Am Grab Jesu.
In der Gastfreundschaft ist Segen enthalten. In der Begegnung mit dem Fremden, in der Gastfreundschaft ihm gegenüber, eröffnen sich neue Horizonte. Neue Lebensperspektiven tun sich auf.

Denn im Fremden, dem wir uns gastfreundlich öffnen, begegnet uns in letzter Konsequenz GOTT selbst.

Jesus bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „…Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ (Matthäus 25,35). Die Angesprochenen können sich nicht erinnern, wo sie Jesus gastfreundlich aufgenommen haben. Aber Jesus antwortet ihnen: „Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40).

Gastfreundschaft ist also mehr als eine soziale Geste oder eine mitmenschliche Regung. Gastfreundschaft ist Gottesdienst. Im Fremden, den wir aufnehmen, dienen wir Gott. - Im Fremden kann uns Gott begegnen.


Gastfreundschaft ist also elementarer Ausdruck unseres Glaubens. Sie traut dem anderen, der von außen kommt, nicht von vornherein  Böses zu, sondern ist neugierig und offen für das, was er oder sie mitbringen mag - und welche neuen Perspektiven sich uns eröffnen. Neues wird möglich.

Gastfreundschaft ist Begegnung. Wir kommen mit Menschen ins Gespräch, hören zu, teilen eigene Erfahrungen mit anderen. Sie ist eine Chance, aufmerksam zu werden für den Moment, der uns berührt - der etwas weit macht in uns.

In jedem Abendmahl geht es darum, dass wir nicht nur Gastgeber sind, sondern selber immer auch Gäste. Gott selbst lädt uns an seinen Tisch, damit wir uns bewirten und beschenken lassen von seiner Gegenwart in Brot und Wein.

Diese Erinnerung, dass Gott UNSER  GASTGEBER ist, kann uns darin bestärken, selber gastfreundlich zu sein. Wir sind ja selber Gäste in seiner Welt. Wir leben von Grundlagen, die wir nicht geschaffen haben. Wir leben von dem, was schon vor uns da war, und was auch nach uns bleiben wird.

Das Bewusstsein dafür macht uns zu „Hausgenossen Gottes“, wie es im Wochenspruch heißt.

Selber reich bewirtet, können wir umso leichter Gastgeber und Gastgeberinnen werden und offen sein für Andere.

Gerade jetzt in der Urlaubszeit begegnen wir dem Anderen, dem Fremden auf mannigfache Weise: indem wir selber Gäste an einem anderen Ort sind – oder indem wir Besuchern in unserer Stadt begegnen. Wir versuchen, unsere Kirche, so oft es geht, für Besucher zu öffnen – manchmal geht es nicht, weil sich niemand gefunden hat, der auf die offene Kirche aufpasst – aber wenn es klappt, wie viele schöne Begegnungen mit anregenden Gesprächen haben sich dadurch schon ergeben! Und manchmal wurden daraus sogar Freundschaften.

 

Wir werden reich beschenkt, wenn wir uns für einander öffnen. Wir können GOTT begegnen. Und es tun sich neue Perspektiven für das Leben auf. Für ein Leben als Kinder Gottes.

Welch ein Segen.
Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

Wahrheit

Ich war vierzehn, da sah ich,

im Holunder aß eine Amsel

von den Beeren einer Dolde.

Gesättigt flog sie zur Mauer

und strich sich an dem Gestein

einen Samen vom Schnabel.

Ich war vierzig, da sah ich,

auf der geborst´nen Betonschicht

wuchs ein Holunder.

Die Wurzeln

hatten die Mauer gesprengt;

ein Riss klaffte in ihr,

bequem zu durchschreiten.

Mit splitterndem Mörtel

schrieb ich daneben: „Die Tat einer Amsel.“

Wolfdietrich Schnurre, Schriftsteller

Bild von bernswaelz auf Pixabay

 

 

Worte zum Sonntag, den 12. Juli 2020

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Fahre hinaus, wo es tief ist!“

Liebe Gemeinde,

als Christen glauben wir, dass in Jesus Christus Gott in der Welt erscheint. Und er betritt die Welt nicht gewichtig über den Haupteingang, sondern über einen Seiteneingang. Selbst von einfacher Herkunft, geboren in einem Stall bei Bethlehem beginnt er sein Wirken nicht in der Hauptstadt, wo sich alles tummelt, was Rang und Namen hat, sondern in der allertiefsten Provinz, dem verschlafenen Landstrich rund um den großen See Genezareth Galiläa genannt. Die Menschen hier leben von Landwirtschaft, Viehzucht und vom Fischfang. Sie sind die ersten zu denen er predigt und unter denen er Menschen findet, die ihm auf seinem Weg begleiten werden.

Der heutige Predigttext erzählt, wie Jesus einfachen Fischern am See Genezareth begegnet. Um besser zu der versammelten Menschenmenge sprechen zu können, leiht er sich vom Fischer Simon Petrus ein Boot. Und so kommt es, dass er die Situation der Fischer wahrnimmt, die gerade am Ufer ihre Netze auswaschen. Die ganze Nacht hatten sie auf dem See gearbeitet doch keine Fische gefangen. Für die einfachen Fischer eine echte Not! Keine Fische für den Verkauf, kein Lohn, noch nicht einmal ein paar Fische um den eigenen Hunger zu stillen. Jesus unterbricht seine Rede und fordert sie auf noch einmal hinauszufahren und die Netze auszuwerfen. „Fahre hinaus, wo es tief ist“ sagt er zu Simon Petrus. Und eigentlich hätten die Fischer abwinken können, denn es ist ja ihr Beruf, sie kennen den See wie keiner anderer. Doch lassen sie sich auf die Ermutigung Jesu ein und tatsächlich fangen sie so viele Fische, dass die Boote zu sinken drohen. Der Simon Petrus ist tief bewegt von diesem Erlebnis. Er fällt auf die Knie. „Herr geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch! spricht er zu Jesus. Und Jakobus und Johannes, die mit ihm sind ergeht es ähnlich. Und Jesus spricht zu ihm: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst Du Menschen fangen. Und in der Bibel heißt es dann kurz: sie brachten ihre Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. Die Fischer Simon Petrus, Jakobus, Johannes werden zu Jesu ersten Jüngern.

Die Geschichte hat in unseren Augen mehrere Ebenen. Da ist die ganz praktische: Die Not der Fischer, die keinen Fang machten, wird überwunden. Auf einmal fangen sie sehr viele Fische! Ihr Einkommen ist gesichert, Hunger und Not sind abgewendet. Wir sind daran gewöhnt diese Ebene zu überspringen und ganz schnell zu dem symbolischen Gehalt, zu dem vorzustoßen, was wir als Sinnaussage bezeichnen. Ganz schnell zum Thema Nachfolge und Mission zu gehen.  Die Menschen in biblischen Zeiten konnten diese Trennung so leicht nicht vollziehen. Sie waren noch nicht daran gewöhnt, das materiell Konkrete vom Religiösen zu trennen. Die Menschen wussten unmittelbar, was Hunger bedeutete. Was es bedeutet, wenn kein Brot und keine Fische da sind. Dass Menschen in der Nähe Jesu auf einmal satt wurden, prägte sich in ihr Gedächtnis ein und nicht wenige Geschichten von wundersamen Speisungen sind daher überliefert. Die Schöpfung aus der die Nahrung stammt wurde zudem als Raum verstanden, in dem Gott selbst wirkt. Dass die Fischer auf Jesu Rat hin so viele Fische fingen, sagte ihnen, dass er mit Gott auf besondere Weise verbunden ist. Und dass Gott sich durch Jesus ihnen in ihrer schwierigen Lage zuwendet und es gut mit ihnen meint.

Ich erinnere mich an eine Begegnung mit Christen aus Tansania. Ein Mann berichtete voller Freude, dass Gott ihm eine Kuh geschenkt habe. Konkret hatte die Kirche in seiner Heimat ihm geholfen einen günstigen Kredit zu erhalten mit dem er dann die Kuh hatte kaufen können. Das wusste er natürlich, doch drückt es eben so aus: Gott hat mir eine Kuh geschenkt! Halleluja!

Heute in Europa sind wir stolz darauf, dass wir rationaler und aufgeklärter sind als die Menschen damals oder in anderen Teilen der Erde heute noch. Wir haben uns daran gewöhnt, dass das Materielle keine geistige  Bedeutung mehr hat. Die Tiere und die Natur sind zur Sache geworden, die organisiert, beherrscht jederzeit konsumierbar ist.

In der Begegnung mit Jesu, mit dem Heiligen fällt dem Fischer Simon Petrus auf, was ihn von Gott trennt. Er fällt in diesem Moment auf die Knie und bekennt seine Sünde.  Lese ich diese alte Geschichte vom wundersamen Fischfang in der Bibel so fällt mir auf, was uns verloren gegangen ist und was uns von Gott und seiner Schöpfung entfremdet hat und trennt.

Mitten in dieser gegenwärtigen Krise nehmen wir wahr, dass wir mit unserer Art mit der Natur umzugehen an eine Grenze stoßen. Wir haben die Lebensmittelproduktion industriell rational perfektioniert, doch leiden Menschen in dieser Welt noch Hunger und droht unser Ökosystem zu kollabieren. Besonders thematisiert wurden in der  letzten Zeit die Zustände in der Fleischindustrie. Aber auch über die Fischerei-Industrie wissen wir, dass immer mehr und immer billiger uns in den Abgrund führt. Die großen Fang-Trawler der EU fischen den Fischern an der afrikanischen Küste die Fische weg, ehemalige Fischer machen sich auf nach Europa, um das Überleben ihrer Familie in der Heimat zu sichern. Große Zuchtfischanlagen tragen zum Kollaps der ursprünglichen Fischbestände in der ganzen Welt bei.

Auch wenn unsere Netze noch voll sind, so sind sie doch im Grunde schon leer.

In der Geschichte verlassen Simon Petrus und die anderen Fischer ihr altes Leben. Sie brechen auf und folgen Jesus nach von einem Moment auf den anderen nach. Sie lassen das Alte hinter sich und fangen neu an.

In einer Welt in der die Tiere und die Natur zu konsumierbaren Gegenständen geworden sind können wir als Christinnen und Christen davon sprechen, was es heißt die Welt als Gottes Schöpfung zu betrachten. Das heißt nicht anderen radikalen Verzicht zu predigen, sondern selbst eine andere Haltung einzunehmen:  allem was lebt mit Achtsamkeit und Respekt zu begegnen.

Fürchte Dich nicht! spricht Gott in Jesu uns zu. Amen

Ihre Birgit Dušková

 

 

Wort zum Sonntag, den 05. Juli 2020

Der den Wolf füttert

Am letzten Sonntag habe ich Ihnen von Elisabet erzählt, der Gärtnerin aus Leidenschaft, Erfinderin des Gleichnisses vom Komposthaufen, Philosophin mit grünem Daumen. Sie erinnern sich? Eine wirklich lebenserfahrene und weise Frau.

Aber diese Beschreibung trifft nicht nur auf Elisabet zu. Und so erzähle ich Ihnen heute von einem lebenserfahrenen und weisen Mann. Ich glaube, Sie haben auch schon von ihm gehört.

 Ein alter Indianer sitzt mit seinem Sohn am Lagerfeuer und spricht: “Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen 2 Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.

 Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.”

 Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“

 Der alte Indianer schweigt eine Weile.

Dann sagt er: „Der, den du fütterst.“

Es ist eine sehr bekannte und beliebte Geschichte.

Weil wir sie gut kennen, die beiden Wölfe. Ihren Kampf täglich in uns spüren. Uns große Mühe geben, nur den guten Wolf zu füttern. Und doch immer wieder scheitern. Weil der böse Wolf uns so treuherzig und bedürftig ansieht.

Der Kampf, der sich in unserem Inneren abspielt, wird auch tagtäglich in unserer Gesellschaft ausgetragen, unter Nachbarn, zwischen Staaten. Alle wissen imgrunde, was zu tun wäre, um den Traum einer friedlichen und gerechten Welt Wirklichkeit werden zu lassen, einer Welt, in der auch noch die nachfolgenden Generationen ihre Lebensgrundlagen finden. Aber wir verweigern dem “guten Wolf” immer wieder die Nahrung, vielleicht weil wir unterbewusst der Überzeugung sind, dass es ihn gar nicht gibt. Dass sich der “Böse Wolf” nur manchmal in einen Schafspelz hüllt, oder dass er Kreide frisst, um uns zu täuschen.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Das ist die christliche Variante der Indianergeschichte.

Dieser Vers wird gerne als Tauf- oder Konfirmationsspruch ausgesucht. Das ist kein Zufall: Zum einen ist der Satz für sich genommen nicht religiös. Gott bleibt unerwähnt. Zum andern können ihm sicherlich weit über 500 Millionen Leute vorbehaltlos zustimmen: Das Böse durch das Gute besiegen – wer will das  nicht? Außerdem kann man sich diesen Satz leichter merken als die ganze Indianergeschichte. Er würde sich gut eignen als Motivationssatz, als Mantra, das man jeden Morgen zehnmal laut aufsagt und mit in den Tag nimmt. Und am Abend nachprüft, wieviel Böses man durch Gutes besiegen konnte. Und auf das Folgende  vertraut:

Worauf ich mich fokussiere, das wächst, wird größer und stärker, wird zur Gewohnheit.

Das könnte als spirituelle Übung funktionieren. Aber vielleicht würde man auch nach anfänglicher Euphorie rasch an Grenzen stossen, weil die Bilanz am Ende des Tages einfach nicht stimmen will und so meinen Vorrat an Güte schwinden lässt.

Spiritualität braucht eine Quelle. Wir können das Böse nicht aus eigener Kraft und Güte heraus besiegen. Wir brauchen Gott als Quelle von Liebe und Güte- und Vergebung. Wenn wir uns doch wieder besiegen lassen. Weil die ganze Welt nur nach dem Prinzip “Wie du mir, so ich dir” zu funktionieren scheint. Und wir Ermutigung brauchen, um wieder aufzustehen und weiter zu machen. Und es kann Situationen geben, wo wir an die Grenzen des menschlich Möglichen stossen und – gerade um des Friedens willen – Gewalt anwenden müssen. Dietrich Bonhoeffer stand vor diesem Dilemma, als er sich entscheiden musste, ob er sich am Attentat gegen Adolf Hitler beteiligen soll. Eigentlich war er aufgrund des Gebots der Feindesliebe überzeugter Pazifist. Aber dann entschied er, “dem Rad in die Speichen zu fallen”, um noch schlimmeres Unheil zu verhindern.

 “Liebt eure Feinde!”, sagt Jesus. Trotzdem. Immer wieder. Und er traut es uns zu, dass wir so leben. Dass es heilsam für uns ist, zu verzeihen. Den guten Wolf zu füttern. Und heilsam für die Welt.

Indianerehrenwort.

Ihre Pastorin Gabriele Schinkel

 

 

 

 

 

 

Gedanken am Sonntag, den 28.06.2020 von Pastorin Schinkel

Liebe Gemeinde,

Elisabet ist Gärtnerin aus Leidenschaft. Das beginnt mit dem Heranziehen zarter Pflänzchen in Frühbeet und Gewächshaus und endet mit der kreativen Zubereitung des Geernteten in ihrer gemütlichen Küche - die natürlich von Kräuterduft erfüllt ist. Und da Elisabet gerne Gäste bewirtet, habe ich auch erfahren, dass man Brennnesseln essen kann, sogar frittiert.

Elisabet ist Gärtnerin aus Leidenschaft, aber auch in der Lage, ihr Paradies vom Liegestuhl aus zu genießen. Mit einem Glas Wein in der Hand oder einem Becher Tee kommt sie dann auch schon einmal ins Philosophieren. Über Gott und die Welt und die Möglichkeiten, ihre Probleme zu lösen.

Elisabet ist eine sehr lebenserfahrene und weise Frau, und sie findet immer wieder die schönsten Gleichnisse in ihrem Garten. Jesus hätte das gefallen. Ihr verdanke ich die Erkenntnis, dass ein gelungener Versöhnungsprozess zu vergleichen ist mit dem, was in einem Komposthaufen geschieht. 

Der abgeharkte Rasenschnitt, das gejätete Unkraut, die geschredderten Zweige, das aufgesammelte Fallobst - all das verrottet da und wird im Lauf der Jahre zu guter Gartenerde. Manchmal riecht es unangenehm, für ein paar Tage, wenn die faulen Äpfel vergären. Manchmal wird es im Kompost auch warm, ja, richtig heiß. Da passiert sehr viel. Aber am Ende wird aus Abfall etwas, das neues Leben und Wachstum  möglich macht. Aber das dauert natürlich, und dieser Vorgang ist nichts für Ungeduldige.

Wenn Schuld vergeben, Verfehlung bereinigt, Schaden wieder gutgemacht werden soll, dann ist es oft ganz ähnlich. Es kann zwischendurch mal ein übler Geruch entstehen, es kann auch heiß werden – so heiß, dass man das Ganze zunächst nicht anfassen möchte. Es kann nötig sein, erst einmal abzuwarten, manches auszusieben und umzusetzen. Wenn etwas Gutes dabei herauskommen soll, braucht es seine Zeit. Heilungsprozesse brauchen Geduld und die Bereitschaft, sie zu gestalten.

Elisabet weiß, wovon sie redet.

Und ich weiß, dass sie zutiefst einem Gott vertraut, dessen Wesen Vergebung ist. Verzeihen. Tilgen. Begnadigen. Bereinigen. Neue Anfänge ermöglichen. Für die, die schuldig geworden sind, und die, die verletzt wurden.

Darauf können auch wir setzen.

Ihre Pastorin Gabi Schinkel

 

 

Sonntag, 21. Juni 2020

 

 

 

Hören Sie hier eine Predigt von Pastor Thomas-Christian Schröder, sowie Musik aus Händels Messias - gesungen vom Chor der Stadtkirche unter Leitung von Florian Hanssen.

 

 

 

 

Statt Gottesdienst am Sonntag, 14.06.2020

Unterfeuer Glückstadt

Liebe Gemeinde !

„Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Ein Licht zu haben, bedeutet zunächst einmal, nicht blind im Dustern umher zu tappen. Ein Licht zu haben, bedeutet, zu wissen, woher man kommt und wohin man geht. Es bedeutet also im weiteren Sinne, dem Leben eine gute Richtung geben zu können.

Dunkelheit kann Angst machen. Wer im Dunkeln geht, weiß nicht, wohin er tritt; er geht unsicher, tastend, übervorsichtig, ängstlich. Er erschrickt, wenn er an ein Hindernis stößt.

Ein Licht zu haben, bedeutet also auch einen inneren Halt zu haben, einen festen Orientierungspunkt. Licht stärkt unsere Zuversicht, es gibt Sicherheit und Hoffnung.

Die beiden Glückstädter Leuchttürme gehören zum vertrauten Stadtbild. Ihr Licht hilft den Seeleuten, den richtigen Kurs zu finden. Viele Schiffe kommen von weit her aus Übersee und Fernost. Manche laufen zum ersten Mal Hamburg an. Die Elbe ist für sie also ein unbekanntes Gewässer. Noch dazu ein Gewässer, das sich ständig verändert. Ebbe und Flut  mit ihren wechselnden Wasserständen und Strömungen, Untiefen und Sandbänke machen es schwer, den richtigen Kurs zu finden.

Besonders bei Dunkelheit. Und es sind noch viele andere Schiffe unterwegs.

In einem gewissen Sinne sind auch wir unterwegs auf einer viel befahrenen Wasserstraße. Auch im Leben gibt es Untiefen und Sandbänke, und wir erkennen sie nicht immer auf den ersten Blick. Und doch müssen wir einen Weg finden, der uns selbst und den anderen gerecht wird.  Wie weit kann ich die Kurve ausfahren? Wie viel Raum kann ich mir und meinen Bedürfnissen geben? Wie viel braucht der andere?  Wo sind die Grenzen? Welche Folgen hat das, was ich tue, für mich und für meine Nächsten? Was tut gut? Was schadet?

Und was ist, wenn mein Schiff schon aufgelaufen ist? Was ist, wenn ich festsitze auf dem Schlick und ich nicht mehr weiter weiß?  - Dann sagt mir das Leuchtfeuer: Ich bin nicht allein. Es gibt Menschen, die sind da, wenn ich sie brauche. Früher gab es noch den Leuchtturmwärter. Der regelmäßig nach oben stieg, um nach dem Licht zu sehen – und nach Schiffen Ausschau zu halten. Der Leuchtturm war Teil einer ganzen Sicherheitskette, zu der Menschen und Schiffe gehören. Der Leuchtturm sagte dem Seemann: „Wir kommen, wenn du in Not bist.“

Zu uns sagt Christus: „Ich komme, wenn du mich brauchst. Ich bin für dich da. „Ich bin das Licht der Welt.“- Ich bin auch dein Licht.“

Er hat sein Leben eingesetzt für die Menschen.

Auf vielen, vor allem älteren, Abbildungen sieht man Männer in offenen Booten auf die sturmgepeitschte See hinaus fahren, um Schiffbrüchige zu retten. Sie wagen ihr Leben, um andere zu retten. Das hat Jesus getan. Für die, denen das Wasser am Halse stand, hat er den Himmel auf die Erde geholt, indem er da war -  indem er ihre Hand ergriff. Die Aussätzigen, der Zöllner Zachäus, die Ehebrecherin, der Leugner und Versager Petrus – sie alle erfuhren: „Du gehst nicht unter; ich bin doch bei dir. Ich bin dein Licht und deine Rettung.“

Diese Erfahrung hat sie nicht mehr verlassen. Von Christus getragen und mit Seiner Hilfe haben sie ihr Lebensschiff wieder flott machen können – vielleicht auf einem ganz anderen Kurs, als dem, den sie vorher eingeschlagen hatten – aber unterwegs zu einem guten Hafen.

So, wie Jesus es gesagt hat: „Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Dieses große „Ja“ GOTTES – dieses „Ich bin hier bei Dir, ich bin da für Dich“ – das kann für uns so etwas werden, wie ein innerer Kompass,  der uns die Richtung zeigt – nämlich hin zu einem erfüllten Leben - zu den Menschen, zu meinen Nächsten und zu mir selbst.

Wenn wir dieser Richtung folgen, dann werden auch die Stillen gehört, die man sonst so leicht überhört. Dann kommen auch die Schwachen und die Langsamen zu ihrem Recht. Dann reden Menschen nicht aneinander vorbei, dann hören sie einander zu.

Das Licht Christi hilft uns, im Alltag mit seinen Anforderungen und Problemen diesen liebevollen Blick aufeinander nicht so schnell zu verlieren. 

Und erhellt von seinem Licht können wir vielleicht sogar auch füreinander so etwas werden, wie ein kleines Unterfeuer, das dem anderen zeigt: Du bist nicht allein. Wir sind da. Für Dich. Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

 

 

Predigt zum Sonntag Trinitatis , 07.06.2020

Bild von Christine Schmidt auf Pixabay

Predigttext: 4. Mose 6,22-27: „Der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: so sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Liebe Gemeinde,
diese Worte aus dem Alten Testament gehören neben dem Vaterunser zu den bekanntesten in der Bibel. Jeder Gottesdienst schließt damit.                          

Ohne Segen am Ende – da würde uns etwas Entscheidendes fehlen. Mir ist das in den zurückliegenden Wochen, in denen die Kirchen geschlossen waren und man Gottesdienste nur online erleben konnte, aufgefallen. Die Online-Gottesdienste waren in der Regel kürzer. Es wurden Lieder weggelassen, auf die Schriftlesung oder das Gebet am Anfang verzichtet, aber niemals auf den Segen am Schluss.

Bei allen möglichen Anlässen werden Segenswünsche ausgesprochen. Segen wünschen nicht nur gläubige Menschen. Nach meinem Eindruck empfinden viele, dass es tiefer geht, wenn statt „Viel Glück“ „Gott segne Dich“ gesagt wird.  
Segen wünschen wir nicht nur Geburtstagskindern, sondern auch Brautleuten, Jubilaren oder Menschen, denen ein wichtiges Amt übertragen wird. Bei allen wichtigen Stationen des Lebens begleitet uns der Segen: bei der Taufe und bei der Konfirmation, die auch Ein-Segnung genannt wird. Bei der letzten Lebensstation, der Beerdigung, wird die verstorbene Person aus-gesegnet.
Gesegnet zu werden, wünschen sich viele Menschen, auch solche, die sich sonst der Kirche nicht mehr verbunden fühlen.                                                                        

Beim Segen werden sie empfänglich, auch wenn manche nicht genau sagen können, was genau sie sich damit eigentlich wünschen.
Ich spüre da eine Sehnsucht nach Behütet-sein, nach Erfüllung der Träume, mit denen man das Leben begonnen hat. Man möchte dem Leben gewachsen sein. Man möchte eine innere Sicherheit haben und einen Weg gehen, an dessen Ende man dankend sagen kann: Ja, das war ein gesegnetes Leben.

Manche denken dabei an Wohlergehen und Gesundheit. Andere an Kinder, die ein Haus mit Leben erfüllen.

Aber, wenn Segen nicht erfahren wird ?!?

Wenn der Lebensweg brüchig wird, weil sich Krankheit einmischt oder Trauer oder Sorgen. Wenn Erfahrungen sich häufen, dass wir zerbrechlich sind, dass wir vieles nicht im Griff haben. Wenn sich Unsicherheit und Ungewissheit ausbreiten.

Ich denke, dass für viele Menschen das Erleben der Coronakrise mit ihren unüberschaubaren Folgen eine solche Dimension hat.
Da kann es schwer werden, daran zu glauben, dass GOTT einen wirklich segnet. Aber ER tut es, so sagen die biblischen Worte. GOTT segnet. Das wird uns immer wieder zugesprochen.
Uns sind die Segensworte meist in der Möglichkeitsform vertraut: „Der Herr segne dich.“ Wir hören sie dadurch mehr als einen Wunsch oder gar als Aufforderung. Im hebräischen Urtext hingegen steht das Wort für segnen in der Wirklichkeitsform: „Der Herr segnet dich.“

Bei diesen Beobachtungen geht es um mehr als um Grammatik. Denn wenn der Indikativ – so lautet der grammatische Begriff – die Wirklichkeit darstellt, dann wird damit bekräftigt: Es ist so. Gott segnet. Und dies nicht nur in Zeiten des Glanzes.

Wir Christinnen und Christen haben uns diese Worte aus der Hebräischen Bibel geborgt. Mit ihnen wurde das Volk Israel von Aaron, dem Bruder des Mose, am Berg Sinai gesegnet. Deshalb werden diese Segensworte auch Aaronitischer Segen genannt.

Später wurden damit die Israeliten im Jerusalemer Tempel gesegnet. Diese alten, kostbaren Worte verbinden uns zutiefst mit unseren jüdischen Geschwistern. Zu deren Geschichte gehört viel Entbehrung, Verfolgung und Mutlosigkeit. Und dennoch haben die Segensworte sie durch die Jahrhunderte hindurch begleitet, aufgerichtet, gestärkt.  Sie waren ihnen wie ein schützender Mantel.

Der Segen Gottes bewirkt also keine Erfolgsgeschichte im Sinne von Reichtum und Glück. Und die magische Vorstellung, dass man mit ihm unversehrt durchs Leben kommt, erfüllt er auch nicht.

Aber der Segen Gottes ist Zuspruch pur. Ich muss und ich kann dafür gar nichts tun. Das ist für uns Menschen gar nicht so einfach. Denn wir mühen uns oft ab, alles in der Hand zu haben, mitzubestimmen, zu planen und zu gestalten.

Demgegenüber bedeutet Gottes Segen eine große Ent-Lastung: Ich muss nichts tun. Ich muss mir nicht einmal Gedanken machen.
Im Segen leuchtet ein anderes Angesicht über uns als unser eigenes oder das eines anderen Menschen. Wenn wir uns selbst anschauen, machen wir das oft mit einem prüfenden, einem kritischen, vielleicht auch gnadenlosen Blick: Wie sehe ich denn schon wieder aus? Was habe ich da wieder gemacht? Auch wenn andere uns anschauen, entdecken wir immer wieder in Frage stellende oder abschätzige Blicke: Was soll denn das? Was willst du schon wieder? Manchmal sind wir auch einfach unsicher: Wie soll ich diesen Blick verstehen? Wie ist er gemeint?

Demgegenüber wird uns im Segen zugesagt: Gottes Angesicht leuchtet über uns. Ja, wir dürfen sagen: GOTT strahlt uns an!   - Auch wenn es uns vielleicht manchmal anders scheinen mag.

Gott will unser Wohl. ER lässt sein Angesicht über uns leuchten wie einen hellen, wärmenden Strahl. ER schenkt uns Seinen Frieden. Keinen Frieden, den wir mühsam erkämpfen und mit allen möglichen Waffen verteidigen müssen. ER gibt uns einen Frieden, der höher ist als all unsere Vernunft.

Was das bedeuten kann, wird in einem Buch von Inger Hermann eindrücklich beschrieben. Sie gibt darin ihre Erfahrungen als Religionslehrerin an Stuttgarter Förderschulen wieder. Die Kinder sind fast alle vernachlässigt und erfahren in ihren Familien verbale und körperliche Gewalt. Ein geordneter Unterricht ist selten möglich. Gerade deshalb ist Inger Hermann ein fester Rahmen wichtig, ein Gebet am Anfang und der Segen am Ende jeder Unterrichtsstunde. Den hat sie mit den Kindern auswendig gelernt. Den Kindern liegt an diesem Ritual. Sie spüren, dass da etwas anders ist und stellen für diesen Moment ihre Störungen ein und sorgen mitunter selbst für die dafür notwendige Ruhe. Als es einmal wieder drunter und drüber geht in der Unterrichtsstunde und selbst am Ende keine Ruhe einkehren will, fährt ein Schüler seine immer noch quasselnde Mitschülerin an: „Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen!“ Dieser Satz, der zum Titel des Buches wird, wirkt. Dann sprechen alle miteinander den Segen.
„Geborgenheitsritual“ nennt Inger Hermann diesen festen Rahmen, wo die Kinder für kurze Zeit etwas spüren, was völlig anders ist als das, was sie in ihrem Alltag erleben.

Ein Geborgenheitsritual kann der Segen auch für uns sein, gerade dann, wenn wir unser Leben nicht als geordnet und glücklich erleben.                                           

Und es ist gut, dass jemand anderes uns den Segen zuspricht. Wir dürfen ihn auf uns legen lassen wie einen schützenden Mantel. Wir dürfen uns damit umfangen lassen und gestärkt und aufgerichtet weitergehen.

Uns bleibt nur eines: „Amen“ zu sagen. Damit drücken wir aus: Ja, so sei es. Darauf vertrauen wir. Darin verankern wir uns. Gott lässt sein Angesicht über uns leuchten.
Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

Statt Gottesdienst am Pfingstsonntag

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Resonanz

Als Konfirmand habe ich gelernt, Pfingsten sei das „Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes“.

Aber was soll ich mir darunter vorstellen?

Albert Schweitzer hat dafür ein anschauliches Bild gefunden: Er spricht von „Resonanz“.  Resonanz entsteht durch Berührung. Etwa wenn auf den Saiten eines Flügels Töne angeschlagen werden, dann schwingt auch der ganze Körper in Resonanz mit  – und verstärkt den Klang.

Resonanz gibt es auch ohne direkte Berührung, etwa wenn bei hohen Tönen die Gläser im Schrank anfangen, zu klingen.

Resonanz gibt es aber auch im übertragenen Sinne: wenn ein Mensch etwas sagt, was in mir Gefühle und Reaktionen hervorruft. Wenn ich ein Buch lese, einen Brief, eine e-Mail, etwas, das mich zum Nachdenken bringt, dann ist das eine geistige Resonanz.

Und in einer solchen Resonanz, sagt Schweitzer, können wir auch mit Jesus stehen. Wenn das, was er getan und wofür er gelebt hat, uns anspricht – wenn es uns tief drinnen berührt - dann entsteht Resonanz – dann schwingen wir mit.

Und ich glaube, wer auf Jesu Wellenlänge mitschwingt, der kann am Ende gar nicht mehr anders, als es so zu machen wie er - und mit seinen Mitmenschen – und auch mit sich selbst – achtsamer und liebevoller umzugehen.

Gemeinsam mit vielen Menschen überall auf der Welt bin auch ich Teil des einen großen Resonanzkörpers Jesu: seiner Gemeinde.

Ich darf darauf vertrauen, dass ich dazugehöre, auch wenn ich Abstand halten muss. – Der Gedanke gefällt mir.

In diesem Sinne ein frohes und gesegnetes Pfingstfest Ihnen allen!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Statt Gottesdienst am 24. Mai 2020

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Liebe Gemeinde,

„Ich setzte meinen Fuß in die Luft und sie trug.“

Diese Zeile stammt von der Dichterin Hilde Domin.  Sie soll ihn verfasst haben nach dem Tod ihrer Mutter. Er passt aber auch sonst zu ihrem Leben. In ihren Gedichten findet sie Worte für Erfahrungen von Verlust und Unsicherheit. Sie weiß, wovon sie spricht. Mit ihrem Mann hatte sie als Jüdin ihre Heimat Deutschland über Nacht verlassen müssen. Bis zur ihrer Rückkehr nach dem Krieg musste sie in den verschiedensten Ländern im Exil leben. Hilde Domin schreibt aber nicht nur über die Unsicherheit des Lebens, sondern auch über das, was dem Menschen helfen kann diese zu bewältigen. Die Sprache, die Dichtung selbst kann dem Menschen Halt und Geborgenheit in aller Unsicherheit schenken.

Unsicherheit und Ungewissheit bestimmen auch unser Leben in der Zeit der Pandemie. Werden wir selbst, unsere Familien und Nächsten gesund bleiben? Wie wird sich die Pandemie auf unser soziales Leben und die Wirtschaft auswirken. Die Nachrichten zeichnen keine guten Prognosen für die Zukunft. Und einige müssen bereits jetzt mit starken Einschnitten zurechtkommen. Wir müssen uns von vielen Dingen, die wir für die Zukunft geplant haben, gerade verabschieden und die Ungewissheit aushalten.

Auch im Kirchenjahr befinden wir uns in einer Zeit, die gekennzeichnet ist von Abschied und Verunsicherung, aber auch der Erwartung eines Neubeginns. An Himmelfahrt verließ Jesus die ihm nahestanden. Sie können ihn nicht mehr anfassen oder umarmen oder Gespräche mit ihm führen wie früher. Sie sind auf sich allein gestellt. Und sie realisieren, dass es so wie es früher war, nicht wieder werden wird. Das wird sie traurig, ratlos, vielleicht wütend gemacht haben. Doch in dieser Zeit vollzieht sich auch ein Wandel. Sie erleben, dass Jesus nun zwar körperlich nicht mehr anwesend ist, dass er ihnen aber nahe ist mit seinem Geist. Er stärkt sie mit seinem Geist nun innerlich in ihren Seelen.  Genau diese Erfahrung feiern wir am Pfingstfest, dem Fest des Heiligen Geistes. Und der Heilige Geist wirkt durch die Sprache. Sprache schafft Wirklichkeit.

Viele äußere Sicherheiten sind in unserem Leben gerade weggebrochen. Umso mehr kommt es nun an auf unsere Stärke im Inneren und die Kraft mitten in der Verunsicherung zu vertrauen.

Neben einem Management, welches wirksam die Pandemie eindämmt, um wieder Leben zu finden, brauchen wir auch Worte von Zuversicht und Vertrauen. Diese Worte finden wir in der Bibel in den Worten Jesu, die bis heute zu uns sprechen wollen. Diese Worte können wir aber auch einander als Menschen in diesen Tagen zusprechen.

So stärke Gott uns in diesen Tagen in unserem Inneren durch seinen Heiligen Geist! Amen.

Ihre Birgit Dušková

 

 

Statt Himmelfahrts-Gottesdienst

Da berühren sich Himmel und Erde

 

 

An diesem Himmelfahrtstag können Sie sich hier einen kleinen Film ansehen - mit Beiträgen und Musik der Pastoren und Pastorinnen, sowie den Kantoren der Region Elbmarschen.

Wir wünschen Ihnen einen gesegneten Himmelfahrtstag.

 

 

 

 

 

 

Statt Gottesdienst am 17. Mai 2020

Igor

Vom Beten

Alles begann mit den Worten, die mir meine Oma beim Schlafengehen beibrachte:

“Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.”

Ein Gebet , das theologisch sicher hinterfragt werden kann, aber doch der Anfang einer wunderbaren Freundschaft wurde. Später lernte ich das Vaterunser und dass es in Ordnung ist, mit eigenen Worten zu beten. Dass ich mit Gott reden kann wie mit einem guten Freund, der nichts weiter trägt von dem, was ich ihm anvertraue. Den ich treffen kann, wann ich will. Und der mich trifft, wenn ich es nicht erwarte.

Beten kann ein Hilfeschrei sein oder ein Lauschen in die Stille. Ich kann tanzend beten - oder beim Gemüseschneiden. An jedem Ort und zu jeder Stunde.

Heute ist der Sonntag Rogate. Übersetzt heißt das: Betet!

Betet! Denn das Gebet hält die Beziehung zu Gott lebendig.

Eine Beziehung lebt davon, dass wir uns austauschen, dass wir uns mitteilen, dass wir sagen, was uns auf dem Herzen liegt. Und auch hören, was unserem Gegenüber wichtig ist. In einer Ehe ist es so, unter FreundInnen, in der Beziehung zu den Kindern, zu Nachbarn und Kolleginnen. In den Phasen, in denen wir uns keine Zeit nehmen zum Reden, weil wir es nicht schaffen oder nicht wollen, wachsen die Missverständnisse.

So ist es auch in der Beziehung zu Gott. Sie wird und bleibt lebendig, wenn wir beten, wenn wir uns mitteilen und Gott die Chance geben, hörbar zu werden.

Davon erzählt ein Priester, der von einer alten Dame um Rat gebeten wurde: "Vierzehn Jahre lang habe ich fast ununterbrochen gebetet, doch nie habe ich ein Gefühl von der Gegenwart Gottes gehabt.” Der Priester fragt nach: “Haben Sie ihm Gelegenheit gegeben, ein Wort einzuwerfen?” Die Dame verneint: “Ich habe die ganze Zeit zu ihm gesprochen. Das ist doch Beten - oder?” Unser Priester verzichtet auf eine ausführliche Antwort und stellt der Dame eine Aufgabe: “Nehmen Sie sich täglich eine Viertelstunde Zeit, setzen Sie sich in einen bequemen Sessel und stricken Sie vor dem Angesicht Gottes. “ Ein paar Wochen später berichtet die Dame voller Begeisterung: “Das ist merkwürdig....Wenn ich zu Gott bete, also zu ihm spreche, fühle ich nichts. Doch wenn ich still dasitze, ihm gegenüber, dann fühle ich mich in seine Gegenwart eingehüllt.”

So bete ich auch oft. Gerade, wenn mir die Worte fehlen. Setze mich an einen ruhigen Ort, schließe die Augen oder schaue etwas Schönes an. Ich lasse den Atem gehen wie er will. Sehe die Bilder an, die aufsteigen, spüre meinen Gefühlen nach. Und stelle mir dann vor: Gott schaut mir zu, wie ich da sitze. Ohne dass ich sagen könnte, wie er genau aussieht - oder sie, oder es. Das ist auch nicht wichtig. Ich spüre nur ein ruhiges liebevolles Lächeln. Das mir allein gilt. Das nicht verschwindet, auch wenn meine Gedanken und Gefühle alles andere als liebevoll sind. Ich spüre Eile, aber das Lächeln schenkt mir Zeit. Tränen steigen in mir auf, aber das Lächeln tröstet mich. Ich fühle mich klein und ohnmächtig, aber das Lächeln weitet mein Herz und richtet mich auf. Ich sorge mich um einen Menschen,  aber das Lächeln sagt: “Ich schaue da gleich mal vorbei.”

Ich habe von Leuten gehört, die so ähnlich angefangen haben mit dem Beten. Ohne Vorerfahrung, aus Neugier auf religiöses Leben. Oder aus tiefster Not heraus. Denn die lehrt ja bekanntlich Beten.

Wer betet, sagt: Ich habe ein Ziel, das über mich selbst hinausgeht. Ich bin mir selbst nicht genug. Ich habe mein Leben nicht allein in der Hand.

“Ich habe heute viel zu tun, da muss ich viel beten”, schreibt Martin Luther an einen Freund. Damit stellt er klar: Wer betet, legt nicht die Hände in den Schoß. Im Gegenteil: Indem ich mein Leben mit und  vor Gott bedenke und die Welt ins Gebet nehme, werde ich zu verantwortlichem Tun befähigt.

Was für ein Geschenk, das Gebet! Es bereichert mein Leben, es öffnet mir den Himmel.

Ihre und Eure Pastorin Gabriele Schinkel

 

 

 

 

Gott auf der Parkbank

Lenny hat heute keine Lust zur Schule. Seine Mutter ist schon los. Sie ist Kassiererin im Supermarkt und muss früh anfangen. Und so frühstückt Lenny alleine, packt sich ein paar Coladosen und ein paar Schokoriegel in seinen Rucksack und stapft lustlos durch die Grünanlagen der Vorstadtsiedlung.

Missmutig kickt er ein paar leere Bierdosen über den Gehweg. Beim Spielplatz fläzt er sich auf eine Bank und packt einen Schokoriegel aus.
Eine alte Frau schiebt ihren Rollator vor sich her. Erschöpft setzt sie sich zu Lenny auf die Bank. Schüchtern fast und ganz ans andere Ende – sie will sich ja nicht aufdrängen.

Lenny futtert seinen Schokoriegel.
Da bemerkt er, wie sie sehnsüchtig nach der Schokolade schaut. Lenny ist irritiert: „Was will die denn?“
Dann zuckt er mit den Schultern, greift in seinen Rucksack, holt noch einen Schokoriegel heraus und gibt ihn der Frau. Dankbar lächelt sie ihn an. Und Lenny findet, ein wundervolles Lächeln!

Prompt greift er noch mal in seinen Rucksack, holt eine Coladose hervor, reißt den Verschluss auf und gibt sie ihr.

Mit zittriger Hand nimmt sie sie und lächelt noch strahlender als zuvor.
So sitzen die beiden den ganzen Vormittag auf der Bank, futtern einen Schokoriegel nach dem andern und trinken Cola.
Und sprechen kein einziges Wort.

Schließlich steht Lenny auf. „Muss jetzt los. Tschüß!“ „Tschüß!“
Zu Hause fragt ihn seine Mutter: „Was hast du denn heute so gemacht?“ „Du, Mom, ich habe Gott getroffen.“
„WAS?! Und wie sah er aus?“
„Sie hat ein wunderschönes Lächeln.“

Auch die alte Frau kehrt zurück. Die Pflegerin im Heim fragt sie: „Wo waren Sie denn? Wir haben uns schon Sorgen gemacht!“
„Ach, stellen Sie sich nur mal vor: Ich habe Gott getroffen!“ „Was?! Und wie sah er aus?“
„Er ist viel jünger, als ich dachte.“

Frei nach Dorothea Riedlinger-Frank
Bild von Ana Gic auf Pixabay

 

Statt Gottesdienst am 10. Mai 2020

Statt Gottesdienst

Gute Worte

Bild von Free-Photos auf Pixabay

„HERR,
wenn ich sehe die Himmel, DEINER Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die Du bereitest hast:
was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass DU Dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast DU ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über DEINER Hände Werk,
alles hast Du unter seine Füße getan:
Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere,
die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.“ – aus Psalm 8
Als ich ein Schuljunge war, hat mich mein Vater mitunter nachts geweckt, um mir die Sterne zu zeigen. Wir standen dann manchmal mitten in der Nacht draußen im Garten und schauten gemeinsam in den Himmel hinauf. Vater zeigte mir die Sternbilder, den Großen Wagen und den Kleinen Wagen. Er erklärte mir auch, dass die Sterne, die wir als kleine glitzernde Lichtpunkte sehen können, in Wahrheit Sonnen sind, so groß wie unsere eigene oder sogar noch größer und heller. Weil sie aber so weit von uns entfernt sind, sehen wir sie nur als Pünktchen.

Und er fuhr fort: „Das weißliche Band, das sich da über den Himmel zieht, das ist die Milchstraße. Sie ist eigentlich eine flache Scheibe und besteht aus unzähligen einzelnen Sternen. Sie sind aber so weit von uns entfernt, dass wir ihr Licht nur als verschwommenes schwaches Leuchten wahrnehmen. Unser Sonnensystem gehört auch dazu. Es liegt ganz am Rand der Milchstraße, und von dort schauen wir ins Innere.“

Damals als Kind habe ich nicht alles verstanden. Und es hat sich für mich recht ungemütlich angefühlt, als Erdenbewohner so ein Randsiedler des Universums zu sein. Ich kam mir so klein vor dabei. Hier standen wir zwei kleine Krümel und sahen nachts hinauf in den unendlich weiten Himmel. Aber die dort oben konnten uns doch unmöglich sehen hier unten. Wir waren ja winzig klein, wir waren doch zum Verschwinden gering.

„Was guckst du denn so traurig?“, fragte mein Vater. „Ich fühl mich so klein“, sagte ich. „Der Himmel ist so groß über uns. Da bemerkt uns doch keiner.“
Mein Vater schaute mich verwundert an. „GOTT hat den Himmel doch nicht groß gemacht, damit du dir klein vorkommen sollst“, erwiderte er. „Im Gegenteil! Ganz erhaben fühlen kannst du dich, wenn du denkst: In diese große Welt hat ER mich hineingesetzt, auf diese eine Erde. ER wollte, dass ich da bin. Ich. Genau hier. Und hier bin ich nun! Verstehst Du? Du bist einmalig. In diesem ganzen riesigen Universum gibt es kein einziges anderes Wesen, das genauso ist wie Du.“
Und als ich noch immer nicht ganz überzeugt war, fügte er hinzu: „Denke doch nur mal an einen Diamanten! Was macht ihn so kostbar? Na? Nicht zuletzt, dass er so selten ist: Ein kleiner Diamant in Tausenden von Tonnen Gestein! Aber welch ein Funkeln! Welches Feuer! Was für ein schöner Glanz! So viel Schönheit! - Ja, wir sind Gottes Edelsteine in SEINER Schöpfung!“

Er hatte Recht. Heute sagt uns die Wissenschaft, dass wir sogar buchstäblich Kinder des Himmels sind: Die Atome, aus denen wir bestehen – wir und die ganze Erde um uns herum, die Pflanzen und Tiere – wurden einmal lange vor unserer Zeit im Innern heißer Sterne durch Kernsynthese aufgebaut. Diese Sterne explodierten und verteilten ihre Materie im All. Daraus wurden neue Sterne und Planeten – und letztlich auch wir.

Wir sind wirklich etwas ganz Besonderes: wir sind Kinder der Sterne. Das dürfen wir uns gerade auch in dunklen Momenten gerne wieder in Erinnerung rufen.
GOTT hat uns groß gemeint und großartig gemacht. ER hat die Welt mit all ihren Naturgesetzen entstehen lassen und hat uns mitten hineingesetzt. Es gibt uns, weil ER uns will. Und ER freut sich, dass wir da sind.
ER liebt diesen kleinen blauen Planeten und seine Bewohner. Vielleicht finden wir in diesem Sommer ja Gelegenheit, einmal in Ruhe den Sternenhimmel über uns zu betrachten - und die Welt und uns selbst gleichsam einmal mit GOTTES Augen zu sehen – und zu staunen über das Wunder des Lebens, von dem wir ein Teil sind. Amen.
Thomas-Christian Schröder

 

Statt Gottesdienst am Sonntag, den 26.04.2020

Bild von Kaatjem auf Pixabay

Liebe Gemeinde,

sie sehen hier abgebildet eine Aufnahme vom Monument „Clave“ im Hafen von Rotterdam, welches an die Abschaffung der Sklaverei in den Niederlanden im Jahr 1863 erinnert.  Zu sehen ist ein Mensch, der sich gleich einem Tänzer in mehreren Schritten von den Ketten der Sklaverei befreit. Alex da Silva, der niederländische Künstler der das Monument schuf, hat seine Wurzeln auf den Kapverdischen Inseln. Die Inselgruppe vor der westafrikanischen Küste war ein wichtiger Umschlagsplatz für den transatlantischen Sklavenhandel. Alex da Silva selbst ist Nachfahre von Menschen, die Sklaverei erleiden mussten und das Monument ist somit auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte.

Der Bibeltext für den heutigen Sonntag steht im 1. Petrus 2, 21-25. Auch in diesem geht es um Sklaverei. Der Verfasser richtet sich in dem Abschnitt an diejenigen Gläubigen in den ersten christlichen Gemeinden, welche Sklaven und unfreie Hausangestellte waren.  Er ermahnt sie, sich ihren Herren unterzuordnen, auch jenen, die nicht freundlich und gütig sind, sondern „wunderlich“, „schräg“, „unberechenbar“. Im Leid der Sklaven erblickt er eine Verbindung zum Leiden Jesu. Im Ertragen des Leidens treten die Sklaven in seine Fußstapfen und werden seine Nachfolger. „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber nun bekehrt zu dem Bischof und Hirten eurer Seelen“ schreibt der Verfasser des Briefes. 

In Anbetracht der Geschichte der Sklaverei und des millionenfachen Unrechts und Leids, welches durch diese Menschen angetan wurde, ist dies ein tonnenschwerer ja schon problematisch zu nennender Text! Es sind Worte, die ich mit dem Wissen von heute so nicht einfach als frohe Botschaft weitersagen kann. Er verlangt nach Erklärungen und Einordnung. Das will ich im Folgenden einmal versuchen…

Der Text wurde in einer Zeit geschrieben in der Sklaverei weit verbreitet war. Das Vorhandensein von Sklaven war in der antiken Gesellschaft selbstverständlich. Zu Sklaven wurden Menschen, wenn sie in Kriegsgefangenschaft gerieten oder wenn sie ihre Schulden nicht zurückbezahlen konnten.  Was es in der damaligen Gesellschaft nicht gab, war ein Zusammenhang von  Sklaverei und Hautfarbe. Mit der rassistisch begründeten massenhaften Versklavung von afrikanischen Menschen begannen Europäer erst in der Neuzeit. In den neuen Kolonien wurden billige Arbeitskräfte benötigt. Um die Ausbeutung  und Versklavung von afrikanischen Menschen zu begründen, setzte man die Idee der Existenz einer minderwertigen Rasse in die Welt, die leider bis heute Anhänger findet. Der Verfasser des Predigttextes verbindet Sklaverei nicht mit Hautfarbe und Herkunft. Zu seiner Zeit kann prinzipiell jeder im Laufe seines Lebens, seine Freiheit verlieren, aber er oder sie kann sie unter bestimmten Umständen auch wiedererlangen. Er kennt das Leid, welches mit der Sklaverei verbunden ist und spricht dieses auch an. Was er nicht vor Augen hat, ist der massenhafte systematisch organisierte Menschenhandel, an den wir denken müssen, wenn wir das Wort Sklaverei hören.

Der Text wurde in einer Zeit geschrieben in der die christliche Gemeinde eine kleine Minderheit in der Gesellschaft bildete. Die Gläubigen rechneten damit, dass Jesus Christus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen würde. Es galt sich darauf vor allem innerlich vorzubereiten. Da das bald kommende Gottes Reich sowieso die Welt aus den Angeln heben würde, betrachteten sie sich nicht als eine Kraft, die die weltliche gesellschaftliche Ordnung bestimmen sollte. Vor diesem Hintergrund nahmen sie die Einrichtung der Sklaverei hin und rieten denjenigen unter den Schwestern und Brüdern, die unfrei waren, durchzuhalten und nicht aufzubegehren gegen ihre Herren. In dem für sie wichtigsten und auch gestaltbaren Bereich des gemeinsamen Glaubenslebens machten sie zwischen Freien und Sklaven keinen Unterschied. Als im Glauben gleichberechtigte Schwestern und Brüder feierten die ersten Christinnen und Christen miteinander Abendmahl, die gemäß der weltlichen Ordnung in der Außenwelt einander Herren und Sklaven waren.

Festhalten kann man also: der Verfasser hatte eine kleine gesellschaftlich keinesfalls einflussreiche Gruppe von Menschen vor Augen und was er schrieb sollte diesen helfen, die Zeit bis zur Wiederkunft Jesu zu bestehen. Eine Gruppe, die in Anbetracht dieser Erwartung unter sich bereits wagte, etwas einzuüben, was in der Gesellschaft damals nicht üblich war: nämlich sich als Gleichberechtigte vor Gott zu betrachten. „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Knecht noch Freier, da ist weder Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ schrieb Apostel Paulus im Brief an die Galater.

 

Die Situation änderte sich dagegen vollkommen als das Christentum sich weiter ausbreitete und nach und nach auch in der Position war, die Gesellschaft zu prägen. Betrachtet man den weiteren Verlauf der Geschichte so können wir feststellen, dass sehr gegensätzliche Einstellungen zur Sklaverei in der Kirche und unter Christinnen und Christen anzutreffen waren. Es gab sowohl Befürworter als auch entschiedene Gegner der Sklaverei. Es gab kirchliche Vertreter, die die unheilvolle Legende in die Welt setzten, alle dunkelhäutigen Menschen wären die Nachfahren von Ham, dem zweiten Sohn Noah, und würden unter einem Fluch stehen, der sie für immer zu Sklaven verdammte. Und es wurde eben auch auf den heutigen Predigttext verwiesen, der den Sklaven rät, sich ihren Herren unterzuordnen. Was einmal als Überlebensregel auf Zeit gedacht war, wurde nun zur gottgewollten Ordnung stilisiert. Die biblische Botschaft wurde verdreht, wenn diejenigen, die anderen Leiden zufügten oder die Macht hatten dieses zu beenden, den gequälten Menschen predigten ihr Leiden wäre Bestandteil der Nachfolge Jesu. Heute blicken wir mit Schmerz und Scham auf dieses Kapitel der Geschichte. Wir dürfen uns aber auch erinnern an all jene Menschen, wie die Abolitionisten (engl.  abolition – deutsch: Abschaffung), Christinnen und Christen, die sich ab dem 18. Jahrhundert leidenschaftlich mit der Bibel in der Hand  für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten und nicht müde wurden auf die Gottebenbildlichkeit aller Menschen hinzuweisen. Die Gleichberechtigung vor Gott sollte nun auch die menschliche Gesellschaft prägen. Bedeutsam im Kampf gegen Rassentrennung und Unrecht als Folgen der Sklaverei wurde im 20. Jahrhundert Martin Luther King, der eben auch Pastor und wortmächtiger Prediger und Ausleger der Bibel war.

Und heute? Auch wenn die Sklaverei offiziell nun seit mehr als 150 Jahren abgeschafft ist, ist sie in der Realität noch lange nicht überwunden. Weltweit sind schätzungsweise ca. 40 Millionen Menschen von modernen Formen der Sklaverei betroffen (Global Slavery Index 2016). Zur modernen Sklaverei zählt man Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Zwangsprostitution und die Rekrutierung von Kindersoldaten. Deutschland ist zum einen Transit- und Zielland des Menschenhandelns - vor allem im Bereich der Zwangsprostitution - und ein Absatzmarkt von Waren, die unter sklavenähnlichen Bedingungen produziert wurden. Zum anderen ist Deutschland ein Land in dem Menschen Zuflucht finden, die Sklaverei und Ausbeutung erleiden mussten, die fliehen konnten und hier die Chance haben, zu heilen und sich ein neues Leben aufzubauen.

Das Monument für die Abschaffung der Sklaverei in Rotterdam trägt als Inschrift eine Zeile aus einem Volkslied der Kapverdischen Inseln: „Der Körper des Sklaven geht, eine freie Seele bleibt“.  Hört man den Berichten von Menschen zu, die Sklaverei, Ausbeutung und Abhängigkeit am eigenen Leib erfahren mussten, wird deutlich, wie schwer der Prozess der Befreiung, den das Monument zeigt, in der Realität ist. Ein Körper, der einmal Gewalt ausgesetzt war, wird lange  bis lebenslang diese Gewalt auch erinnern. Der „Sklavenkörper“ geht nicht einfach. Da sind Wunden und Narben, die bleiben und schmerzen – manchmal ein Leben lang. Auf der anderen Seite bezeugen alle Menschen, die es geschafft haben sich aus Abhängigkeiten und Gewaltverhältnissen zu befreien, dass es im Menschen etwas gibt, dass nicht aufgibt nach Freiheit und Selbstsein zu suchen. Es scheint etwas im Menschen zu geben, das kein Mensch dem anderen nehmen kann. Das mag verschüttet und vergraben sein, aber es ist da. Mit dem Predigttext gesprochen, glaube ich, dass da einer als „Bischof und Hirte“ die Seele des Menschen behütet und dass aus dieser immer wieder heileres freieres Leben entstehen kann. Ich denke, dass ist tröstlich zu glauben für uns alle! In diesem Sinne bleiben Sie behütet!

Ihre Birgit Dušková

Statt Gottesdienst

Die Unendlichkeit des Sternenhimmels
(Bild von Free-Photos auf Pixabay)

Liebe Gemeinde!

„Weißt du, wieviel Sternlein stehen…?“ Als unsere 3 Jungs noch klein waren, haben meine Frau und ich ihnen das oft zum Einschlafen vorgesungen. „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet.“ Und am Schluss: „… kennt auch dich und hat dich lieb“. Mit diesem Lied konnten sie gut einschlafen. Und heute singt mein ältester Sohn es seiner kleinen Tochter vor.
Die Kinder fühlen sich geborgen mit diesem Lied. Sie spüren die Liebe von Mutter oder Vater. Und sie hören, dass auch Gott sie liebt. Das gibt ihnen Sicherheit für die Nacht. „Urvertrauen“ nennen das die Psychologen. Ich würde es „Gottvertrauen“ nennen. Es ist gut, wenn Kinder so aufwachsen können. Da wird eine Grundlage gelegt für das ganze Leben. Die Psychologen sagen, wer ein gesundes Urvertrauen hat, den kann im Leben so schnell nichts erschüttern.
So hat das wohl auch Wilhelm Hey gesehen, der Pädagoge und Pfarrer, der das Lied im 19. Jahrhundert gedichtet hat.

Wilhelm Hey hat sich von einem Abschnitt aus der Bibel inspirieren lassen. Im Buch des Propheten Jesaja ist auch von den Sternen die Rede, die Gott mit Namen ruft, damit ihm nicht einer fehlt. Dort lesen wir:


Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber“?

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?

Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.(- Jesaja 40, 26 – 31)

Es war eine schwere Zeit für Jesaja und seine Landsleute. Ihre Heimat war vom Krieg zerstört, die Menschen ins Feindesland verschleppt. Das unfreiwillige Exil dauerte nun schon viele Jahre. Kein Wunder, dass die Leute mürbe werden. Kein Wunder, dass sie sagen: „Gott kümmert sich nicht mehr um uns. Verlierer wie wir sind ihm egal.“


Jesaja will den Verzagten Mut machen: „Gebt nicht auf! Gott steht auch jetzt zu euch. Habt Geduld! GOTT, der das All in seiner unendlichen Weite geschaffen hat, kennt jeden Stern. Er KANN euch helfen.  Und Er WIRD euch helfen.“

So, wie die Eltern ihren Kindern singen: „Kennt auch dich und hat dich lieb!“

 

Alles nur „Opium fürs Volk“? „Eiapopeia“ und „Heile-Welt-Gedusel“ für kleine Kinder?  -  Nein.

Ich bin sowieso davon überzeugt, dass man Kindern nichts vormachen soll. Sie haben feine Antennen und spüren es sehr wohl, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Und Erwachsene spüren das auch.

Probleme zu verharmlosen, schlechte Nachrichten als fake news zu bezeichnen, das macht die Dinge nur schlimmer. Wohin das führt, sehen wir in dieser Corona-Pandemie zum Beispiel in den USA oder in Großbritannien, wo man es zu lange mit Verharmlosen probiert hat.

Jesaja verharmlost nichts. Er weiß, wie die Leute reden: „Gott hat mich verlassen“, zitiert er seine Landsleute, „er hat uns vergessen“ (Jes 49, 14).

Vielen geht es heute auch so.

Alte Menschen, die abgeschnitten sind von ihrer Familie, die sie so dringend bräuchten. Junge, die leben möchten in diesen Frühlingstagen und leben müssen wie Gefangene.

Und wie sieht es erst in anderen Ländern aus, wo die Versorgung nicht so gut klappt wie bei uns! Oder in den Flüchtlingslagern! „Um uns kümmert sich niemand, kein Mensch und kein Gott“. Wen wundert es, wenn sie so reden und verzweifeln. Und in ihrer Verzweiflung verzweifelte Dinge tun.

Was Jesaja uns rät, das klingt nur auf den ersten Blick betulich und hausbacken: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Mir gefällt diese altertümliche Formulierung aus der Luther-Bibel – vor allem das Wort „harren“.

Harren: Das heißt warten, heißt Geduld haben. Also nicht: alles hinschmeißen und weglaufen, wenn mir alles zu viel geworden ist. Nicht: Sich besinnungslos ins Leben stürzen, weil die Situation scheinbar nur so auszuhalten ist. Auch nicht die Augen schließen und schlafen, nichts mehr mitkriegen und wie betäubt aufgeben. Auch nicht so tun, als ob nichts wäre.
Jesaja rät: die Müdigkeit ruhig zulassen, warten, Pause machen, weil ich nicht mehr kann. Zugeben, dass ich nicht mehr kann. Aber darin sich nicht aufgeben, sondern wissen: Es wird anders werden. Das steckt für mich in diesem altmodischen Wort „harren“.

Harren heißt in der Erwartung leben, dass etwas Neues, etwas anderes kommt. Harren heißt, mit Gott rechnen. Harren heißt, auf Gott vertrauen. Damit rechnen, dass Gott einen neuen Anfang und neue Kraft geben wird.

Es lebt sich anders mit dieser Hoffnung: Das Leben ist nicht vorbei. Es braucht nur eine Pause.

Ich glaube: Viel von der verheißenen neuen Kraft kommt allein schon daher, dass ich begreife: Ich schaffe es nicht aus eigener Kraft – und das ist gar nicht schlimm. Ich kann das ruhig zugeben. Ich kann ruhig zugeben, dass ich auf Hilfe angewiesen bin – auf Hilfe von Gott und auf Menschen, die mir helfen. Das ist keine Schande. Angewiesensein ist eine Grundform menschlicher Existenz.

Ich darf ruhig sagen, ich schaffe das nicht alleine, nicht meinen Dienst, nicht die Betreuung der Kinder, wenn sie, wie jetzt, immerzu zu Hause sein müssen. Ich schaffe nicht die doppelte Arbeit im Büro, weil Kollegen krank geworden sind. Ich werde allein nicht mehr fertig mit meinem Kummer, ich weiß nicht weiter mit meinem Leben. Ich schaffe das nicht. – Ich bin angewiesen auf Hilfe. Gott, steh mir bei. Schick mir Hilfe. Vor Gott darf ich das ruhig sagen. Deswegen bin ich noch lange kein Versager.


Wenn man sich das traut, dann kann man eine neue und befreiende Erfahrung machen. Man kann entdecken, wie viel Hilfe es gibt und wie viele Helfer. Manches Mut-machende Wort hätte ich nicht gehört, manche Hilfe wäre nie eingetroffen, wenn nicht jemand gemerkt hätte: Der ist angewiesen auf mich. Eingestehen, dass ich angewiesen bin – das macht stark: weil man Menschen findet, die einem beistehen. Zugeben, dass ich angewiesen bin: Das verbindet stärker als vieles andere. Und gemeinsam sind Menschen immer stärker als einer allein. Die auf Gott harren, weil sie begriffen haben, dass sie angewiesen sind, die kriegen neue Kraft.


„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“ Die Pause machen, wenn sie müde geworden sind und auf GOTT vertrauen, die kriegen neue Kraft.

Wenn ein erster Schritt nötig ist, dann fragen sie nicht länger: Warum denn ich, sondern sagen: Warum nicht ich? Und wenn sie es allein nicht schaffen, dann sagen sie: Es ist nötig, dass wir da etwas tun. Allein schaffe ich das nicht. Aber zusammen könnte es gehen. Dann werden sie Hilfe finden. Dann wachsen Kräfte, die keiner erahnt hat.
Ich verlasse mich darauf: Gott gibt uns seinen Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit, wenn wir auf ihn harren. Denn er kennt uns und unsere Ratlosigkeit.

Und er hat uns lieb.

Amen.

Ihr Thomas-Christian Schröder

Statt Gottesdienst am Ostermontag

„Nun aber“, so schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth, „ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“ (- 1. Kor 15, 20).

Das Sicherste im Leben sei der Tod, so hört man es oft. Und solange alles so bleibt, wie wir es kennen, solange in der Welt alles beim Alten bleibt, bleibt auch der Tod das unwiderrufliche Ende des Lebens.

„Nun aber ist Christus auferstanden.“ Ostern ist im Grunde eine Befreiung. So, als ob die Tür eines Kerkers aufgerissen würde: Licht fällt in den finsteren Raum. Und der frische Wind, der hereinweht, schmeckt nach Freiheit, nach Weite, nach Aufbruch und nach Leben.

Bisher waren alle Menschen, unter das Verhängnis des Todes versklavt. Aber nun hat der Tod seine unheimliche Macht verloren, denn Christus ist auferstanden.

Schon sein Leben war ein einziger Aufstand gegen den Tod. Bei ihm war Liebe nicht nur ein Wort. Er schenkte Armen, Elenden, und Verachteten und Ausgestoßenen seine Nähe. Er heilte Leben, das in Scherben gegangen war. Er trieb die Mächte aus, die Menschen zerstören.

Mit seinem Kreuzestod schien das alles null und nichtig, aus und vorbei zu sein. Aber merkwürdig: seit Ostern ist sein Tod noch ermutigender als es sein Leben in Galiläa und Jerusalem je gewesen war.

Es ist wie auf diesem Bild: Die Botschaft von der Auferstehung, sie ist wie ein helles Licht, das schon jetzt durch den Spalt hereinbricht in unsere dunkle enge Welt. Noch sind wir innerhalb des Tores, in einem dunklen, bestenfalls von Dämmerlicht erhellten Raum. Aber das Licht, das zu uns hereinfällt, lässt die neue lichte Welt dahinter schon ahnen. Es regt sich was im Herzen.

Die Botschaft von der Auferstehung macht es möglich, auch aufzuerstehen - schon hier und jetzt – mitten im Leben – aus unseren Ängsten - aus unserer Lethargie – aus allem, was uns gefangen hält – auferstehen zu neuem Lebens-mut und zu neuer Hoffnung.

Mit der Sonne des Ostermorgens ging es den Frauen am Grabe auf, und es dämmerte den verstörten Jüngern: Gott hat Jesus im Tod nicht alleingelassen. Gott selber ist mit ihm in den Tod gegangen. Aber, wo Gott ist, da kann der Tod nicht bleiben! Die Lebendigkeit Gottes hat die Pforten des Totenreiches gesprengt. – Und das Leben flutet hindurch; es bricht sich Bahn!

Ostern ist wie eine geöffnete Tür, durch die das Licht aus einer anderen Welt in unser Leben fällt. Noch sehen wir nicht, was dahinter ist. Wir können es bestenfalls ahnen.

Aber es macht schon jetzt etwas mit uns. Veränderung liegt in der Luft, neue Hoffnung, Erwartung. Das Herz schlägt schneller.

„Nun aber... Nun aber ist Christus auferstanden!“ Das klingt trotzig und irgendwie auch triumphierend: „Ätsch!“ Der Knochenmann ist entmachtet! Der Mensch ist zum Leben da! Wir dürfen und wir können teilhaben an der Lebendigkeit Gottes.

Das Belastende und Irritierende, das wir um uns herum wahrnehmen, bleibt eine Herausforderung – aber es ist nicht alles! Corona ist nicht alles. Die Angst vor der Infektion und die Angst um die wirtschaftliche Existenz, sie sind nicht alles.

Udo Lindenberg hat es in seiner „flapsigen“ Art einmal so ausgedrückt: „Hinterm Horizont geht´s weiter, immer weiter …“.

Und er hat Recht: Ostern ist das entscheidende Datum, das unseren Horizont weitet und das uns Luft gibt zum Atmen.

Denn, verbunden mit Christus, kann uns nichts mehr scheiden von der Liebe Gottes. Und diese Liebe findet sich mit dem Tod nicht ab. Darum gibt es für Paulus auch gar keinen Zweifel: Der Tod führt sich zwar heute noch auf, als sei er der Herr der Welt, aber in Wahrheit ist er schon eine gebrochene Gestalt. Seinen Stachel hat er lassen müssen. Zu Ostern feiern wir den Anfang von seinem Ende.

Aber ist das alles nicht ein bisschen zu rosarot?

Mir kommt Willi in den Sinn. Er gehörte zur dritten Klasse; er war wie die anderen auch, nur mit einem Unterschied: er hatte einen Gehirntumor. Er wurde bestrahlt, und es ging ihm elend. Die Kinder seiner Klasse bekamen es mit. Sie hielten zu ihm und lachten manches auch weg mit ihrer Lebensfreude.

Und doch war die Krankheit stärker. Willi starb. Die Kinder wollten ihn auch bei der Trauerfeier begleiten. Doch die Eltern waren dagegen. Sie wollten die Kinder schützen und schützten aber wohl nur sich selbst. Die Kinder setzten sich gegen ihre Eltern durch. Sie gingen zu Willis Beerdigung. Alle malten sie ein Bild und banden sie alle zusammen zu einem Bilderbuch.

Einer hat Willi in Gott hinein gemalt, der dick ist und rund und für vieles Platz hat. Platz fanden die Kinder auch für ein Zebra. Damit die Tiere nicht vergessen werden. Willi hat gerne mit Tieren gespielt.

In den Bildern ist alles in Gott versammelt und geborgen in ihm.

„Tschüß“ haben sie noch auf ein Bild geschrieben und „Bis bald“.

Gängige Wünsche aus dem Schulalltag. „Tschüß, Willi. Bis bald.“ -

Gott ist ganz nah – bei dir, Willi – und bei uns!

Osterbotschaft pur.

Kinder können so stark sein. Sie machen es uns vor, wie man leben kann, auch wenn der Tod noch immer zu unserer Erfahrungswelt gehört.

Sie machen es uns vor, wie wir uns an diesem Leben freuen können, auch wenn wir Menschen, die wir liebgehabt haben, gehen lassen müssen.

Sie machen es uns vor, wie wir uns geborgen fühlen können, auch wenn wir selber einmal gehen müssen.

Sie lassen uns staunend miterleben, wieviel Leben wir in unsere Welt hinein bringen können durch kleine Gesten der Liebe und der Verbundenheit.

Und überall, wo das geschieht, da ist Auferstehung – da ist Ostern.

In diesem Sinne: Ihnen allen frohe und gesegnete Ostern!

Bleiben Sie behütet! Möge Gottes Segen Sie begleiten!

Ihr Thomas-Christian Schröder



Statt Familiengottesdienst

 

 

 

 

Erleben Sie mit Ihren Kindern einen kleinen Familiengottesdienst mit Pastorin Schinkel.

Hier geht es zum Video!

 

 

 

Statt Gottesdienst am Ostersonntag

 

 

 

Freuen Sie sich Sie sich auf einen gemeinsamen Ostervideogruß der Kirchengemeinden aus der Region Elbmarschen.

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Statt Osternacht

 

 

 

Andacht zur Osternacht mit Pastor Schröder

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Statt Gottesdienst

 

 

Andacht zum Karfreitag mit Pastorin Gabi Schinkel

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Statt Gottesdienst am 05. April 2020

Liebe Gemeinde.

Wie soll ich mich verhalten? Worauf kommt es jetzt an?

Es gibt wohl kaum jemanden, der sich diese Fragen in den letzten Wochen nicht gestellt hat.

Aufgrund der Corona-Pandemie befinden wir uns in einer außergewöhnlichen, zu unseren Lebzeiten noch nie dagewesen Situation der Ausnahme. Etwas Bedrohliches kommt da auf uns zu, das uns zum Teil ratlos und ohnmächtig macht. Was tun?

Dass Menschen in so einer Situation erst einmal Nudeln und Toilettenpapier kaufen gehen, wundert mich nicht: man reagiert, man tut etwas, man handelt erst einmal drauf los. Ich kann das gut nachvollziehen. Langsam sind wir aus dieser Phase nun heraus und die Regale füllen sich wieder.

Wir fragen uns nun ernstlich: was macht nun in dieser Situation wirklich Sinn? Welche alten Regeln gelten in dieser Situation und wo müssen wir ganz neue Wege einschlagen?

In der biblischen Geschichte für den heutigen Sonntag Palmarum geht es um eine ganz ähnliche Frage.

Die Geschichte erzählt wie Jesus mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem in einem kleinen Ort namens Bethanien im Haus von Freunden zu Gast ist. Tod und Abschied werfen bereits einen Schatten auf die versammelte Gemeinschaft. Da betritt eine wohlhabende Frau den Raum und salbt den Kopf Jesu mit einem kostbaren Öl. Daraufhin entzündet sich zwischen den Jüngern und Jesu ein Streit. Die Jünger sind entsetzt: Was tut die Frau? Was soll diese Verschwendung? Man hätte das Öl ganz im Sinne des Gebotes der Nächstenliebe verkaufen sollen und den Erlös den Armen geben sollen. Doch Jesus verteidigt die reiche Frau und sagt: „Lasst sie! Was bekümmert ihr sie. Sie hat ein gutes Werk getan. Die Armen habt ihr allezeit bei Euch, wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun, mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte und hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“

Die Jünger wollen das, was ihnen vertraut ist: das Öl verkaufen und das Geld den Armen geben. Jesus verteidigt das Tun der Frau. Sie hat den Moment erfasst und das richtige getan. In Liebe, in Zuneigung einfach etwas verschwendet. Wird Jesus auf einmal egoistisch? Schaut man sich andere Geschichten in der Bibel an, so fällt auf, dass die Reaktion Jesu gut zu dem passt, was er auch sonst lebte und weitergab. Immer wieder bricht er Regeln und zieht dadurch auch Zorn auf sich. Doch tut er es nicht, weil er die Gebote und Regeln nicht achtet, sondern im Gegenteil, damit ihr tiefer liegender Sinn wieder zum Vorschein treten kann. Gott gab dem Menschen Gebote, damit sie dem Leben dienen. Werden die Regeln aber mit Härte und Gesetzlichkeit befolgt, verlieren sie die Kraft das Leben zu fördern. Sie fangen an die Lebendigkeit, die sie eigentlich ermöglichen sollen, zu ersticken.

Typisch für Jesus ist es, dass er den Menschen in der Umsetzung der Gebote in den konkreten Situationen sehr viel Freiheit zumutet.

Ich bin in der gegenwärtigen Situation froh, dass wir trotz der ungewöhnlichen Regeln, die unser Leben gerade prägen, es auch in unserer Gesellschaft immer noch auf diese Freiheit ankommt. Ich lebe in einem Land in dem Menschen sich frei informieren können und selbst denken können.

Ein Großteil der Menschen hält sich freiwillig und nicht aufgrund von Strafandrohung an die Abstandsregel, weil sie selbst davon überzeugt sind, dass sie dem Leben dient.

Ich hoffe, dass dieser Geist unter uns erhalten bleibt und in diesem Ausnahmezustand eigene Meinungsbildung, Überzeugung und Freiwilligkeit sich als stärker erweisen als Gesetze, Zwang und Kontrolle.

Wie die Szene in Bethanien von dem nahenden Tod Jesu überschattet wird, so ist auch unser derzeitiges Leben überschattet von der Bedrohung durch einen tödlichen Virus.

Menschen, die mit der Nähe des Todes in ihrem Leben schon einmal konfrontiert waren, sei es durch eine schwere Krankheit oder durch den Verlust eines Angehörigen, berichten oft, dass sie das Leben in einem anderen Lichte sehen als vor dieser Erfahrung. Die Endlichkeit dieses Lebens vor Augen, wagen Menschen auf einmal aus dem Hamsterrad auszusteigen, dass das Leben ansonsten schnell an uns vorüberrauschen lässt.

Worauf kommt es wirklich an? Was hat Bestand und was erfüllt mich wirklich? Auf diese Frage gibt es keine fertigen Antworten. Eine mögliche Antwort ist: die Beziehungen zu anderen Menschen sind das, worauf es ankommt. Und das Wertvollste unserer Tage ist nicht ein teures Öl, Parfum oder anderes Pflegeprodukt, sondern Zeit! Nicht wenige haben diese Zeit gerade. Sie ist auf einmal da. Wir können sie nutzen einander wahrzunehmen, auszuhalten, gern zu haben. Das geht auch am Telefon!

Wenn ich als Pastorin gefragt werde, wo Gott in so einer Situation der Bedrohung denn nun sei, dann ist meine einzige Antwort darauf: ich glaube dass er da zu finden ist, wo Menschen auch im Anbetracht einer Bedrohung sich aufmachen dem Leben Sinn zu geben. Dass er anwesend ist in unserer Phantasie, das Leben auch unter diesen Bedingungen zu gestalten. Dass er anwesend ist in der Liebe, die wir uns - auch durch unsere Konflikte hindurch - einander zeigen. Amen.

Ihre Birgit Dušková

NEUER GEMEINDEBRIEF

 

NEUER GEMEINDEBRIEF

Unsere Antwort auf die Corona-Krise ist: Mehr gemeinsam und mehr für die Menschen. Das greifbare Ergebnis ist ein neuer Gemeindebrief - entworfen von 9 Gemeinden von Borsfleth bis Horst. Das gab es noch nie. Texte für die Osterzeit, gemeinsame Aktionen und viele Informationen aus unseren Gemeinden und von unseren Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern. 6500 Exemplare. Besonders für die, die nicht im Internet unterwegs sein können.

Dieser Gemeindebrief wird ab Mittwochnachmittag auch nicht-virtuell verteilt werden: In Glückstadt ist er in Boxen vor der Kirche und vor der Kita Nordlichter erhältlich, bei den beiden Edeka-Märkten, im Kasten vor der Tourismus-Info und bei der Bücherstube. Und vielleicht fallen uns noch andere Orte ein...

Unsere Bitte: Bringen Sie den Gemeindebrief auch denen, die gerade nicht raus dürfen und/oder kein Internet haben.

Bleiben Sie gesund und behütet
ich wünsche Ihnen eine gesegnete Karwoche
Ihr
Stefan Egenberger

 

Statt Gottesdienst

Der Engel Gottes

 

Der Engel Gottes lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus. (Psalm 34,8)

Einige von Ihnen wissen es ja bereits: Ich sammle Geschichten. Sie werden mir erzählt, ich finde sie im Internet und in alten Büchern. Aber genau so gerne sammle ich auch geistliche Texte, Gebete und Gedichte. Als Vorrat für schlechte Zeiten. Und das Schöne ist, dass ich sie nicht hamstern muss, dass ich sie weiter verschenken kann. Sie gehen mir nicht aus und können viele reich machen. Heute ist es eine Meditation zu Psalm 34,8. Sie wurde von einer Kollegin verfasst, von Doris Joachim, die als Referentin für Gottesdienst im Zentrum Verkündigung in Frankfurt tätig ist.

 

Engel.
Sie lagern um uns herum.
Sie breiten ihre Flügel aus oder ihre Arme – je nach dem.
Sie schützen nicht vor dem Virus.
Aber vor der Angst.
Das können sie:
Uns die Angst nehmen.
Und die Panik vor dem, was uns beunruhigt.
Engel wiegen uns nicht in falscher Sicherheit.
Aber sie können die verängstigte Seele wiegen.
In ihren Armen oder Flügeln – je nach dem.

Gebet

Jetzt, mein Gott, täten Engel gut.
An unserer Seite und um uns herum.
Denn wir brauchen Mut.
Und Phantasie.
Und Zuversicht.
Darum: Sende deine Engel.

Zu den Kranken vor allem.

Stille

Und zu den Besorgten.

Stille

Sende deine Engel zu denen, die anderen zu Engeln werden:
Ärztinnen und Pfleger,
Rettungskräfte und Arzthelferinnen,
alle, die nicht müde werden, anderen beizustehen.

Stille

Sende deine Engel zu den Verantwortlichen
in Gesundheitsämtern und Einrichtungen,
in Politik und Wirtschaft.

Stille

Und zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
auf der Suche nach Heilmitteln und Impfstoffen.

Stille

Sende deine Engel auch zu denen,
an die kaum jemand denkt – jetzt in der Zeit der Epidemie:
Die Menschen auf der Straße,
die Armen,
die Geflüchteten in den Lagern in Griechenland
und im türkisch-griechischen Grenzgebiet.

Stille

Jetzt, mein Gott, tun uns die Engel gut.
Du hast sie schon geschickt.
Sie sind ja da, um uns herum.
Hilf uns zu sehen, was trägt.
Was uns am Boden hält und mit dem Himmel verbindet,
mit dir, mein Gott.
Denn das ist’s, was hilft und tröstet.
Jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Es grüßt Sie und Euch herzlich
Gabi Schinkel

 

 

Licht der Hoffnung

Eine Kerze als Hoffnungslicht ins Fenster zu stellen, hat in vielen Regionen dieser Welt eine lange Tradition, in Schweden z.B.!

Als es noch keinen Strom gab, war dieses Fensterlicht dort nicht nur Schmuck in der dunklen Jahreszeit, sondern ein wichtiges Zeichen für Menschen, die unterwegs sein mussten. Es bot Orientierung, konnte in rabenschwarzer Nacht schon aus weiter Ferne gesehen werden. Es leuchtete heim und signalisierte Willkommen.

Solche Lichter wurden entzündet für Seeleute, die auf den Meeren vielen Gefahren trotzen mussten, für Bergmänner und Soldaten, die nach dem 2. Weltkrieg vermisst wurden oder noch in Kriegsgefangenschaft waren. Sie brannten in Zeiten der Teilung Deutschlands für die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der getrennten Familien.

Aus dieser Tradition heraus wurde eine Idee geboren, die jetzt durch unser Land und viele Kirchengemeinden zieht. Und der wir uns auch in Glückstadt anschließen wollen. Im Vertrauen auf die Zusage eines Psalmwortes:

„Gott ist denen nahe, die zu ihm beten und es ehrlich meinen. Er erfüllt die Bitten der Menschen, die voll Ehrfurcht zu ihm kommen. Er hört ihren Hilfeschrei und rettet sie.” ( Psalm 146)

Wir werden täglich um 18 Uhr die Glocken unserer Stadtkirche läuten. Und laden Sie ein, zu unserem Läuten eine Kerze zu entzünden und ans Fenster zu stellen. Damit es hinausscheint als Licht der Hoffnung für die Menschen in unserer Umgebung.

Zum Klang der Glocken beten wir in ökumenischer Gemeinschaft für unsere Stadt, unser Land und die Welt. Wir bitten Gott darum, seine Menschen in diesen beängstigenden Zeiten zu begleiten. Jeder Haushalt für sich. Wir halten uns voneinander fern und sind doch füreinander da. Beim gemeinsamen Vater Unser wissen wir uns mit allen verbunden und von Gott gehalten.

Und wenn Sie mögen, können Sie uns auch gerne ein Bild Ihrer brennenden Kerze zukommen lassen, auf unserer Facebookseite, als Anhang einer Mail, als Ausdruck per Post.

Auch wenn Sie sich nicht als religiösen Menschen verstehen oder sich einer anderen Weltanschauung als der christlichen verbunden fühlen, so können Sie mit dem Fensterlicht ein Zeichen des Mitgefühls und  des Dankes aussenden. So möchte ich unsere Kerzen auch verstehen, nämlich als Dank an alle, die jetzt unsere Gesellschaft am Laufen halten.

Stellvertretend für viele geht unser Dank an die,

die sich in den Krankenhäusern, Pflegeheimen und der ambulanten Versorgung um unsere Erkrankten und Hilfebedürftigen kümmern, die als Polizistinnen und Polizisten, bei der Feuerwehr und in den Rettungsdiensten für unsere Sicherheit einstehen, die in Lebensmittelgeschäften, Apotheken und im Logistikbereich für unsere Versorgung arbeiten und die Lieferketten nicht abreißen lassen, die sich dafür einsetzen, dass wir weiterhin Strom und Wasser zur Verfügung haben, dass unser Müll abgeholt wird und wir unseren Arbeitsplatz erreichen können,die sich jetzt ehrenamtlich dafür stark machen, dass diejenigen, die zuhause bleiben müssen, versorgt sind.

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Manche unter uns bangen um ihre wirtschaftliche Existenz. Andere warten noch auf Angehörige, die im Ausland festsitzen. Einige wurden positiv auf das Coronavirus getestet und verbringen nun ihren Alltag in häuslicher Quarantäne. Wir sorgen uns um unsere Eltern und Großeltern. Oder haben schon erfahren müssen, dass Menschen, die wir kennen und lieben, an den Folgen des Virus schwer erkrankt oder gar verstorben sind.

Diese Zeiten verlangen uns viel ab - deshalb brauchen wir Zeichen der Hoffnung. Lasst Sie uns in Gottes Namen aussenden.

Es grüßt Sie und Euch alle im Namen des gesamten PastorInnenteams - Gabriele Schinkel

 

 

Gute Worte für schlechte Zeiten

Was können wir tun gegen das Virus? Eine Menge!

Wir können die Vorgaben der Fachleute befolgen und zu Hause bleiben.

Aber wir sind nicht allein, und wir lassen niemanden allein!

In Gedanken und im Gebet bleiben wir einander verbunden.

Wir können uns gegenseitig bestärken und uns Mut machen durch die Gewissheit, dass wir zusammengehören.

Gute Worte, die uns daran erinnern, dass Gott auch in dieser Zeit bei uns ist, können uns darin bestärken.

Darum hängen seit heute an der Tür der Stadtkirche kleine bunte Papierrollen mit kurzen Texten, Gebeten und Gedanken.

Nehmen Sie sich gerne ein Wort mit! Und teilen Sie es mit Ihren Lieben!

Oder sagen Sie es am Telefon weiter!

Vielleicht wartet in Ihrer Nähe ja jemand darauf.

Und vor allem: Bleiben Sie behütet!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Statt Marktandacht

 

 

 

 

Statt Marktandacht (17. März 2020)

Gerade ist Halbzeit bei der Fastenaktion der Kirche „7 Wochen ohne Pessimismus“.

Das sagt sich so leicht, angesichts der aktuellen Lage. Die einen hamstern Nudeln und Toilettenpapier. Die anderen machen sich darüber lustig. Noch.

Aber viele Menschen beschleicht in diesen Tagen ein mulmiges Gefühl. Da ist dieses Virus, das man nicht sehen kann. Trotzdem scheint es uns immer einen Schritt voraus zu sein. Es hat schon so viel verändert! Im Internet kursieren die wildesten Gerüchte.

Was kann man tun in dieser Zeit? Ich glaube, den Verantwortlichen in Medizin und Politik kann man nur wünschen, dass sie besonnen und nach kluger Überlegung handeln - und das mit der nötigen Tatkraft.

Und man wünscht ihnen auch gute Nerven, angesichts der emotional hoch aufgeladenen Situation.

Aber sind das alles nicht auch Dinge, die wir selber brauchen?

Brauchen wir nicht eine gute Portion Besonnenheit, um nicht in Panik zu verfallen und damit unsere Nächsten nur noch mehr zu belasten? Brauchen wir nicht Kraft, um das alles durchzustehen? 

Und nicht zuletzt:

Brauchen wir nicht auch ein gutes Quantum Liebe, um nicht in wüsten Egoismus zu verfallen und beispielsweise die Läden leerzukaufen? - Da, wo es wirklich gebraucht wird, in den Kliniken und bei den pflegerischen Diensten, herrscht zum Teil Knappheit, weil einigen Zeitgenossen ihr eigenes Wohl wichtiger war, als das aller anderen. -

Angst ist nun mal ein schlechter Ratgeber. - Ist zwar eine Binsenweisheit, stimmt aber trotzdem. 

Und so schlecht stehen die Chancen nicht.

Mir kommt eine kleine Geschichte von Rudolf Otto Wiemer in den Sinn, die mir Mut macht.

Unter der Überschrift „Die Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen“ erzählt sie von einer kleinen Raupe, die mit bemerkenswerter Beharrlichkeit und Sturheit ihren Weg geht.  

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Zwanzig Autos in einer Minute.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.

Die Bärenraupe weiß nichts von Autos.
Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist.
Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.

Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits
Grün wächst. Herrliches Grün, vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen.
Zwanzig Autos in einer Minute.

Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Geht los und geht und geht und geht  - und kommt an.

Die kleine Raupe schafft etwas eigentlich Unmögliches. Eine Raupe auf einer viel befahrenen Straße, das kann nicht gut gehen.

Sie ist klein, sie ist verletzlich. Sie ist schwach. Sie wird übersehen. Und was da auf der Straße heranrollt, das geht weit über ihren Vorstellungshorizont hinaus; da wirken Kräfte, von denen sie keine Ahnung hat.

Geht es trotzdem gut, weil die Raupe an keine Gefahr denkt? Geht es gut, weil sie einfach nur Glück hat? Manchmal gewinnt ja auch jemand im Lotto. Manchmal sogar den Jackpot. Ist sie also einfach mit der Statistik durchgerutscht?

Oder kommt sie vielleicht an, weil sie einen guten Schutzengel hat? Keine Ahnung.

Mir kommt noch ein Text in den Sinn:

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, heißt es im Zweiten Korintherbrief. (2. Kor 12,9 ) 

Ein Allheilmittel oder eine Lebensversicherung ist das nicht.

Aber eine Ermutigung! Und mehr als das:

In wenigen Wochen ist Ostern, das Fest der Auferstehung. Das Fest des Lebens. – Es erinnert daran, dass viel mehr möglich ist, als wir uns jetzt zutrauen.

Haben wir Vertrauen! Wir können es schaffen!

Denn: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Bleiben Sie behütet! Auch vor Pessimismus! Und kommen Sie an!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Statt Gottesdienst - Der Glaube in Zeiten von Corona (15. März 2020)

Viel zu oft habe ich in den letzten Tagen die neuesten Nachrichten über das Corona-Virus auf meinem Smartphone gelesen. Fast stündlich veränderte und verschlimmerte sich die Situation. Was gestern noch galt, ist heute schon wieder hinfällig.
Ich lese von Hamsterkäufen und Einbrüchen in Arztpraxen, um Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel zu stehlen. Die dann zu Wucherpreisen im Internet angeboten werden. Börsencrash und Wirtschaftskrise, Grenzschließungen, Engpässe bei Medikamenten, Geisterspiele und Konzerte ohne Publikum, Besuchsverbote im Krankenhaus, noch mehr Infizierte, noch mehr Tote: Was kommt als nächstes?
Reicht es, wenn ich meine Hände nur mit Seife oder Spülmittel wasche? Habe ich nur eine Erkältung oder doch schon Covid 19? Welchen z.T. auch selbst ernannten Experten kann ich trauen? Und welche Ratschläge sind einfach falsch?
Und dann ertappe ich mich doch dabei, zur Sicherheit das Sparpack Toilettenpapier in den Einkaufswagen zu legen. Ich bin wohl schon infiziert - mit Sorgen und Ängsten.
In solchen Momenten versuche ich, innezuhalten und wieder zur Besinnung zu kommen. So wie es Martin Luther geraten haben soll:
„Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.“
Gefunden habe ich dieses Wort in dem Kalender, der die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche begleitet: Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus. Er steht auf meinem Schreibtisch. Das Motto wurde bestimmt, als noch niemand etwas von Corona und seinen Folgen ahnte. Und doch ist es wie für diese Zeit gemacht. Nicht um unsere berechtigten Sorgen und Ängste klein zu reden. Sondern an das Prinzip Hoffnung zu erinnern, dass gerade in der Geschichte von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu aufscheint.
Wir wissen noch nicht, was alles auf uns zukommen wird, welche Einschränkungen und Abschiede uns vielleicht noch bevorstehen. Nein, es ist längst nicht ausgemacht, dass alles gut wird. Aber Gott ist immer an unserer Seite, wenn es eng wird. Und lehrt uns zu hoffen und zu beten, dass es weitergeht. Diese Hoffnung ist uns mit Ostern versprochen, die gilt.
Es wird sich eigenartig anfühlen, die Botschaft von der Auferstehung nicht gemeinsam in Gottesdiensten feiern zu können. Das hat es so noch nie gegeben. Aber wir werden sie weiter sagen: in der Familie, persönlich am Telefon, in Radio, Fernsehen und Internet.
Wir sind herausgefordert, kreativ zu werden und andere Formen zu finden für Beistand, Seelsorge und gottesdienstliches Feiern. Vielleicht haben Sie da ja auch die eine oder andere Idee - und erzählen uns davon.
Ich wünsche mir, dass wir in diesen schwierigen Zeiten nicht übersehen, mit wie viel Verstand, Mut und Können Gott uns beschenkt hat - uns, unsere Familien und Freundeskreise, unsere Gemeinschaften. Mit Zuversicht kann es uns gelingen, einen Weg durch die Krise zu finden.
So wie in Wien: Dort haben zwei junge Leute in einem Mehrfamilienhaus einen Hilfsbrief für ältere Nachbarn aufgehängt, in dem sie anbieten, Einkäufe und andere Tätigkeiten in der Öffentlichkeit zu übernehmen. Er endet mit den Worten: Gemeinsam steht Wien auch eine Pandemie durch.
Auch solche Nachrichten finden sich im Internet: Gott sei Dank.
Bleiben Sie behütet - das wünsche ich Ihnen im Namen des gesamten PastorInnenteams
Ihre Gabriele Schinkel