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Hoffnungsworte

Gedanken von Pastorin Gabriele Schinkel zum Sonntag, den 14. März 2021

Frohe Ostern Euch allen,

jedenfalls schon ein kleines bisschen.

Obwohl wir noch mitten in der Passionszeit sind, werden wir heute eingeladen, eine kleine Pause einzulegen auf dem Leidensweg. Frühlingsluft zu wittern, Auferstehungshoffnung zu atmen, Sonnenwärme zu genießen. Klein- Ostern wird dieser Sonntag darum genannt.

Elisabet verbringt ihn gerne in ihrem Garten. Sie erinnern sich an diese lebenserfahrene weise Frau? Die Meisterin im Erzählen von Gleichnissen?

Ich besuche sie manchmal in ihrem Paradies. Genauso wie Nele, ihre Enkeltochter. Die hilft aber im Gegensatz zu mir richtig mit und hat dann tausende Fragen an ihre Oma: “Wieso liegt denn Vogelfutter auf deinem Tisch? Der Winter ist doch vorbei.”

“Das sind Sonnenblumenkerne, und die will ich heute einpflanzen. Damit Sonnenblumen daraus wachsen. Die magst du doch so gerne.” Nele nickt. Das sind tatsächlich ihre Lieblingsblumen. Weil sie so groß sind und gelb- wie eine Sonne. Und die kommen aus einem solchen Kern heraus? Sie kann sich das einfach nicht vorstellen. Aber sie hofft, dass Oma recht hat. Denn schließlich hat Oma immer die schönsten Blumen.

Nele darf die Kerne in die Erde legen und dann Wasser darüber gießen. “Oma, woher hast du die Kerne eigentlich?” “Erinnerst du dich an den letzten Sommer? An die Sonnenblumen, die hier gewachsen sind? Die du abschneiden und Papa zum Geburtstag mitbringen wolltest?” Nele erinnert sich genau. Weil Oma es ihr verboten hatte. “ Sie sollten noch länger wachsen, um diese Kerne in der großen Blüte auszubilden. Die Blütenblätter welken, die Blumen vergehen auch, aber die Kerne, die bleiben. Für neue Sonnenblumen- und für die Vögel.”

Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. ( Joh 12,24 )

Mit diesem Bild hat Jesus versucht, seine Freundinnen und Freunde auf seinen Tod vorzubereiten. Das Unsagbare verstehbar zu machen. Ohne viele Worte, aber mit viel Bodenhaftung und Erfahrung. Ein Bild, das dem Abschied eine neue Perspektive gibt. Und im bittersten Leiden und Sterben Hoffnung aufscheinen lässt: Am Ende wird alles gut. Am Ende siegt das Leben über den Tod.

Nicht nur leidenschaftliche Gärtnerinnen wie Elisabet wissen um diesen Kreislauf von Saat und Ernte, von Wachsen und Vergehen. Und verlassen sich auf ihre Erfahrung. In dem unscheinbaren, leblos wirkenden Kern ist schon das Leben zu erahnen, das er in sich trägt. Und das sich entfalten wird mit dem Sonnenlicht und der Wärme im Frühjahr.

Dieser kleine Ostersonntag passt also sehr genau in unsere Situation ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie. Krankheit und Tod haben dieses Jahr geprägt. Die Angst vor einer Ansteckung. Die Trauer um unsere Verstorbenen und unsere Existenzen. Es war ein Jahr der Überforderung, der Erschöpfung und der Einsamkeit. Und ist es noch.

Wir sehnen uns nach mehr Leichtigkeit und Lebensfreude, wir sehnen uns nach der Umarmung unserer Freunde. Wir setzen unsere Hoffnung auf Impfungen und träumen von einem Urlaub am Meer.

Darum feiert die Nordkirche an diesem Wochenende drei Gedenkgottesdienste. Die wir online mitfeiern können. Es geht um die Erinnerung an Menschen, die wir verloren haben. Es geht darum, den Schmerz darüber auszuhalten und zu teilen. Es geht darum, zu trösten. Und von der Hoffnung zu erzählen, die von Ostern her schon in unser Leben scheinen will.

Vielleicht treffen wir uns dort in Gedanken.

Es grüßt Sie und Euch herzlich

Pastorin Gabriele Schinkel


Gott, wir möchten mit dir wachsen,

wie Keimlinge, die sich dem Licht entgegenstrecken,

wie junge Blätter im Mai,

dein Licht und deine Wärme in uns aufsaugen.

 

Gott, wir möchten mit dir wachsen,

in Sonnenschein und Regen,

in Dunkelheit und Licht,

an warmen und an kalten Tagen.

 

Gott, wir möchten mit dir wachsen,

Früchte bringen wie du sie liebst,

Schatten spenden und Trost,

Genährt von deinem lebendigen Wasser

Erzählen vom Leben.

Amen.

( Abwandlung eines Gebetes von Dr. Claudia Süssenbach)

 

 

 

 

 

 

 

Gedanken von Pastorin Birgit Dušková zum Wochenspruch:

 

„Man ist sich in dieser Zeit mehr selbst ausgesetzt! Mir passiert es nun häufiger, dass Erinnerungen an früher hochkommen. Das ist mal wunderschön und manchmal zieht es mich auch erst einmal runter. Einiges erlebe ich fast wie ein zweites Mal.“, erzählt mir eine Frau, die allein lebt. „Manchmal denke ich, ich werde so langsam zu der typischen älteren Dame, die nur noch in der Erinnerung lebt!“, sagt sie dann mit einem Lachen.

Da ich selbst allein lebe, habe ich in der Zeit des Lockdowns ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch mir passiert es oft, dass meine Gedanken in die Vergangenheit wandern. Aber ist das eigentlich ein Problem?

Der Spruch für diese Woche aus dem Lukasevangelium scheint dies nahezulegen:  "Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.", sagt Jesus in diesem Abschnitt, in dem es um die Nachfolge geht.

Ziemlich harte Worte fand Jesus damals für die Menschen, die ihm nachfolgen wollten. Das Reich Gottes, die im Werden verstandene Wirklichkeit Gottes - kann nur der erfassen, der sich für diese öffnet und das alte Vergangene hinter sich zu lassen vermag.

Paradoxerweise leben wir im Christentum gerade auch aus der Erinnerung an das, was in der Vergangenheit geschah. So tauchen wir in der Passions- und Osterzeit noch einmal ein in die alte Geschichte von Leid, Tod und Auferstehung Jesu und schöpfen genau daraus neue Kraft.

So versuche ich auch mit dem herausforderndem Wochenspruch umzugehen. Es geht bei genauer Betrachtung nicht darum, ob etwas zeitlich in der Vergangenheit, Gegenwart oder in der Zukunft liegt, sondern ob es mich mit Gott, der Lebendigkeit und Hoffnung in Verbindung hält oder ob es mich in Hoffnungslosigkeit erstarren lässt. Das Reich Gottes beginnt im Kleinen, predigt Jesus an einer anderen Stelle im Neuen Testament. Also in dem, was wir geneigt sind in der Schnelligkeit des Lebens auch zu übersehen. Also auch Dinge und Erlebnisse, die in der Vergangenheit irgendwie an uns vorbeigerauscht sind. Erinnern kann heißen, eine vergangene Erfahrung wieder hervorzuholen, sie überhaupt erst als das wertzuschätzen, was sie war und welche Bedeutung sie für uns heute hat. Dafür muss eine Erinnerung noch nicht einmal schön sein auch Gedanken an das bestandene Schwere tragen Wertvolles in sich. Sich zu erinnern ist somit nicht gleichbedeutend mit wehmütiger Rückwärtsgewandtheit, sondern kann etwas Hochdynamisches sein, das uns hilft, das Leben neu zu begreifen und die Gegenwart zu bestehen.

In allem, was Sie gerade herausfordert und umtreibt, wünsche ich Ihnen Gottes Segen.

Ihre Pastorin Birgit Dušková

Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

 

 

Corona-Gedenkgottesdienste in der Nordkirche

Startseite Nordkirche - Gedenkgottesdienst
Startseite Nordkirche - Gedenkgottesdienst

 

 

Die Nordkirche wird an diesem Wochenende drei Corona-Gedenkgottesdienste abhalten und live übertragen.

Nähere Informationen hierzu finden Sie hier.

Der Gottesdienst aus unserem Sprengel findet bereits am Samstag, dem 13. März statt und zwar um 17 Uhr. Er wird live übertragen, ist aber später auch noch auf dem YouTube-Kanal der Nordkirche abrufbar.

Lassen Sie uns gemeinsam in diesem Gottesdienst der Opfer der Pandemie gedenken.

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Wort zum Sonntag von Pastorin Gabriele Schinkel

Die Träume von Matti und Sophia- Eine Geschichte für die Fastenzeit

Eines Tages wurde er ein Teil meines Lebens. Von einer Sekunde auf die andere. Ich erwachte nach einer kurzen Nacht, und er stand neben meinem Bett. Und ohne dass er ein Wort gesagt hatte, wusste ich schon seinen Namen: Matti. Merkwürdig- dachte ich später: Wenn am frühen Morgen ein wildfremder Mensch in meinem Schlafzimmer steht, müsste ich mich doch eigentlich erschrecken, meinen Mann neben mir wecken oder die Polizei rufen. Aber Matti war eben kein wildfremder Mensch, sondern mir vertraut wie ein guter Freund. Und zu Hilfe geeilt, weil ich noch keine gute Idee für die Sonntagspredigt hatte. “Erzähl doch einfach von mir und davon, wie ich Gott und die Welt sehe.” Und das tat ich dann auch. Weil viele Gott und  die Welt so sehen wie er.

Alle, die an jenem Sonntag in der Kirche waren, kennen Matti also schon. Allen anderen möchte ich ihn heute vorstellen. Weil er vielleicht in Zukunft öfter hier erscheinen wird.

Matti sitzt auf einer Bank in der Sonne. Das liebt er.

Genauso wie Zitroneneis im Sommer oder Schlittschuhlaufen im Winter.

Oder den Duft von Kaffee und Butterkuchen, die Weihnachtsferien und einen selbst geschriebenen Geburtstagsgruß. Seine Schaffellsocken und das gestreifte Hemd.

Aber am meisten liebt er natürlich Steffi- und Paul, seinen Sohn. Vor ein paar Tagen  ist er sechs geworden.

Ach ja: Matti liebt auch Gott- meistens jedenfalls. Es sei denn, Matti versteht die Welt nicht mehr- und dann ist ihm auch Gott ein Rätsel.

Matti ist fest davon überzeugt, dass  Gott auch ihn liebt- meistens jedenfalls. Es sei denn, er kauft mal wieder eine Plastiktüte oder Erdbeeren im Februar, oder er schimpft über den Autofahrer vor ihm, der so langsam fährt.

Gott und Matti gehörten schon immer zusammen. Gott saß mit auf dem Bett, wenn sein Vater abends mit ihm betete. Oder seine Mutter aus der Kinderbibel vorlas. Gott war an seinem ersten Schultag bei ihm und in der Abiturprüfung. Gott hat ihn getröstet, als sein bester Freund verunglückte. Obwohl er Gott zum Teufel gewünscht hatte. Und ihn erst einmal links liegen ließ.

Gott hat sich über Steffis ersten Kuss gefreut- und Matti natürlich auch.

“Hallo Matti!” Eine Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken. Nein- nicht die Stimme Gottes. Das hätte dramaturgisch jetzt zwar gut gepasst, aber es war eindeutig eine Frauenstimme.

Bitte denken Sie jetzt nichts Falsches von Matti. Matti hat kein einseitiges Gottesbild- aber er kennt die Stimme gut. Es ist Sophia, die Pastorin. Übrigens eine Freundin von Matti und Steffi, sie hat Paul getauft.

“ Willst Du auch Deinen Vitamin D- Speicher auffüllen?” Sophia setzt sich neben ihn auf die Bank- natürlich mit Abstand.

“Vor allem musste ich mal raus, weg vom Bildschirm, die ständigen Videoschalten ermüden mich.”

Matti ist Lehrer, allerdings kein Religionslehrer. Man kann Gott auch lieben, wenn man nicht Religion unterrichtet oder Pastorin ist. Seine Hauptfächer sind Deutsch und Mathematik. Matti liebt seinen Beruf- meistens jedenfalls. Aber Corona stellt diese Liebe ganz schön auf die Probe.

“Ich habe auch manchmal das Gefühl, die Menschen nur noch als Kacheln wahrzunehmen.” Sophia denkt an die Sitzung des Kirchengemeinderates am Abend zuvor. Nach einer Stunde waren alle Themen besprochen. Das wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen. Aber wie hatte sie gestern die Zigarettenpausen vermißt und die Gespräche am Rande. Allmählich zermürbt das Warten auf bessere Zeiten.

“ Vielleicht sind das einfach digitale Ermüdungserscheinungen.Ich habe soviel dazugelernt in den letzten Monaten, soviel ausprobiert  im technischen Bereich. Das ist immer noch eine völlig neue Welt für mich. Das meiste hat auch echt Spaß gemacht. “

“ Paul hat uns am Ostersonntag aus dem Tiefschlaf geholt, weil er unbedingt deine Ostergeschichte auf YouTube sehen wollte.” Sophia lächelt. Sie hatte die Geschichte mit ihrer Handpuppe Olli erzählt. Der kleine Drache begleitet sie hin und wieder, wenn sie in die Kindergärten geht. Wann das wohl wieder möglich ist?

“ Ich finde, dass die Gemeinde auch dazugelernt hat. Wer hätte gedacht, dass Ehrenamtliche begeistert zoomen, Chorproben auch digital funktionieren und unsere Video- Andachten so viele Menschen erreichen? Steffi und mir hat es Spass gemacht, vom Sofa aus im Schlafanzug mitzufeiern. Und wir haben auch sonst tolle Ideen gehabt. Denk doch nur an die Wäscheleine mit den Segensworten oder die Gottesdienste in der Tüte.”

“Aber das war auch anstrengend, Matti. Immer wieder improvisieren, immer wieder neu denken. Und das alles ersetzt nicht das Gottesdiensterlebnis mit allen Sinnen, den Segen mit Handauflegung bei der Konfirmation, die tröstende spontane Umarmung am Grab, weil es anders doch gar nicht geht. ”

“Und was machen wir jetzt? Trübsal blasen? Wir könnten doch schon einmal planen für die Zeit, in der alles wieder anfängt.”

“Ich mag nicht mehr für die Tonne planen. Weihnachten hat mir gereicht.”

“Wir müssen doch nicht für einen bestimmten Tag planen, Sophia. Und wir planen auch nicht, wir freuen uns einfach vor. Vorfreude ist doch die schönste Freude.”

“ Das hört sich nach einem guten Motto für die Fastenzeit an: 7 Wochen ohne Pläne- 7 Wochen träumen.”

“ Und wovon träumst du zuerst?”

Sophia muss darüber nicht lange nachdenken. “Ich träume von dem, was einmal wieder sein wird: Gottesdienste mit unbegrenzter Platzzahl , ein kräftiges “Großer Gott, wir loben dich!” oder “Oh happy day!”. Ohne Maske. Ohne Gedanken an Aerosole. Ohne Hemmungen. Aber bitte nicht im Schlafanzug.”

“Und ich träume von unserem ersten Abendmahl in einer großen bunten Runde. Mit Kinderwagen und Rollator nebeneinander. Es duftet nach frisch gebackenem Brot und dem Parfum von Frau Meier. Und ich rieche kein Desinfektionsmittel mehr. Wir umarmen uns beim Friedensgruß und lassen uns nicht so schnell wieder los.”

“Ich träume von einer Taufe, bei der ich dem Kind das Wasser über den Kopf schöpfe, und es lächelt mich an und umschließt mit seiner Hand meinen Finger. Und ich spüre, dass Gott mit uns feiert.”

Und so saßen die beiden noch eine ganze Weile auf der Bank und erzählten sich ihre Träume.

Und was träumen Sie?

Ihre Pastorin Gabriele Schinkel

Und Gott erschien des Nachts im Traum und sagte: Bitte, was ich Dir geben soll.

( 1. Kön 3,5)

 

 

Gottesdienst am Valentinstag 2021

 

 

"Aber die Liebe ist die Größte…." -

Musik, Texte und Gebete zum Valentinstag

mit Pastorin Gabriele Schinkel, Pastor Thomas-Christian Schröder

und Kantor Florian Hanssen

können Sie nun hier  sehen.

 

 

 

Gute Worte für schlechte Zeiten

Gute Worte für schlechte Zeiten!

 

 

 

 

 

 

Es gibt sie wieder, die

 

Guten Worte für schlechte Zeiten!!

 

made by Pastor Thomas-Christian Schröder

 

 

 

 

 

 

 

 

Andacht mit Taizé-Liedern

 

 

Herzliche Einladung zu unserer

Andacht mit Taizé-Liedern

aus der Stadtkirche Glückstadt -

von und mit

Pastorin Gabriele Schinkel und Kantor Florian Hanssen.

Hier abrufbar ab Sonntag, den 31.01.2021 - 17 Uhr!

 

 

 

Das Wort zum Sonntag von Pastor Thomas-Christian Schröder

Gedanken von Pastor Thomas-Christian Schröder zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 24.01.2021, über 2. Könige 5, 1 - 15


Die folgende Geschichte im Alten Testament mutet an wie ein Märchen - kunstvoll komponiert wie Scheherezades Erzählungen aus 1001 Nacht.

Aber wenn wir genauer hinschauen, ist sie eigentlich ziemlich modern:

 

Naaman, der Heerführer des Königs von Syrien, war an Aussatz erkrankt. Er war ein tapferer Soldat und der König hielt große Stücke auf ihn, weil der Herr durch ihn den Syrern zum Sieg verholfen hatte.

In seinem Haus befand sich ein junges Mädchen, das von syrischen Kriegsleuten bei einem Streifzug aus Israel geraubt worden war.

Sie war Dienerin bei seiner Frau geworden. Die sagte  zu ihrer Herrin: »Wenn mein Herr doch zu dem Propheten gehen könnte, der in Samaria lebt! Der würde ihn von seiner Krankheit heilen.«

Naaman ging zum König und berichtete ihm, was das Mädchen gesagt hatte.  

»Geh doch hin«, antwortete der König, »ich werde dir einen Brief an den König von Israel mitgeben.«

Naaman machte sich auf den Weg. Er nahm 7 Zentner Silber, eineinhalb Zentner Gold und zehn Festgewänder mit.

Er überreichte dem König von Israel den Brief, in dem es hieß: »Ich bitte dich, meinen Diener Naaman freundlich aufzunehmen und von seinem Aussatz zu heilen.« Als der König den Brief gelesen hatte, zerriss er sein Gewand und rief: »Ich bin doch nicht Gott! Er allein hat Macht über Tod und Leben! Der König von Syrien verlangt von mir, dass ich einen Menschen von seinem Aussatz heile. Da sieht doch jeder: Er sucht nur einen Vorwand, um Krieg anzufangen!«

 

Als Elischa, der Mann Gottes, davon hörte, ließ er dem König sagen: »Warum hast du dein Gewand zerrissen? Schick den Mann zu mir! Dann wird er erfahren, dass es in Israel einen Propheten gibt!«

Naaman fuhr mit all seinen pferdebespannten Wagen hin und hielt vor Elischas Haus.

Der Prophet schickte einen Boten hinaus und ließ ihm sagen: »Fahre an den Jordan und tauche siebenmal darin unter! Dann bist du von deinem Aussatz geheilt.«

Naaman war empört und sagte: »Ich hatte gedacht, er würde zu mir herauskommen und sich vor mich hinstellen, und dann würde er den Herrn, seinen Gott, beim Namen rufen und dabei seine Hand über den kranken Stellen hin- und herbewegen und mich so von meinem Aussatz heilen.

Ist das Wasser der Flüsse von Damaskus, nicht besser als alle Gewässer Israels? Dann hätte ich ja auch in ihnen baden können, um geheilt zu werden!«

Voll Zorn wollte er nach Hause zurückfahren.

Aber seine Diener redeten ihm zu und sagten: »Herr, bedenke doch: Wenn der Prophet etwas Schwieriges von dir verlangt hätte, hättest du es bestimmt getan. Aber nun hat er nur gesagt: ›Bade dich und du wirst gesund!‹ Solltest du es da nicht erst recht tun?«

Naaman ließ sich umstimmen, fuhr zum Jordan hinab und tauchte siebenmal in seinem Wasser unter, wie der Mann Gottes es befohlen hatte. Da wurde er völlig gesund und seine Haut wurde wieder so rein wie die eines Kindes.

 

Naaman, heißt wörtlich der "Schöne", u. war ursprünglich ein Beiname des Gottes Adonis.
Der große Naaman, der im Krieg gesiegt hat, scheitert an einem Bakterium, das sich in seinem Körper eingenistet hat. Er hat sich mit Aussatz infiziert. Der bisherige Sieger durchleidet seine vielleicht erste,  vor allem aber seine bitterste Niederlage: Seine Freunde, seine Familie, u. auch die Prominenten, die sich bisher gerne mit ihm sehen ließen – sie alle ziehen sich zurück aus Ekel und aus Angst vor Ansteckung. Auch wenn der biologische Tod vielleicht noch in weiter Ferne ist, das gesellschaftliche Sterben hat schon begonnen.  Naaman der Schöne, wird nun gemieden, wie ein hässliches Monstrum.

Aber ausgerechnet die kleine Sklavin, die allen Grund hätte, ihn, den Anführer derer, die sie verschleppt haben, zu hassen, sie nimmt trotz allem, was man ihr angetan hat, Anteil an dem Leid des einst so großen Mannes. Staunend werden wir Zeugen, dass gerade sie es ist, die den Hinweis gibt, wie die Heilung gelingen kann. Sie folgt ihrem Herzen und lässt sich von ihrem Mitleid leiten.
                                                                                                                          Die Könige dagegen reden aneinander vorbei. So ist das manchmal, wenn die Mächtigen eingefahrenen Denkmustern folgen.

Und was tut Naaman? Er ist es gewohnt, zu befehlen. Aber jetzt erlebt er sich machtlos und hilflos. Einen Ausweg gibt es für ihn nur, wenn er auf jemand anderen hört - ausgerechnet auf eine junge Sklavin, die ganz am anderen Ende der sozialen Leiter steht.  Aber in der Not greift man nach jeden Strohhalm.              Trotzdem bleibt die Frage: Warum hat er gerade auf sie gehört? Wodurch mag sie ihm glaubwürdig erschienen sein? Wir wissen es nicht. Aber wir erfahren: Auf ihr Vertrauen hin will Naamann es mit diesem Propheten, und das heißt in letzter Konsequenz : mit diesem Gott(!),  versuchen.

Manchmal ist es der Glaube der anderen, der uns trägt. Manchmal ist es ihr Vertrauen, das Wege eröffnet.

Nach einigen Verwicklungen ist Naaman endlich an der richtigen Adresse: Mit Ross und Wagen, zahllosen Dienern und einer Wagenladung voller Geschenke hält er vor dem Haus des Propheten Elisa. Voller Erwartung der wunderbaren Dinge, die da geschehen sollen. Aber der Wunderdoktor lässt sich gar nicht sehen. Nur ein kleiner Bursche kommt heraus mit der Anweisung, weiterzufahren und im Jordan zu baden.

Das Bild ist nicht ohne Komik. Aber Naaman findet das gar nicht komisch. In dem Bericht heißt es: »Kann er nicht mal zu mir herauskommen und seinen Gott, beim Namen rufen und seine Hand über meine kranken Stellen halten und mich von meinem Aussatz heilen?

Ist das Wasser der Flüsse von Damaskus, nicht besser als alle Gewässer Israels? Dann hätte ich ja auch in ihnen baden können, um geheilt zu werden!«

Der große Mann, so hilfsbedürftig er ist, er ist beleidigt, ja empört. Da hat er Könige und Regenten in Bewegung gesetzt, um hierher zu gelangen, und dann soll er in einen modderigen Fluss steigen?!                                                                        Er fühlt sich zum Narren gehalten.

Ich kann den armen Kerl verstehen. Auch ich habe oft meine eigene Meinung darüber, wie GOTT eingreifen, wie ER helfen soll. Gerade jetzt in der Corona-Krise, da ist doch wohl klar, was geschehen muss, damit sich die Lage bessert!  Allerdings hat wohl jeder und jede eine andere Meinung darüber, was jetzt Not täte.                                                                                                                    Herrjeh! Was soll er denn nun tun, der „liebe Gott“?                                                                                                                

Aber, das ist das Schöne an dieser Geschichte. Sie sagt, wir sind lernfähig!         Es kann vorangehen, wenn wir mit uns reden lassen. Das kostet gar nicht immer heroische Selbstüberwindung. Oft nur ein wenig nachgebende Einsicht.

Und noch einmal sind es die „kleinen Leute“, die „namenlosen, angeblich so unbedeutenden Nebenfiguren des Dramas“, die die Sache am Ende doch noch auf den richtigen Weg bringen. Die Diener des Naaman reden ihm gut zu.             „Herr, bedenke doch: Wenn der Prophet etwas Schwieriges von dir verlangt hätte, hättest du es bestimmt getan. Aber nun hat er nur gesagt: ›Bade dich und du wirst gesund!‹ Solltest du es da nicht erst recht tun?“                                              – Es ist ihre ganz schlichte Alltags-Logik; aber sie trifft den Nagel auf den Kopf. Und Naaman lässt sich darauf ein. Er kehrt um und wird geheilt.

Aufeinander hören und mit sich reden lassen – das zieht sich wie ein roter Faden durch diese Geschichte. Die eingefahrenen Bahnen verlassen u. sich neue Wege zeigen lassen.                                                                                                         Oft ist es gerade das Ungewohnte, auf den ersten Blick vielleicht sogar Verstörende, aus dem ein heilsamer Neubeginn erwachsen kann – und das kann dann sein, wie die Geburt in ein neues Leben.

Amen.

 

 

Gedanken zum Sonntag, den 17.01.2021, von Pastorin Gabriele Schinkel

Zeichen setzen

Heute lade ich Sie ein, mich auf eine Hochzeitsfeier zu begleiten. Das ganze Dorf, aus dem das Paar stammt, wird auf den Beinen sein. Und ein paar Promis haben sich auch angesagt. Jedenfalls werden die Gastgeber keine Kosten und Mühen scheuen, damit es ein rauschendes Fest wird. Denn schließlich wird eine große Liebe gefeiert. Zwei Menschen freuen sich auf ihre Zukunft. Und alle sollen an dieser Freude teilhaben. Eltern und Geschwister. Freunde. Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, Großeltern, Nichten und Neffen. Einige nehmen dafür eine weite Reise auf sich.

Und alle sollen Spaß haben. Sie sollen gut essen und trinken. Sie sollen fröhlich sein. Sie sollen singen und tanzen. Das Leben ist schön.

Sie zögern? Fragen sich, wo denn ein solches Fest gefeiert wird? Schließlich sind doch alle Gaststätten geschlossen. Und wir unterliegen strengen Kontaktbeschränkungen. Singen und Tanzen in geschlossenen Räumen? Undenkbar. Mit Maske und Abstand will doch keiner feiern. Und deshalb sind die meisten Hochzeiten verständlicherweise abgesagt worden. Auch hier in Glückstadt.

Nein, ein solches Fest passt einfach nicht in diese Zeit. Und Sie haben Recht. Ehrlich gesagt liegt diese Feier schon einige Jahre zurück, genau genommen gut 2000 Jahre. Aber alles andere stimmt. Der ganze Ort Kana hat diese Hochzeit mitgefeiert, und Jesus war mit seiner Mutter unter den Gästen. Glücklicherweise, denn ohne ihn wäre der Wein nicht mehr in Strömen geflossen.

Vielleicht haben die Gäste tiefer als erwartet in die Gläser geschaut. Vielleicht hat der Hochzeitsplaner die Menge nicht richtig berechnet. Vielleicht wurde auch zu wenig geliefert. Egal- es wäre äußerst peinlich, eingestehen zu müssen, dass der Wein alle ist. Die Freude wäre getrübt, die Feier zuende und der schönste Tag im Leben des jungen Paares zum Albtraum geworden.

Jesus handelt und verwandelt Wasser in Wein. Richtig viel. Davon können die Gäste lange trinken. Sie können weiter feiern und fröhlich sein. Mit Wein, der sogar noch besser schmeckt als der davor.

Kaum einer bekam damals mit, dass dies einem Wunder zu verdanken war. Und das war ganz im Sinne Jesu. Er hat ja oft das Reden über die Zeichen seiner Macht verboten. Denn die göttliche Kraft in ihm- und in jeder und jedem von uns- ist keine Kraft zum Angeben oder Vorzeigen. Sie entsteht aus der Verbundenheit mit Gott und will etwas Gutes bewirken für die Menschen, real und symbolisch. Vordergründig geht es um einen guten Tropfen und die Rettung eines Festes, aber eigentlich will das Weinwunder von der Fülle des Göttlichen erzählen, die das Leben liebt und feiert.

Wo diese göttliche Kraft wirkt, ist Hoch-Zeit, Freude und Fülle mitten im Leben.    

Johannes stellt dieses Wunder an den Anfang seines Evangeliums, an den Anfang des Wirkens Jesu. Nennt es das erste Zeichen für seine Göttlichkeit.

Ja, Jesus setzt ein Zeichen. Macht deutlich, für welches religiöse und letztlich auch politische Programm er steht:       

Es geht immer um mehr als das Nötige für alle.

Es geht sogar um mehr als das Mögliche.

Es geht um das Gute von Gott. Um das gute Leben. Um das Leben, das nicht eingeschränkt ist, nicht abgebremst. Um das Leben, das stärker ist als menschliche Sorge und Leid, das sogar stärker ist als der Tod. Um das Leben, das bleibt. Und das allen gilt.

Und das wir hoffentlich schon bald wieder feiern können, ohne Einschränkung und Abstand, singend und tanzend, mit allen, die unserer Einladung folgen. Und wir trinken dann Wein und brechen das Brot. Mit viel Freude. Und als Zeichen. So ist es, wenn Jesus kommt. So wird es einmal immer sein. Bei ihm und mit ihm.

 

Wir beten: 

Gott,

dein Licht und deine Liebe leuchten in Jesus auf.

In diesem Licht danken wir dir:

Für alles, was wir sind und haben.

Für alle gelingende Gemeinschaft.

Für die Menschen, die uns anvertraut sind.

( Nennung eigener Anliegen)

 

In diesem Licht bitten wir dich:

Für die Menschen in Armut.

Für die Heimatlosen und Flüchtlinge.

Für die Verzweifelten und Trauernden.

Für die Kranken und Sterbenden.

( Nennung eigener Anliegen)

 

Gott,

komm mit deinem Licht in unser Leben,

dass wir weitergeben von deiner Liebe und Fülle.

Amen.

 

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pastorin  Gabriele Schinkel

 

 

Gedanken zum Sonntag von Pastor Stefan Egenberger

Das Kapitol, die Demokratie und ein verlorenes Schaf.


Die Bilder aus dem Kapitol, der Herzkammer der amerikanischen Demokratie, hat wohl jeder gesehen: wie eine aufgepeitschte Menge an den hilflosen Polizisten vorbei in das Kapitol eindringt, um die Bestätigung der Wahl Bidens zumindest zu verzögern, wenn nicht zu verhindern. Doch noch erkämpfen, dass der Verlierer weitermachen kann. So hat es der Verlierer Trump selbst vorgemacht: Weil nicht sein kann, was sein darf. Und wenn die Wahl nicht das richtige Ergebnis bringt, dann wird eben die Wahl diskreditiert und mit ihr die Institutionen, die für die Demokratie stehen.


Demokratie lebt davon, dass die Verlierer akzeptieren, dass die Sieger für die nächste Zeit die Entscheidungen treffen. Und damit lebt Demokratie auch davon, dass es zwischen den Siegern und den Verlierern irgendwo noch eine Verbindung gibt, eine Übereinkunft, etwas, das größer ist als seine Teile und die unterschiedlichen Parteien vereint.


Dass diese Übereinkunft erodiert, dass haben nicht nur die Ergebnisse der letzten Woche in Amerika gezeigt. In Berlin haben selbsternannte Querdenker versucht, in den Reichstag zu gelangen. Andere wurden von der AfD eingeladen, im Reichstag ihre Respektlosigkeit gegenüber Andersdenkenden und gegenüber der Demokratie selbst auszudrücken.


In dieser Situation, in der es nach der Flüchtlingskrise nun in der Coronakrise immer wieder Kommunikationsabbrüche gibt, Sprachlosigkeit und schärfsten Streit, spricht mich das leicht verstaubte Gleichnis vom verlorenen Schaf neu an. Jesus erzählt es, als ihm die Pharisäer und Schriftgelehrten vorhalten, dass es mit denen spricht, mit denen man keinen Kontakt haben sollte. Und Jesus macht diese Grenzziehung nicht mit, sondern öffnet seine Gemeinschaft für alle, die es wollen. Der gute Hirte sucht die Verlorenen.


Damals war das Gleichnis eine Provokation – und heute wieder: sich nicht in die eigene Selbstgefälligkeit zurückzuziehen und Kontakt nur mit denen zu haben, die genauso sind und genauso denken wie man selbst. Die Grenzen zu verschieben, wo ich trotzdem mit jemandem diskutiere, auch wenn ich verzweifeln könnte. Mit der eigenen Meinung nicht hinter dem Berg halten, aber das Spiel der Konfrontation, welches die Trumps und Putins und Gaulands mit uns spielen wollen nicht mitspielen.


Einen gesegneten Sonntag Euch allen - wünscht

Stefan Egenberger

Wie die Weisen

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Wie die Weisen

 

Wie die Weisen

prüfen und abwägen

beobachten und berechnen

 

wie die Weisen

neugierig sein

und auf der Spur bleiben

auswählen und verwerfen

 

wie die Weisen

forschen und Ausschau halten

lehren und lernen

 

wie die Weisen

suchen und aufspüren

und mit den Freunden

ein Ziel vor Augen haben

 

wie die Weisen

sicher sein und dem Stern folgen

nachfragen und auf Antwort warten

 

wie die Weisen

die Ratlosigkeit

der Mächtigen ertragen

unterwegs sein und ankommen

 

wie die Weisen

Geschenke machen und anbeten

Träumen und Gottes Weisung erfahren

 

wie die Weisen

hören und entscheiden

aufbrechen und unterwegs sein

 

wie die Weisen

sich nicht irre machen lassen

umkehren und den Weg ändern

 

wie die Weisen

den König suchen und das Kind finden

den Herrn suchen

und den Knecht finden

 

wie die Weisen

nach den Sternen greifen

und den Menschen finden.

Gedanken zur Jahreslosung von Pastorin Birgit Dušková

Liebe Gemeinde,

die Jahreslosung für das neue Jahr 2021 steht in Lukas 6,36 und lautet:

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

 

Ich muss zugeben, dass die Jahreslosung mich beim ersten Lesen nicht so richtig zu packen vermochte. Vielleicht liegt es daran, dass ich sie zunächst einmal wie einen Appell wie eine Forderung höre. Das vergangene Jahr war angefüllt von Appellen: Tragt eine Maske! Wascht Euch die Hände! Haltet Abstand! Die Verhaltensregeln sind vernünftig in der Situation einer Pandemie, das ist vollkommen klar. Aber gerade, weil die Gegenwart von uns so Einiges abverlangt, sehne ich mich im Bereich des Glaubens nach Worten, die entlasten. Und nun beginnt das Jahr mit einem weiteren Appell „Seid!“….

Und dann das Wort „Barmherzigkeit“! Ein wirklich altes Wort, welches in unserer Alltagssprache nicht vorkommt und damit erklärungsbedürftig ist.

Aber wie ich dem neuen Jahr eine Chance geben will,

so will ich es auch mit der Losung versuchen… Ich lese den Satz mehrmals und versuche es sprachlich noch einmal genauer zu verstehen. Vielleicht liege ich ja mit meinen ersten Assoziationen auch nicht richtig. Ein Blick in den Originaltext kann da vielleicht helfen.

Im griechischen Original steht das Wort „ginomai“, welches in der offiziellen Fassung mit „Seid“ übersetzt wird. Sprachlich passender – so einige Gelehrte- sei aber die Übersetzung mit „Werdet“. „Werdet!“ meint einen Prozess, in dem ich Schritte vor und zurück machen kann. Ich muss nicht auf Knopfdruck perfekt reagieren, sondern kann in etwas hineinwachsen. Und weiter: das Wort „barmherzig“ ist die Übersetzung des griechischen Wortes „oiktirmon“. In der damaligen Zeit mussten die Menschen bei diesem an das hebräische Wort „racham“ denken, welches je nach Zusammenhang mit „Barmherzigkeit/ Erbarmen“ oder auch „Mutterschoß /Gebärmutter“ übersetzt werden kann. Barmherzigkeit meint also eine liebende Zugewandtheit wie sie eine Mutter ihrem Kind gegenüber an den Tag legt. Gemeint ist eine Haltung, die dem anderen Raum gibt sich zu entfalten, versteht und auch bereit ist, Fehler zu verzeihen.

Nach diesem kleinen Exkurs wird für mich „ein Schuh draus“ mit dem ich gut in das neue Jahr gehen kann. Barmherzigkeit kommt nur von Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist ein Gegenmittel gegen alle Forderungen nach Perfektion. Gott, der Barmherzige schaut mich wie eine liebevolle Mutter an, lehrt mich selbst liebevoll verzeihend anzusehen und aus diesem heraus auch andere ebenfalls barmherzig anzusehen. Gemeint es ist meiner Ansicht nach nicht Dauersanftmütigkeit, welche künstlich wäre, sondern unsere Fähigkeit einander zu verzeihen auch nach einem Konflikt, ja sogar nach der Wut. Ich mache Fehler und bin noch im Werden und der andere macht auch Fehler und ist noch im Werden und noch sind wir inmitten einer Ausnahmesituation!

 

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes neuen Jahr 2021!

Ihre Pastorin Birgit Dušková

 

Ökumenische Jahresschlussandacht

 

 

 

 

Erleben Sie heute um 17 Uhr online die ökumenische Jahresschlussandacht

mit Pfarrer Kirchhoff und Pastor Schröder.

 

 

 

 

 

 

Gedanken zum 1. Sonntag nach Weihnachten von Pastor Thomas-Christian Schröder – über Lukas 2, 25 - 38

Liebe Gemeinde!

Im Lukasevangelium zum heutigen Tag lesen wir:

„Ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm.                                                                                                             

Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.                                     

Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:
Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern,
ein Licht zur Erleuchtung der Heiden
und zum Preis deines Volkes Israel.
Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde.                                                                                                                 

Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.
Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.                                               

Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.“


Zwei Pole sind es, zwischen denen sich diese Episode im Tempel von Jerusalem bewegt.
Den einen Pol bilden Simeon und Hanna.
Sie stehen für das Alte.
Sie sind weise, abgeklärt und lebenssatt.
Der andere Pol ist Christus selbst.
Das kleine Jesuskind.
Es steht für das Neue.
Es ist jung, kaum geboren, frisch und hoffnungsvoll, leuchtend und zukunftsweisend.

Beide Pole Simeon und Hanna einerseits – und Jesus andererseits, sind Repräsentanten je eines Teils unseres Glaubens.
Simeon und Hanna stehen für die uralte jüdische Tradition der Väter und Propheten.
Sie stehen für den Alten Bund, den Gott mit Abraham und Moses geschlossen hat. Generationen um Generationen haben diesen Glauben, diesen Bund gelebt im Auf und Ab der jüdischen Geschichte.
Auf der anderen Seite repräsentiert Jesus den neuen Aufbruch, die Offenbarung Gottes für ALLE Menschen.
Er ist der Heiland, der Messias für die ganze Welt.

Der Ort, an dem die beiden sich begegnen, ist der Tempel. Ein heiliger Ort, an dem das Göttliche sich mit dem Menschlichen verbindet, und das Neue mit dem Alten.

Was hat das alles mit uns heute zu tun?

Simeon und Hanna waren Wartende.
Von Simeon heißt es, er wartete auf den Trost Israels.
Wer Trost braucht, dessen Seele ist verletzt.  Wer auf Trost wartet, der hat Leid erfahren.                                                                                                    

Simeon wartet. Aber dennoch ist es kein resigniertes Warten.
Wenn jemand auf Trost von Gott wartet, dann hat der oder die Wartende immer  noch Vertrauen zu Gott. Er oder sie  will etwas von ihm, will ihm entgegensehen, entgegengehen.
Das Warten gehört zum Glauben dazu.
Simeon wartete auf „den Christus des Herrn“, so heißt es in der Luther Bibel.
„Der Christus des Herrn“, das ist der Gesalbte Jahwes, der Messias, der Israel verheißen ist und der kommen soll zum Heil und zur Rettung des Volkes Gottes.
Auf diesen Messias warten die Juden heute noch.
Aber auch wir Christen warten auf ihn, wenn wir es recht bedenken.
Wir glauben, dass Gott sich in Jesus Christus offenbart hat.
Er ist zur Welt gekommen, um uns seine Gnade und Liebe zu schenken.
Aber er ist auch wieder gegangen.
- Er ist gegangen mit dem Versprechen seiner Wiederkunft.
Und von daher gehört das Warten sowohl zum jüdischen wie auch zum christlichen Glauben dazu.


Beide, Juden und Christen, warten auf das Reich Gottes.
Beide Religionen sind nach vorne, in die Zukunft, gerichtet.
Bei beiden haben Menschen wie Simeon und Hanna, auch wenn sie alt und grau sind, Hoffnung.
Hoffnung darauf, dass GOTT unsere Welt nicht im Stich lässt.
Warten hat immer auch etwas mit Hoffnung zu tun.
Und hoffendes Warten ist kein Leerlauf und kein Resignieren, sondern es ist eine Art inneres Vorbereiten.
Wenn jemand hoffend wartet, dann lässt er nicht alle Fünfe gerade sein, sondern er geht dem Erhofften entgegen.  Er setzt sich ein, er übernimmt Verantwortung.
Und so haben sich der christliche und der jüdische Glaube immer auch verstanden, als ein aktiver Glaube, als ein hoffender und wartender, aber eben auch verantwortlicher Glaube.
Juden und Christen haben immer schon Verantwortung übernommen, Verantwortung für die gegenwärtige Welt und Verantwortung vor dem kommenden Reich Gottes.

Und was erwarten wir heute? Vielleicht noch nicht gleich das Reich GOTTES.  Aber was steht uns im neuen Jahr bevor?

Wir denken an alle die Menschen, deren Existenz das Coronavirus gesundheitlich oder wirtschaftlich gefährdet oder gar zerstört hat und wahrscheinlich noch zerstören wird.
Wie viele wird es im kommenden Jahr schicksalhaft treffen, durch Krankheit, Pleite, Jobverlust?

Was wird dieses Jahr 2021 für mich privat bringen oder auch nicht bringen?
Gibt es neue Perspektiven für mich oder kommen Katastrophen?
Werde ich das, was ich erwarte, auch erreichen?
Werde ich das, worauf ich hoffe, auch erleben und sehen und erfahren?

Vielleicht hängt das, was ich erlebe und was mir wiederfährt, aber auch davon ab, was ich darin sehe, und wie ich es deute.                                                                          

Denn, was erblicken Simeon und Hanna damals im Tempel?
Zunächst nichts anderes als ein junges Ehepaar mit einem kleinen Säugling. Nichts Ungewöhnliches.                                                                                      

Aber Simeon und Hanna sehen mehr, sie sehen hinter diesem Kind den Messias, den Heiland.
Diese zwei alten Menschen sahen mehr als die anderen sahen.
Denn sie sahen mit den Augen des Glaubens – mit den Augen des Herzens!

Auch heute noch, auch in unserem Leben gibt es Augenblicke, in denen wir durch das Unscheinbare und Gewöhnliche hindurch das Wunder Gottes erblicken.
Es gibt Momente, in denen wir durch die Oberfläche in die Tiefe der Dinge schauen und in denen wir trotz allem Stückwerk unseres Lebens die großartige Vollendung Gottes ahnen.
- Es sind Augenblicke, die unser Herz höher schlagen lassen; jene Augenblicke, die wir um keinen Preis missen wollen.


Bei Simeon war es das Kind, das er behutsam in seine Arme nahm und das ihm Trost gab.
In diesem Kind – in diesem neuen Leben, diesem wunderbaren Neu-Anfang - erkannte der alte Simeon das Leben – das Leben, das sich immer wieder erneuert, das nicht aufhört, das immer wieder neue Hoffnung schenkt - das ewige Leben. Und dieses Leben kommt von GOTT.
Es ist beinahe wie die Szene im Stall von Bethlehem.
Der alte Simeon hält das Jesuskind in seinen Armen, geborgen wie in der Krippe, und alle stehen darum herum, und er verkündet, wie die Engel: „Dieser ist der Heiland, das Licht zum Heil der Völker und zum Trost Israels.“

Ich muss dabei an jenen alten Mann denken, der an Krebs verstarb:
Er hatte 4 Enkel und einen Urenkel von 3 Monaten.
In den letzten Tagen seines Lebens gab es für ihn keine größere Freude als die, dass man sein „Urenkelchen“ neben ihn ins Bett auf ein Kissen legte.
Das war sein großer Trost in all dem Schmerz.
Ich denke, dass es diesem Mann so ging wie Simeon:
Er sah in seinem Urenkel das Leben, das sich immer wieder erneuert, und die Hoffnung, die immer wieder neu entzündet wird.
Für jenen Mann war der Säugling das Bild des Lebens schlechthin - und damit sein wunderbarer Trost.

Das Alte und das Neue, Vergangenes und Zukünftiges, Sterben und Geborenwerden, Tod und ewiges Leben, all das liegt in Gottes Hand.
Manchmal ringen wir um Trost.
Manchmal schenkt uns das Leben aber auch großen inneren Reichtum und Freude; und wir verspüren einfach nur Dankbarkeit, tiefen inneren Frieden.

Lassen Sie uns den Glauben daran festhalten, wenn wir in das neue Jahr gehen – denn „wenn Christus für uns ist, wer oder was wollte dann gegen uns sein?!“
Amen.

Ihr Thomas-Christian Schröder

 

 

Gedanken zu Weihnachten von Pastorin Birgit Dušková

Foto by pixabay.com

„Viel höher geworden als die Engel“

Ich erinnere mich an einen Abend auf einer Jugendreise nach Lettland. Nach dem Grillen am Lagerfeuer gingen wir in einem nahegelegenen See schwimmen. Wir schwammen hinaus auf den See und lachten dabei. Beim Schwimmen drehten wir uns auf den Rücken und blickten in dieser klaren Nacht in einen atemberaubend schönen Sternenhimmel. Auf einmal verstummten alle. Schweigend ließen wir uns in dem dunklen warmen Wasser treiben und staunten das Himmelsfirmament an. „Was bin ich nur für ein kleines Wesen in diesem unendlichen Universum…!“ dachte ich bei mir. Ich sprach es nicht aus. Es war auch nicht notwendig. Ich ahnte, dass die anderen, die mit mir waren ganz Ähnliches dachten.

An diesen Moment damals auf dem See musste ich denken als ich neulich einen Podcast über die naturwissenschaftliche Theorie und Forschung über die Entstehung des Kosmos und den Glauben an den einen Schöpfergott hörte. Klar, die Erschaffung der Erde in sechs Tagen, wie sie in der Bibel berichtet wird ist eine mythische Erzählung, die einer naturwissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält. Und doch, so beschreibt es ein Astrophysiker in dem Beitrag, gleicht schon der erste Augenblick unseres Universums einem Wunder. Denn nicht nur Raum und Zeit, Teilchen und Licht entstanden in dem Feuerball, sondern auch die Naturgesetze der Gravitation und Schwerkraft. Vor 15 Milliarden Jahren entschied sich, wie schwer ein Stern werden darf, wie hoch ein Delphin aus dem Wasser springen kann und wie weit ein Ball geworfen werden kann. Die Urkräfte Schwerkraft und Gravitation, also Anziehung und Ausdehnung entstanden genau in dem Maß, damit sich alles was ist sich bilden konnte. Astrophysiker und Kosmologen sind sich einig – heißt es in dem Beitrag, dass am Anfang die Kreativität stand. Und diese kreative Dynamik ist weiterhin wirksam. Das Universum ist nicht ein statisches in sich geschlossenes System, sondern fortlaufend im Werden und damit prinzipiell offen. Diese Erkenntnisse erfüllen die Wissenschaftler mit Staunen und Ehrfurcht. Hinter allen beobachtbaren Phänomenen und im Universum wirkenden Kräften können einige sogar eine andere geistige Kraft erahnen – ja vielleicht doch Gott, den Schöpfer?

Nachdem die Weihnachtsgeschichte an Heiligabend unseren Blick auf die verletzliche Menschlichkeit des frisch geborenen Christuskindes lenkte, betont der Predigttext für heutigen 2. Weihnachtstag Hebräerbrief 1,1-4 indes die kosmische Hoheit und Majestät Jesu Christi. „Viel höher geworden als die Engel“ heißt in diesem über den Sohn Gottes. Genau diese Verbindung ist die Botschaft von Weihnachten: in Jesus Christus verbindet sich der geheimnisvoll große Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde mit zerbrechlicher Menschlichkeit.

Mir persönlich tut es gerade in dieser angespannten Gegenwart gut, meinen Blick in den Himmel zu richten und dabei  zu fühlen und zu glauben: mein kleines zerbrechliches gefährdetes Leben liegt in den Händen Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat, der auch durch Katastrophe, Krankheit und Tod hindurch immer wieder neues Leben schafft.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten 2. Weihnachtstag

Ihre Pastorin Birgit Dušková

 

 

Gedanken zum Weihnachtsfest von Pastorin Gabriele Schinkel

Mach`s wie Gott, werde Mensch !

Eine fürchterliche Erkältung hatte mich in das Wartezimmer eines Arztes geführt. Und ich war nicht die einzige. Neben mir saßen eine Mutter mit ihrer Tochter, die gerade das Laufen gelernt hatte, und ein alter Mann, der verschlossen und grimmig vor sich hin starrte, auf mein „Guten Morgen!“ gar nicht reagierte. Er habe es nicht leicht gehabt in seinem Leben- so erzählte man es sich in unserem Dorf.

Da passierte es, dass das Kind direkt vor ihm stürzte und sein Spielzeug verlor. Noch ehe die Mutter eingreifen konnte, hatte er die Kleine wieder auf die Beine gestellt und den Teddy in ihre Hand gedrückt. Die Verbitterung war aus seinem Gesicht gewichen, weich und liebevoll sahen seine Augen das Kind an.

Seit diesem Erlebnis kenne ich einen der Gründe, warum Gott als Kind in diese Welt gekommen ist: Um die guten Kräfte zu mobilisieren, die in uns angelegt sind, aber vom Leben verschüttet wurden. Die Kraft zur Liebe, die Fürsorge für die Schwachen, die auf uns angewiesen sind, die Freude am Leben und das Staunen, wie wunderbar doch ein Leben ist. Gott, ein Kind- ein liebender Gott, der nicht ohne uns sein will, der unsere Liebe braucht und uns diese Welt und alle Lebewesen auf ihr anvertraut hat.

Gott ist Mensch geworden, das feiern wir an Weihnachten; aber was das wirklich heißt, machen wir uns nur selten klar: Er war so klein wie unsere Kinder, wenn sie zur Welt kommen, genauso wehrlos, runzelig und rot, genauso rührend- und er hat mit Sicherheit bei allen, die ihm begegnet sind, dasselbe hervorgerufen, was heute ein Kind hervorruft. Wir stellen unsere eigene Bequemlichkeit zurück, stehen mitten in der Nacht auf, um zu trösten oder zu füttern. Hier muss ich nicht befürchten, dass meine Liebe abgelehnt oder als lästig empfunden wird oder ausgenutzt. Hier kann ich meine Panzer ablegen. In der Wissenschaft wird vom „Kindchenschema“ gesprochen, wenn der uralte Instinkt geweckt wird, dieses Kind, das in meinen Armen liegt, vor den dunklen Seiten unserer Welt zu bewahren.

Gott, ein Kind. Weil er sein will wie wir. Und alles so erleben, wie wir es erleben. Hunger und Durst, Freundschaft und Feindschaft, Liebe und Verrat, Lachen und Weinen, Freude und Trauer, Bäder in der Menge und tiefste Einsamkeit. Deshalb beten wir jetzt nicht mehr zu einem Gott, der unnahbar und unangreifbar über uns schwebt und keine Ahnung hat von dem, was unser Leben ausmacht. Wir beten jetzt zu einem Fachmann für unsere Welt und unser Ergehen. Er weiß, wie weh uns unser Leid tut, wie sehr Hunger schmerzen kann, wie es ist zu sterben. Und kann uns darum auch zeigen, dass das Leben uns nicht hart machen muss, dass es immer einen Ausweg gibt. Dass wir in allen Ungerechtigkeiten dieser Welt die Liebe füreinander bewahren können.

Gott hatte schon immer eine Schwäche für das Unscheinbare und Kleine. Immer wieder war es ein Kind, an dem sein erwähltes Volk Israel das erkennen sollte, an Mose z.B. Und Israel selbst war ja auch kein bedeutendes und mächtiges Volk. Sicher, es werden viele versuchen, dieses Kind des Himmels klein zu halten, es nicht wachsen zu lassen, damit das alte Leben und die Unterdrückung weitergehen. Sie werden ihm die Tür vor der Nase zuschlagen. Aber das Kind wird trotzdem wachsen. Es hat eine andere Form der Macht- die Macht der Liebe. Sie öffnet Herzen.

Wir werden den Himmel suchen müssen, wo wir ihn am wenigsten erwarten. In unseren Dunkelheiten, unserer Nacht, in unserer Not. Da fängt der Himmel an, unscheinbar, klein, alltäglich, aber wirklich. Wir brauchen nur etwas Geduld.

An Weihnachten hat das Kind in der Krippe die besten Seiten in den Hirten, den Weisen und vielen anderen hervorgelockt. Vielleicht gelingt das auch bei uns.

Gesegnete Weihnachten wünscht

Ihre Pastorin Gabriele Schinkel

 

 

 

Statt Gottesdienst am Heiligen Abend

 

 

 

Liebe Gemeinde,

am Heiligabend können Sie auf YouTube

ab 14:00 Uhr ein Glückstädter Krippenspiel ansehen, wenn Sie diesen Link betätigen: Krippenspiel

 

ab 16:00 Uhr ist das Weihnachtsoratorium zu hören, außerdem wird die Weihnachtsgeschichte gelesen. Dieses Video können Sie sehen, wenn Sie folgenden Link betätigen: Weihnachtsoratorium

 

und ab 17:00 Uhr können Sie einen kompletten Weihnachtsgottesdienst erleben, wenn Sie auf diesen Link klicken: Weihnachtsgottesdienst.

 

Wir wünschen Ihnen von Herzen: Fröhliche Weihnachten!

 

 

 

 

 

 

Predigt zum 4. Advent von Pastor Thomas-Chrstian Schröder

Liebe Gemeinde,

als Predigttext für den 4. Advent ist uns ein Abschnitt aus dem Alten Testament vorgegeben:

1 Der HERR erschien Abraham im Hain Mamre, während er am Eingang seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war.

2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen vom Eingang seines Zeltes und neigte sich zur Erde.
9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt.

10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Wand. des Zeltes.

11 Aber beide, Abraham und Sara, waren alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise.

12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren? Und auch mein Herr ist alt!
13 Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin?

14 Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.

15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Das „Lachen“ steht im Mittelpunkt unseres Textes. Sara lacht, weil ihr ein Sohn versprochen wird. Isaak werden sie ihn später nennen. Das ist ein Wortspiel mit dem hebräischen Wort für „Lachen“.

Der 4. Adventssonntag ist ein Sonntag, der vom Wochenspruch über die Musik bis zum Predigttext geprägt ist von der überschäumenden Freude: Ein Kind ist auch uns verheißen! Der große unfassbare Gott will ZU UNS kommen in einem Kind! „Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß.“ Deshalb: „Freuet euch! Und abermals: Freuet Euch!“

Aber in diesem Jahr hat die Freude einen schalen Beigeschmack. Fast alles, was für uns in einem normalen Jahr die Vorfreude auf Weihnachten ausmacht, ist dieses Jahr dem Virus zum Opfer gefallen: Weihnachtsmärkte, das Besuchen von Verwandten, Plätzchen mit Freunden oder Nachbarn bei einer Tasse Kaffee, der adventliche Bummel durch belebte erleuchtete Straßen - …                                         

Wie kann es Weihnachten werden ohne all das? Und – viel schlimmer - hunderttausende Menschen sind erkrankt, sie haben die Angst vor einem positiven Testergebnis durchlebt, haben womöglich Angehörige und liebe Menschen an das Virus verloren oder leiden unter Folgen der Erkrankung. Und für viele steht die nackte Existenz auf dem Spiel.  Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Aber lacht Sara überhaupt aus Heiterkeit? Wenn ich mir die Szene so vorstelle, würde ich gerne genauer wissen, WAS das für ein Lachen war.

1. War es ein befreites Lachen angesichts der Verheißung, die ihr und ihrem Mann zugesagt wird? Worauf Sara und Abraham seit Jahrzehnten warten, das wird jetzt endlich konkret und ist mit sogar einer Zeitansage bestimmt …: in einem Jahr werdet ihr euren Sohn in den Armen halten. Bald ist es soweit, dass sich erfüllt, was Gott den beiden seit langer Zeit angedeutet hat: Auch die anderen Verheißungen werden sich jetzt in schneller Folge erfüllen, Land, Segen, ein großer Name … das Leben von Sara und Abraham strebt jetzt stetig auf seinen Höhepunkt zu.

Und das alles beginnt: JETZT! Vielleicht lacht Sara, weil sie und ihr Mann jetzt Grund haben, sich zu freuen. Wenn Saras Lachen so ein Lachen war, dann ist das ein Lachen voller innerer  Freude über die Schöpfung und das Leben, das Gott von Generation zu Generation weitergibt – Gott ist ein Freund des Lebens. Und darum wird auch unser Leben blühen.  Wenn das kein Grund zur Freude ist!

2. Vielleicht war es aber auch ein ungläubiges Lachen. Die Ansage des fremden Gastes ist so unglaublich, dass Sara einfach loslachen muss. Ganz spontan und ohne sich etwas dabei zu denken. Dafür könnte sprechen, dass es ihr nachher peinlich ist, als sie darauf angesprochen wird. Immerhin gehört es sich nicht, einen Gast auszulachen, dem man doch alle Ehre schuldet. Seinem Gastgeber alle guten Segensworte zuzusprechen, ist doch ein feiner Zug von einem Gast. Ihn dafür auszulachen, dagegen ein grober Verstoß gegen die Etikette.

3. Ich könnte mir aber auch denken, dass Saras Lachen eher ein bitteres Lachen war, fast schon zynisch: „Was, ich soll noch ein Kind bekommen, in meinem Alter und längst über die Jahre hinaus, in denen eine Frau Kinder empfängt – und mein Mann ist ja auch schon alt. Nach all den Jahren, in denen wir uns vergeblich ein Kind gewünscht haben …! Der blanke Hohn ist das! Lächerlich!“ Dass Sara nur bitter lachen kann, angesichts einer solchen Verheißung, die allem spottet, was sie bisher erleben musste, wäre nachvollziehbar.                                         

Sie bringt es auf den Punkt: „Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren?!?“
Das hebräische Wort für „Lust“ hat etwas mit Eden „עֵדֶן“ zu tun, dem Garten des Paradieses und der Wonne. Ganz schön viel, was ihr da verheißen wird. Aber, nein, nein, sie macht sich nichts mehr vor. Jene Fremden treiben ihren Spott mit ihr!

Manchmal, da klingt Gottes Verheißung für uns so abwegig, dass wir darüber nur lachen können, gerade wenn es uns schlecht geht.

Andererseits sollte es Gott unmöglich sein, etwas zu tun, nur weil wir es uns nicht vorstellen können? Weil es alles sprengt, was wir zu kennen meinen?  „Den aller Welt Kreis nicht beschloss, der liegt in Marias Schoß.“ Sara konnte das noch nicht im Licht des Advents deuten. Sie ahnte noch nicht, wie nah Gott den Menschen kommen kann.

Auch uns fällt es ja nicht leicht, die Nöte unserer Zeit in das Licht der weihnachtlichen Verheißung zu stellen: Gott kommt zur Welt! Gerade dahin, wo es dunkel ist und erbärmlich zugeht.   Wirklich? In DIESE Welt? Zwischen die Sterbenden auf den Intensivstationen UND die immer noch Unbelehrbaren???  Zu den vielen, deren berufliche Existenz sich gerade in Luft auflöst???                                                                                                                   

DAS sollen wir glauben?       

                                                                                         
4. Ich halte es deshalb mit einer vierten Deutung für Saras Lachen. Ich lasse es offen, was Sara empfunden hat. In jedem Fall fühlt sie sich ertappt, als sie darauf angesprochen wird. Vorher war Sara in der Geschichte wortwörtlich nur im Hintergrund: Sie organisiert das Mahl, aber beim Essen selbst ist sie nicht dabei, sie steht hinter der Zeltplane. Man spricht über sie, als ob sie es nicht hören könnte. Dann aber kommt der Moment, wo der Fremde mit ihr selbst spricht. Natürlich streitet sie erst ab, dass sie gelacht hat. Aber der andere ist ihr anscheinend überhaupt nicht böse.                                           

Im Gegenteil: Er redet auf Augenhöhe mit ihr. Er wird ihr wirklich zum „Engel“, zum Boten Gottes, indem er ihr Lachen und damit ihre Gefühle ernst nimmt.                

Ja, mehr noch: Er wiederholt seine Zusage sogar noch. Ich könnte mir denken, dass Sara bei diesen Worten aufgeht, was hier eigentlich geschieht: In dem Augenblick, als er sie mit ihrem Namen anspricht, erkennt Sara, dass es ein Bote von Gott ist, der da vor ihr steht.


Und wenn Gott ins Spiel kommt, dann wird das Unmögliche möglich. Wenn Gott kommt, dann erscheinen die Dinge in einem neuen Licht. Wenn Gott kommt, dann wird alles neu. Und Gott kommt. - Auch zu uns.                                                                 

Wenn Gott kommt, sind unsere Ängste, unsere Sorgen, unser ganzer Unmut und Ärger über das Virus und die Maskenpflicht und die Kontaktbeschränkungen nicht einfach weg. Aber sie sind bei ihm gut aufgehoben. Denn ER nimmt sie ernst und hilft uns, sie in ein neues Licht zu stellen, in jenes weihnachtliche Licht, das nichts beschönigt und übertüncht, aber alles mit dem Ton der Hoffnung färbt. Gott kommt zu uns. Vielleicht nur selten als Engel, aber ganz gewiss als kleines Kind in der Krippe. Oder als Mitmensch mit einem guten Wort. Vielleicht auch als einer der vielen, die über ihre Kräfte daran arbeiten, dass unsere Gesellschaft trotz allem funktioniert. Womöglich ist das die Botschaft für die Adventszeit 2020.    

Gott ist uns viel näher, als wir glauben. Ja, ER ist schon da.

Deshalb trotz allem: Freuet Euch!                   

 Amen.

 

 

Gedanken zum dritten Advent von Pastorin Gabriele Schinkel

Besuch zu bekommen, liebe Gemeinde,

ist eigentlich eine schöne Sache. Da denke ich an den gemütlichen Plausch mit einer guten Freundin, vielleicht mit einem Glas Sekt in der Hand oder einem dampfenden Tee. Ein Besuch, für den ich vorher nicht alles auf Hochglanz bringen muss. Den der Staub auf dem Regal nicht stört oder der Tellerberg in der Spüle.

Anstrengend kann es werden, wenn ich meinen Besucher noch nicht kenne. Und einen guten Eindruck machen möchte. Auch nach einer intensiven Putzaktion bleiben noch Zweifel. Wie wird der andere, die andere mich und meine Umgebung wahrnehmen? Wird mein Besuch das Bild, das mir so gut gefällt, kitschig finden? Sehen die Bücherstapel neben dem Sofa gemütlich aus und lässig? Oder wirken sie eher schlampig? Was sagt mein Zuhause über mich? Und was könnte ich als Erfrischung anbieten? Kaffee und Kuchen? Oder doch lieber etwas Herzhaftes? Vielleicht ist mein Besucher Vegetarier?

Heute am 3. Advent hören wir im Lukasevangelium das Lied eines frischgebackenen und stolzen Vaters. Der nicht mehr damit gerechnet hatte, in seinem Alter noch ein Kind in den Armen halten zu können. Es ist Zacharias, und sein Sohn wird später berühmt als Johannes der Täufer. Cousin, Wegbereiter und Unterstützer Jesu.

In dem Lied ist auch von einem Besuch die Rede:

Gelobt sei der Gott Israels! Er hat unser Volk besucht und befreit.

Gott kommt zu Besuch. Und ich frage mich, wie dieser Besuch ablaufen würde. Wäre es wie der Plausch mit einer Freundin, oder müsste ich befürchten, dass Gott in meine Schubladen sieht oder mit einem weißen Handschuh über das oberste Regal wischt?

Oder könnte es sein wie in der russischen Legende vom Schuster Konrad?

Konrad hört im Traum die Stimme Gottes: “Morgen werde ich dein Gast sein.” Also steht Konrad früh auf, reinigt seine Werkstatt und kocht Tee. Bald klopft es an der Tür. Aber es ist nur der völlig verfrorene Briefträger, der sich darüber freut, dass Konrad ihn in seine warme Stube bittet.

Später dann, als er wieder allein ist, setzt sich Konrad ans Fenster und wartet. Da sieht er einen kleinen Jungen, der weinend nach seiner Mutter ruft. Natürlich kümmert sich Konrad um ihn und bringt ihn nach Hause. Aber er lässt seine Tür sicherheitshalber offen und legt noch einen Zettel auf den Tisch: “Bitte warte auf mich. Ich bin gleich zurück.”

Als er schließlich wieder kommt, wird er schon erwartet. Aber es ist nur die Nachbarin, die ihn bittet, am Bett ihres kranken Kindes zu wachen. Damit sie ein wenig schlafen kann. Konrad lässt sich nicht lange bitten. Es ist weit nach Mitternacht, als er schließlich selbst zur Ruhe kommt. Er ist enttäuscht: Der Tag war vorüber. Und Gott war nicht gekommen.

Sie ahnen es wahrscheinlich: Konrad hört auch in dieser Nacht die Stimme Gottes: “Danke, dass ich mich bei dir aufwärmen konnte. Danke, dass du mir den Weg nach Hause gezeigt hast. Danke, dass du meinen Schlaf behütet hast. Danke, dass ich heute dein Gast sein durfte.”

Gefunden habe ich diese Geschichte in einem Vorlesebuch für die Advents- und Weihnachtszeit. Und da gehört sie auch hin. Denn sie erzählt davon, warum Gott ein Mensch wurde und ausgerechnet als Kind in diese Welt gekommen ist.

Um die guten Kräfte zu mobilisieren, die in uns angelegt sind, aber manchmal vom Leben verschüttet werden. Die Kraft zur Liebe, die Fürsorge für die Schwachen, die auf uns angewiesen sind, die Freude am Leben und das Staunen, wie wunderbar doch ein Leben ist.

Gott ist kein allmächtiger Problemlöser, der weit weg ist von den Sorgen und Nöten seiner Menschen.

Er teilt alle unsere Erfahrungen mit uns, die guten und die schwierigen. Von Anfang an. Er weiß, wie sich Armut anfühlt oder Schmerz. Selbst den Tod hat er durchlitten.

Er wollte auf hartem Stroh liegen in einem zugigen Stall, weil viele Kinder dieser Erde so geboren werden. Irgendwo unterwegs. Auf der Flucht. Ohne Hilfe.

Und das erwachsen gewordene Kind von Bethlehem lebt dann vor, dass das Leben uns nicht hart machen muss- trotz allem. Dass wir uns und die anderen nicht aufgeben müssen. Dass irgendwas immer geht. Dass es nie zu spät ist für Barmherzigkeit und Menschlichkeit, für einen ganz neuen Anfang.

Ich freue mich jedenfalls auf den nächsten Besuch Gottes.

Ihre Gabriele Schinkel

 

Gedanken zum zweiten Advent

Predigt von Pastor Thomas-Christian Schröder zum 2. Advent, 06.12.2020 über Jakobus 5, 7 – 8

Liebe Gemeinde!

Geduldig auf etwas warten, das fällt schwer. Mir fällt meine kleine Enkelin ein: Damals knapp 3 Jahre alt, wird sie nach dem Mittagschlaf von ihrer Mama aus dem Kinderbettchen geholt. Und die findet ein glücklich strahlendes Mädchen vor, von Schokolade verschmiert. Die Lütte hat die Zeit gut genutzt. Nicht etwa zum Schlafen. Sie hat sämtliche Türchen des Adventskalenders geöffnet und genüsslich die Schokolade verdrückt. Die helle Freude war´s gewesen. Dass dann trotzdem beim Öffnen des letzten Türchens nicht gleich schon Weihnachten war, das konnte sie locker verschmerzen. Erst einmal war sie glücklich und schokoladensatt.

Aber auch viele Erwachsene können nicht gut warten. Das erleben wir gerade jetzt in diesen von Corona überschatteten Wochen vor Weihnachten. Dabei hat die Adventszeit eigentlich eine positive Botschaft für uns: dass Warten auch etwas Gutes und Sinnvolles sein kann!

Denn „Advent“ bedeutet: Wir warten nicht vergebens! Wir warten nicht „auf Godot“, der niemals kommt. Nein, das hier ist anders! GOTT hält SEIN Wort! Er kommt; genau genommen, ist ER sogar schon unter uns!

Doch in diesem Jahr fühlt sich das Warten anders an. Es ist gedämpfter, stiller, irgendwie „dunkler“: Warten auf den Einsatz des Impfstoffs, der endlich wieder ein Leben möglich machen soll, das ähnlich dem ist, wie wir es bislang kannten. Warten auf die Lockerung des Lockdowns. Warten darauf, dass die Infektionszahlen sinken. Dass die Sterbezahlen in den Krankenhäusern runter gehen. Warten auf Umarmungen u. Begegnungen mit denen, die wir liebhaben, nicht nur via Internet. Mit echter, fühlbarer Nähe, mit Knuddeln u. Schulterklopfen u. Hände-schütteln - und ohne social distancing.

Und dann gibt es da auch noch diejenigen, die überhaupt nicht warten wollen.

Auch im heutigen Predigt-Text aus dem Jakobusbrief geht es um Warten und Geduld. (Jakobus 5,7-8):

„ So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.

Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“

„So seid nun geduldig!“ Klingt wie aus einer Rede der Bundeskanzlerin. Geduld ist das Gebot der Stunde. Und doch fällt sie so schwer.

Aber das war schon damals so - auch ohne Corona. Auch damals hatten die Menschen das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen war. So lange schon war ihnen das Kommen des Messias verheißen worden. Und was war? Nischt war. Angesichts einer Welt, in der es immer mehr drunter und drüber zu gehen schien, war es kein Wunder, dass viele ungeduldig u. gereizt wurden, weil das Kommen des Herrn noch immer nicht in Sicht war.

Und heute? Der Text ist doch nun schon alt. Wann wird denn endlich diese neue Welt Gottes anfangen, die Jesus versprochen hat?! Wann wird das sein, dass er wiederkommt und alle Menschen es einsehen, dass sein Weg zum Leben führt?! Weg von Enge, Zwietracht und Leid?!

So lange schon warten wir Christen darauf!

Es stimmt ja: Geduld ist eine Tugend; und geduldig sein zu können, ist gut.

Aber zugleich ist Geduld auch begrenzt.

Sie braucht einen Horizont, eine Perspektive – ein Ziel - etwas, das erreichbar ist.

Ja, wir sollen und wir müssen uns gedulden bis zum Kommen des Herrn. Bis der Moment kommt, auf den auch ein Bauer immer und immer wieder wartet: Bis die kostbare Frucht endlich gewachsen ist. Das dauert. Das braucht geduldiges Warten.

ABER ich bin überzeugt:

In der Wartezeit müssen wir nicht passiv bleiben u. unsere Frustration ertragen. Denn die frohe Botschaft, IST doch schon verbreitet worden! Der Zuspruch Gottes und damit zugleich sein Auftrag an uns, den kennen wir doch! Und der gilt schon jetzt! : „Friede allen Menschen! - Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Damit können wir doch jetzt schon anfangen. Einfach loslegen! Wir müssen nicht warten. Damit dürfen wir schon jetzt großzügig und verschwenderisch umgehen. Wie die kleine Jonna mit ihrer Schokolade.

Gerade jetzt in dieser dunklen Zeit können wir uns den Mut und die Kraft, durchzuhalten, bei DEM holen, der den Traum von GOTTES neuer Welt ja überhaupt erst in unser Herz gelegt hat.

ER hat gesagt: Auch wenn ich nicht körperlich unter Euch bin: „Ich BIN bei euch, alle Tage." - Ich bin in Euch: in Euren Gedanken, in Euren Gebeten, in Euren Träumen. Ich bin die Kraft, die Euch nicht aufhören lässt, eine bessere Welt zu fordern und dafür zu kämpfen. Ich bin das Mitleid, das sich eines anderen erbarmt. Ich bin das, was Euch trotz totaler Übernächtigung und Erschöpfung weiter-machen lässt auf der Intensiv-Station.

Ich bin die Hoffnung, die trotz allem nicht stirbt.

„Ich bin bei euch, alle Tage", auch über „social distancing“ hinweg.

Auch wenn der „Tag des Menschensohns“ noch nicht gekommen ist - wir brauchen nicht gramgebeugt unseren Alltag zu leben, sondern dürfen mit erhobenem Kopf vorausschauen auf den, der auf tausenderlei Weisen schon längst bei uns ist: Christus selbst.

Und das dürfen wir weitergeben! In der Familie, am Telefon, übers Internet, im Gespräch auf der Straße durch die Maske hindurch - oder auf anderen Wegen.

Es ist das Weitergeben dieser Botschaft, die das Warten erträglich macht. Die uns das Herz stärkt. Die uns den Kopf tatsächlich heben lässt.

Ja, wir müssen uns jetzt noch in vielem gedulden.

Aber vielleicht ist das kleine Mädchen mit seiner Schokolade ein Sinnbild dafür, wie wir das Warten gestalten können:

Sie hat sich schon einen Vorgeschmack auf Weihnachten gegönnt. Die Kleine hat einfach losgelegt und die vielen Schokoladenstückchen genossen. Weihnachten kam dann in jenem Jahr trotzdem. Nicht schneller. Aber, dass es kommt, war sicher.

Sie hat sich zwar nicht in Geduld geübt. Das war nicht unbedingt das, was wir Erwachsenen normalerweise Kindern anraten und auch nicht das, was sich seine Mama vorgestellt hatte.

Aber es war in diesem einen Moment das Beste, was sie tun konnte; und genau das ist es, was sich für uns als Christinnen und Christen jetzt auch anbietet.

Es ist gut, wenn wir jetzt schon dafür sorgen, dass trotz allem, was das Leben schwer macht, Freude möglich wird.

Ich kann Missstände ansprechen, die anderen das Leben schwer machen.

Ich kann mich für meine Nächsten einsetzen, damit sie nicht leiden müssen, sondern auch etwas von der Weihnachtsfreude verspüren, die doch für alle da sein soll.

Ich muss während dieser Pandemie die erlaubten Grenzen nicht ausreizen. Ich kann mich verantwortungsbewusst und diszipliniert verhalten.

Ich muss keine Toleranz gegenüber Dummheit und krassestem Egoismus üben, sondern darf klar u. deutlich sagen, wenn in unserer Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist.

Ich kann Nöte sehen und meinen Teil tun, um sie zu lindern.

Und zugleich geduldig sein, da wo es nicht anders geht.

Ich kann da sein, wo es wichtig und nötig ist, dass ich da bin.

Ich kann das, weil ich auf den setze, der da kommt.

Ich kann das, weil ich auf die Welt Gottes hoffe, die unweigerlich kommen wird. Ich kann das, weil es auch schon jetzt – selbst in der Corona-Zeit - solche kleinen Schokoladen-Momente gibt. Sie sind wie kleine Sterne, die mir zublinzeln und mich daran erinnern, dass GOTT eines Tages alles zum Guten führen wird.

Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

 

 

Adventsstimmung in der Stadtkirche Glückstadt

Gedanken zum Buß- und Bettag von Pastorin Dušková

Liebe Gemeinde

Der Predigttext für den heutigen Buß- und Bettag hat die Worte des Propheten Jesaja 1, 10-18 aufbewahrt. Unmissverständlich macht der Prophet den Menschen damals klar: Gott ist wütend. Ja er ist so wütend, dass er keinen Kontakt mit den Menschen haben will. Denn das, was die Menschen tun, gefällt ihm nicht. Aber was taten die Menschen damals, dass es Gott so in Rage versetzte?  Sie feierten viele Gottesdienste zu Ehren Gottes. Sie gaben viel Geld für die Tiere aus, die bei diesen Feiern geopfert wurden. Mit diesen Opfern versuchten sie Gottes Vergebung und Segen zu erlangen. Ich bin nicht da, wo ihr mich vermutet und ich bin anders als ihr denkt, lässt Gott den Menschen durch seinen Propheten ausrichten. Es ist die Religionspraxis selbst die Gott in Zorn versetzt, denn diese meint ihn gar nicht und läuft ins Leere. Es passt nicht zusammen, dass sie auf der einen Seite ein großes religiöses Spektakel zu Gottes Ehren veranstalten und auf der anderen Seite nicht aufhörten, die Schwächsten der Schwächsten auszubeuten und zu unterdrücken. Der Prophet Jesaja konfrontiert sie mit dem Leid der Ärmsten. In der damaligen Gesellschaft waren dies die Witwen und Waisen, die auf sich gestellt ohne den Schutz einer Familie um ihr überleben kämpfen mussten.

Die Worte des Propheten können uns auch heute einen Spiegel vorhalten. Die derzeitige Krise macht viel Leid offen zu Tage treten. Die, die ohne Schutz sind, werden von der Krise am stärksten getroffen.

Da sind die Obdachlosen in den Großstädten, die ohne Wärmestuben über den Winter kommen müssen. Es gibt einen Mangel an Übernachtungsgelegenheiten, die in dieser Zeit zugleich vor Kälte und vor dem Virus schützen.

Da sind die Menschen, die einsam sind oder psychisch erkrankt, die bereits vor der Krise mit sich zu kämpfen hatten und nun ohne die kleinen Anlaufpunkte überwiegend mit sich alleine klarkommen müssen.

Da sind die Geflüchteten in den Lagern, die in Zelten diesen Winter aushalten müssen, immer dicht gedrängt unter schlechten hygienischen Verhältnissen vor Ansteckungen nicht sicher.

Die Worte des Propheten fordern uns auf als Christinnen und Christen heute auf, die zu beachten, die die Schwächsten der Schwachen unter uns Menschen sind. Ihre Realität zu sehen und das unsere zu tun, ihr Leid abzuwenden.

Buß- und Bettag ist ein Tag an dem wir uns in besonderer Weise dem stellen, was schief läuft in unserer Welt und danach fragen, was unser Anteil daran ist.

Wir sind es gewohnt, dass die Nachrichten uns tagtäglich mit einer Vielzahl an Problemen dieser Welt konfrontieren. Wir erfahren tagtäglich Geschichten des Leids, das Menschen in dieser Welt erleiden müssen. Gewohnt sind wir auch, dass Menschen sich gegenseitig daran die Schuld geben.

Die Perspektive des Gottes, wie sie durch den Propheten Jesaja vermittelt wird, erzählt aber dennoch noch etwas ganz anderes. „Kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der Herr“ heißt es in dem Predigttext.  Gott wechselt in den Worten des Propheten auf einmal die Art der Ansprache.

Aus dem zornigen „Ihr seid an allem schuld“ wird ein „Lasst uns gemeinsam für das Gute einsetzen, lasst uns das in Ordnung bringen!“. Gott streckt den Menschen seine Hand aus. Und er spricht sie frei von ihrer Schuld. „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Purpur, soll sie doch wie Wolle werden.“

Die Vergebung, die Gott uns zusagt, gibt uns die Möglichkeit den bitteren Realitäten dieser Welt ins Auge zu sehen und Kraft für Veränderungen zu gewinnen. Gott ist die Kraft, die uns in unserem Menschsein miteinander verbindet. Wir können gemeinsam Veränderungen schaffen, das Böse mit dem Gutem zu überwinden! Gott helfe uns dabei!

Amen

 

 

Gedanken zum 3-letzten Sonntag im Kirchen-Jahr, 08.11.2020, von Pastor Thomas-Christian Schröder

Sandra wartet. Nein, eigentlich wartet sie nicht, sondern sie hofft. Schon viele Jahre. Darauf, dass ihre Ehe endlich gerettet werden kann. Dass ihr Mann endlich aufhört mit den vielen Affären. Dass er sich um seine Kinder kümmert, die ihren Vater liebhaben und brauchen. Sandra wartet darauf, dass sie endlich wieder Kraft für ihren Alltag bekommt, weil die Sorgen ihr über den Kopf wachsen.
                                                                                                               Auch Jörg hofft. Dass der freie Fall in seinem Leben endlich aufhört. Eigentlich ist er erfolgreich in seinem Beruf und steht kurz vor dem Ruhestand. Aber der Tod seines Sohnes, der innerhalb von wenigen Monaten an Krebs verstarb, war ein schwerer Schicksalsschlag. Seine Frau kam damit nicht zurecht. Sie wurde darüber krank und ist seitdem in stationärer Behandlung.
                                                                                                                            Sandra und Jörg kennen sich nicht. Was sie trotzdem verbindet, ist, dass sie glauben und hoffen. Darauf, dass Gott in ihrem Leben wirkt. Irgendwie. Wie auch immer. Sie würden es nicht so ausdrücken – nicht mit diesen Worten.

Aber die Dinge müssen sich doch irgendwie wieder zum Guten wenden!  Es kann doch nicht so bleiben! Da muss GOTT doch eingreifen! Trotz aller Widrigkeiten u. Rückschläge im Leben haben sie ihr Vertrauen in Gott noch nicht ganz verloren – obwohl sie allen Grund dazu hätten.

Ihre Freunde schütteln schon lächelnd den Kopf.
Sandra und Jörg leben in unserer Zeit. Aber ihre Sehnsucht ist so alt wie die Menschheit. Ihre Frage nach Gott. Die Hoffnung auf den großen Ruck, mit dem sich auf einmal alles verwandeln könnte.                                                             Warum müssen wir immer weiterkämpfen. Wo bleibst DU, GOTT?! Wann greifst DU endlich ein?!

Auch die junge christliche Gemeinde hat sich vor 2000 Jahren diese Fragen gestellt.
Sie haben sie in ihrer damaligen Sprache formuliert: „Wann kommt der Tag des Herrn“, der Tag, der dieser Welt und ihrem Elend ein Ende bereitet? Der Tag, an dem es kein Leid und keinen Schmerz mehr gibt. Der Tag, an dem wir mit Gott vereint sein werden.                                                                                                  Paulus versucht, ihnen eine Antwort zu geben. Im 1. Thessalonicherbrief, Kapitel 5, Verse 1-11 lesen wir:

Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Geschwister, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr –, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber, liebe Geschwister, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. Darum ermahnt euch untereinander, und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“

Um zu verstehen, was dieser Text Sandra und Jörg heute sagen könnte, lohnt es sich zu schauen, wie die Denkweise der Menschen im ersten nachchristlichen Jahrhundert war.

Damals wird auf die genannten Fragen eine eindeutige Antwort gegeben. Und die fällt ziemlich schwarz-weiß aus. Denn auch, wenn das Leben der Frommen in einer grausamen, gottlosen Welt über alle Maßen schwer ist, so MUSS doch der Tag Gottes irgendwann gewiss kommen. Der Tag, auf den alle warten. Dann wird jener große Knall erfolgen, der die Welt verwandeln wird. Und die Welt wird eine neue, klare Ordnung bekommen. Und die ist für heutige Verhältnisse ganz klar gegliedert: Schwarz-Weiß, Gut und Böse.                                                                                      Dann, so glaubten die Menschen, wird Gott sein Reich aufrichten, und die Grausamen, Gottlosen, werden ihre gerechte Strafe erhalten. Aber für die Glaubenden, die ihre Hoffnung auf Gott nicht aufgegeben haben, wird dann die Zeit der Freude anbrechen. Das Leid der Vergangenheit wird reichlich belohnt werden. Und wenn Gott seine Herrschaft aufrichten wird, glaubten die Menschen damals, dann wird das geschehen durch einen, der aussieht wie ein Mensch, oder, wie Luther übersetzt, „eines Menschen Sohn“: Der Messias.                                                                                                          In frommen Kreisen war man geradezu von fieberhafter Erregung gepackt:  Wann kommt er endlich, der Messias?!                    

Die junge christliche Gemeinde – der 1. Thessalonicherbrief wurde um das Jahr 50 verfasst – fragte sich immer brennender: „Wann kommt Jesus wieder?!“ Weil sie fest davon überzeugt war, diesen Tag selbst noch erleben zu dürfen.
Und damit sind wir bei der Ausgangsfrage, auf die Paulus eingeht. „Wann kommt der Tag des Herrn?“ Wann hat das Schlechte und Böse in der Welt endlich ein Ende?

Wann kommt das Reich Gottes? Darauf hat Jesus eine Antwort gegeben, die – wie so oft –auf den ersten Blick ratlos macht: „All die aufgeregte Fragerei und Sucherei nützt Euch gar nichts! Sie lenkt nur ab vom Eigentlichen.“                                                                                                 Denn die eigentliche Aufgabe unseres Menschseins ist es nicht, nach Vorzeichen für das nahende Weltende Ausschau zu halten, sondern vielmehr, alle unsere Kräfte einzusetzen für Liebe und Gerechtigkeit! In unserem Alltag. Hier und jetzt! So wie Jesus es uns vorgelebt hat.                                                                        Damit fängt die gute Weltordnung Gottes an!                                                   In unserer Welt.                                                                                             

In jedem Vaterunser beten wir darum: „Dein Reich komme“. Wir beten es, weil wir wissen, wie brüchig all unsere eigenen Bemühungen sind. Weil wir wissen, dass die Sehnsucht nach dem Paradies von uns allein nicht gestillt werden kann.                                                                                                              Wir beten es aber auch, weil wir Gott zutrauen, dass ER wachsen lassen kann und wird, worum wir uns nach Kräften bemühen.
Gerade, WEIL wir Realisten sind, setzen wir unsere Hoffnung auf GOTT! ER wird uns nicht hängen lassen.

Für Sandra und Jörg tut es gut zu wissen, dass Menschen sie begleiten. Ihnen zuhören. Mit ihnen lachen und weinen. Menschen, die für sie beten, wenn ihr Glaube schwankt und die Hoffnung versagt.                                                                  

Manchmal, wenn sie sich abends hinsetzt und Rückschau auf den Tag hält, dann kommt es vor, dass Sandra sogar so etwas wie Kraft schöpft. Das war z. B. neulich, als sie darüber nachgedacht hat, wo es schön war in ihrem Leben. Denn auch das gab es. Momente, wo ihr Herz ganz doll geklopft hat. Augenblicke, die sie nicht missen möchte.                                                                                     Könnte es sein, dass sie da vielleicht etwas von GOTT gespürt hat? Nicht in spektakulären Aktionen. Sondern ganz sanft und zärtlich? Leise u. behutsam?                                                                                              

Und Jörg fängt an, sich in einigen Personen der Bibel wiederzuerkennen. Hiob z. B.: der hat gelitten wie er. Hat mit Gott gerungen und gehadert. So wie er auch gerade. Und wie Hiob nimmt auch Jörg Gott beim Wort, fordert es ein, dass sein Leben sich zum Guten wendet.                                                                                Gegen alle Erfahrung.                                                                                                  Ein trotziges „Ich hör´ nicht auf, es sei denn, Du segnest mich!“  Ich lass´ nicht locker – lass Dich nicht los.                                                                                       Und auf einmal schießt es ihm in den Sinn: Habe ich das jetzt zu GOTT gesagt? Oder zu meiner kranken Frau in der Psychiatrie?  „Ich lass Dich nicht los.“

Für uns Menschen heute sieht das Reich Gottes anders aus als für die Urgemeinde. Wir reden mit anderen Worten davon. Benutzen weniger drastische Bilder. Nicht so schwarz-weiß. Auch bricht es nicht so spektakulär an. Kein großer Knall. Sondern leise, vielleicht sogar liebevoll und zärtlich. So, dass es sogar ganz leicht übersehen werden kann.                                                              Aber es lohnt sich, Augen, Ohren und vor allem das Herz offen zu halten.                              Denn das Reich Gottes ist schon mitten unter uns. Gemeinsam dürfen wir es entdecken.  Jeden Tag neu.
Amen.

 

 

 

 

 

Worte zum Sonntag, den 01.11.2020 von Pastorin Birgit Dušková

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag sind die Worte des Propheten Jeremia, die dieser ca. 500 Jahre vor Christus an die Gruppe der Verbannten im Exil in Babylonien richtet.

Der babylonische König Nebukadnezar hatte die Stadt Jerusalem eingenommen, die Mauer schleifen lassen und alle gebildeten einflussreichen Bürgerinnen und Bürger der Stadt nach Babylonien deportiert, um den Widerstand gegen ihn zu brechen. Sie waren nun gezwungen in der Fremde zu leben und sehnten sich nach ihrem alten Leben zurück. Ihre Stimme hat Psalm 137 erhalten: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion (an Jerusalem) dachten.“ 

Äußerlich materiell betrachtet war ihre Lebenssituation gar nicht so schlecht. Sie waren keine Sklaven oder Diener und sie konnten als Gemeinschaft in der Fremde zusammenbleiben.  Und dennoch muss die Trauer über den Verlust ihres alten Lebens ihnen alle Energie geraubt haben. Wie erstarrt und noch im Schock waren sie noch nicht fähig ihr Leben unter den neuen Bedingungen selbst zu gestalten. 

Ich muss an die geflüchteten Menschen denken, insbesondere an jene, die vor dem Krieg in ihrer Heimat zu uns geflüchtet sind. Wir erwarten oft von ihnen, dass sie nun in Sicherheit angekommen, gleich mit Freude und Elan in ein neues Leben starten und vergessen dabei, dass es Menschen sind die den Verlust ihres alten Lebens zu verkraften haben. Solange Menschen fliehen, sich bewegen müssen funktionieren sie noch. Die Trauer kommt nicht selten dann, wenn sie hier ihre erste eigene Wohnung beziehen und zum ersten Mal zur Ruhe kommen.

Ich muss dabei an Menschen denken, die auf einmal ihren Lebenspartner oder einen sehr wichtigen Angehörigen verloren haben. Nicht selten geht mit dem Verlust des geliebten anderen zugleich eine ganze Welt verloren. Die Bedingungen unter denen das Leben nun bestritten werden muss sind ganz und gar neue. Gerade Menschen, die in so einer Situation materiell abgesichert sind, haben Probleme anderen zu vermitteln, was sie gerade durchmachen.

Ich muss auch an die Menschen denken, die jetzt gerade durch die Krise besonders schwer getroffen sind. Deren Leben auf einmal vollkommen anders verläuft und sie sich ganz neu organisieren müssen, weil alles was sie einmal geplant hatten nun über den Haufen geworfen wurde.

Wie gehen wir mit Menschen um die, die so eine Phase in ihrem Leben durchmachen?

Der Prophet Jeremia versuchte damals 500 Jahre vor Christus die Verbannten mit seinen Worten zu ermutigen. Er will ihnen heraushelfen aus der tiefe Kuhle ihrer Trauer, ihre Erstarrung lösen und ihnen Mut machen zu einem neuen Lebensabschnitt. Sie sollen sich ein neues Leben aufbauen, heiraten Kinder kriegen, Häuser bauen in dem neuen Land in dem sie nun leben. Er fordert sie auf „der Stadt Bestes zu suchen“. Das heißt das Gute in der neuen Umgebung und Realität zu suchen und für sich zu nutzen.

Ich weiß nicht wie die Menschen damals seine Worte aufgefasst haben, aber ich weiß, dass Ermutigungen dieser Art ein zweischneidiges Schwert sein können.

Es gibt „ermutigende“ Worte, die uns sehr leicht über die Lippen gehen: „Dir bleibt jetzt nichts anderes als das Beste aus Deiner Situation zu machen!“ oder „Du musst das Ganze versuchen positiv zu betrachten.“ Oder gar „Jammern hilft Dir jetzt auch nicht weiter“ oder „Wichtig ist, dass Du jetzt aktiv bleibst.“

Es gibt eine Art andere „zu ermutigen“ und „zu trösten“, die zum Ziel hat, das Leiden gar nicht erst wahrzunehmen bzw. es ganz schnell wieder zu vertreiben. „Das Leben soll glücklich sein!“ ist in unserer Zeit zum Glaubenssatz geworden. Wer leidet, der macht im Grunde etwas falsch. Der muss an seiner Einstellung arbeiten! Es gibt eine Art „zu trösten“ und „zu ermutigen“, die einer Art von Erziehung ähnelt.  Menschen, denen es wirklich nicht gut geht, fehlt oft schlicht und einfach die Kraft sich dagegen zu wehren. Nicht selten lassen sie die Welle „an gut gemeinten Ratschlägen“ einfach nur über sich ergehen. Und nicht selten ziehen sich dann noch mehr vom Leben zurück.

Und doch ist es ja nicht falsch Menschen trösten und ermutigen zu wollen.  Wir brauchen alle auf irgendeine Weise Trost und Ermutigung!

Lesen wir weiter die Worte des Propheten Jeremia so wird deutlich, dass er seine Aufforderungen an die Verbannten in einem ganz bestimmten Horizont formuliert. Er verweist auf Gott selbst und seine Verheißung: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über  euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leids, dass euch gebe Zukunft und Hoffnung“.  Diese Verheißung verkündigt er denen die trauern und jede Perspektive für sich verloren haben.

Jeremia erzählt den Verbannten von einem Gott, der nicht will, dass sie leiden. Er verkündet ihnen, dass Gott selbst ihnen eine Zukunft und Hoffnung geben will.  

Im Umgang mit Schicksalsschlägen und Leid betrachten wir Christinnen und Christen zudem die Geschichte Jesu Christi. Gott selbst ging hinein in das Leben von Menschen und erlitt am Kreuz entsetzliches Leid. Wir glauben an einem im Leiden anwesenden Gott, der den Menschen durch dieses führt zu neuem Leben. Hoffnung und Zukunft entsteht durch das Leiden hindurch.  Gott selbst ist mit dem Menschen in diesem unterwegs.  Menschen, die schwere Schicksalsschläge zu verkraften haben, berichten immer wieder davon, dass es ihnen hilft Zeit zu haben. Es ist ein Prozess, den Menschen durchlaufen. Es hilft ihnen, wenn sie in diesem Zustand Teil der menschlichen Gemeinschaft bleiben dürfen und in Anwesenheit der anderen traurig, verzweifelt, ratlos sein dürfen. Vertrauen wir darauf, dass Gott selbst mit dem Menschen auch im Leiden unterwegs ist, können wir diese Nähe zulassen. Wir dürfen drauf vertrauen, dass Gott selbst in unserem und dem Leben des anderen Zukunft und Hoffnung schaffen wird.  „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leids, dass euch gebe Zukunft und Hoffnung.“

Ihre Birgit Dušková

Foto by pixabay.com

 

 

Reformationstag 2020

Gedanken zum Sonntag, den 25.10.2020, von Pastor Schröder

Eine Zumutung, dieser Mann! Die Pharisäer sind außer sich. Dieses Mal ist Jesus zu weit gegangen. Was bildet er sich eigentlich ein!?


Der Evangelist Markus berichtet im 2. Kapitel:

Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?  Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Ich kann die Entrüstung der Pharisäer verstehen. Sie sind mir zwar nicht besonders sympathisch mit ihrer Pingeligkeit und ihrer Streitlust. Doch dieses Mal geht Jesus bis an die Grenzen des für sie Erträglichen. Das Abzupfen und Ausraufen der Ähren verstehen die Pharisäer als Erntetätigkeit. Ernten am Sabbat ist nicht erlaubt. Da ist das Gesetz ganz klar. Das Hungergefühl der Jünger scheint zudem nicht lebensbedrohlich zu sein. Da fällt den Pharisäern das Urteil leicht: Jesus und seine Jünger kümmern sich nicht im Geringsten um das Gesetz und die Gebote Gottes. Sie missachten Gott, und sie missachten die Gemeinschaft des Gottesvolkes. Niemand, auch dieser Jesus nicht, darf einfach machen, was er will. Wo kämen wir denn da hin?

Jesus und seine Jünger brechen das Gesetz. Sie „arbeiten“ am Sabbat und halten nicht die geforderte Ruhe ein. Damit treffen sie nicht nur die gesetzestreuen Pharisäer, sondern das ganze jüdische Volk bis ins Mark. Denn das Gesetz und die Gebote, die „Tora“, sind mehr als nur eine einfache Zusammenstellung von Regeln und Geboten, die das gemeinsame Leben leichter und einfacher machen sollen - mehr als eine Zusammenstellung von Regeln und Geboten, die man einhalten kann oder auch nicht. Die Tora macht den Unterschied. Sie macht den Unterschied zwischen denen, die zu Gott und seinem Volk gehören, und den anderen. Die Tora, die Gott seinem Volk durch Mose auf dem Sinai gegeben hat, ist ein festes Band zwischen Gott und seinem Volk. Am Halten der Gebote, ganz besonders am Halten des Sabbatgebotes, werden die Israeliten als von Gott geliebtes und auserwähltes Volk erkennbar. Wer die Gesetze bricht, gehört nicht dazu; der steht draußen. Ja, mehr noch: Wer die Gesetze bricht, die Tora nicht hält, stellt die Existenz des Volkes Israel in Frage.

Jesus und seine Jünger überschreiten eine Grenze. Doch was hier geschieht, ist mehr als nur eine einfache Provokation. Jesus stellt die Gesetzestreue der Pharisäer in Frage,  die nur „Ja“ oder „Nein“, nur „Tun“ oder „Lassen“ kennt.

Er sagt: „Ihr steht gar nicht so treu zum Gesetz, wie Ihr immer behauptet!“

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“, sagt Jesus und fordert damit einen Perspektivwechsel. Bei der Befolgung der Tora soll nicht allein darauf geachtet werden, was Wort für Wort aufgeschrieben ist, sondern auch darauf, was für die Menschen jetzt und hier, in diesem Moment, gut und richtig ist. Jesus und seine Jünger brechen das Gesetz, aber sie stellen es damit nicht in Frage. Jesus verliert kein Wort darüber, dass das Gesetz nun nicht mehr gültig sei, er und seine Nachfolger sich nicht mehr danach zu richten hätten. Der Wille Gottes, der im Gesetz seinen Ausdruck findet, ist weiterhin entscheidend. Doch der Wille Gottes ist eben nicht allein in dem zu erkennen, was Wort für Wort geschrieben steht. Um dem Willen Gottes auf die Spur zu kommen, muss auch auf den Menschen geachtet werden.

Jesus fragt: Welche Bedürfnisse hat der Mensch? Was braucht er gerade jetzt, in dieser Situation? Was ist für den Menschen förderlich und gut?

Das ist neu und eigentlich doch schon altbekannt, fest verankert in der Tora selbst, die sich im Doppelgebot der Liebe zusammenfassen lässt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Jesus schafft die Tora nicht ab. Er legt sie nur nach neuen Maßstäben aus: Mit dem Blick nach oben – zu Gott – und mit dem Blick nach links und rechts – zum Nächsten. Nur mit dieser doppelten Perspektive können wir Menschen dem Willen Gottes auf die Spur kommen. Nur so können wir nach Gottes Willen handeln. Davon ist Jesus überzeugt.

Das klingt erst einmal alles ganz sympathisch: Beim Leben nach Gottes Willen geht es nicht allein um den Buchstaben des Gesetzes, sonders es geht auch um den Menschen. Es geht um mich und meine Bedürfnisse. Gott schafft mit seinen Geboten und Gesetzen Ordnung, sorgt für Recht und Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschen. Denn: ER will, was gut für mich ist, was mir persönlich zum Leben dient, was mein Leben gelingen lässt. Ist das nicht wunderbar?

Doch bei genauerem Nachdenken wird schnell klar, welche Zumutung hinter diesem Perspektivenwechsel steckt. Es ist alles andere als einfach, klar und eindeutig zu entscheiden, was jeweils richtig ist und was nicht. Es ist alles andere als einfach, klar und eindeutig zu entscheiden, was jeweils zu tun und was zu lassen ist. Denn auf einmal gibt es da nicht mehr nur eine Meinung, nicht mehr nur das geschriebene Gesetz, die Bibelstelle, die wortwörtlich zu verstehen ist. Auf einmal gibt es ganz viele unterschiedliche Ideen, wie die Gebote Gottes sowie gute alte Traditionen und Gewohnheiten in unserer Kirche und auch in unserer Gesellschaft zu verstehen und zu befolgen sind. Jeder und jede hat einen ganz eigenen Blick auf das Wohl der Menschen, jeder und jede schätzt die Situation und die Bedürfnisse der Menschen unterschiedlich ein. Auf einmal ist es gar nicht mehr so einfach, zu sagen, wie wir Menschen, wie wir Christen, zu leben und zu handeln haben. Mit dem Blick auf Gott UND den Menschen gibt es kein einfaches „Ja“ oder „Nein“ mehr, kein einfaches „Tun“ oder „Lassen“. Kein „Schwarz oder Weiß“.

Mit dem Blick auf Gott UND den Menschen können wir nicht jede Bibelstelle als Gottes unhinterfragbaren Willen verstehen, der Wort für Wort zu befolgen ist.

Mit dem Blick auf Gott und den Menschen können wir nicht einfach blind an jeder Tradition festhalten, die längst am Leben der Menschen vorbeigeht und für sie keinerlei Bedeutung mehr hat.

Jesus fordert uns auf und mutet uns zu, für Gott UND die Menschen um uns herum sensibel zu sein.
„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Mit diesem einfachen Satz fordert Jesus nicht nur die Pharisäer heraus, sondern auch uns, seine Kirche, die ihm seit 2000 Jahren folgt.

Denn für uns als Kirche ist das Handeln nach Gottes Willen maßgeblich. Doch diesen ganz klar und eindeutig zu benennen, ist nicht einfach.

Die Diskussion um den richtigen Weg, die Diskussion um „Ja“ oder „Nein“, „Tun“ oder „Lassen“, ist mühselig. Was schützt menschliches Leben vor dem Corona-Virus? Und was gefährdet es? Wie bringen wir das Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft damit in Einklang?

Das ist anstrengend, es kann zu Streit und Verletzung führen.

Doch dieses Ringen um die Bedürfnisse der Menschen, um Gebote und Gesetze ist notwendig. Wir müssen miteinander reden. Wir müssen versuchen, zu verstehen, was der andere meint und was er braucht.

Denn nur so folgen wir im Glauben und in unserer Kirche keinem anderen als Jesus. Nur so folgen wir Jesus, dem „Menschensohn, der Herr ist über den Sabbat.“
Leben nach Gottes Willen, das ist eine Herausforderung. Nehmen wir sie an?

Amen.

 

 

 

 

Gedanken zum Sonntag, den 18. Oktober 2020 von Pastorin Birgit Dušková

Liebe Gemeinde,

wir leben derzeit in einer Situation, die von vielen Regeln bestimmt wird. Um Verhaltensregeln geht es auch im Predigttext für den heutigen Sonntag, welcher steht im Epheserbrief 4, 22-32:

„Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. 25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27 und gebt nicht Raum dem Teufel. 28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. 29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. 30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. 32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

Beim ersten Lesen dieses Textes merke ich, dass sich bei mir eine Art Abwehr bemerkbar macht. Der Predigttext zählt eine ganze Reihe von Verhaltensregeln und Tugenden auf, die irgendwie in der Summe dann ein christliches Leben ausmachen sollen. Dabei sind viele der Regeln sehr bekannt: du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen, du sollst nicht schlecht über andere reden. Diese Regeln wurden bereits im Alten Testament in den sogenannten zehn Geboten aufgeführt. In dem Text genannt werden zudem noch Regeln, die mir sagen, wie ich mit meinen schlechten Gefühlen umgehen soll. Nicht zornig, nicht grimmig, nicht verbittert soll ich sein! Immer nett und freundlich soll ich sein! Ehrlich gesagt: der gesamte Tonfall in dem der Text verfasst ist, wirkt auf mich wie eine Ermahnung und Belehrung einer Anstandsdame! Tu dies nicht! Tu das nicht! Ich fühle mich wie ein Kind, welches gemaßregelt wird und eine Art Widerstand regt sich in mir! „Sprich nicht so mit mir, ich bin kein Kind! Und auch mit Kindern sollte man anders sprechen!“ möchte ich dem unbekannten Verfasser der frühen Christenheit sagen.

Und ich muss ein bisschen an die Menschen denken, die gerade lautstark gegen die Corona-Regeln protestieren. Auch sie - so scheint es mir manchmal -  reagieren sehr stark darauf, dass ihnen als Erwachsene auf einmal vom Staat neue Verhaltensregeln gegeben werden. Sie fühlen sich wie Kinder behandelt und unterstellen allen, die sich an die Regeln halten, naive Fügsamkeit.

Unser biblischer Text ist sehr alt und berührt dennoch einen neuralgischen Punkt unser Gegenwart: Wozu gibt es Regeln? Und wie gehen wir mit diesen um? Und wie verhalten sich Freiheit und Regeln zueinander?

Ich merke, dass ich etwas hin-und her gerissen bin. Als Kirche, als Pastorinnen und Pastoren haben wir  – so hoffe ich zumindest -  es mit der Zeit geschafft uns von der Rolle der Moral- und Tugendwächter zu befreien. Es hatte sich irgendwann aufgebraucht, war unglaubwürdig geworden und hat uns als Kirche eher in einen Minusbereich gebracht als ins Plus.  So fällt es mir schwer über diesen Verhaltensregeln aufzählenden Text, die so etwas wie ein „christliches Leben“ definieren wollen unbeschwert zu predigen. Andererseits spüre ich, dass wir gesellschaftlich wieder in einer Situation sind, in der wir merken ohne Regeln ohne Moral kommen wir auch nicht sehr weit!

Ich merke, dass es mir leichter fällt über diesen Text zu predigen, wenn ich ihn um etwas ergänze. Worte, die von Jesus stammen.

Jesus spricht selten belehrend von den einzelnen Geboten, er erinnert stattdessen lieber an eine einfache Grundhaltung, welche bereits im Alten Testament zu finden ist.   „Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst.“ So lautet der Kernsatz der jesuanischen Botschaft.  Und an anderer Stelle sagt er einfach: „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.“  Jesus ist nicht der einzige der dieses Grundprinzip der Ethik formuliert. Es ist auch mit anderen Worten in den verschiedenen Weltreligionen wie in der Philosophie zu finden.  Ein großer Grundkonsens über alle Religionen und Weltanschauungen hinweg ist hier formuliert. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ schreibt der Philosoph Immanuel Kant. Und etwas eingängiger ist der Satz „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu!“

Diese Sätze drücken ein einfaches Grundprinzip aus mit dem Menschen in den verschiedensten Situationen des Lebens sich für oder gegen ein bestimmtes Verhalten entscheiden können. Dieses Grundprinzip traut dem Menschen zu durch eigenes Nachdenken zu einer Entscheidung zu kommen. Zu einer verantwortungsvollen Entscheidung komme ich aber nur, wenn ich die Perspektive meines Nächsten miteinbeziehe. Mich also in diesen hineinversetze und überlege welche Folgen meine Handlungen womöglich für den anderen in seiner Situation haben. Welche Konsequenzen hat mein Handeln für den anderen? Möchte ich selbst so behandelt werden?

Ich weiß es ein allseits bekanntes Grundprinzip. Ich erzähle nichts Neues. Aber ich finde es sehr hilfreich sich genau in diesen Zeiten sich dieses Prinzip noch einmal vor Augen zu führen. Es ist ein Grundprinzip, dass uns hilft aus einer kindlichen Rolle herauszufinden, bzw. gar nicht erst in eine solche hineinzugeraten. Denn wir müssen als Menschen weder blinde Befehlsempfängern noch Dauerrebellen gegen alle Regeln „ von oben“ sein.  Beides sind kindliche Positionen, die allerdings unabhängig vom realen Alter auftreten können. Brauchen wir nicht! Dieses Grundprinzip hilft zu Entscheidungen zu kommen, egal ob wir in einer Situation sind, die bereits von etablierten Regeln geprägt ist oder ob wir uns in einer vergleichsweise offen unbestimmten Situation wiederfinden. Es ist ein Unterschied, ob ich mich an Verhaltensregeln halte, weil sie mir von den Eltern, der Schule oder anderen so eingetrichtert worden sind und ich mich daran halte, weil mir sonst unangenehme Konsequenzen drohen oder weil ich selbst verstanden habe, welche Auswirkungen ein bestimmtes Verhalten auf andere hat. Wenn ich weiß und empfinden kann, wie schlimm zum Beispiel – ich denke noch einmal an unseren Predigttext -  es sich für einen anderen Menschen anfühlt bestohlen, belogen oder angeschrien zu werden, handle ich anders. Ich entscheide mich aus einem eigenen Verständnis heraus. Ich achte die Würde des anderen und zugleich verleiht es mir selbst Würde. Und auch wenn wir uns daneben benehmen oder uns etwas antun, so gibt es doch die Möglichkeit einander um Verzeihung zu bitten und einander zu vergeben – auch das hat ganz viel Würde. Es geht um mehr als nur das richtige oder falsche Tun. Sind wir miteinander in Kontakt und fühlen wir einander so macht dies unser ganzes Leben reicher. 

Die Corona-Pandemie hat uns noch einmal in besonderer Weise vor Augen geführt wie sehr wir alle aufeinander angewiesen sind. Die Pandemie zeigt uns, dass wir mit dem „Nur-Ich-Prinzip“ nicht mehr weiterkommen. Das „Nur-Ich-Prinzip“ meint eine Gesellschaft in der jeder auf sich gestellt ist, vermeintlich unendliche Freiheit besitzt und zugleich die Last seines Lebens ganz allein zu tragen und zu verantworten hat. In dieser Zeit der Pandemie spüren wir besonders deutlich, dass eine Gesellschaft, die aus Einzelkämpfer-Egos besteht, die einander gar nicht mehr spüren, nicht nur hart, leer und einsam macht, sondern schlichtweg auch gar nicht funktioniert. So schwer, ja bitter brutal diese Krise auch ist – sie enthält wie alle Krisen auch eine Chance: obwohl wir Abstand halten, haben wir die Chance wieder mehr zusammenzufinden, uns neu auszurichten, wieder mehr „Wir“ zu werden!

Amen

Ihre Pastorin Birgit Dušková

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Gedanken zum Sonntag, den 11. Oktober 2020

Das VATER UNSER 

von Vikarin Janika Frunder (Hamburg)

Jesus sagte zu seinen Jüngern: So sollt ihr beten:

„Wenn du betest, geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dich belohnen.

So sollt ihr beten:                                                                                                                                 Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

 

Ich öffne die hölzerne Tür einen Spalt. Meine Hand tastet an der kühlen Mauer nach dem Lichtschalter. Das einzige, was diesen Morgen noch retten konnte, war ein Nutellabrot. Schokolade hilft bei schwachen Nerven. Seelenfutter.

Der Tag war erst ein paar Stunden alt, aber ich war jetzt schon gestresst: ein Stapel Rechnungen in der Post, die Kaffeemaschine hatte ihren Geist aufgegeben und ich machte mir Sorgen. Meiner Schwester ging es gerade nicht gut.

Als ich den Lichtschalter gefunden hatte, wurde die winzige Vorratskammer, die eigentlich nur aus gut gefüllten Regalen bestand, in schwaches Licht getaucht.

Und da saß er. Auf einem Bierkasten in der Ecke saß Gott.

Er sieht keineswegs überrascht aus, als er mich sieht. Lächelnd hält er mir ein Nutellaglas hin. Mit offenem Mund nehme ich das Glas entgegen und stammle: „Ähm. Danke.“

Gott lacht. „Und, wie geht’s dir?“, fragt er mich, und er scheint ehrlich interessiert. „Ach, ganz gut.“, sage ich. Was man eben so sagt. Aber Gott lässt nicht locker: „Stressiger Morgen, hm?“ Da bricht es aus mir heraus. „Ja. Heute Morgen das mit der Kaffeemaschine. Und dann meine Schwester. Ich mach mir echt Sorgen um sie. Muss dauernd an sie denken. Und ich muss noch so viel organisieren… und…und …“  Gott nickt und sieht mich an: „Ich weiß“, sagt er. „Ich weiß.“

Das mit der Vorratskammer, das kommt von Jesus selbst. Als seine Jüngerinnen und Jünger ihn fragen, wie sie beten sollen, sagt er ihnen: Betet im Kämmerlein. Macht keine Show daraus. Betet nicht, um vor anderen besonders gut dazustehen. Betet für euch selbst. Eben im Kämmerlein.

Im griechischen Originaltext heißt es tatsächlich „Vorratskammer“. Zu Zeiten Jesu ein kleiner Raum ohne Fenster, das einzig abschließbare Zimmer in den sonst offen gebauten Häusern damals. Dorthin sollen die Jüngerinnen und Jünger gehen zum Beten. Keine Ablenkung und kein Publikum. Vor allem: Ruhe.

Manchmal ist es aber schwierig, richtige Worte zu finden. Wenn das Herz schwer und der Kopf durcheinander ist. Darum schenkt Jesus uns ein Gebet: Das Vater Unser. Das Gebet, das die gesamte Christenheit verbindet, über alle  Landesgrenzen hinweg, in allen Sprachen, in allen Generationen. Seit über 2000 Jahren. Jeden Tag wird es überall auf der Welt in hunderten Sprachen gebetet: Vater Unser; Our Father, Notre Père, … Wenn wir es heute im Gottesdienst beten, verbinden wir uns mit allen Christinnen und Christen, auch mit denen, die vor uns waren und denen, die nach uns sein werden.

Die Worte sind einfach, aber sie sagen alles. Wer sie auswendig kann, hat einen Schatz für Zeiten, in denen die Worte einem nicht auf der Zunge liegen.

Beten ist wie ein Besuch in der Vorratskammer. Da, wo ich alles aufbewahre: Meine Sorgen, meine Schuld, meine Wünsche und meine Dankbarkeit. Wenn ich bete, kann ich aufräumen in mir. Kann alten Krempel wegwerfen; Belastendes loswerden. Kann die Dinge Gott in die Hand drücken, wenn sie mir zu schwer werden. Ich kann zu Gott kommen, wenn ich hungrig bin und er gibt meiner Seele ein Nutellabrot. Oder ein Schwarzbrot. Je nachdem, was ich gerade brauche.

Im Gebet muss ich Gott nicht erklären, wie es mir geht. Er weiß das schon längst. Ich muss keinen guten Eindruck machen, brauche keine besonders hübsch formulierten Sätze. Das Vater Unser reicht. Und wenn ich nicht will, brauche ich auch überhaupt nicht zu sprechen.

 „Soll ich das Licht ausmachen?“, frage ich, als ich die Vorratskammer verlassen will. Mir geht es jetzt schon viel besser. Gott schüttelt den Kopf: „Nicht nötig. Ich bleib noch ein bisschen hier.“ Ich nicke. „Ich weiß.“

Amen.

Erntedankgottesdienst 2020

 

 

 

Sehen Sie einen großen Teil des Erntedankgottesdienstes in der Stadtkirche Glückstadt mit Pastor Thomas-Christian Schröder, den Landfrauen der Krempermarsch und den Pfadfindern.

 

 

 

Gottesdienst in der Stadtkirche zum Erntedankfest am 4. Oktober 2020, 10 Uhr

Auch in Zeiten von Corona gibt es immer noch genug, wofür wir danken können. Und so wird auch in diesem Jahr wieder die Erntekrone von den Landfrauen und den Pfadfindern feierlich in die geschmückte Kirche getragen.

Gemeinsam haben sie das Getreide auf dem Acker geschnitten; und gemeinsam haben sie damit die Erntekrone geschmückt.

Zusammen kann man viel bewirken. Darum wird es in dem Gottesdienst gehen.

Wie jedes Jahr stellen uns auch diesmal wieder die Gemüsebauern der umliegenden Höfe  frische und gesunde Erntegaben zur Verfügung.

Und die Bäckerei Klingbeil spendiert frisches leckeres Brot.

Seien auch Sie dabei!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Gedanken über 2. Timotheus 1, 7 - 10 von Pastor Thomas-Christian Schröder

Liebe Gemeinde!
Kann man Ostern auch im Herbst feiern? Was für eine Frage! Ostern ist im Frühjahr, wenn die Knospen sprießen, wenn das Grün sich entfaltet und neues Leben aufbricht. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

„Ostern ist für mich ausgefallen“, sagte mir neulich ein Freund, als wir über den Lockdown sprachen. „Ohne Gottesdienste und ohne Ostergruß blieb es für mich Karfreitag“, so meinte er, „schrecklich: drei Tage Trauer“.

Aber auch das gab es zu Ostern: Mit Straßenkreide hatte jemand flüchtig auf den Asphalt gekritzelt: „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.“ Wo sonst Kinder die Kästchen für „Himmel und Hölle“ malen, stand plötzlich die Botschaft dessen, der die Hölle überwunden und den Himmel erschlossen hat. Unwillkürlich musste ich stehenbleiben: Die ewige Botschaft im vergänglichen Staub, schon der nächste Regen würde sie wegspülen. Und trotzdem: Die Worte gelten weiterhin, auch im Herbst, wenn die Spuren schon längst verwaschen sind.
Kann man Ostern auch im Herbst feiern? Ja, man kann! Davon bin ich überzeugt! Jeder Sonntag ist Osterfest und jeder Gottesdienst Feier der Auferstehung. Besonders der heutige Sonntag, ein halbes Jahr nach Ostern. Der Wochenspruch klingt ganz österlich: „Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.“

Ostern im Herbst. Statt Frühlingsknospen Herbstfärbung. Statt keimendem Leben fallendes Laub: die Zeichen der Vergänglichkeit.

Aber auch dahinein spricht die Osterbotschaft. Wie schrieb Paulus an seinen Freund Timotheus?

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“  -2. Timotheusbrief 1,7-10


Paulus sitzt im Gefängnis. Vor dem Kaiser soll er sich verantworten. Er macht sich keine Hoffnungen. Er ahnt, dass man ihn zum Tode verurteilen wird.

Das klingt im zweiten Timotheusbrief an. „Testament des Paulus“ hat man den Brief darum auch genannt. Der Brief wurde wohl erst von einem Späteren aufgeschrieben. Aber der hatte Paulus gut gekannt und konnte sich noch genau daran erinnern: Paulus wollte sich von Timotheus, seinem wichtigsten Schüler, verabschieden. Er wollte ihm nochmals das Wertvollste ans Herz legen. Liebevoll spricht der Ältere zum Jüngeren: ‚Fürchte dich nicht!‘ „Denn Gott hat dir nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Was für eine Ermutigung! Damals wurde sie Timotheus zugesprochen. Heute gilt sie uns. Was will sie uns sagen?

Kraft, Liebe, Besonnenheit. - Louisa hatte das erlebt. Sie hatte sich zu einem Sterbeseminar im Kloster angemeldet. Von ihren Freundinnen erntete sie verwunderte Blicke, als sie dorthin aufbrach. Auch ihr war etwas mulmig zumute, sich drei Tage mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen. Aber dann merkte sie, wie befreiend es sein kann, die Realität des Todes nicht zu verdrängen.

Eine Frage auf dem Seminar lautete: „Was würde ich tun, wenn ich nur noch 24 Stunden zu leben hätte? Und was würde ich lassen?“ Louisa malte sich das in Gedanken aus. Sie merkte, wie sich ihr Blick auf die Dinge verschiebt. Was wurde plötzlich alles überflüssig und bedeutungslos! Manches fiel als Ballast ab, womit sie sonst die Tage füllte. Anderes wurde ihr wichtig: Gesichter von Menschen, die sie schon vergessen hatte, traten ihr in Erinnerung. Begegnungen bekamen neue Bedeutung für sie. Bestimmte Dinge wollte sie noch einmal ganz bewusst erleben.

Und auf einmal hatte sie einen Blick für scheinbar Nebensächliches: Sie entdeckte Blüten, die der Herbst noch bereithielt, freute sich am Lachen spielender Kinder und beobachtete einen Vogel, der sein Gefieder wohlig in der Herbstsonne spreizte. „Wieviel Schönes umgibt mich und ich hatte es nicht bemerkt“, dachte sie.
Wohl erst der Blick darauf, dass alles ein Ende hat, vermag die Augen zu öffnen für das Schöne und für das, was wirklich wichtig ist: Beziehungen etwa. Wie wertvoll sind Menschen, die einem zugetan sind; Freunde, auf die Verlass ist. Man bekommt ein Gespür dafür, wo Liebe und Treue tragen.

Es gab viel Beglückendes, das Louisa auf ihrem Seminar entdeckte.

Aber es blieb auch Angst. Doch die bekam genauere Konturen: Angst, vor dem, was kommen mag. Angst, ob die Kräfte reichen, ob sie durchtragen. Angst vor dem Sterben, Angst vor Schmerzen.  Angst vor dem Nichts, in das man fallen kann. Die Angst ließ sich nicht leugnen.

Aber zugleich bemerkte Louisa auch, dass sie sich dieser Angst stellen kann. Besonnen – nicht in Panik. Die Angst durfte sein, weil da noch etwas anderes war, was ihr Kraft gab und sie trug.

Wir müssen es nicht nur aus eigener Kraft schaffen, unsere Angst zu überwinden. Die Kraft, die wir dazu brauchen, wächst uns zu. Darauf dürfen wir vertrauen.

GOTT gibt uns die Kraft, die wir brauchen. ER gibt „uns nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

ER macht besonnen, schenkt Kraft und macht fähig zu lieben – trotz aller Angst.

Kann man Ostern auch im Herbst feiern, war die Frage gewesen. Die Schriftstellerin Hilde Domin gibt darauf eine sehr persönliche Antwort:
„Es knospt / unter den Blättern / das nennen sie Herbst.“
Wer sich jetzt im Herbst einmal genau die Blätter anschaut, der bemerkt: In den Blattachseln sind nicht nur die Sollbruchstellen für den Laubabwurf  vorgezeichnet, sondern auch schon die Knospen für das kommende Frühjahr angelegt.

Vielleicht sind ja auch in meinem, von der Vergänglichkeit gezeichneten, Leben verborgene Spuren des künftigen himmlischen Lebens gegenwärtig. Ich sehe meist nur die Sollbruchstellen im Leben und trauere den zu Boden taumelnden Blättern nach: Vergangene Tage, vergebene Chancen, unwiederbringliche Abschiede. Lange könnte man darüber sinnieren.
Vielleicht wäre es aber besser, einen neuen Blick auf das Leben einzuüben, einen österlichen – auch im Herbst: Was zunächst wie eine Enttäuschung aussah, mag sich noch als Chance entpuppen – vielleicht ist es ja der Ausgangspunkt für etwas ganz Neues.

Was unvollkommen oder bruchstückhaft war, kann sich vielleicht zu einem Ganzen entwickeln.

So kann schon hier etwas von jener anderen Welt aufblitzen, die meinen Augen verborgen und für mein Denken so unvorstellbar ist.

Ich darf hoffen: Was in diesem Leben geschieht, ist eben nicht belanglos oder vergeblich. Gerade das kann der Blick auf den Herbst lehren: Auch wenn das alte Leben verwelkt und abfällt wie Herbstlaub, sind bereits verborgen die Knospen von GOTTES neuer Welt da.

So kehrte auch Louisa aus dem Kloster verändert zurück. Da war so eine stille Freude, in ihr. Sie hatte für sich festgestellt: Das Wertvolle im Leben sind nicht Dinge wie Erfolg, Glück oder Reichtum. Wertvoll sind Beziehungen, in denen sie mit anderen das Leben teilte.

Sie spürte in sich eine Gelassenheit und Weite, die alle Furcht vertrieb. Egal, was kommen sollte, so sagte sie sich, von Christus kommen wir her, zu ihm kehren wir wieder zurück. Er trägt uns in jedem Moment.
So kann auch uns die Osterbotschaft verändern, uns einen neuen Blick schenken - auch jetzt im Herbst, mitten im Alltag, auf dem Asphalt der Straßen. Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

 

 

 

Worte zum Sonntag, dem 20. September von Pastorin Schinkel

Erinnern Sie sich noch an Elisabet, liebe Gemeinde?

Die Gärtnerin aus Leidenschaft?

Die Liegestuhl-Philosophin?

Die lebenserfahrene und weise Frau mit den schönsten Garten-Gleichnissen?

Kurz vor den Sommerferien habe ich hier von ihr erzählt.

Sie nennt den liebevoll gepflegten Garten hinter dem Haus gerne ihr “kleines Paradies”. Und ist sich sicher, dass die meisten Gärten ein Ausdruck der Ursehnsucht nach dem Garten Eden sind. Dem Garten, den Gott selbst gepflanzt hat. Der Versuch, sich ein Stückchen heile Welt zu schaffen. Einen Rückzugsort.

Wo es wohl zu finden ist, das echte Paradies?

Elisabet ist der Ansicht, dass es nicht im Himmel sein kann. Warum sollte Gott einen Wohnsitz gewählt haben, der so weit entfernt ist von allen anderen?

Und dass wir bis zu unserem Tod warten müssen, um es wieder zu betreten, hält sie auch für unwahrscheinlich.

Die Bibel sagt, es war einmal ein Garten zwischen vier Flüssen. Zwei davon kennen wir, Euphrat und Tigris. Die anderen zwei sind nicht sicher zu identifizieren. Also: Der genaue Ort ist unbekannt. Immerhin so viel ist klar: Das Paradies ist eine Flusslandschaft. Dort gibt es Wasser. Reichlich Wasser und grüne Wiesen, grüne Bäume. Und der Mensch mitten drin mit einem klaren Auftrag: Den Garten Gottes zu bebauen und zu bewahren. Es ist kein Schlaraffenland, in dem der Mensch faul herumliegt und sich die Nahrung in den Mund fallen läßt. Der Garten bringt Arbeit und Verantwortung mit sich. So hat alles angefangen.

Und dann wurde alles anders.

Das Paradies ging verloren und der Weg dorthin geriet in Vergessenheit.

Nur die Hölle, die können wir eindeutig hier auf Erden verorten.

Wenn man die Nachrichten liest und sieht aus aller Welt, dann ist die Hölle mitten unter uns. An Euphrat und Tigris blühen keine Bäume. Es blühen Hass und Gewalt. Flüchtlinge fliehen in vollgepferchten Booten, dem Kentern nahe, dem Ertrinken nahe.Fliehen, auch wenn sie ahnen, dass sie nicht willkommen sein werden, egal wo auf dieser Welt.

Wir Menschen sind es, die Menschen töten, Menschen vertreiben und Menschen abweisen. Wir Menschen sind es, die Ressourcen verbrauchen, die für nachfolgende Generationen bestimmt sind.

Die Hölle ist mitten unter uns. Wir bereiten sie uns selbst.

Wo ist das Paradies?

Vielleicht sollten wir uns einfach auf den Weg machen, auf den Weg zurück ins Paradies. Mit der Ahnung von einem Leben im Herzen, das anders sein kann. Indem wir aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Indem wir unseren Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, ernst nehmen.Indem wir aufhören, einander die Hölle auf Erden zu bereiten.

Schon jetzt und hier beginnt der Weg zurück, der Weg zum Paradies. Äußerlich und innerlich. Auf dem Weg zurück werden wir etwas spüren von der Liebe und Wärme, die Gott zu dieser Welt hatte, als er sie erschuf – und uns mitten darin. Das Paradies ist nicht verloren und der Weg dahin nicht vergessen.

Das Paradies auf Erden- wir können es finden, wir könnten es erschaffen, wir könnten es sein. So wie es der Prophet Jesaja beschreibt:

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen. Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

“Ich habe es doch gewusst!”, höre ich Elisabet sagen.

Amen.

Ihre Pastorin Gabriele Schinkel

 

Danke-ABC

 

Es gibt viele Dinge, für die man dankbar sein kann - nicht nur in der Corona-Zeit!

Sie haben gemeinsam mit uns ein "Danke-ABC" erstellt!

Wenn Sie auf das nebenstehende Bild klicken, erfahren Sie, wie vielfältig das ABC geworden ist.

Vielen Dank an all jene, die mir ihren Ideen dazu beigetragen haben.

 

 

 

Predigt für Sonntag, den 06.09.2020 von Pastorin Schinkel

Früher war alles besser, liebe Gemeinde.

Diesen Eindruck bekommt man jedenfalls, wenn man den Erzählungen des Evangelisten Lukas über die Urgemeinde in Jerusalem lauscht.

Eine tolle Zeit: Sie waren täglich beieinander, aßen zusammen. Beteten viel und gern. Waren einmütig, es gab keinen Streit. Sie hatten alles gemeinsam, sie verkauften ihren Besitz – alles, was sie so hatten – und teilten es miteinander, je nachdem wie es einer nötig hatte.

Doch dann gab es Ärger im Paradies. Weil die Gemeinde einfach zu schnell wuchs. Was eigentlich doch ein Segen war, brachte große Probleme mit sich. Einiges geriet aus dem Blickfeld. Bedürftige Menschen , Witwen, wurden bei der täglichen Versorgung übersehen. Und niemanden schien das zu interessieren, sie hatten keine Lobby. Ein handfester Skandal- und das in einer christlichen Gemeinde. Noch dazu, weil es zugezogene Frauen waren, mit einem anderen sprachlichen und kulturellen Hintergrund- Migrantinnen. Dabei hatte Paulus doch immer behauptet: “Hier ist weder Jude noch Grieche!” Von wegen. Es waren nur scheinbar alle gleich, einige waren gleicher.

Die Frauen finden Fürsprecher, die diese Misere vor das Leitungsgremium bringen, und das handelt sofort. Vor allem pragmatisch. Im Sinne christlicher Nächstenliebe wird eine Suppenküche eingerichtet.

Mich beeindruckt vor allem die Ehrlichkeit, mit der die Apostel vor die Gemeinde treten: “Wir schaffen all die Arbeit nicht mehr. Dieser Fehler hätte uns nicht unterlaufen dürfen. Wir brauchen mehr Schultern, die die Verantwortung mittragen.”

Was die Apostel hier erkennen, gilt für jedes Unternehmen, jede Kirchengemeinde, jede Familie. Man muss sich schon aufteilen, wenn jeder bedacht werden soll und sich keiner dafür zu Tode bzw. in den Burnout schuften will. Wenn sie ihre Aufgabe als Prediger und Seelsorger verantwortungsvoll wahrnehmen wollen, müssen die Apostel Aufgaben delegieren. Es wird eine zweite Leitungsebene eingeführt, sieben Männer mit tadellosem Ruf, großer Kompetenz und engagiertem Glauben- die Geburtsstunde der Diakonie.

Und damit allen klar ist, welche Rolle die Diakone zukünftig in der Gemeinde spielen werden, welche Bedeutung sie haben, werden sie feierlich in ihr Amt eingeführt. Die Apostel beten für sie und segnen sie.

Mich überzeugt dieses Krisenmanagement. Die Freunde Jesu “können Krise”, wie wir heute gerne sagen.

Zunächst einmal hören sie zu und stellen sich den unangenehmen Wahrheiten.

Sie bekennen sich zu ihren Fehlern und analysieren die Situation.

Und dann haben sie den Mut zu einer Entscheidung, die vielleicht nicht von allen akzeptiert wird. Deren Tragweite sie noch nicht vollständig ermessen können. Die jedoch sein muss und nicht auf die lange Bank geschoben werden kann. Zu diesem Zeitpunkt alternativlos ist.

Aber sie vertrauen zutiefst darauf, dass sie auch in einem möglichen Scheitern getragen bleiben von der vergebenden Liebe Gottes. Wie es Martin Luther seinem oftmals wenig entscheidungsfreudigen Freund Melanchthon geraten hat: “Sündige tapfer und glaube noch tapferer.”

Unsere Kirche heute befindet sich wieder in einer Krise. Allerdings nicht, weil sie sich vor neuen Mitgliedern kaum retten kann. Die Kirche schrumpft. Nur: Deshalb wird die Arbeit nicht weniger- sie ist in einer Gemeinde mit 2000 Gemeindegliedern oft genauso groß wie in einer mit 5000. Zudem verteilen sich die Aufgaben auf immer weniger Haupt- und Ehrenamtliche. Die dennoch versuchen, den weiterhin hohen Ansprüchen gerecht zu werden, die sowohl die Kirchenmitglieder aber auch die Nichtmitglieder an ihre Arbeit haben. In jeder Gemeinde soll möglichst alles vorgehalten werden. Und manchmal gerät dabei ins Hintertreffen, dass wir auch einen missionarischen Auftrag haben. Kirche nicht nur für die da ist, die ihr schon angehören, sondern auch für die, die noch am Rand stehen. Auf Dauer kann das nicht gut gehen.

Wir müssen uns also erneut Gedanken machen über die Zukunft der Kirche, Entscheidungen treffen darüber, welche Aufgaben wir fortführen können, und welche wir vielleicht aufgeben müssen. Und ich hoffe sehr, dass wir dann auch “Krise können” so wie die Apostel damals. Einander zuhören, auch wenn es unbequem ist. Niemanden übersehen und zurücklassen. Viel beten und dann mutige Entscheidungen treffen. Auf Gottes Geist und Vergebung bauen.

Und ich hoffe sehr, dass viele dabei sein werden, auf die man zählen und mit denen man rechnen kann. Ehrenamtliche, Freiwillige, helfende Hände. Die sich um andere kümmern, die mitdenken, planen, besorgen, verwalten, gestalten.

Und die damit rechnen können, dass die Gemeinschaft sie achtet und trägt – mit ihnen betet und für sie betet – und dass Gottes Liebe sie leitet und schützt.

Dann wird vielleicht nicht alles, aber vieles besser.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen und Euch

Pastorin Gabriele Schinkel

 

 

Gedanken zum Sonntag, den 30. August 2020 - Pastorin Birgit Dušková

Liebe Gemeinde,

„Du kannst Du zu mir sagen! Ich bin der Sebastian…!“ Das waren die ersten Worte, die Claudia an ihrem ersten Arbeitstag in der neuen Firma von ihrem neuen Vorgesetzen zu hören bekam.  „Wir sprechen hier alle auf Augenhöhe miteinander und sind quasi wie eine große Familie!“ und „Als Chef will ich, dass Dir die Arbeit hier auch richtig Spaß macht!“ sagte er zu ihr. Claudia war richtig beeindruckt. Sebastian wirkte als Chef so modern und charismatisch. Er sah gut aus, war voller Energie und sprudelte nur so vor Ideen.  Was sich hinter den Worten ihres neuen Vorgesetzten verbarg, stellte Claudia dann erst langsam mit der Zeit fest.  Da klingelte noch zu später Stunde ihr Telefon und Sebastians lockere Stimme war am anderen Ende der Leitung zu hören:  „Du, Claudia, ich bräuchte, da ganz schnell eben noch einmal eine Info von Dir….“ flötete er durch das Telefon. Claudia lernte schnell, dass es ratsam war, immer sofort ans Telefon zu gehen, wenn ihr Chef sie anrief, egal zu welcher Uhrzeit das geschah. Und sie lernte, dass es ratsam war, ihm mit ebenfalls lockerer fröhlicher Stimme zu antworten, also einfach so zu tun als wäre es eben das Normalste der Welt von seinem Chef mitten in der Nacht aus den Federn geklingelt zu werden. Ging sie einmal nicht ran oder gelang es ihr nicht, ihre Müdigkeit zu verbergen, konnte Sebastian richtig ausfallend, ja geradezu bedrohlich werden. Das wollte sie auf jeden Fall vermeiden! Was man in ihrer Abteilung unter Teamarbeit verstand, fand Claudia dann ebenfalls recht bald heraus. Alles war auf Sebastian konzentriert. Ihn zufrieden zustellen, ihm ein gutes Gefühl zu vermitteln, „sein Projekt“ voranzubringen, war alles, worum es sich bei der Arbeit drehte.  Er war der Stern, das Aushängeschild, der Mittelpunkt von allem. Und tatsächlich schien dies die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter irgendwie sogar zu erfüllen. „Für Sebastian, da mache ich alles! Er ist einfach sooo kreativ!“ verriet eine Kollegin Claudia während einer Pause in der Küche. Claudia merkte wie die Arbeit, genauer gesagt Sebastian, sie anfing langsam auszusaugen und sie immer mehr ihre Mitte verlor und das Ganze immer mehr auch ihre Gesundheit belastete.  Sie stellte fest, dass sich zwar  ihr die Augen geöffnet hatten, es aber quasi unmöglich war, diese ihre Wahrnehmung auch den anderen zu vermitteln. Alle Versuche mit den Kolleginnen und Kollegen darüber ins Gespräch zu kommen, scheiterten und stießen auf Widerstand. Immer mehr fühlte sie sich isoliert….

In dem Predigttext für den heutigen Sonntag, welcher steht im 1. Korintherbrief 3, 5-17 beschäftigt sich der Apostel Paulus mit Arbeit und Leitung damals in der Gemeinde in Korinth.

5 Was ist nun Apollos? Was ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: 6 Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.7 So ist nun weder der etwas, der pflanzt, noch der begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt.8 Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.

In der Gemeinde, das geht aus dem gesamten Kapitel hervor haben sich einzelne Gruppen gebildet. Jede Gruppe scharrt sich um einen Anführer. Einer heißt Kephas und ein anderer Apollos. Und noch eine Gruppe gibt es: die haben den Apostel Paulus selbst zu ihrem Wortführer ernannt. Die Gemeinde ist zerstritten und es droht Spaltung. Da greift Apostel Paulus aus der Ferne mit einem Brief ein. Man merkt, wie wütend er ist. Sogar mit dem Gericht Gottes droht er. Auch wenn die Worte und Bilder, die Apostel Paulus in seinem Brief verwendet, auf uns heute fremd und altertümlich wirken, im Kern beschreibt er meiner Ansicht nach etwas, was auch heute noch in unserer Lebens- und Arbeitswelt bedenkenswert ist.

Natürlich richtet sich Apostel Paulus mit seinen Worten an eine Gemeinde, ganz konkret an die Gemeinde damals in Korinth. Er ahnte ja nicht, dass seine Briefe einmal aufbewahrt und noch im Jahr 2020 gelesen werden würden.  Was er schreibt bezieht sich also zunächst auf den Raum Kirche, Gemeinde, Diakonie. Ich finde bei ihm aber Gedanken, die meines Erachtens auch für andere Bereiche, etwas austragen können, in denen Menschen miteinander tätig sind.  In Gemeinde und Kirche beziehen für unser Tun explizit auf die Wirklichkeit Gottes. Wir sind nur Gemeinde und Kirche, wenn wir in unserem Handeln und Tun auf diese andere uns übersteigende Wirklichkeit Gottes beziehen, für diese durchlässig bleiben und mit dieser rechnen.

Aber auch in nicht-kirchlichen Zusammenhängen, so meine Überzeugung, brauchen Menschen das Gefühl, dass ihre Tätigkeit einem übergeordneten Sinn dient, einer Sache, die größer ist als sie selbst. Ich glaube, dass die Sicherung unserer bloßen Existenz mit Essen, Kleidung, Wohnung uns als Menschen allein nicht erfüllt. So wichtig und absolut notwendig dies auch ist, gehört zum Menschen eben noch mehr.  Wir erfüllen unser Menschsein dann, wenn wir uns in unserem Tun mit etwas verbunden fühlen, das uns selbst und unsere Existenz übersteigt. Auch wenn wir ganz profane und ja richtiggehend einfache Dinge tun, erfüllt es uns, wenn wir glauben, dass diese uns mit einer anderen Dimension verbinden, sie einer guten Sache dienen, die einen Sinn hat.

Apostel Paulus zeigt der Gemeinde auf, dass sie ihre Bezogenheit auf eine andere Wirklichkeit – für Christinnen und Christen die Wirklichkeit Gottes – verloren haben. Die Anführer selbst haben sich zwischen die Menschen und die Wirklichkeit Gottes geschoben.  Vielleicht paradoxerweise gerade durch ihre Fähigkeit besonders schön über Gott zu sprechen. Sie haben sich also quasi selbst zu Göttern gemacht, auf die alles bezogen ist und andere haben das zugelassen. Da gleich mehrere Männer in der Gemeinde diesen Anspruch erheben, kommt es zum Streit. Da die Bezogenheit auf die alle übersteigende Wirklichkeit Gottes der Gemeinde verloren gegangen ist, wird mit dieser auch im täglichen Tun und Miteinander nicht mehr gerechnet. Die Menschen sind auf sich selbst geworfen und blicken allein auf ihre Anführer. Was in dieser Situation noch geschaffen wird, entlarvt der Apostel als Blendwerk. Luftschlösser, ohne Substanz und Fundament. Paulus macht die Situation in Korinth so wütend, dass er in die Vollen geht und ihnen sogar das Bild des göttlichen Gerichts vor die Augen malt. Die für diese Situation Verantwortlichen, da ist sich Apostel sicher, werden als Menschen am Ende in diesem  gerettet werden. Aber alles, was sie in ihrer Selbstbezogenheit geschaffen haben wird im Feuer vergehen. Die Substanzlosigkeit, Leere, Sinnlosigkeit ihres Tun wird sichtbar werden. Am Ende erinnert Paulus alle daran, dass sie selbst auch mit ihren Körpern Tempel sind für den Geist Gottes. Modern gesprochen: wenn eine Situation beginnt Menschen körperlich krank zu machen, dann kann es nichts Gutes sein. Egal wie rosarot etwas  auch gezeichnet wird, der Körper sagt immer die Wahrheit.

Zurück in die Gegenwart. Zurück zu Claudia. Claudia hatte irgendwann genug von Sebastian und dem angeblichen Team. Es gelang ihr der Absprung, sie kündigte und fand eine neue Arbeit. Durch Zufall begegnete ihr in einem anderen Zusammenhang ein anderer ehemaliger Mitarbeiter ihrer Firma, der aus ähnlichen Gründen gekündigt hatte. Da fühlte sie sich auf einmal nicht mehr so allein mit ihrer Wahrnehmung. Dieser berichtet ihr, dass er durch die Arbeit ernsthaft krank geworden war und dass er lange gebraucht hatte bis er wieder in einer neuen Arbeit Fuß fassen konnte. Und sie erfuhr, dass es auch noch weitere Mitarbeiter gab, denen es ganz ähnlich ergangen war wie ihr. Und noch viel später erfuhr sie durch einen Zufall, dass auch Sebastian seinen Hut hatte nehmen müssen, dem Aufsichtsrat war der Mitarbeiterverschleiß am Ende zu kostenintensiv geworden. Seine Projekte waren wie Seifenblasen am Ende zu oft geplatzt. Nicht immer braucht es gar ein göttliches Gericht.

Wo immer wir auch arbeiten, ob nun in der Kirche, Gemeinde, Diakonie oder in der allgemeinen Arbeitswelt können wir die Worte des Apostel Paulus erinnern: Passt auf, dass ihr einander nicht zu Göttern macht. Passt auf,  dass ihr selbst wirklich vorkommt mit Euren Gaben und Fähigkeiten. Achtet auf Eure Grenzen und lasst andere nicht über Eure Gesundheit bestimmen. Passt auf, dass ein größerer Horizont, ein Sinn, der uns mit Gott verbindet immer offen bleibt, auch dann, wenn unsere Tätigkeiten ganz klein erscheinen mögen. Und wenn das nicht der Fall ist, scheut Euch nicht etwas auszusprechen, Konflikte zu führen und etwas zu ändern. Und schließlich:  vertraut darauf, dass Gott selbst in allem mit baut und verspricht auch, das zu vollenden, was in unserem Tun ganz menschlich nur Stückwerk blieb.

Amen

Ihre Pastorin Birgit Dušková

Foto by pixabay.dom

 

 

Kleine und große Künstler

Vor einiger Zeit riefen wir dazu auf, ein Bild von unserer Kirche zu malen.

Hier sehen Sie nun ein paar der gelungenen Kunstwerke!

Michel,
4 Jahre
Merle. Thore und Bjarne,
zwischen 4 und 11 Jahre alt
Elisabeth,
12 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elisabeth
und Johanna
Melissa
Nelli,
10 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Laura

Worte zum Sonntag - Pastor Thomas-Christian Schröder

Gedanken zum 11. Sonntag nach Trinitatis 2020, über Lk 18, 9–14                                                                                     

18,9 „Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.


Jesus erzählt sein Gleichnis all denen, die von sich überzeugt sind, so ziemlich alles richtig zu machen. Und zugleich andere verachten.

Überzeugt zu sein, dass man das Richtige tut, ist ja durchaus in Ordnung.

Aber deswegen müssen jene, die es anders machen, noch lange nicht falsch  liegen!  Vielleicht gibt es ja mehrere richtige Lösungen.

Ich darf stolz sein auf mein Land; aber deswegen brauche ich nicht gleich Rassist zu werden; keine frauenfeindlichen Sprüche abzulassen oder blöde Witze über Schwule zu machen.

So was mache ich ja auch nicht.

Oder doch?  Vielleicht gerade, wenn ich meine,  besser zu sein als dieser Pharisäer???

Unser Gleichnis beginnt mit den Worten: „Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten."
Zwei Menschen suchen das Gespräch mit Gott.

"…. der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner."

Zwei extrem unterschiedliche Menschen. Zöllner gelten zur Zeit Jesu als Halsabschneider. Sie stehen im Ruf, korrupt zu sein und andere schamlos auszubeuten: Händler, Hausfrauen, Familien, Kleinbauern. Sie pressen aus ihnen raus, was geht.

Alle, denen Jesus das Gleichnis erzählt, kennen aus eigener Erfahrung üble Geschichten über Zöllner.

Und alle, denen Jesus das Gleichnis erzählt, kennen auch Pharisäer. Manche der Zuhörer sind selbst welche. In den harten Jahren römischer Besatzung tragen die Pharisäer den Glauben unters Volk. Sie vermitteln: Jede und jeder kann beitragen zur Heiligung des Volkes. Mit dem Essen. Mit dem Schabbat. Mit der Kenntnis der Schrift. Jeder. Nicht nur die Priester.

Die Pharisäer sind überzeugt von dem, was sie tun. Und manche verachten tatsächlich andere, die ein Leben mit Gott nicht ernst nehmen.

"Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst. So:
Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme."


Nicht nur in Corona-Zeiten kann man wirklich danken, wenn es einem gut geht. Dass man zu den Privilegierten gehört, die wahrscheinlich nicht abrutschen werden. Dass man Familie, Kinder und Freunde hat. Es ist ein Glück, noch etwas geben zu können und nicht selbst angewiesen zu sein auf andere.

Ich bin froh, gehalten zu sein. Ich bin froh, dass ich anderen Halt geben kann.

Muss ich mich aber deshalb über andere erheben? Muss ich mich wichtiger fühlen? Und vor allem richtiger? Was weiß ich denn von den anderen?

Was weiß der Pharisäer vom Zöllner? Was bekommt er von ihm mit? Er kennt ihn überhaupt nicht. Er weiß nicht nichts über sein Leben.

Warum verdammt er dann den ganzen Menschen? Als wenn jemand allein daraus bestünde, zu rauben, zu stehlen oder zu lügen. Als wenn jemand allein durch das Unrecht definiert würde, das er begeht.

Taten sind falsch und unrecht, aber nicht die Menschen.

"Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel. Sondern schlug an seine Brust. Und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig."

Auch er geht in den Tempel. Es muss ihn Kraft gekostet haben. Mit allem, was er auf dem Kerbholz hat, kann er Gott nicht in die Augen schauen.

Er selbst weiß das am besten – und er schämt sich dafür.  Er empfindet noch Scham! Man höre und staune! Er fühlt seine Schuld!
Wer weiß, was er gemacht hat! Ging es nur um Geld? Oder um noch ganz andere Dinge? Es muss etwas sein, was ihn sehr belastet.

Darum ist es gut, dass er sich zu Gott wagt. Gut, dass er so viel Gottvertrauen aufbringt. Er zieht sich nicht aus der Affäre. Er beschönigt nicht. Er redet nicht drum herum. Er weiß, dass GOTT weiß, was er getan hat. Dass GOTT weiß, was ihm auf der Seele lastet. So wie es im Psalm heißt (139,2): „Ob ich sitze oder stehe, DU weißt es. Du verstehst meine Gedanken von ferne.“ Und dann am Ende (139,23f): „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“

Er schlägt sich an die Brust. „Gott, sei mir Sünder gnädig.“

Vielleicht denkt der Zöllner an das fast wortgleiche Gebet in Psalm 51, das König David zugeschrieben wird.

Davids Schuld war abgrundtief: Es ging um Auftragsmord in Tateinheit mit  Ehebruch. David hatte seine Stellung und die Gutgläubigkeit eines Untergebenen schändlich missbraucht. Ob der Zöllner ähnliches gemacht hat?

Oder ob er sich einfach Davids Gebetsworte aneignet?

Die Wendung zum Guten beginnt, als der Psalm-Beter seine Schuld bekennt : Aber das kann er nur, weil er darauf vertrauen darf, dass Gott ihm gnädig ist.

Gott selbst nimmt die Schuld weg. ER tilgt die Missetat. Schafft ein reines Herz. Gibt einen NEUEN, beständigen Geist.

Das ist wie eine Geburt: noch einmal neu anfangen dürfen. Noch einmal eine Chance bekommen.

So kann der Beter vielleicht sogar wieder fröhlich werden.

Er wird zum Zeugen der Freundlichkeit Gottes. So war es bei David.

Warum sollte es beim bußfertigen Zöllner anders sein?

"Jesus sagt: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus, nicht jener."

Die Geschichte kommt mir vor, als wolle sie mir sagen: „Gib Gottes Gnade eine Chance. Sie ist da. Sie wirbt um dich.

Du brauchst nicht auf deine guten Seiten zu verweisen. Das könntest du im Übrigen auch gar nicht. Denn da ist nichts, was vor GOTTES prüfendem Blick  bestehen könnte.

GOTT sagt trotzdem „Ja“ zu dir! Du darfst leben! Du darfst dich freuen!

Nimm doch diese Freundlichkeit Gottes an - indem Du genauso freundlich zu Deinen Mitmenschen bist!

"Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."

GOTT erhöht den reuigen Schuldner und erniedrigt den Selbstgerechten.

Könnte es sein, dass sie sich am Ende auf Augenhöhe begegnen? Pharisäer und Zöllner. Mächtige und Machtlose. Hochstehende und Unterprivilegierte.

Weil Gott dem Gerechten den Gerechtfertigten zur Seite stellt, stehen sie zusammen in Gemeinschaft vor Gott.

In der kommenden Welt – aber auch schon hier und jetzt.
Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

 

 

Worte zum Sonntag, den 16. August 2020

Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht ... Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen." (Röm 11).

Wer von uns ist erlöst? Wer lebt sein Leben richtig? Wer glaubt das Richtige, das Wahre und Gute und handelt danach? Wen schaut Gott an und sagt zu ihm oder ihr: bei dir ist alles gut?

Vor 2000 Jahren musste Paulus auf diese Frage eine Antwort geben. Wenn nun die Christen den richtigen, den wahren Glauben haben, was wird aus den Juden? Und man kann sich vorstellen, wenn Paulus darüber schreiben musste, dann wird es einige gegeben haben, die für die war klar: Die Juden liegen falsch, sie sind – bildlich, biblisch gesprochen – der Verdammnis anheimgegeben.

Vor 2000 Jahren war das und in all den 2000 Jahren seitdem hat sich an dieser Frage nicht viel geändert. Die Juden konnten verdammt werden, weil man sich allein in Besitz der Wahrheit glaubte. Die Geschichte unserer Stadt erzählt davon, wie vor 400 Jahren Juden hier Schutz fanden, weil nicht nur die Frage immer wieder laut wurde, sondern auch die Antwort: „Nein, die Juden nicht. Die gehören nicht dazu.“

Und alles Versichern des Paulus half in diesen 2000 Jahren wenig. Dass er immer wieder deutlich machte, dass die Verheißung an das Volk Israels durch nichts zunichte gemacht werden kann. Israel steht unter der Verheißung Gottes, genauso wie wir als Christen. Bei allen Unterschieden. Aber: das wollten nur wenige hören.

Ich finde, es ist ein Text, der gerade in den letzten Jahren wieder extrem aktuell geworden ist. Die Frage, ob wir denen, die anders, vielleicht ganz anders sind als wir selbst, zugestehen, dass sie auch recht haben könnten, mit Paulus: erwählt sein könnten. Immer mehr Menschen hier in Deutschland haben das Gefühl, dass sich die Unterschiede in unserem Land verhärten. Man könnte sagen: Jeder lebt in seiner eigenen Erwählung: „Ich bin erwählt, mein Glaube meine Meinung, mein Handeln, mein Leben – so ist es richtig! Die anderen sollen mal die Klappe halten oder verduften“. Und überhaupt: Demokratie gibt es ja nur, wenn gemacht wird, was ich sage.

Wer nicht dazugehören soll – das wechselt immer schneller. Und es werden immer mehr, die man vor dem Angesicht Gottes wegzerren möchte. Juden sind noch immer eine Zielscheibe, so traurig das auch ist. Vor vier oder 5 Jahren dann Muslime und natürlich die Volksverräter. Und oftmals wurde fast ebenso laut auf der anderen Seite die Grenze der Reichs der Erwählung, des Reichs der ewigen Wahrheit und des wahren Glaubens gezogen: Wer nicht für ein sehr offenes Land ist, der ist Nazi.

Und jetzt, während der Corona-Epidemie erleben wir Ähnliches: Die, für die Corona nur eine Grippe ist, markieren ihr Reich der Erwählung genauso, wie die, die für die die Krankheit fürchterlich ist.

Um das klar zu sagen: Ich halte diese Krankheit für brandgefährlich. Aber es führt nicht weiter, wenn sich die Fronten verhärten und jeder in seinem eigenen Reich der Erwählung bleibt. Wenn die, die irgendwo dazwischen stehen, sich radikalisieren, weil kein Dialog mehr stattfindet – zumindest kein Dialog, in welchem dem anderen die Würde genommen wird. Das führt nur zur Verhärtung und die einzigen, die das freut, das sind die, die mit ihren Reichskriegsflaggen auf die Corona-ist-vorbei-Demos kommen. Die, die sich für niemanden interessieren, denen es egal ist, dass Menschen an dieser Krankheit sterben oder an den Beschränkungen leiden. Die, die an gar nichts mehr glauben.

Paulus sagt: Unsere Feinde sind von Gott erwählt und deshalb sollen wir sie als unsere Geliebten annehmen.

Keiner diese Unterschiede, die uns Menschen so wichtig sind, führt dazu, dass jemand von Gott verstoßen wird – nicht einmal die Fehler, nicht einmal die größten Fehler. Und so sollten wir es auch tun.

Amen.

Ihr Pastor Stefan Egenberger

 

Worte zum Sonntag von Pastorin Birgit Dušková für den 09. August 2020

Liebe Gemeinde,

wenn ich hier in Glückstadt abends friedlich mit meinem Hund über den Deich schlendere, die Sonne untergeht und eine kühle Brise vom Meer herüberweht, dann überkommt mich ein Gefühl tiefer Zufriedenheit und Dankbarkeit. Das sind Momente in denen ich mir bewusst mache, dass ich in einem Land lebe in dem seit 75 Jahren Frieden herrscht, in dem keine Bomben mehr fallen, in dem die Grundversorgung mit Essen und Kleidung gesichert ist, in dem Menschen sich Bildung aneignen können, Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben und das Schlagen von Kindern verboten ist. Und ich denke bei mir: so gut wie jetzt, war es wohl noch nie!

Und dann komme ich vom Spaziergang auf dem Deich nach Hause und höre die Nachrichten und ein ganz anderes Gefühl überkommt mich. Und ich finde mich auf einmal wieder in einer Welt, die am Abgrund torkelt: Klimawandel, Müll in den Meeren,  Artensterben, Flucht und Vertreibung, Überbevölkerung, atomare Bedrohung, soziale Spaltung der Gesellschaft,  Armutsmigration, Rassismus, Fundamentalismus, Vormarsch der völkischen Nationalisten und jetzt auch noch Corona oben drauf! Und immer wieder Menschen, die genau diese Dinge thematisieren und anmahnen, die sagen: „Wir müssen handeln und zwar Jetzt! Jetzt! Jetzt! Wir müssen darauf achten und darauf… dies ändern und das ändern….“

Ich wende mich von den Nachrichten ab und telefoniere mit einer Freundin, diese rechnet mir am Telefon ihre CO2 Bilanz vor:  trotz Auto und drei Kindern, sie essen immer Bio-Fair und kaufen viel Gebrauchtes, kann man ihr - wie sie sagt - „nichts vorwerfen!“ Und dann fragt sie mich: „Auf was kommst Du denn? Wie sieht deine CO2-Bilanz aus? Naja, ich rauche und habe einen Hund… ich esse noch Fleisch, ich kaufe im Discounter, aber ich habe kein Auto…. Aber nein, genau ausgerechnet habe ich die Bilanz noch nicht… und ein flaues Gefühl macht sich bei mir im Magen breit. Das schlechte Gewissen meldet sich.

Vielleicht wäre es gut, noch einmal auf den Deich zu gehen, denke ich bei mir. Der Hund muss raus! Doch der Hund schläft bereits in seinem Körbchen und ich muss die Predigt vorbereiten und ich schlage die Bibel auf Jeremia 1, 4-10, den Predigttext

Und ich lese:

„Und des Herrn Wort geschah zu mir:  Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.  Ich aber sprach: Ach, Herr ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“

Es ist die Berufungsgeschichte des Propheten Jeremia. Ganz jung war er noch als Gott ihn zum Propheten auserwählte und ihm den Auftrag erteilte, den Menschen den Spiegel vorzuhalten und ihnen zu sagen, was in den Augen Gottes falsch läuft und anders werden muss. Jeremia wird im Namen Gottes soziale Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Hochmut und Egoismus anprangern. Er erkennt schon damals, dass die verschiedenen Probleme miteinander zusammenhängen und global betrachtet werden müssen. Er ist daher nicht nur Mahner des kleinen Landes Israel, sondern sendet seine Botschaft in die ganze Welt. Die verschiedenen Missstände, die er kritisiert, haben seiner Ansicht nach alle ein und denselben Ursprung: die Menschen sind zutiefst entfremdet von Gott. Jeremia sieht die ihm bekannte Welt in der Zukunft untergehen und in Trümmern versinken. Jerusalem wird vernichtet werden! Der Tempel wird vernichtet werden! prophezeit er. Die Katastrophe vor Augen versucht er die Menschen wachzurütteln und zu einer Umkehr zu bewegen. Und weil die Menschen diese Botschaft nicht hören wollen, wird er oft beschimpft und davongejagt. Ein anstrengendes Leben, das er wohl überhaupt nur aushält, weil er sich von Gott - wie im heutigen Predigttext beschrieben - von Gott  beauftragt und getragen fühlt. Am Ende trat ein, was er vorausgesagt hatte: 586 vor Christus wurde Jerusalem durch die Truppen des babylonischen Königs Nebukadnezars II eingenommen, der Tempel zerstört und Teile der Bevölkerung deportiert.

Wie würde ich heute auf den Propheten Jeremia reagieren? Wahrscheinlich ähnlich wie ich heute auf andere Mahnerinnen und Mahner reagiere. Da sind zwei Gefühle in mir, die nicht so richtig zusammenpassen. Zwei Stimmen, in mir die nicht so recht zueinanderfinden wollen und einander nicht zuhören wollen. Die eine sagt deutlich und klar: Sie haben ja Recht! Ich teile viele Ansichten, derjenigen, die in unserer Gesellschaft etwas anmahnen. Ja, wir müssen etwas ändern, in ökologischer und in sozialer Hinsicht. So wie es jetzt ist, geht es global betrachtet nicht mehr weiter. Das sagt die eine Stimme in mir. Und die andere Stimme in mir die sagt:  Bitte lasst mich in Ruhe! Bitte liebe Mahnerinnen und Mahner, hört auf mir ein schlechtes Gewissen zu machen, hört auf mir zu sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich will zufrieden sein, auch mit mir selbst, ganz einfach leben, im hier und jetzt!

Und da frage ich mich wie ich das zusammenbringen kann… Und da meldet sich gleich eine dritte Stimme. Es ist die Stimme einer anderen Freundin, die mir immer wieder erzählt, dass sie jetzt meditiert. Sie sagt: seitdem ich meditiere, da schaffe ich viel mehr. Durch Meditation wäre es ihr gelungen auf eine vegane Ernährung umzusteigen, die ja viel ökologischer wäre… Man kann sich viel besser fokussieren! sagt sie. „Wolltest Du nicht auch auf Fleisch verzichten?“ fragt sie mich dann … „Ja, schon“ sage ich. „Dann kannst Du als Christin doch zum Beispiel einfach mehr beten, es muss ja nicht meditieren sein.... „ sagt sie, „bete doch einfach mehr!“  Und ich wie ich vollends anfange dicht zu machen.

Und ich ahne wie ich auf den Propheten Jeremia heute reagieren würde. Und ich stelle mir vor, er würde sich vor mir aufbauen und mich mit selbstgewisser mahnender Stimme von oben herab darüber belehren, was Gott von mir fordert und was ich alles in meinem Leben ändern soll. Und da möchte ich zu Jeremia gleich am Anfang seines Weges sagen:  Komm herab von deinem „ich bin gesetzt über die Völker und Königreiche und besitze die eine göttliche Wahrheit-Podest“!  Das geht nämlich schief! Steig herab, damit wir reden können von Mensch zu Mensch, diesmal ist es nämlich ernst und es droht mehr unterzugehen als die Stadt Jerusalem 500 Jahre vor Christus, die konnte nämlich wieder aufgebaut werden!

Wenn Menschen, die mahnen und Probleme aufzeigen dabei mit wissender Stimme von oben herab sprechen, führt dies quasi automatisch dazu, dass andere auf Durchzug schalten. Menschen, die womöglich - unter anderen Umständen - sehr wohl an einer gemeinsamen Suche nach einer Lösung des Problems interessiert gewesen wären. Werden Probleme moralisch als Forderungen von oben vorgetragen ist das Zeitfenster, in dem Menschen noch bereit sind, dies aufzunehmen, ganz klein. Das Haltbarkeitsdatum ist ganz schnell abgelaufen und dann kippt die Stimmung. Umkehrt kann es sein, dass Menschen auf gleichberechtigte und sachliche Weise auf ein Problem hinweisen und doch die Hörer aufgrund ihrer Vorerfahrungen, die können auch weit zurückliegen, Botschaften gleich auf der persönlichen Ebene empfangen. Da sagt eine „In den Flüchtlingslagern auf Lesbos befinden sich viele minderjährige Kinder“ und ein anderer antwortet gleich: „Nimm doch selbst eines auf!“ Oder einer sagt: „Viele Insektenarten sterben aus.“ Und der andere daraufhin: „Ich habe keinen Kiesgarten!“. Wir sind ganz schnell in einer Dynamik, in der wir alle möglichen Fragen unseres Miteinanders verhandeln, z.B. ‚wer bin ich und wer bist Du?‘, ‚wer hat hier wem etwas zu sagen?‘ und vor allem: ‚wer hat Schuld?‘ Das ursprüngliche Thema gerät dabei oft ganz aus dem Blick.

Ich finde, man kann nun auf der einen Seite sagen, so ist es eben. Menschen kommunizieren eben so. Ich auch! Oftmals merke ich das noch nicht einmal. Was mich persönlich nachdenklich macht ist, dass dies sehr viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt. Und ich glaube, dass unsere Kräfte nicht unendlich sind. Zeit und Energie, die wir bräuchten, um die Probleme zu lösen oder eben einfach neue Kräfte zu schöpfen. Es führt zudem dazu, dass die Stimmung immer gereizter wird und die Aufnahmebereitschaft damit zwangsläufig sinkt. Und wenn wir uns erst einmal in eine Sackgasse hineinkommuniziert haben, dann kommt es leider auch zu echten Kommunikationsabbrüchen. Die, die Probleme anmahnen und ihre Dringlichkeit betonen werden in solchen Situationen dann oft einfach immer lauter, sie wollen ja durchkommen, verständlich…. und die anderen beginnen sich zurückzuziehen, sagen: „Ich kann es einfach nicht mehr hören!“ und wollen einfach nur noch „auf den Deich“ – zumindest innerlich. Auch verständlich!  Und ja, mittlerweile gibt es auch noch eine dritte Gruppe von Menschen, die Demonstration in Berlin hat dies gezeigt, die demonstrieren laut dafür, dass es die ganzen Probleme einfach gar nicht gibt. Es gibt kein Corona, keinen Klimawandel, und das sind auch gar keine echten Flüchtlinge….usw. Gibt es nicht oder gibt es, aber ist gar nicht so schlimm. Wir wollen wieder Normalität! Diese Sehnsucht nach Einfachheit und Normalität, ich vermute, die können viele Menschen in dieser Zeit sehr gut verstehen.

Doch mischen sich unter die Demonstranten eben auch extremistische Demagogen, die aufstacheln zum Hass gegen Andersdenkende. Und die sind bereit, Menschen mit einer anderen Meinung auch etwas anzutun, diese einfach aus dem Weg zu räumen, um sich und ihre Wahrheit durchzusetzen. Da wird es dann wirklich gefährlich!

Vor diesem Hintergrund gerade: Ja es gibt vieles, was wir in dieser Zeit miteinander auszuhandeln haben und viele Probleme, die nach Lösungen verlangen. Und die Räume um vernünftig miteinander zu sprechen, sind unter diesen Bedingungen schwierig zu gestalten. Versuchen wir dennoch miteinander im Gespräch zu bleiben als einander Ebenbürtige, keiner besitzt im Menschlichen die Wahrheit allein. Die Wahrheit leuchtet auf in der Vielzahl der Perspektiven.

Und als Christen können wir bitten: Gott, stelle unsere Füße auf weiten Raum und geleite uns mit dem Geist deines Friedens durch diese Zeit! Amen!

Ihre Pastorin Birgit Dušková

Gedanken zum Sonntag, den 02. August 2020 von Pastorin Schinkel

Bleiben Sie gesund!

Das ist wohl der Satz, der in den letzten Wochen und Monaten am häufigsten gesagt oder geschrieben wurde- an der Kasse im Supermarkt, am Ende eines Telefonats, einer Email, einer WhatsApp- Nachricht. Ein wohltuender Satz- fand ich immer. Der mir zeigte: Da ist jemand besorgt um mich. Bis mir eine Freundin offenbarte, wie sehr sie dieser Satz ärgern würde: “ Ich bin nicht gesund, sondern chronisch krank. Also kann ich nicht gesund bleiben. Ich fühle mich ausgegrenzt, nicht gesehen, nicht gemeint. Entweder sagst du es präziser und wünschst mir, von Corona verschont zu bleiben. Oder du suchst dir einen anderen Satz aus.” Seitdem schreibe oder sage ich lieber: Bleiben Sie behütet! Das klingt wie ein Segen und meint: Wie auch immer du dich gerade fühlst, was auch immer mit dir geschieht- Gott bleibt an deiner Seite.

Krankheit grenzt aus. Heute und auch damals, zu Jesu Zeiten. Dass er blind geboren wurde, grenzt den Mann aus, von dem uns im Johannes- Evangelium an diesem Sonntag erzählt wird. Er muss betteln, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im Vorübergehen werfen die Menschen hastig etwas in seine Schale. Kaum einer bleibt stehen, um mit ihm zu reden. Er spürt nicht selten auch Verachtung, es wird getuschelt über ihn. Manchmal hört er die Frage ganz deutlich: “Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?”

Wir könnten diese Frage als rückständig abtun. Nur damit zu erklären, dass die Menschen zu wenig wussten über Krankheiten und ihre Ursachen.  Sie als göttliche Strafe zu verstehen, half ihnen, das Unbegreifliche begreifen und damit leben zu können.

Aber es gibt eine moderne Variante dieser Frage. Denn wir wissen heute, dass über unsere Gesundheit auch unser Lebensstil entscheidet. Wie ernährst du dich? Treibst du Sport oder sitzt du nur faul rum? Hast du Übergewicht?

Klar, daß es sich nicht gehört, in der Schwangerschaft zu rauchen oder zu trinken.

Wenn Menschen eine schwere Krankheit bekommen, meldet sich oft das schlechte Gewissen. Hätte ich eher zur Vorsorgeuntersuchung gehen sollen? Warum nur habe ich mich nicht anders verhalten, ernährt, bewegt? Jetzt bekomme ich die Quittung! Ich bin schuld. Vor diesen Selbstzweifeln gibt es kein Erbarmen und keine Erlösung. Du bist selbst verantwortlich, ob du krank wirst oder nicht.

Indem wir die Verantwortung für die Gesundheit so individualisieren, werden leider auch die gesellschaftlichen Zusammenhänge von Krankheit ausgeblendet. Armut etwa oder Umweltbedingungen. Es gerät aus dem Blick, dass für viele Menschen der Zugang zum Gesundheitssystem, zu Behandlung und zu Vorsorge erschwert ist, weil sie zu einer benachteiligten Gruppe gehören, weil ihre Wohnverhältnisse unzureichend sind oder es ihnen an Bildung mangelt. So liegen Krankheit und Ausgrenzung auch heute noch eng beieinander.

Für Jesus ist die Frage nach der Ursache  für die Erblindung des Mannes nicht relevant. Und dem Gedanken, dass sie eine göttliche Strafe sein könnte, erteilt er eine klare Absage. Jesus reagiert so, wie Ärzt*innen es täglich in der Sprechstunde tun: er nimmt die Menschen so, wie sie sind, egal wie die Vergangenheit aussieht. Und er behandelt sie einfach.

Jesus schenkt dem blinden Bettler mit seiner neuen Sehkraft auch einen Blick für seine Würde. Die nicht abhängig ist von Gesundheit oder Krankheit. Geschenkt von Gott, unverlierbar.

Ja, wir haben unser Leben nur bedingt in der Hand. Doch Gott verläßt uns nicht. Gott begleitet uns, in gesunden wie in kranken Tagen.

Bleibt behütet!

Eure Pastorin Gabriele Schinkel

 

Worte zum Sonntag, den 19. Juli 2020

 

Liebe Gemeinde,

Mit einem einfachen „Auf Wiedersehen!“  verabschiedete ich mich in meiner ersten Gemeinde als noch junge Pastorin von einer Dame nach einer Beerdigung auf dem Friedhof.  „Ich hoffe nicht!“ erwiderte sie mir.  Da ich die Dame verdutzt ansah, erklärte sie es mir mit einem Lächeln; „Naja, ich sehe sie immer, wenn es um den Tod geht“…  Sichtlich irritiert fing ich an ihr zu erklären, dass ich als Pastorin ja nicht nur für Beerdigungen zuständig wäre, sondern  äh…zum Beispiel auch für Taufen und Trauungen… und merkte gleich das diese Antwort auch mich nicht zufrieden stellte. Die Dame war freundlich, doch blieb sie bei ihrer Haltung: so schnell wolle sie mich auf keinen Fall wiedersehen! 

Wir trennten uns und auf meinem Weg über den Friedhof zurück zur Sakristei fühlte ich mich in meinem schwarzen langen Gewand tatsächlich für einen Moment wie der Sensenmann höchstpersönlich… „mir fehlt nur noch die Sense in der Hand“ dachte ich bei mir. So ungefähr muss ich der Dame auf dem Friedhof  vorgekommen sein. Da kommt sie die Dame in Schwarz mit dem Tod im Gepäck.

Tatsächlich denke ich, dass der Umgang mit dem Tod, mit der eigenen Sterblichkeit wohl eine der größten Herausforderungen unseres menschlichen Daseins ist. Es gibt verschiedene Wege damit umzugehen. Eine Möglichkeit ist diesen einfach zu verdrängen und in den Keller zu verbannen. Diese Möglichkeit wählte wohl die Dame, der ich auf dem Friedhof begegnet war. Das Problem ist: der Tod bleibt nicht im Keller, sondern kommt auch gerne mal ins Haus und auch die Pastorin verlässt gerne den Friedhof und man begegnet ihr auf einmal im Supermarkt in der Schlange. Gerade die Verdrängung kann dem Tod ziemlich viel Auftrieb und Macht geben. Der christliche Weg ist zudem ein anderer. So schreibt Apostel Paulus im heutigen Predigttext an die Gemeinde in Rom folgende Zeilen:

„Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln“

Diese sehr  steilen Worte des Apostels haben es in sich: „In den Tod getauft…!“ „Lieber Apostel“ möchte ich da fragen: ja, im ernst, kannst Du diese Sätze auch  Eltern mit einem frischgeborenen Säugling auf dem Arm bei der Taufe ins Gesicht sagen….?! Ist das nicht ganz und gar fehl am Platz?

Neulich habe ich einen Bericht über eine Frau gehört, die sich Zeit ihres Lebens dafür eingesetzt hat, dass die Gesellschaft dem Tod des Menschen mehr Beachtung schenkt: Cicely Saunders, englische Ärztin und Begründerin der modernen Palliativmedizin und Hospizbewegung.  Sie kämpfte gegen das gesellschaftliche Verdrängen-Wollen des Todes an. Sie machte darauf aufmerksam, dass mit der Verdrängung des Themas auch eine Verdrängung von Menschen einhergeht. Aus den Augen und aus dem Sinn geraten eben auch all jene, die gerade im Sterben liegen oder Abschied nehmen müssen. Und von dieser Ausgrenzung sind wir am Ende alle betroffen, nur eben zu verschiedenen Zeitpunkten.

Aber sich dem Tod stellen, ganz konkret!  Wenn das so einfach wäre! Da ist dieser Satz: „Ich werde sterbe. Menschen, die ich liebe, werden sterben.“  Ich weiß von manchen Menschen, die  mitten im Leben stehen und gesund sind, die sich im Zuge der Pandemie auf einmal mit dieser Realität beschäftigt haben. Aber wie findet man zu einer Haltung? Reine Kopfsätze helfen, so denke ich, dabei kaum. Das Sterben ist dafür viel zu körperlich, persönlich und konkret. Eine Haltung - so meine Beobachtung-  gewinnen Menschen eben auch durch schlaflose Nächte, durch Tränen, und im Durchstehen von Angst, Wut und Verzweiflung.  Was einem Menschen Halt und Hoffnung gibt wächst durch die Erfahrungen hindurch.  Und was dem einem helfen mag, vermag einen anderen leer erscheinen. Abnehmen können wir uns diese Aufgabe nicht. Aber für jede und jeden, der gerade damit zu tun hat, ist es ungemein hilfreich sich in einer Gesellschaft wiederzufinden, die dieses Thema nicht verdrängt. Indem wir uns dem Thema stellen, verliert der Tod seine Macht und Bedrohlichkeit und wir gewinnen Raum zum Leben. Cicely Saunders schaffte es, dass überhaupt die Bedürfnisse von Sterbenden in den Blick genommen und ihre Lebensqualität verbessert werden konnte. Ihre Haltung und ihre Kraft für ihr Engagement bezog Saunders auch aus ihrem christlichen Glauben. Gott in Jesus Christus ist zu finden im Ringen des Menschen um etwas, was ihm Halt und Hoffnung in Anbetracht des Todes schenkt.

Amen und Auf Wiedersehen!

Ihre Pastorin Birgit Dušková

 

 

 

Gute Wünsche

Gott möge Dich segnen und Dir beistehen:

dass Du Besuch bekommst,
und Du Aufmunterung erfährst,
wenn es Dir nicht gut geht
oder Du krank bist.

dass Du Freunde oder gute Menschen findest,
wenn Dich Probleme quälen
und Du Dich aussprechen möchtest.

dass Du getröstet wirst,
wenn Du traurig oder mutlos bist.

dass Dir jemand einen Weg weist,
wenn Du Dich verirrt hast
und Du nicht mehr weiter weißt.

dass Du eine Gemeinschaft findest
und darin gute Menschen,
die Dich in den Arm nehmen,
wenn Du einsam bist
und Dich verloren fühlst.

dass Dir jemand beim Tragen hilft,
wenn Du schwere Last oder
schweres Leid zu tragen hast.

dass Du Hilfe erfährst,
wenn Du derer bedarfst.

dass Du an jedem Ort einen Menschen findest,
der Dir beisteht, der sich mit Dir freut,
der Dich in schweren Stunden begleitet
und Dich nicht allein lässt,
wenn Du Dich verlassen fühlst.

- Heinz Pangels -

 

 

 

Gedanken über Hebr 13, 1 - 3 zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 26.07.2020

Liebe Gemeinde!

Das Corona-Virus hat unser Leben durcheinandergebracht. Nach dem Lockdown, der vieles auf Null gesetzt hat, gibt es nun Lockerungen und damit stellt sich die Frage: Was geht, und was geht nicht. Dinge, deren Ablauf zuvor selbstverständlich waren und einem ohne großes Nachdenken von der Hand gingen, brauchen jetzt erst eine Überprüfung: Gefährde ich durch mein Verhalten andere und mich selbst? Oder geht es?
Wenn unser Leben aus dem Takt geraten ist, wenn bisherige Selbstverständlichkeiten nicht mehr gelten, sind wir auf der Suche. Und nicht wenige sehnen sich danach, dass einer oder eine sagt, was wir tun sollen, damit wir auf der sicheren Seite sind.

Das Schreiben an die Hebräischen Gemeinden listet im 13. Kapitel klare und prägnante Handlungsanweisungen auf. Der ganze Brief richtet sich in einer Art Predigt an die jungen Christengemeinden. Sie sind verunsichert.                             

Als Christen sind sie in ihrer heidnischen Umgebung auf Widerstand gestoßen. Sie sind unfreundlich behandelt und ausgegrenzt, ja misshandelt worden. Nun will der Verfasser sie trösten und bestärken. Er erinnert sie daran, dass das Ziel nicht ist, sich im Hier und Heute einzurichten, so als ob die Welt die Heimat wäre. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13,14),  schreibt er an die Gemeinden.

Wir sind Gäste auf Erden; angewiesen auf Gastfreundschaft, auf Zusammenhalt untereinander.
Und dann schreibt er ganz konkrete Anweisungen zum Tun in der Gemeinde:

„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“

Sind DAS Ratschläge, die Mut machen???

Drei Aufforderungen, ja die Mahnung „vergesst nicht!“ – DAS soll helfen?
Vor allem die zweite Aufforderung ist eine Zumutung „Gastfrei zu sein, vergesst nicht“ – das griechische Wort für Gastfreundschaft heißt wörtlich übersetzt: die Liebe zum Fremden. Denen, die den christlichen Gemeindegliedern unfreundlich begegnen, die sie ausgrenzen und ihnen übel mitgespielt haben – die Fremden, denen gegenüber sollen sie nun gastfrei sein? Spinnt der?

Wäre nicht vielmehr Vorsicht gegenüber dem Fremden angemessen? Man weiß ja nie… Der Fremde könnte ein Feind sein. Die Fremde könnte schaden. Sie könnte etwas wegnehmen oder schlimmer: etwas Unangenehmes ins Haus schleppen ….
Normalerweise würden wir zur Zurückhaltung und Vorsicht dem Fremden gegenüber raten.
Nicht so der Hebräerbrief. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“
Und nicht nur im Hebräerbrief lesen wird die Aufforderung zur Gastfreundschaft. Überall wird in der Bibel daran erinnert:

„Übt Gastfreundschaft“, mahnt Paulus die Gemeinden. (Römer 12,13).
Von Jesus wird erzählt, wie er bei Menschen einkehrt und sie so zu Gastgebern macht oder sie auffordert, die Gastgeberrolle zu übernehmen. Den Zachäus nötigt er, sein Haus für ihn zu öffnen. Jesus lädt sich selbst bei ihm ein, wird so Gast.

„… denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

Im 1. Buch Mose wird von Sara und Abraham erzählt, die gastfreundlich drei unbekannte Männer bei sich aufnehmen. Sie laden sie ein, im Schatten des Baumes zu rasten; versorgen sie mit Wasser, um den Staub abzuwaschen und anschließend bewirten sie die drei Fremden großzügig. Es entwickelt sich ein Gespräch, in dem Abraham und Sara, den lange Kinderlosen, der ersehnte Sohn verheißen wird.
Anschaulich erzählt die Geschichte, wie die freundliche Aufnahme der Fremden Abraham u. Sara verwandelt. Die herzliche Offenheit, mit der sie den Fremden begegnen, lässt sie die Erfahrung von Wunderbarem machen. Auch wenn sie es im Moment noch nicht erfassen und glauben können.

Später erfahren Abraham und Sara, dass wer Gastfreundschaft übt, nicht nur etwas gibt, sondern auch etwas bekommt: Besonderes und Unerwartetes kann geschehen: Der ersehnte Sohn wird geboren (1.Mose 18).


„… denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“
In der Kunst sind daher aus den drei Fremden in der Abrahams-Geschichte Engel geworden. Die Dreifaltigkeitsikone des russischen Künstlers Andréj Rubljów zeigt die drei Männer als Engel.

 Engel sind Botschafter. Hoffnungsboten. Sie kündigen neues Leben an. Mit dem fremden Gast kommt die Ahnung, dass Nichts beim Alten bleiben muss. Davon erzählen die großen Geschichten der Bibel. Bei Sara und Abraham. Bei Maria in Nazareth. Bei den Hirten auf dem Feld in Bethlehem. Am Grab Jesu.
In der Gastfreundschaft ist Segen enthalten. In der Begegnung mit dem Fremden, in der Gastfreundschaft ihm gegenüber, eröffnen sich neue Horizonte. Neue Lebensperspektiven tun sich auf.

Denn im Fremden, dem wir uns gastfreundlich öffnen, begegnet uns in letzter Konsequenz GOTT selbst.

Jesus bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „…Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ (Matthäus 25,35). Die Angesprochenen können sich nicht erinnern, wo sie Jesus gastfreundlich aufgenommen haben. Aber Jesus antwortet ihnen: „Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40).

Gastfreundschaft ist also mehr als eine soziale Geste oder eine mitmenschliche Regung. Gastfreundschaft ist Gottesdienst. Im Fremden, den wir aufnehmen, dienen wir Gott. - Im Fremden kann uns Gott begegnen.


Gastfreundschaft ist also elementarer Ausdruck unseres Glaubens. Sie traut dem anderen, der von außen kommt, nicht von vornherein  Böses zu, sondern ist neugierig und offen für das, was er oder sie mitbringen mag - und welche neuen Perspektiven sich uns eröffnen. Neues wird möglich.

Gastfreundschaft ist Begegnung. Wir kommen mit Menschen ins Gespräch, hören zu, teilen eigene Erfahrungen mit anderen. Sie ist eine Chance, aufmerksam zu werden für den Moment, der uns berührt - der etwas weit macht in uns.

In jedem Abendmahl geht es darum, dass wir nicht nur Gastgeber sind, sondern selber immer auch Gäste. Gott selbst lädt uns an seinen Tisch, damit wir uns bewirten und beschenken lassen von seiner Gegenwart in Brot und Wein.

Diese Erinnerung, dass Gott UNSER  GASTGEBER ist, kann uns darin bestärken, selber gastfreundlich zu sein. Wir sind ja selber Gäste in seiner Welt. Wir leben von Grundlagen, die wir nicht geschaffen haben. Wir leben von dem, was schon vor uns da war, und was auch nach uns bleiben wird.

Das Bewusstsein dafür macht uns zu „Hausgenossen Gottes“, wie es im Wochenspruch heißt.

Selber reich bewirtet, können wir umso leichter Gastgeber und Gastgeberinnen werden und offen sein für Andere.

Gerade jetzt in der Urlaubszeit begegnen wir dem Anderen, dem Fremden auf mannigfache Weise: indem wir selber Gäste an einem anderen Ort sind – oder indem wir Besuchern in unserer Stadt begegnen. Wir versuchen, unsere Kirche, so oft es geht, für Besucher zu öffnen – manchmal geht es nicht, weil sich niemand gefunden hat, der auf die offene Kirche aufpasst – aber wenn es klappt, wie viele schöne Begegnungen mit anregenden Gesprächen haben sich dadurch schon ergeben! Und manchmal wurden daraus sogar Freundschaften.

 

Wir werden reich beschenkt, wenn wir uns für einander öffnen. Wir können GOTT begegnen. Und es tun sich neue Perspektiven für das Leben auf. Für ein Leben als Kinder Gottes.

Welch ein Segen.
Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

Wahrheit

Ich war vierzehn, da sah ich,

im Holunder aß eine Amsel

von den Beeren einer Dolde.

Gesättigt flog sie zur Mauer

und strich sich an dem Gestein

einen Samen vom Schnabel.

Ich war vierzig, da sah ich,

auf der geborst´nen Betonschicht

wuchs ein Holunder.

Die Wurzeln

hatten die Mauer gesprengt;

ein Riss klaffte in ihr,

bequem zu durchschreiten.

Mit splitterndem Mörtel

schrieb ich daneben: „Die Tat einer Amsel.“

Wolfdietrich Schnurre, Schriftsteller

Bild von bernswaelz auf Pixabay

 

 

Worte zum Sonntag, den 12. Juli 2020

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Fahre hinaus, wo es tief ist!“

Liebe Gemeinde,

als Christen glauben wir, dass in Jesus Christus Gott in der Welt erscheint. Und er betritt die Welt nicht gewichtig über den Haupteingang, sondern über einen Seiteneingang. Selbst von einfacher Herkunft, geboren in einem Stall bei Bethlehem beginnt er sein Wirken nicht in der Hauptstadt, wo sich alles tummelt, was Rang und Namen hat, sondern in der allertiefsten Provinz, dem verschlafenen Landstrich rund um den großen See Genezareth Galiläa genannt. Die Menschen hier leben von Landwirtschaft, Viehzucht und vom Fischfang. Sie sind die ersten zu denen er predigt und unter denen er Menschen findet, die ihm auf seinem Weg begleiten werden.

Der heutige Predigttext erzählt, wie Jesus einfachen Fischern am See Genezareth begegnet. Um besser zu der versammelten Menschenmenge sprechen zu können, leiht er sich vom Fischer Simon Petrus ein Boot. Und so kommt es, dass er die Situation der Fischer wahrnimmt, die gerade am Ufer ihre Netze auswaschen. Die ganze Nacht hatten sie auf dem See gearbeitet doch keine Fische gefangen. Für die einfachen Fischer eine echte Not! Keine Fische für den Verkauf, kein Lohn, noch nicht einmal ein paar Fische um den eigenen Hunger zu stillen. Jesus unterbricht seine Rede und fordert sie auf noch einmal hinauszufahren und die Netze auszuwerfen. „Fahre hinaus, wo es tief ist“ sagt er zu Simon Petrus. Und eigentlich hätten die Fischer abwinken können, denn es ist ja ihr Beruf, sie kennen den See wie keiner anderer. Doch lassen sie sich auf die Ermutigung Jesu ein und tatsächlich fangen sie so viele Fische, dass die Boote zu sinken drohen. Der Simon Petrus ist tief bewegt von diesem Erlebnis. Er fällt auf die Knie. „Herr geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch! spricht er zu Jesus. Und Jakobus und Johannes, die mit ihm sind ergeht es ähnlich. Und Jesus spricht zu ihm: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst Du Menschen fangen. Und in der Bibel heißt es dann kurz: sie brachten ihre Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. Die Fischer Simon Petrus, Jakobus, Johannes werden zu Jesu ersten Jüngern.

Die Geschichte hat in unseren Augen mehrere Ebenen. Da ist die ganz praktische: Die Not der Fischer, die keinen Fang machten, wird überwunden. Auf einmal fangen sie sehr viele Fische! Ihr Einkommen ist gesichert, Hunger und Not sind abgewendet. Wir sind daran gewöhnt diese Ebene zu überspringen und ganz schnell zu dem symbolischen Gehalt, zu dem vorzustoßen, was wir als Sinnaussage bezeichnen. Ganz schnell zum Thema Nachfolge und Mission zu gehen.  Die Menschen in biblischen Zeiten konnten diese Trennung so leicht nicht vollziehen. Sie waren noch nicht daran gewöhnt, das materiell Konkrete vom Religiösen zu trennen. Die Menschen wussten unmittelbar, was Hunger bedeutete. Was es bedeutet, wenn kein Brot und keine Fische da sind. Dass Menschen in der Nähe Jesu auf einmal satt wurden, prägte sich in ihr Gedächtnis ein und nicht wenige Geschichten von wundersamen Speisungen sind daher überliefert. Die Schöpfung aus der die Nahrung stammt wurde zudem als Raum verstanden, in dem Gott selbst wirkt. Dass die Fischer auf Jesu Rat hin so viele Fische fingen, sagte ihnen, dass er mit Gott auf besondere Weise verbunden ist. Und dass Gott sich durch Jesus ihnen in ihrer schwierigen Lage zuwendet und es gut mit ihnen meint.

Ich erinnere mich an eine Begegnung mit Christen aus Tansania. Ein Mann berichtete voller Freude, dass Gott ihm eine Kuh geschenkt habe. Konkret hatte die Kirche in seiner Heimat ihm geholfen einen günstigen Kredit zu erhalten mit dem er dann die Kuh hatte kaufen können. Das wusste er natürlich, doch drückt es eben so aus: Gott hat mir eine Kuh geschenkt! Halleluja!

Heute in Europa sind wir stolz darauf, dass wir rationaler und aufgeklärter sind als die Menschen damals oder in anderen Teilen der Erde heute noch. Wir haben uns daran gewöhnt, dass das Materielle keine geistige  Bedeutung mehr hat. Die Tiere und die Natur sind zur Sache geworden, die organisiert, beherrscht jederzeit konsumierbar ist.

In der Begegnung mit Jesu, mit dem Heiligen fällt dem Fischer Simon Petrus auf, was ihn von Gott trennt. Er fällt in diesem Moment auf die Knie und bekennt seine Sünde.  Lese ich diese alte Geschichte vom wundersamen Fischfang in der Bibel so fällt mir auf, was uns verloren gegangen ist und was uns von Gott und seiner Schöpfung entfremdet hat und trennt.

Mitten in dieser gegenwärtigen Krise nehmen wir wahr, dass wir mit unserer Art mit der Natur umzugehen an eine Grenze stoßen. Wir haben die Lebensmittelproduktion industriell rational perfektioniert, doch leiden Menschen in dieser Welt noch Hunger und droht unser Ökosystem zu kollabieren. Besonders thematisiert wurden in der  letzten Zeit die Zustände in der Fleischindustrie. Aber auch über die Fischerei-Industrie wissen wir, dass immer mehr und immer billiger uns in den Abgrund führt. Die großen Fang-Trawler der EU fischen den Fischern an der afrikanischen Küste die Fische weg, ehemalige Fischer machen sich auf nach Europa, um das Überleben ihrer Familie in der Heimat zu sichern. Große Zuchtfischanlagen tragen zum Kollaps der ursprünglichen Fischbestände in der ganzen Welt bei.

Auch wenn unsere Netze noch voll sind, so sind sie doch im Grunde schon leer.

In der Geschichte verlassen Simon Petrus und die anderen Fischer ihr altes Leben. Sie brechen auf und folgen Jesus nach von einem Moment auf den anderen nach. Sie lassen das Alte hinter sich und fangen neu an.

In einer Welt in der die Tiere und die Natur zu konsumierbaren Gegenständen geworden sind können wir als Christinnen und Christen davon sprechen, was es heißt die Welt als Gottes Schöpfung zu betrachten. Das heißt nicht anderen radikalen Verzicht zu predigen, sondern selbst eine andere Haltung einzunehmen:  allem was lebt mit Achtsamkeit und Respekt zu begegnen.

Fürchte Dich nicht! spricht Gott in Jesu uns zu. Amen

Ihre Birgit Dušková

 

 

Wort zum Sonntag, den 05. Juli 2020

Der den Wolf füttert

Am letzten Sonntag habe ich Ihnen von Elisabet erzählt, der Gärtnerin aus Leidenschaft, Erfinderin des Gleichnisses vom Komposthaufen, Philosophin mit grünem Daumen. Sie erinnern sich? Eine wirklich lebenserfahrene und weise Frau.

Aber diese Beschreibung trifft nicht nur auf Elisabet zu. Und so erzähle ich Ihnen heute von einem lebenserfahrenen und weisen Mann. Ich glaube, Sie haben auch schon von ihm gehört.

 Ein alter Indianer sitzt mit seinem Sohn am Lagerfeuer und spricht: “Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen 2 Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.

 Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.”

 Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“

 Der alte Indianer schweigt eine Weile.

Dann sagt er: „Der, den du fütterst.“

Es ist eine sehr bekannte und beliebte Geschichte.

Weil wir sie gut kennen, die beiden Wölfe. Ihren Kampf täglich in uns spüren. Uns große Mühe geben, nur den guten Wolf zu füttern. Und doch immer wieder scheitern. Weil der böse Wolf uns so treuherzig und bedürftig ansieht.

Der Kampf, der sich in unserem Inneren abspielt, wird auch tagtäglich in unserer Gesellschaft ausgetragen, unter Nachbarn, zwischen Staaten. Alle wissen imgrunde, was zu tun wäre, um den Traum einer friedlichen und gerechten Welt Wirklichkeit werden zu lassen, einer Welt, in der auch noch die nachfolgenden Generationen ihre Lebensgrundlagen finden. Aber wir verweigern dem “guten Wolf” immer wieder die Nahrung, vielleicht weil wir unterbewusst der Überzeugung sind, dass es ihn gar nicht gibt. Dass sich der “Böse Wolf” nur manchmal in einen Schafspelz hüllt, oder dass er Kreide frisst, um uns zu täuschen.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Das ist die christliche Variante der Indianergeschichte.

Dieser Vers wird gerne als Tauf- oder Konfirmationsspruch ausgesucht. Das ist kein Zufall: Zum einen ist der Satz für sich genommen nicht religiös. Gott bleibt unerwähnt. Zum andern können ihm sicherlich weit über 500 Millionen Leute vorbehaltlos zustimmen: Das Böse durch das Gute besiegen – wer will das  nicht? Außerdem kann man sich diesen Satz leichter merken als die ganze Indianergeschichte. Er würde sich gut eignen als Motivationssatz, als Mantra, das man jeden Morgen zehnmal laut aufsagt und mit in den Tag nimmt. Und am Abend nachprüft, wieviel Böses man durch Gutes besiegen konnte. Und auf das Folgende  vertraut:

Worauf ich mich fokussiere, das wächst, wird größer und stärker, wird zur Gewohnheit.

Das könnte als spirituelle Übung funktionieren. Aber vielleicht würde man auch nach anfänglicher Euphorie rasch an Grenzen stossen, weil die Bilanz am Ende des Tages einfach nicht stimmen will und so meinen Vorrat an Güte schwinden lässt.

Spiritualität braucht eine Quelle. Wir können das Böse nicht aus eigener Kraft und Güte heraus besiegen. Wir brauchen Gott als Quelle von Liebe und Güte- und Vergebung. Wenn wir uns doch wieder besiegen lassen. Weil die ganze Welt nur nach dem Prinzip “Wie du mir, so ich dir” zu funktionieren scheint. Und wir Ermutigung brauchen, um wieder aufzustehen und weiter zu machen. Und es kann Situationen geben, wo wir an die Grenzen des menschlich Möglichen stossen und – gerade um des Friedens willen – Gewalt anwenden müssen. Dietrich Bonhoeffer stand vor diesem Dilemma, als er sich entscheiden musste, ob er sich am Attentat gegen Adolf Hitler beteiligen soll. Eigentlich war er aufgrund des Gebots der Feindesliebe überzeugter Pazifist. Aber dann entschied er, “dem Rad in die Speichen zu fallen”, um noch schlimmeres Unheil zu verhindern.

 “Liebt eure Feinde!”, sagt Jesus. Trotzdem. Immer wieder. Und er traut es uns zu, dass wir so leben. Dass es heilsam für uns ist, zu verzeihen. Den guten Wolf zu füttern. Und heilsam für die Welt.

Indianerehrenwort.

Ihre Pastorin Gabriele Schinkel

 

 

 

 

 

 

Gedanken am Sonntag, den 28.06.2020 von Pastorin Schinkel

Liebe Gemeinde,

Elisabet ist Gärtnerin aus Leidenschaft. Das beginnt mit dem Heranziehen zarter Pflänzchen in Frühbeet und Gewächshaus und endet mit der kreativen Zubereitung des Geernteten in ihrer gemütlichen Küche - die natürlich von Kräuterduft erfüllt ist. Und da Elisabet gerne Gäste bewirtet, habe ich auch erfahren, dass man Brennnesseln essen kann, sogar frittiert.

Elisabet ist Gärtnerin aus Leidenschaft, aber auch in der Lage, ihr Paradies vom Liegestuhl aus zu genießen. Mit einem Glas Wein in der Hand oder einem Becher Tee kommt sie dann auch schon einmal ins Philosophieren. Über Gott und die Welt und die Möglichkeiten, ihre Probleme zu lösen.

Elisabet ist eine sehr lebenserfahrene und weise Frau, und sie findet immer wieder die schönsten Gleichnisse in ihrem Garten. Jesus hätte das gefallen. Ihr verdanke ich die Erkenntnis, dass ein gelungener Versöhnungsprozess zu vergleichen ist mit dem, was in einem Komposthaufen geschieht. 

Der abgeharkte Rasenschnitt, das gejätete Unkraut, die geschredderten Zweige, das aufgesammelte Fallobst - all das verrottet da und wird im Lauf der Jahre zu guter Gartenerde. Manchmal riecht es unangenehm, für ein paar Tage, wenn die faulen Äpfel vergären. Manchmal wird es im Kompost auch warm, ja, richtig heiß. Da passiert sehr viel. Aber am Ende wird aus Abfall etwas, das neues Leben und Wachstum  möglich macht. Aber das dauert natürlich, und dieser Vorgang ist nichts für Ungeduldige.

Wenn Schuld vergeben, Verfehlung bereinigt, Schaden wieder gutgemacht werden soll, dann ist es oft ganz ähnlich. Es kann zwischendurch mal ein übler Geruch entstehen, es kann auch heiß werden – so heiß, dass man das Ganze zunächst nicht anfassen möchte. Es kann nötig sein, erst einmal abzuwarten, manches auszusieben und umzusetzen. Wenn etwas Gutes dabei herauskommen soll, braucht es seine Zeit. Heilungsprozesse brauchen Geduld und die Bereitschaft, sie zu gestalten.

Elisabet weiß, wovon sie redet.

Und ich weiß, dass sie zutiefst einem Gott vertraut, dessen Wesen Vergebung ist. Verzeihen. Tilgen. Begnadigen. Bereinigen. Neue Anfänge ermöglichen. Für die, die schuldig geworden sind, und die, die verletzt wurden.

Darauf können auch wir setzen.

Ihre Pastorin Gabi Schinkel

 

 

Sonntag, 21. Juni 2020

 

 

 

Hören Sie hier eine Predigt von Pastor Thomas-Christian Schröder, sowie Musik aus Händels Messias - gesungen vom Chor der Stadtkirche unter Leitung von Florian Hanssen.

 

 

 

 

Statt Gottesdienst am Sonntag, 14.06.2020

Unterfeuer Glückstadt

Liebe Gemeinde !

„Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Ein Licht zu haben, bedeutet zunächst einmal, nicht blind im Dustern umher zu tappen. Ein Licht zu haben, bedeutet, zu wissen, woher man kommt und wohin man geht. Es bedeutet also im weiteren Sinne, dem Leben eine gute Richtung geben zu können.

Dunkelheit kann Angst machen. Wer im Dunkeln geht, weiß nicht, wohin er tritt; er geht unsicher, tastend, übervorsichtig, ängstlich. Er erschrickt, wenn er an ein Hindernis stößt.

Ein Licht zu haben, bedeutet also auch einen inneren Halt zu haben, einen festen Orientierungspunkt. Licht stärkt unsere Zuversicht, es gibt Sicherheit und Hoffnung.

Die beiden Glückstädter Leuchttürme gehören zum vertrauten Stadtbild. Ihr Licht hilft den Seeleuten, den richtigen Kurs zu finden. Viele Schiffe kommen von weit her aus Übersee und Fernost. Manche laufen zum ersten Mal Hamburg an. Die Elbe ist für sie also ein unbekanntes Gewässer. Noch dazu ein Gewässer, das sich ständig verändert. Ebbe und Flut  mit ihren wechselnden Wasserständen und Strömungen, Untiefen und Sandbänke machen es schwer, den richtigen Kurs zu finden.

Besonders bei Dunkelheit. Und es sind noch viele andere Schiffe unterwegs.

In einem gewissen Sinne sind auch wir unterwegs auf einer viel befahrenen Wasserstraße. Auch im Leben gibt es Untiefen und Sandbänke, und wir erkennen sie nicht immer auf den ersten Blick. Und doch müssen wir einen Weg finden, der uns selbst und den anderen gerecht wird.  Wie weit kann ich die Kurve ausfahren? Wie viel Raum kann ich mir und meinen Bedürfnissen geben? Wie viel braucht der andere?  Wo sind die Grenzen? Welche Folgen hat das, was ich tue, für mich und für meine Nächsten? Was tut gut? Was schadet?

Und was ist, wenn mein Schiff schon aufgelaufen ist? Was ist, wenn ich festsitze auf dem Schlick und ich nicht mehr weiter weiß?  - Dann sagt mir das Leuchtfeuer: Ich bin nicht allein. Es gibt Menschen, die sind da, wenn ich sie brauche. Früher gab es noch den Leuchtturmwärter. Der regelmäßig nach oben stieg, um nach dem Licht zu sehen – und nach Schiffen Ausschau zu halten. Der Leuchtturm war Teil einer ganzen Sicherheitskette, zu der Menschen und Schiffe gehören. Der Leuchtturm sagte dem Seemann: „Wir kommen, wenn du in Not bist.“

Zu uns sagt Christus: „Ich komme, wenn du mich brauchst. Ich bin für dich da. „Ich bin das Licht der Welt.“- Ich bin auch dein Licht.“

Er hat sein Leben eingesetzt für die Menschen.

Auf vielen, vor allem älteren, Abbildungen sieht man Männer in offenen Booten auf die sturmgepeitschte See hinaus fahren, um Schiffbrüchige zu retten. Sie wagen ihr Leben, um andere zu retten. Das hat Jesus getan. Für die, denen das Wasser am Halse stand, hat er den Himmel auf die Erde geholt, indem er da war -  indem er ihre Hand ergriff. Die Aussätzigen, der Zöllner Zachäus, die Ehebrecherin, der Leugner und Versager Petrus – sie alle erfuhren: „Du gehst nicht unter; ich bin doch bei dir. Ich bin dein Licht und deine Rettung.“

Diese Erfahrung hat sie nicht mehr verlassen. Von Christus getragen und mit Seiner Hilfe haben sie ihr Lebensschiff wieder flott machen können – vielleicht auf einem ganz anderen Kurs, als dem, den sie vorher eingeschlagen hatten – aber unterwegs zu einem guten Hafen.

So, wie Jesus es gesagt hat: „Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Dieses große „Ja“ GOTTES – dieses „Ich bin hier bei Dir, ich bin da für Dich“ – das kann für uns so etwas werden, wie ein innerer Kompass,  der uns die Richtung zeigt – nämlich hin zu einem erfüllten Leben - zu den Menschen, zu meinen Nächsten und zu mir selbst.

Wenn wir dieser Richtung folgen, dann werden auch die Stillen gehört, die man sonst so leicht überhört. Dann kommen auch die Schwachen und die Langsamen zu ihrem Recht. Dann reden Menschen nicht aneinander vorbei, dann hören sie einander zu.

Das Licht Christi hilft uns, im Alltag mit seinen Anforderungen und Problemen diesen liebevollen Blick aufeinander nicht so schnell zu verlieren. 

Und erhellt von seinem Licht können wir vielleicht sogar auch füreinander so etwas werden, wie ein kleines Unterfeuer, das dem anderen zeigt: Du bist nicht allein. Wir sind da. Für Dich. Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

 

 

Predigt zum Sonntag Trinitatis , 07.06.2020

Bild von Christine Schmidt auf Pixabay

Predigttext: 4. Mose 6,22-27: „Der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: so sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Liebe Gemeinde,
diese Worte aus dem Alten Testament gehören neben dem Vaterunser zu den bekanntesten in der Bibel. Jeder Gottesdienst schließt damit.                          

Ohne Segen am Ende – da würde uns etwas Entscheidendes fehlen. Mir ist das in den zurückliegenden Wochen, in denen die Kirchen geschlossen waren und man Gottesdienste nur online erleben konnte, aufgefallen. Die Online-Gottesdienste waren in der Regel kürzer. Es wurden Lieder weggelassen, auf die Schriftlesung oder das Gebet am Anfang verzichtet, aber niemals auf den Segen am Schluss.

Bei allen möglichen Anlässen werden Segenswünsche ausgesprochen. Segen wünschen nicht nur gläubige Menschen. Nach meinem Eindruck empfinden viele, dass es tiefer geht, wenn statt „Viel Glück“ „Gott segne Dich“ gesagt wird.  
Segen wünschen wir nicht nur Geburtstagskindern, sondern auch Brautleuten, Jubilaren oder Menschen, denen ein wichtiges Amt übertragen wird. Bei allen wichtigen Stationen des Lebens begleitet uns der Segen: bei der Taufe und bei der Konfirmation, die auch Ein-Segnung genannt wird. Bei der letzten Lebensstation, der Beerdigung, wird die verstorbene Person aus-gesegnet.
Gesegnet zu werden, wünschen sich viele Menschen, auch solche, die sich sonst der Kirche nicht mehr verbunden fühlen.                                                                        

Beim Segen werden sie empfänglich, auch wenn manche nicht genau sagen können, was genau sie sich damit eigentlich wünschen.
Ich spüre da eine Sehnsucht nach Behütet-sein, nach Erfüllung der Träume, mit denen man das Leben begonnen hat. Man möchte dem Leben gewachsen sein. Man möchte eine innere Sicherheit haben und einen Weg gehen, an dessen Ende man dankend sagen kann: Ja, das war ein gesegnetes Leben.

Manche denken dabei an Wohlergehen und Gesundheit. Andere an Kinder, die ein Haus mit Leben erfüllen.

Aber, wenn Segen nicht erfahren wird ?!?

Wenn der Lebensweg brüchig wird, weil sich Krankheit einmischt oder Trauer oder Sorgen. Wenn Erfahrungen sich häufen, dass wir zerbrechlich sind, dass wir vieles nicht im Griff haben. Wenn sich Unsicherheit und Ungewissheit ausbreiten.

Ich denke, dass für viele Menschen das Erleben der Coronakrise mit ihren unüberschaubaren Folgen eine solche Dimension hat.
Da kann es schwer werden, daran zu glauben, dass GOTT einen wirklich segnet. Aber ER tut es, so sagen die biblischen Worte. GOTT segnet. Das wird uns immer wieder zugesprochen.
Uns sind die Segensworte meist in der Möglichkeitsform vertraut: „Der Herr segne dich.“ Wir hören sie dadurch mehr als einen Wunsch oder gar als Aufforderung. Im hebräischen Urtext hingegen steht das Wort für segnen in der Wirklichkeitsform: „Der Herr segnet dich.“

Bei diesen Beobachtungen geht es um mehr als um Grammatik. Denn wenn der Indikativ – so lautet der grammatische Begriff – die Wirklichkeit darstellt, dann wird damit bekräftigt: Es ist so. Gott segnet. Und dies nicht nur in Zeiten des Glanzes.

Wir Christinnen und Christen haben uns diese Worte aus der Hebräischen Bibel geborgt. Mit ihnen wurde das Volk Israel von Aaron, dem Bruder des Mose, am Berg Sinai gesegnet. Deshalb werden diese Segensworte auch Aaronitischer Segen genannt.

Später wurden damit die Israeliten im Jerusalemer Tempel gesegnet. Diese alten, kostbaren Worte verbinden uns zutiefst mit unseren jüdischen Geschwistern. Zu deren Geschichte gehört viel Entbehrung, Verfolgung und Mutlosigkeit. Und dennoch haben die Segensworte sie durch die Jahrhunderte hindurch begleitet, aufgerichtet, gestärkt.  Sie waren ihnen wie ein schützender Mantel.

Der Segen Gottes bewirkt also keine Erfolgsgeschichte im Sinne von Reichtum und Glück. Und die magische Vorstellung, dass man mit ihm unversehrt durchs Leben kommt, erfüllt er auch nicht.

Aber der Segen Gottes ist Zuspruch pur. Ich muss und ich kann dafür gar nichts tun. Das ist für uns Menschen gar nicht so einfach. Denn wir mühen uns oft ab, alles in der Hand zu haben, mitzubestimmen, zu planen und zu gestalten.

Demgegenüber bedeutet Gottes Segen eine große Ent-Lastung: Ich muss nichts tun. Ich muss mir nicht einmal Gedanken machen.
Im Segen leuchtet ein anderes Angesicht über uns als unser eigenes oder das eines anderen Menschen. Wenn wir uns selbst anschauen, machen wir das oft mit einem prüfenden, einem kritischen, vielleicht auch gnadenlosen Blick: Wie sehe ich denn schon wieder aus? Was habe ich da wieder gemacht? Auch wenn andere uns anschauen, entdecken wir immer wieder in Frage stellende oder abschätzige Blicke: Was soll denn das? Was willst du schon wieder? Manchmal sind wir auch einfach unsicher: Wie soll ich diesen Blick verstehen? Wie ist er gemeint?

Demgegenüber wird uns im Segen zugesagt: Gottes Angesicht leuchtet über uns. Ja, wir dürfen sagen: GOTT strahlt uns an!   - Auch wenn es uns vielleicht manchmal anders scheinen mag.

Gott will unser Wohl. ER lässt sein Angesicht über uns leuchten wie einen hellen, wärmenden Strahl. ER schenkt uns Seinen Frieden. Keinen Frieden, den wir mühsam erkämpfen und mit allen möglichen Waffen verteidigen müssen. ER gibt uns einen Frieden, der höher ist als all unsere Vernunft.

Was das bedeuten kann, wird in einem Buch von Inger Hermann eindrücklich beschrieben. Sie gibt darin ihre Erfahrungen als Religionslehrerin an Stuttgarter Förderschulen wieder. Die Kinder sind fast alle vernachlässigt und erfahren in ihren Familien verbale und körperliche Gewalt. Ein geordneter Unterricht ist selten möglich. Gerade deshalb ist Inger Hermann ein fester Rahmen wichtig, ein Gebet am Anfang und der Segen am Ende jeder Unterrichtsstunde. Den hat sie mit den Kindern auswendig gelernt. Den Kindern liegt an diesem Ritual. Sie spüren, dass da etwas anders ist und stellen für diesen Moment ihre Störungen ein und sorgen mitunter selbst für die dafür notwendige Ruhe. Als es einmal wieder drunter und drüber geht in der Unterrichtsstunde und selbst am Ende keine Ruhe einkehren will, fährt ein Schüler seine immer noch quasselnde Mitschülerin an: „Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen!“ Dieser Satz, der zum Titel des Buches wird, wirkt. Dann sprechen alle miteinander den Segen.
„Geborgenheitsritual“ nennt Inger Hermann diesen festen Rahmen, wo die Kinder für kurze Zeit etwas spüren, was völlig anders ist als das, was sie in ihrem Alltag erleben.

Ein Geborgenheitsritual kann der Segen auch für uns sein, gerade dann, wenn wir unser Leben nicht als geordnet und glücklich erleben.                                           

Und es ist gut, dass jemand anderes uns den Segen zuspricht. Wir dürfen ihn auf uns legen lassen wie einen schützenden Mantel. Wir dürfen uns damit umfangen lassen und gestärkt und aufgerichtet weitergehen.

Uns bleibt nur eines: „Amen“ zu sagen. Damit drücken wir aus: Ja, so sei es. Darauf vertrauen wir. Darin verankern wir uns. Gott lässt sein Angesicht über uns leuchten.
Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

Statt Gottesdienst am Pfingstsonntag

Bild von Felix Mittermeier auf Pixabay

Resonanz

Als Konfirmand habe ich gelernt, Pfingsten sei das „Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes“.

Aber was soll ich mir darunter vorstellen?

Albert Schweitzer hat dafür ein anschauliches Bild gefunden: Er spricht von „Resonanz“.  Resonanz entsteht durch Berührung. Etwa wenn auf den Saiten eines Flügels Töne angeschlagen werden, dann schwingt auch der ganze Körper in Resonanz mit  – und verstärkt den Klang.

Resonanz gibt es auch ohne direkte Berührung, etwa wenn bei hohen Tönen die Gläser im Schrank anfangen, zu klingen.

Resonanz gibt es aber auch im übertragenen Sinne: wenn ein Mensch etwas sagt, was in mir Gefühle und Reaktionen hervorruft. Wenn ich ein Buch lese, einen Brief, eine e-Mail, etwas, das mich zum Nachdenken bringt, dann ist das eine geistige Resonanz.

Und in einer solchen Resonanz, sagt Schweitzer, können wir auch mit Jesus stehen. Wenn das, was er getan und wofür er gelebt hat, uns anspricht – wenn es uns tief drinnen berührt - dann entsteht Resonanz – dann schwingen wir mit.

Und ich glaube, wer auf Jesu Wellenlänge mitschwingt, der kann am Ende gar nicht mehr anders, als es so zu machen wie er - und mit seinen Mitmenschen – und auch mit sich selbst – achtsamer und liebevoller umzugehen.

Gemeinsam mit vielen Menschen überall auf der Welt bin auch ich Teil des einen großen Resonanzkörpers Jesu: seiner Gemeinde.

Ich darf darauf vertrauen, dass ich dazugehöre, auch wenn ich Abstand halten muss. – Der Gedanke gefällt mir.

In diesem Sinne ein frohes und gesegnetes Pfingstfest Ihnen allen!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Statt Gottesdienst am 24. Mai 2020

Bild von pixabay

Liebe Gemeinde,

„Ich setzte meinen Fuß in die Luft und sie trug.“

Diese Zeile stammt von der Dichterin Hilde Domin.  Sie soll ihn verfasst haben nach dem Tod ihrer Mutter. Er passt aber auch sonst zu ihrem Leben. In ihren Gedichten findet sie Worte für Erfahrungen von Verlust und Unsicherheit. Sie weiß, wovon sie spricht. Mit ihrem Mann hatte sie als Jüdin ihre Heimat Deutschland über Nacht verlassen müssen. Bis zur ihrer Rückkehr nach dem Krieg musste sie in den verschiedensten Ländern im Exil leben. Hilde Domin schreibt aber nicht nur über die Unsicherheit des Lebens, sondern auch über das, was dem Menschen helfen kann diese zu bewältigen. Die Sprache, die Dichtung selbst kann dem Menschen Halt und Geborgenheit in aller Unsicherheit schenken.

Unsicherheit und Ungewissheit bestimmen auch unser Leben in der Zeit der Pandemie. Werden wir selbst, unsere Familien und Nächsten gesund bleiben? Wie wird sich die Pandemie auf unser soziales Leben und die Wirtschaft auswirken. Die Nachrichten zeichnen keine guten Prognosen für die Zukunft. Und einige müssen bereits jetzt mit starken Einschnitten zurechtkommen. Wir müssen uns von vielen Dingen, die wir für die Zukunft geplant haben, gerade verabschieden und die Ungewissheit aushalten.

Auch im Kirchenjahr befinden wir uns in einer Zeit, die gekennzeichnet ist von Abschied und Verunsicherung, aber auch der Erwartung eines Neubeginns. An Himmelfahrt verließ Jesus die ihm nahestanden. Sie können ihn nicht mehr anfassen oder umarmen oder Gespräche mit ihm führen wie früher. Sie sind auf sich allein gestellt. Und sie realisieren, dass es so wie es früher war, nicht wieder werden wird. Das wird sie traurig, ratlos, vielleicht wütend gemacht haben. Doch in dieser Zeit vollzieht sich auch ein Wandel. Sie erleben, dass Jesus nun zwar körperlich nicht mehr anwesend ist, dass er ihnen aber nahe ist mit seinem Geist. Er stärkt sie mit seinem Geist nun innerlich in ihren Seelen.  Genau diese Erfahrung feiern wir am Pfingstfest, dem Fest des Heiligen Geistes. Und der Heilige Geist wirkt durch die Sprache. Sprache schafft Wirklichkeit.

Viele äußere Sicherheiten sind in unserem Leben gerade weggebrochen. Umso mehr kommt es nun an auf unsere Stärke im Inneren und die Kraft mitten in der Verunsicherung zu vertrauen.

Neben einem Management, welches wirksam die Pandemie eindämmt, um wieder Leben zu finden, brauchen wir auch Worte von Zuversicht und Vertrauen. Diese Worte finden wir in der Bibel in den Worten Jesu, die bis heute zu uns sprechen wollen. Diese Worte können wir aber auch einander als Menschen in diesen Tagen zusprechen.

So stärke Gott uns in diesen Tagen in unserem Inneren durch seinen Heiligen Geist! Amen.

Ihre Birgit Dušková

 

 

Statt Himmelfahrts-Gottesdienst

Da berühren sich Himmel und Erde

 

 

An diesem Himmelfahrtstag können Sie sich hier einen kleinen Film ansehen - mit Beiträgen und Musik der Pastoren und Pastorinnen, sowie den Kantoren der Region Elbmarschen.

Wir wünschen Ihnen einen gesegneten Himmelfahrtstag.

 

 

 

 

 

 

Statt Gottesdienst am 17. Mai 2020

Igor

Vom Beten

Alles begann mit den Worten, die mir meine Oma beim Schlafengehen beibrachte:

“Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.”

Ein Gebet , das theologisch sicher hinterfragt werden kann, aber doch der Anfang einer wunderbaren Freundschaft wurde. Später lernte ich das Vaterunser und dass es in Ordnung ist, mit eigenen Worten zu beten. Dass ich mit Gott reden kann wie mit einem guten Freund, der nichts weiter trägt von dem, was ich ihm anvertraue. Den ich treffen kann, wann ich will. Und der mich trifft, wenn ich es nicht erwarte.

Beten kann ein Hilfeschrei sein oder ein Lauschen in die Stille. Ich kann tanzend beten - oder beim Gemüseschneiden. An jedem Ort und zu jeder Stunde.

Heute ist der Sonntag Rogate. Übersetzt heißt das: Betet!

Betet! Denn das Gebet hält die Beziehung zu Gott lebendig.

Eine Beziehung lebt davon, dass wir uns austauschen, dass wir uns mitteilen, dass wir sagen, was uns auf dem Herzen liegt. Und auch hören, was unserem Gegenüber wichtig ist. In einer Ehe ist es so, unter FreundInnen, in der Beziehung zu den Kindern, zu Nachbarn und Kolleginnen. In den Phasen, in denen wir uns keine Zeit nehmen zum Reden, weil wir es nicht schaffen oder nicht wollen, wachsen die Missverständnisse.

So ist es auch in der Beziehung zu Gott. Sie wird und bleibt lebendig, wenn wir beten, wenn wir uns mitteilen und Gott die Chance geben, hörbar zu werden.

Davon erzählt ein Priester, der von einer alten Dame um Rat gebeten wurde: "Vierzehn Jahre lang habe ich fast ununterbrochen gebetet, doch nie habe ich ein Gefühl von der Gegenwart Gottes gehabt.” Der Priester fragt nach: “Haben Sie ihm Gelegenheit gegeben, ein Wort einzuwerfen?” Die Dame verneint: “Ich habe die ganze Zeit zu ihm gesprochen. Das ist doch Beten - oder?” Unser Priester verzichtet auf eine ausführliche Antwort und stellt der Dame eine Aufgabe: “Nehmen Sie sich täglich eine Viertelstunde Zeit, setzen Sie sich in einen bequemen Sessel und stricken Sie vor dem Angesicht Gottes. “ Ein paar Wochen später berichtet die Dame voller Begeisterung: “Das ist merkwürdig....Wenn ich zu Gott bete, also zu ihm spreche, fühle ich nichts. Doch wenn ich still dasitze, ihm gegenüber, dann fühle ich mich in seine Gegenwart eingehüllt.”

So bete ich auch oft. Gerade, wenn mir die Worte fehlen. Setze mich an einen ruhigen Ort, schließe die Augen oder schaue etwas Schönes an. Ich lasse den Atem gehen wie er will. Sehe die Bilder an, die aufsteigen, spüre meinen Gefühlen nach. Und stelle mir dann vor: Gott schaut mir zu, wie ich da sitze. Ohne dass ich sagen könnte, wie er genau aussieht - oder sie, oder es. Das ist auch nicht wichtig. Ich spüre nur ein ruhiges liebevolles Lächeln. Das mir allein gilt. Das nicht verschwindet, auch wenn meine Gedanken und Gefühle alles andere als liebevoll sind. Ich spüre Eile, aber das Lächeln schenkt mir Zeit. Tränen steigen in mir auf, aber das Lächeln tröstet mich. Ich fühle mich klein und ohnmächtig, aber das Lächeln weitet mein Herz und richtet mich auf. Ich sorge mich um einen Menschen,  aber das Lächeln sagt: “Ich schaue da gleich mal vorbei.”

Ich habe von Leuten gehört, die so ähnlich angefangen haben mit dem Beten. Ohne Vorerfahrung, aus Neugier auf religiöses Leben. Oder aus tiefster Not heraus. Denn die lehrt ja bekanntlich Beten.

Wer betet, sagt: Ich habe ein Ziel, das über mich selbst hinausgeht. Ich bin mir selbst nicht genug. Ich habe mein Leben nicht allein in der Hand.

“Ich habe heute viel zu tun, da muss ich viel beten”, schreibt Martin Luther an einen Freund. Damit stellt er klar: Wer betet, legt nicht die Hände in den Schoß. Im Gegenteil: Indem ich mein Leben mit und  vor Gott bedenke und die Welt ins Gebet nehme, werde ich zu verantwortlichem Tun befähigt.

Was für ein Geschenk, das Gebet! Es bereichert mein Leben, es öffnet mir den Himmel.

Ihre und Eure Pastorin Gabriele Schinkel

 

 

 

 

Gott auf der Parkbank

Lenny hat heute keine Lust zur Schule. Seine Mutter ist schon los. Sie ist Kassiererin im Supermarkt und muss früh anfangen. Und so frühstückt Lenny alleine, packt sich ein paar Coladosen und ein paar Schokoriegel in seinen Rucksack und stapft lustlos durch die Grünanlagen der Vorstadtsiedlung.

Missmutig kickt er ein paar leere Bierdosen über den Gehweg. Beim Spielplatz fläzt er sich auf eine Bank und packt einen Schokoriegel aus.
Eine alte Frau schiebt ihren Rollator vor sich her. Erschöpft setzt sie sich zu Lenny auf die Bank. Schüchtern fast und ganz ans andere Ende – sie will sich ja nicht aufdrängen.

Lenny futtert seinen Schokoriegel.
Da bemerkt er, wie sie sehnsüchtig nach der Schokolade schaut. Lenny ist irritiert: „Was will die denn?“
Dann zuckt er mit den Schultern, greift in seinen Rucksack, holt noch einen Schokoriegel heraus und gibt ihn der Frau. Dankbar lächelt sie ihn an. Und Lenny findet, ein wundervolles Lächeln!

Prompt greift er noch mal in seinen Rucksack, holt eine Coladose hervor, reißt den Verschluss auf und gibt sie ihr.

Mit zittriger Hand nimmt sie sie und lächelt noch strahlender als zuvor.
So sitzen die beiden den ganzen Vormittag auf der Bank, futtern einen Schokoriegel nach dem andern und trinken Cola.
Und sprechen kein einziges Wort.

Schließlich steht Lenny auf. „Muss jetzt los. Tschüß!“ „Tschüß!“
Zu Hause fragt ihn seine Mutter: „Was hast du denn heute so gemacht?“ „Du, Mom, ich habe Gott getroffen.“
„WAS?! Und wie sah er aus?“
„Sie hat ein wunderschönes Lächeln.“

Auch die alte Frau kehrt zurück. Die Pflegerin im Heim fragt sie: „Wo waren Sie denn? Wir haben uns schon Sorgen gemacht!“
„Ach, stellen Sie sich nur mal vor: Ich habe Gott getroffen!“ „Was?! Und wie sah er aus?“
„Er ist viel jünger, als ich dachte.“

Frei nach Dorothea Riedlinger-Frank
Bild von Ana Gic auf Pixabay

 

Statt Gottesdienst am 10. Mai 2020

Statt Gottesdienst

Gute Worte

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„HERR,
wenn ich sehe die Himmel, DEINER Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die Du bereitest hast:
was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass DU Dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast DU ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über DEINER Hände Werk,
alles hast Du unter seine Füße getan:
Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere,
die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.“ – aus Psalm 8
Als ich ein Schuljunge war, hat mich mein Vater mitunter nachts geweckt, um mir die Sterne zu zeigen. Wir standen dann manchmal mitten in der Nacht draußen im Garten und schauten gemeinsam in den Himmel hinauf. Vater zeigte mir die Sternbilder, den Großen Wagen und den Kleinen Wagen. Er erklärte mir auch, dass die Sterne, die wir als kleine glitzernde Lichtpunkte sehen können, in Wahrheit Sonnen sind, so groß wie unsere eigene oder sogar noch größer und heller. Weil sie aber so weit von uns entfernt sind, sehen wir sie nur als Pünktchen.

Und er fuhr fort: „Das weißliche Band, das sich da über den Himmel zieht, das ist die Milchstraße. Sie ist eigentlich eine flache Scheibe und besteht aus unzähligen einzelnen Sternen. Sie sind aber so weit von uns entfernt, dass wir ihr Licht nur als verschwommenes schwaches Leuchten wahrnehmen. Unser Sonnensystem gehört auch dazu. Es liegt ganz am Rand der Milchstraße, und von dort schauen wir ins Innere.“

Damals als Kind habe ich nicht alles verstanden. Und es hat sich für mich recht ungemütlich angefühlt, als Erdenbewohner so ein Randsiedler des Universums zu sein. Ich kam mir so klein vor dabei. Hier standen wir zwei kleine Krümel und sahen nachts hinauf in den unendlich weiten Himmel. Aber die dort oben konnten uns doch unmöglich sehen hier unten. Wir waren ja winzig klein, wir waren doch zum Verschwinden gering.

„Was guckst du denn so traurig?“, fragte mein Vater. „Ich fühl mich so klein“, sagte ich. „Der Himmel ist so groß über uns. Da bemerkt uns doch keiner.“
Mein Vater schaute mich verwundert an. „GOTT hat den Himmel doch nicht groß gemacht, damit du dir klein vorkommen sollst“, erwiderte er. „Im Gegenteil! Ganz erhaben fühlen kannst du dich, wenn du denkst: In diese große Welt hat ER mich hineingesetzt, auf diese eine Erde. ER wollte, dass ich da bin. Ich. Genau hier. Und hier bin ich nun! Verstehst Du? Du bist einmalig. In diesem ganzen riesigen Universum gibt es kein einziges anderes Wesen, das genauso ist wie Du.“
Und als ich noch immer nicht ganz überzeugt war, fügte er hinzu: „Denke doch nur mal an einen Diamanten! Was macht ihn so kostbar? Na? Nicht zuletzt, dass er so selten ist: Ein kleiner Diamant in Tausenden von Tonnen Gestein! Aber welch ein Funkeln! Welches Feuer! Was für ein schöner Glanz! So viel Schönheit! - Ja, wir sind Gottes Edelsteine in SEINER Schöpfung!“

Er hatte Recht. Heute sagt uns die Wissenschaft, dass wir sogar buchstäblich Kinder des Himmels sind: Die Atome, aus denen wir bestehen – wir und die ganze Erde um uns herum, die Pflanzen und Tiere – wurden einmal lange vor unserer Zeit im Innern heißer Sterne durch Kernsynthese aufgebaut. Diese Sterne explodierten und verteilten ihre Materie im All. Daraus wurden neue Sterne und Planeten – und letztlich auch wir.

Wir sind wirklich etwas ganz Besonderes: wir sind Kinder der Sterne. Das dürfen wir uns gerade auch in dunklen Momenten gerne wieder in Erinnerung rufen.
GOTT hat uns groß gemeint und großartig gemacht. ER hat die Welt mit all ihren Naturgesetzen entstehen lassen und hat uns mitten hineingesetzt. Es gibt uns, weil ER uns will. Und ER freut sich, dass wir da sind.
ER liebt diesen kleinen blauen Planeten und seine Bewohner. Vielleicht finden wir in diesem Sommer ja Gelegenheit, einmal in Ruhe den Sternenhimmel über uns zu betrachten - und die Welt und uns selbst gleichsam einmal mit GOTTES Augen zu sehen – und zu staunen über das Wunder des Lebens, von dem wir ein Teil sind. Amen.
Thomas-Christian Schröder

 

Statt Gottesdienst am Sonntag, den 26.04.2020

Bild von Kaatjem auf Pixabay

Liebe Gemeinde,

sie sehen hier abgebildet eine Aufnahme vom Monument „Clave“ im Hafen von Rotterdam, welches an die Abschaffung der Sklaverei in den Niederlanden im Jahr 1863 erinnert.  Zu sehen ist ein Mensch, der sich gleich einem Tänzer in mehreren Schritten von den Ketten der Sklaverei befreit. Alex da Silva, der niederländische Künstler der das Monument schuf, hat seine Wurzeln auf den Kapverdischen Inseln. Die Inselgruppe vor der westafrikanischen Küste war ein wichtiger Umschlagsplatz für den transatlantischen Sklavenhandel. Alex da Silva selbst ist Nachfahre von Menschen, die Sklaverei erleiden mussten und das Monument ist somit auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte.

Der Bibeltext für den heutigen Sonntag steht im 1. Petrus 2, 21-25. Auch in diesem geht es um Sklaverei. Der Verfasser richtet sich in dem Abschnitt an diejenigen Gläubigen in den ersten christlichen Gemeinden, welche Sklaven und unfreie Hausangestellte waren.  Er ermahnt sie, sich ihren Herren unterzuordnen, auch jenen, die nicht freundlich und gütig sind, sondern „wunderlich“, „schräg“, „unberechenbar“. Im Leid der Sklaven erblickt er eine Verbindung zum Leiden Jesu. Im Ertragen des Leidens treten die Sklaven in seine Fußstapfen und werden seine Nachfolger. „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber nun bekehrt zu dem Bischof und Hirten eurer Seelen“ schreibt der Verfasser des Briefes. 

In Anbetracht der Geschichte der Sklaverei und des millionenfachen Unrechts und Leids, welches durch diese Menschen angetan wurde, ist dies ein tonnenschwerer ja schon problematisch zu nennender Text! Es sind Worte, die ich mit dem Wissen von heute so nicht einfach als frohe Botschaft weitersagen kann. Er verlangt nach Erklärungen und Einordnung. Das will ich im Folgenden einmal versuchen…

Der Text wurde in einer Zeit geschrieben in der Sklaverei weit verbreitet war. Das Vorhandensein von Sklaven war in der antiken Gesellschaft selbstverständlich. Zu Sklaven wurden Menschen, wenn sie in Kriegsgefangenschaft gerieten oder wenn sie ihre Schulden nicht zurückbezahlen konnten.  Was es in der damaligen Gesellschaft nicht gab, war ein Zusammenhang von  Sklaverei und Hautfarbe. Mit der rassistisch begründeten massenhaften Versklavung von afrikanischen Menschen begannen Europäer erst in der Neuzeit. In den neuen Kolonien wurden billige Arbeitskräfte benötigt. Um die Ausbeutung  und Versklavung von afrikanischen Menschen zu begründen, setzte man die Idee der Existenz einer minderwertigen Rasse in die Welt, die leider bis heute Anhänger findet. Der Verfasser des Predigttextes verbindet Sklaverei nicht mit Hautfarbe und Herkunft. Zu seiner Zeit kann prinzipiell jeder im Laufe seines Lebens, seine Freiheit verlieren, aber er oder sie kann sie unter bestimmten Umständen auch wiedererlangen. Er kennt das Leid, welches mit der Sklaverei verbunden ist und spricht dieses auch an. Was er nicht vor Augen hat, ist der massenhafte systematisch organisierte Menschenhandel, an den wir denken müssen, wenn wir das Wort Sklaverei hören.

Der Text wurde in einer Zeit geschrieben in der die christliche Gemeinde eine kleine Minderheit in der Gesellschaft bildete. Die Gläubigen rechneten damit, dass Jesus Christus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen würde. Es galt sich darauf vor allem innerlich vorzubereiten. Da das bald kommende Gottes Reich sowieso die Welt aus den Angeln heben würde, betrachteten sie sich nicht als eine Kraft, die die weltliche gesellschaftliche Ordnung bestimmen sollte. Vor diesem Hintergrund nahmen sie die Einrichtung der Sklaverei hin und rieten denjenigen unter den Schwestern und Brüdern, die unfrei waren, durchzuhalten und nicht aufzubegehren gegen ihre Herren. In dem für sie wichtigsten und auch gestaltbaren Bereich des gemeinsamen Glaubenslebens machten sie zwischen Freien und Sklaven keinen Unterschied. Als im Glauben gleichberechtigte Schwestern und Brüder feierten die ersten Christinnen und Christen miteinander Abendmahl, die gemäß der weltlichen Ordnung in der Außenwelt einander Herren und Sklaven waren.

Festhalten kann man also: der Verfasser hatte eine kleine gesellschaftlich keinesfalls einflussreiche Gruppe von Menschen vor Augen und was er schrieb sollte diesen helfen, die Zeit bis zur Wiederkunft Jesu zu bestehen. Eine Gruppe, die in Anbetracht dieser Erwartung unter sich bereits wagte, etwas einzuüben, was in der Gesellschaft damals nicht üblich war: nämlich sich als Gleichberechtigte vor Gott zu betrachten. „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Knecht noch Freier, da ist weder Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ schrieb Apostel Paulus im Brief an die Galater.

 

Die Situation änderte sich dagegen vollkommen als das Christentum sich weiter ausbreitete und nach und nach auch in der Position war, die Gesellschaft zu prägen. Betrachtet man den weiteren Verlauf der Geschichte so können wir feststellen, dass sehr gegensätzliche Einstellungen zur Sklaverei in der Kirche und unter Christinnen und Christen anzutreffen waren. Es gab sowohl Befürworter als auch entschiedene Gegner der Sklaverei. Es gab kirchliche Vertreter, die die unheilvolle Legende in die Welt setzten, alle dunkelhäutigen Menschen wären die Nachfahren von Ham, dem zweiten Sohn Noah, und würden unter einem Fluch stehen, der sie für immer zu Sklaven verdammte. Und es wurde eben auch auf den heutigen Predigttext verwiesen, der den Sklaven rät, sich ihren Herren unterzuordnen. Was einmal als Überlebensregel auf Zeit gedacht war, wurde nun zur gottgewollten Ordnung stilisiert. Die biblische Botschaft wurde verdreht, wenn diejenigen, die anderen Leiden zufügten oder die Macht hatten dieses zu beenden, den gequälten Menschen predigten ihr Leiden wäre Bestandteil der Nachfolge Jesu. Heute blicken wir mit Schmerz und Scham auf dieses Kapitel der Geschichte. Wir dürfen uns aber auch erinnern an all jene Menschen, wie die Abolitionisten (engl.  abolition – deutsch: Abschaffung), Christinnen und Christen, die sich ab dem 18. Jahrhundert leidenschaftlich mit der Bibel in der Hand  für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten und nicht müde wurden auf die Gottebenbildlichkeit aller Menschen hinzuweisen. Die Gleichberechtigung vor Gott sollte nun auch die menschliche Gesellschaft prägen. Bedeutsam im Kampf gegen Rassentrennung und Unrecht als Folgen der Sklaverei wurde im 20. Jahrhundert Martin Luther King, der eben auch Pastor und wortmächtiger Prediger und Ausleger der Bibel war.

Und heute? Auch wenn die Sklaverei offiziell nun seit mehr als 150 Jahren abgeschafft ist, ist sie in der Realität noch lange nicht überwunden. Weltweit sind schätzungsweise ca. 40 Millionen Menschen von modernen Formen der Sklaverei betroffen (Global Slavery Index 2016). Zur modernen Sklaverei zählt man Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Zwangsprostitution und die Rekrutierung von Kindersoldaten. Deutschland ist zum einen Transit- und Zielland des Menschenhandelns - vor allem im Bereich der Zwangsprostitution - und ein Absatzmarkt von Waren, die unter sklavenähnlichen Bedingungen produziert wurden. Zum anderen ist Deutschland ein Land in dem Menschen Zuflucht finden, die Sklaverei und Ausbeutung erleiden mussten, die fliehen konnten und hier die Chance haben, zu heilen und sich ein neues Leben aufzubauen.

Das Monument für die Abschaffung der Sklaverei in Rotterdam trägt als Inschrift eine Zeile aus einem Volkslied der Kapverdischen Inseln: „Der Körper des Sklaven geht, eine freie Seele bleibt“.  Hört man den Berichten von Menschen zu, die Sklaverei, Ausbeutung und Abhängigkeit am eigenen Leib erfahren mussten, wird deutlich, wie schwer der Prozess der Befreiung, den das Monument zeigt, in der Realität ist. Ein Körper, der einmal Gewalt ausgesetzt war, wird lange  bis lebenslang diese Gewalt auch erinnern. Der „Sklavenkörper“ geht nicht einfach. Da sind Wunden und Narben, die bleiben und schmerzen – manchmal ein Leben lang. Auf der anderen Seite bezeugen alle Menschen, die es geschafft haben sich aus Abhängigkeiten und Gewaltverhältnissen zu befreien, dass es im Menschen etwas gibt, dass nicht aufgibt nach Freiheit und Selbstsein zu suchen. Es scheint etwas im Menschen zu geben, das kein Mensch dem anderen nehmen kann. Das mag verschüttet und vergraben sein, aber es ist da. Mit dem Predigttext gesprochen, glaube ich, dass da einer als „Bischof und Hirte“ die Seele des Menschen behütet und dass aus dieser immer wieder heileres freieres Leben entstehen kann. Ich denke, dass ist tröstlich zu glauben für uns alle! In diesem Sinne bleiben Sie behütet!

Ihre Birgit Dušková

Statt Gottesdienst

Die Unendlichkeit des Sternenhimmels
(Bild von Free-Photos auf Pixabay)

Liebe Gemeinde!

„Weißt du, wieviel Sternlein stehen…?“ Als unsere 3 Jungs noch klein waren, haben meine Frau und ich ihnen das oft zum Einschlafen vorgesungen. „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet.“ Und am Schluss: „… kennt auch dich und hat dich lieb“. Mit diesem Lied konnten sie gut einschlafen. Und heute singt mein ältester Sohn es seiner kleinen Tochter vor.
Die Kinder fühlen sich geborgen mit diesem Lied. Sie spüren die Liebe von Mutter oder Vater. Und sie hören, dass auch Gott sie liebt. Das gibt ihnen Sicherheit für die Nacht. „Urvertrauen“ nennen das die Psychologen. Ich würde es „Gottvertrauen“ nennen. Es ist gut, wenn Kinder so aufwachsen können. Da wird eine Grundlage gelegt für das ganze Leben. Die Psychologen sagen, wer ein gesundes Urvertrauen hat, den kann im Leben so schnell nichts erschüttern.
So hat das wohl auch Wilhelm Hey gesehen, der Pädagoge und Pfarrer, der das Lied im 19. Jahrhundert gedichtet hat.

Wilhelm Hey hat sich von einem Abschnitt aus der Bibel inspirieren lassen. Im Buch des Propheten Jesaja ist auch von den Sternen die Rede, die Gott mit Namen ruft, damit ihm nicht einer fehlt. Dort lesen wir:


Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber“?

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?

Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.(- Jesaja 40, 26 – 31)

Es war eine schwere Zeit für Jesaja und seine Landsleute. Ihre Heimat war vom Krieg zerstört, die Menschen ins Feindesland verschleppt. Das unfreiwillige Exil dauerte nun schon viele Jahre. Kein Wunder, dass die Leute mürbe werden. Kein Wunder, dass sie sagen: „Gott kümmert sich nicht mehr um uns. Verlierer wie wir sind ihm egal.“


Jesaja will den Verzagten Mut machen: „Gebt nicht auf! Gott steht auch jetzt zu euch. Habt Geduld! GOTT, der das All in seiner unendlichen Weite geschaffen hat, kennt jeden Stern. Er KANN euch helfen.  Und Er WIRD euch helfen.“

So, wie die Eltern ihren Kindern singen: „Kennt auch dich und hat dich lieb!“

 

Alles nur „Opium fürs Volk“? „Eiapopeia“ und „Heile-Welt-Gedusel“ für kleine Kinder?  -  Nein.

Ich bin sowieso davon überzeugt, dass man Kindern nichts vormachen soll. Sie haben feine Antennen und spüren es sehr wohl, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Und Erwachsene spüren das auch.

Probleme zu verharmlosen, schlechte Nachrichten als fake news zu bezeichnen, das macht die Dinge nur schlimmer. Wohin das führt, sehen wir in dieser Corona-Pandemie zum Beispiel in den USA oder in Großbritannien, wo man es zu lange mit Verharmlosen probiert hat.

Jesaja verharmlost nichts. Er weiß, wie die Leute reden: „Gott hat mich verlassen“, zitiert er seine Landsleute, „er hat uns vergessen“ (Jes 49, 14).

Vielen geht es heute auch so.

Alte Menschen, die abgeschnitten sind von ihrer Familie, die sie so dringend bräuchten. Junge, die leben möchten in diesen Frühlingstagen und leben müssen wie Gefangene.

Und wie sieht es erst in anderen Ländern aus, wo die Versorgung nicht so gut klappt wie bei uns! Oder in den Flüchtlingslagern! „Um uns kümmert sich niemand, kein Mensch und kein Gott“. Wen wundert es, wenn sie so reden und verzweifeln. Und in ihrer Verzweiflung verzweifelte Dinge tun.

Was Jesaja uns rät, das klingt nur auf den ersten Blick betulich und hausbacken: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Mir gefällt diese altertümliche Formulierung aus der Luther-Bibel – vor allem das Wort „harren“.

Harren: Das heißt warten, heißt Geduld haben. Also nicht: alles hinschmeißen und weglaufen, wenn mir alles zu viel geworden ist. Nicht: Sich besinnungslos ins Leben stürzen, weil die Situation scheinbar nur so auszuhalten ist. Auch nicht die Augen schließen und schlafen, nichts mehr mitkriegen und wie betäubt aufgeben. Auch nicht so tun, als ob nichts wäre.
Jesaja rät: die Müdigkeit ruhig zulassen, warten, Pause machen, weil ich nicht mehr kann. Zugeben, dass ich nicht mehr kann. Aber darin sich nicht aufgeben, sondern wissen: Es wird anders werden. Das steckt für mich in diesem altmodischen Wort „harren“.

Harren heißt in der Erwartung leben, dass etwas Neues, etwas anderes kommt. Harren heißt, mit Gott rechnen. Harren heißt, auf Gott vertrauen. Damit rechnen, dass Gott einen neuen Anfang und neue Kraft geben wird.

Es lebt sich anders mit dieser Hoffnung: Das Leben ist nicht vorbei. Es braucht nur eine Pause.

Ich glaube: Viel von der verheißenen neuen Kraft kommt allein schon daher, dass ich begreife: Ich schaffe es nicht aus eigener Kraft – und das ist gar nicht schlimm. Ich kann das ruhig zugeben. Ich kann ruhig zugeben, dass ich auf Hilfe angewiesen bin – auf Hilfe von Gott und auf Menschen, die mir helfen. Das ist keine Schande. Angewiesensein ist eine Grundform menschlicher Existenz.

Ich darf ruhig sagen, ich schaffe das nicht alleine, nicht meinen Dienst, nicht die Betreuung der Kinder, wenn sie, wie jetzt, immerzu zu Hause sein müssen. Ich schaffe nicht die doppelte Arbeit im Büro, weil Kollegen krank geworden sind. Ich werde allein nicht mehr fertig mit meinem Kummer, ich weiß nicht weiter mit meinem Leben. Ich schaffe das nicht. – Ich bin angewiesen auf Hilfe. Gott, steh mir bei. Schick mir Hilfe. Vor Gott darf ich das ruhig sagen. Deswegen bin ich noch lange kein Versager.


Wenn man sich das traut, dann kann man eine neue und befreiende Erfahrung machen. Man kann entdecken, wie viel Hilfe es gibt und wie viele Helfer. Manches Mut-machende Wort hätte ich nicht gehört, manche Hilfe wäre nie eingetroffen, wenn nicht jemand gemerkt hätte: Der ist angewiesen auf mich. Eingestehen, dass ich angewiesen bin – das macht stark: weil man Menschen findet, die einem beistehen. Zugeben, dass ich angewiesen bin: Das verbindet stärker als vieles andere. Und gemeinsam sind Menschen immer stärker als einer allein. Die auf Gott harren, weil sie begriffen haben, dass sie angewiesen sind, die kriegen neue Kraft.


„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“ Die Pause machen, wenn sie müde geworden sind und auf GOTT vertrauen, die kriegen neue Kraft.

Wenn ein erster Schritt nötig ist, dann fragen sie nicht länger: Warum denn ich, sondern sagen: Warum nicht ich? Und wenn sie es allein nicht schaffen, dann sagen sie: Es ist nötig, dass wir da etwas tun. Allein schaffe ich das nicht. Aber zusammen könnte es gehen. Dann werden sie Hilfe finden. Dann wachsen Kräfte, die keiner erahnt hat.
Ich verlasse mich darauf: Gott gibt uns seinen Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit, wenn wir auf ihn harren. Denn er kennt uns und unsere Ratlosigkeit.

Und er hat uns lieb.

Amen.

Ihr Thomas-Christian Schröder

Statt Gottesdienst am Ostermontag

„Nun aber“, so schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth, „ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“ (- 1. Kor 15, 20).

Das Sicherste im Leben sei der Tod, so hört man es oft. Und solange alles so bleibt, wie wir es kennen, solange in der Welt alles beim Alten bleibt, bleibt auch der Tod das unwiderrufliche Ende des Lebens.

„Nun aber ist Christus auferstanden.“ Ostern ist im Grunde eine Befreiung. So, als ob die Tür eines Kerkers aufgerissen würde: Licht fällt in den finsteren Raum. Und der frische Wind, der hereinweht, schmeckt nach Freiheit, nach Weite, nach Aufbruch und nach Leben.

Bisher waren alle Menschen, unter das Verhängnis des Todes versklavt. Aber nun hat der Tod seine unheimliche Macht verloren, denn Christus ist auferstanden.

Schon sein Leben war ein einziger Aufstand gegen den Tod. Bei ihm war Liebe nicht nur ein Wort. Er schenkte Armen, Elenden, und Verachteten und Ausgestoßenen seine Nähe. Er heilte Leben, das in Scherben gegangen war. Er trieb die Mächte aus, die Menschen zerstören.

Mit seinem Kreuzestod schien das alles null und nichtig, aus und vorbei zu sein. Aber merkwürdig: seit Ostern ist sein Tod noch ermutigender als es sein Leben in Galiläa und Jerusalem je gewesen war.

Es ist wie auf diesem Bild: Die Botschaft von der Auferstehung, sie ist wie ein helles Licht, das schon jetzt durch den Spalt hereinbricht in unsere dunkle enge Welt. Noch sind wir innerhalb des Tores, in einem dunklen, bestenfalls von Dämmerlicht erhellten Raum. Aber das Licht, das zu uns hereinfällt, lässt die neue lichte Welt dahinter schon ahnen. Es regt sich was im Herzen.

Die Botschaft von der Auferstehung macht es möglich, auch aufzuerstehen - schon hier und jetzt – mitten im Leben – aus unseren Ängsten - aus unserer Lethargie – aus allem, was uns gefangen hält – auferstehen zu neuem Lebens-mut und zu neuer Hoffnung.

Mit der Sonne des Ostermorgens ging es den Frauen am Grabe auf, und es dämmerte den verstörten Jüngern: Gott hat Jesus im Tod nicht alleingelassen. Gott selber ist mit ihm in den Tod gegangen. Aber, wo Gott ist, da kann der Tod nicht bleiben! Die Lebendigkeit Gottes hat die Pforten des Totenreiches gesprengt. – Und das Leben flutet hindurch; es bricht sich Bahn!

Ostern ist wie eine geöffnete Tür, durch die das Licht aus einer anderen Welt in unser Leben fällt. Noch sehen wir nicht, was dahinter ist. Wir können es bestenfalls ahnen.

Aber es macht schon jetzt etwas mit uns. Veränderung liegt in der Luft, neue Hoffnung, Erwartung. Das Herz schlägt schneller.

„Nun aber... Nun aber ist Christus auferstanden!“ Das klingt trotzig und irgendwie auch triumphierend: „Ätsch!“ Der Knochenmann ist entmachtet! Der Mensch ist zum Leben da! Wir dürfen und wir können teilhaben an der Lebendigkeit Gottes.

Das Belastende und Irritierende, das wir um uns herum wahrnehmen, bleibt eine Herausforderung – aber es ist nicht alles! Corona ist nicht alles. Die Angst vor der Infektion und die Angst um die wirtschaftliche Existenz, sie sind nicht alles.

Udo Lindenberg hat es in seiner „flapsigen“ Art einmal so ausgedrückt: „Hinterm Horizont geht´s weiter, immer weiter …“.

Und er hat Recht: Ostern ist das entscheidende Datum, das unseren Horizont weitet und das uns Luft gibt zum Atmen.

Denn, verbunden mit Christus, kann uns nichts mehr scheiden von der Liebe Gottes. Und diese Liebe findet sich mit dem Tod nicht ab. Darum gibt es für Paulus auch gar keinen Zweifel: Der Tod führt sich zwar heute noch auf, als sei er der Herr der Welt, aber in Wahrheit ist er schon eine gebrochene Gestalt. Seinen Stachel hat er lassen müssen. Zu Ostern feiern wir den Anfang von seinem Ende.

Aber ist das alles nicht ein bisschen zu rosarot?

Mir kommt Willi in den Sinn. Er gehörte zur dritten Klasse; er war wie die anderen auch, nur mit einem Unterschied: er hatte einen Gehirntumor. Er wurde bestrahlt, und es ging ihm elend. Die Kinder seiner Klasse bekamen es mit. Sie hielten zu ihm und lachten manches auch weg mit ihrer Lebensfreude.

Und doch war die Krankheit stärker. Willi starb. Die Kinder wollten ihn auch bei der Trauerfeier begleiten. Doch die Eltern waren dagegen. Sie wollten die Kinder schützen und schützten aber wohl nur sich selbst. Die Kinder setzten sich gegen ihre Eltern durch. Sie gingen zu Willis Beerdigung. Alle malten sie ein Bild und banden sie alle zusammen zu einem Bilderbuch.

Einer hat Willi in Gott hinein gemalt, der dick ist und rund und für vieles Platz hat. Platz fanden die Kinder auch für ein Zebra. Damit die Tiere nicht vergessen werden. Willi hat gerne mit Tieren gespielt.

In den Bildern ist alles in Gott versammelt und geborgen in ihm.

„Tschüß“ haben sie noch auf ein Bild geschrieben und „Bis bald“.

Gängige Wünsche aus dem Schulalltag. „Tschüß, Willi. Bis bald.“ -

Gott ist ganz nah – bei dir, Willi – und bei uns!

Osterbotschaft pur.

Kinder können so stark sein. Sie machen es uns vor, wie man leben kann, auch wenn der Tod noch immer zu unserer Erfahrungswelt gehört.

Sie machen es uns vor, wie wir uns an diesem Leben freuen können, auch wenn wir Menschen, die wir liebgehabt haben, gehen lassen müssen.

Sie machen es uns vor, wie wir uns geborgen fühlen können, auch wenn wir selber einmal gehen müssen.

Sie lassen uns staunend miterleben, wieviel Leben wir in unsere Welt hinein bringen können durch kleine Gesten der Liebe und der Verbundenheit.

Und überall, wo das geschieht, da ist Auferstehung – da ist Ostern.

In diesem Sinne: Ihnen allen frohe und gesegnete Ostern!

Bleiben Sie behütet! Möge Gottes Segen Sie begleiten!

Ihr Thomas-Christian Schröder



Statt Familiengottesdienst

 

 

 

 

Erleben Sie mit Ihren Kindern einen kleinen Familiengottesdienst mit Pastorin Schinkel.

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Statt Gottesdienst am Ostersonntag

 

 

 

Freuen Sie sich Sie sich auf einen gemeinsamen Ostervideogruß der Kirchengemeinden aus der Region Elbmarschen.

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Statt Osternacht

 

 

 

Andacht zur Osternacht mit Pastor Schröder

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Statt Gottesdienst

 

 

Andacht zum Karfreitag mit Pastorin Gabi Schinkel

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Statt Gottesdienst am 05. April 2020

Liebe Gemeinde.

Wie soll ich mich verhalten? Worauf kommt es jetzt an?

Es gibt wohl kaum jemanden, der sich diese Fragen in den letzten Wochen nicht gestellt hat.

Aufgrund der Corona-Pandemie befinden wir uns in einer außergewöhnlichen, zu unseren Lebzeiten noch nie dagewesen Situation der Ausnahme. Etwas Bedrohliches kommt da auf uns zu, das uns zum Teil ratlos und ohnmächtig macht. Was tun?

Dass Menschen in so einer Situation erst einmal Nudeln und Toilettenpapier kaufen gehen, wundert mich nicht: man reagiert, man tut etwas, man handelt erst einmal drauf los. Ich kann das gut nachvollziehen. Langsam sind wir aus dieser Phase nun heraus und die Regale füllen sich wieder.

Wir fragen uns nun ernstlich: was macht nun in dieser Situation wirklich Sinn? Welche alten Regeln gelten in dieser Situation und wo müssen wir ganz neue Wege einschlagen?

In der biblischen Geschichte für den heutigen Sonntag Palmarum geht es um eine ganz ähnliche Frage.

Die Geschichte erzählt wie Jesus mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem in einem kleinen Ort namens Bethanien im Haus von Freunden zu Gast ist. Tod und Abschied werfen bereits einen Schatten auf die versammelte Gemeinschaft. Da betritt eine wohlhabende Frau den Raum und salbt den Kopf Jesu mit einem kostbaren Öl. Daraufhin entzündet sich zwischen den Jüngern und Jesu ein Streit. Die Jünger sind entsetzt: Was tut die Frau? Was soll diese Verschwendung? Man hätte das Öl ganz im Sinne des Gebotes der Nächstenliebe verkaufen sollen und den Erlös den Armen geben sollen. Doch Jesus verteidigt die reiche Frau und sagt: „Lasst sie! Was bekümmert ihr sie. Sie hat ein gutes Werk getan. Die Armen habt ihr allezeit bei Euch, wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun, mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte und hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“

Die Jünger wollen das, was ihnen vertraut ist: das Öl verkaufen und das Geld den Armen geben. Jesus verteidigt das Tun der Frau. Sie hat den Moment erfasst und das richtige getan. In Liebe, in Zuneigung einfach etwas verschwendet. Wird Jesus auf einmal egoistisch? Schaut man sich andere Geschichten in der Bibel an, so fällt auf, dass die Reaktion Jesu gut zu dem passt, was er auch sonst lebte und weitergab. Immer wieder bricht er Regeln und zieht dadurch auch Zorn auf sich. Doch tut er es nicht, weil er die Gebote und Regeln nicht achtet, sondern im Gegenteil, damit ihr tiefer liegender Sinn wieder zum Vorschein treten kann. Gott gab dem Menschen Gebote, damit sie dem Leben dienen. Werden die Regeln aber mit Härte und Gesetzlichkeit befolgt, verlieren sie die Kraft das Leben zu fördern. Sie fangen an die Lebendigkeit, die sie eigentlich ermöglichen sollen, zu ersticken.

Typisch für Jesus ist es, dass er den Menschen in der Umsetzung der Gebote in den konkreten Situationen sehr viel Freiheit zumutet.

Ich bin in der gegenwärtigen Situation froh, dass wir trotz der ungewöhnlichen Regeln, die unser Leben gerade prägen, es auch in unserer Gesellschaft immer noch auf diese Freiheit ankommt. Ich lebe in einem Land in dem Menschen sich frei informieren können und selbst denken können.

Ein Großteil der Menschen hält sich freiwillig und nicht aufgrund von Strafandrohung an die Abstandsregel, weil sie selbst davon überzeugt sind, dass sie dem Leben dient.

Ich hoffe, dass dieser Geist unter uns erhalten bleibt und in diesem Ausnahmezustand eigene Meinungsbildung, Überzeugung und Freiwilligkeit sich als stärker erweisen als Gesetze, Zwang und Kontrolle.

Wie die Szene in Bethanien von dem nahenden Tod Jesu überschattet wird, so ist auch unser derzeitiges Leben überschattet von der Bedrohung durch einen tödlichen Virus.

Menschen, die mit der Nähe des Todes in ihrem Leben schon einmal konfrontiert waren, sei es durch eine schwere Krankheit oder durch den Verlust eines Angehörigen, berichten oft, dass sie das Leben in einem anderen Lichte sehen als vor dieser Erfahrung. Die Endlichkeit dieses Lebens vor Augen, wagen Menschen auf einmal aus dem Hamsterrad auszusteigen, dass das Leben ansonsten schnell an uns vorüberrauschen lässt.

Worauf kommt es wirklich an? Was hat Bestand und was erfüllt mich wirklich? Auf diese Frage gibt es keine fertigen Antworten. Eine mögliche Antwort ist: die Beziehungen zu anderen Menschen sind das, worauf es ankommt. Und das Wertvollste unserer Tage ist nicht ein teures Öl, Parfum oder anderes Pflegeprodukt, sondern Zeit! Nicht wenige haben diese Zeit gerade. Sie ist auf einmal da. Wir können sie nutzen einander wahrzunehmen, auszuhalten, gern zu haben. Das geht auch am Telefon!

Wenn ich als Pastorin gefragt werde, wo Gott in so einer Situation der Bedrohung denn nun sei, dann ist meine einzige Antwort darauf: ich glaube dass er da zu finden ist, wo Menschen auch im Anbetracht einer Bedrohung sich aufmachen dem Leben Sinn zu geben. Dass er anwesend ist in unserer Phantasie, das Leben auch unter diesen Bedingungen zu gestalten. Dass er anwesend ist in der Liebe, die wir uns - auch durch unsere Konflikte hindurch - einander zeigen. Amen.

Ihre Birgit Dušková

NEUER GEMEINDEBRIEF

 

NEUER GEMEINDEBRIEF

Unsere Antwort auf die Corona-Krise ist: Mehr gemeinsam und mehr für die Menschen. Das greifbare Ergebnis ist ein neuer Gemeindebrief - entworfen von 9 Gemeinden von Borsfleth bis Horst. Das gab es noch nie. Texte für die Osterzeit, gemeinsame Aktionen und viele Informationen aus unseren Gemeinden und von unseren Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern. 6500 Exemplare. Besonders für die, die nicht im Internet unterwegs sein können.

Dieser Gemeindebrief wird ab Mittwochnachmittag auch nicht-virtuell verteilt werden: In Glückstadt ist er in Boxen vor der Kirche und vor der Kita Nordlichter erhältlich, bei den beiden Edeka-Märkten, im Kasten vor der Tourismus-Info und bei der Bücherstube. Und vielleicht fallen uns noch andere Orte ein...

Unsere Bitte: Bringen Sie den Gemeindebrief auch denen, die gerade nicht raus dürfen und/oder kein Internet haben.

Bleiben Sie gesund und behütet
ich wünsche Ihnen eine gesegnete Karwoche
Ihr
Stefan Egenberger

 

Statt Gottesdienst

Der Engel Gottes

 

Der Engel Gottes lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus. (Psalm 34,8)

Einige von Ihnen wissen es ja bereits: Ich sammle Geschichten. Sie werden mir erzählt, ich finde sie im Internet und in alten Büchern. Aber genau so gerne sammle ich auch geistliche Texte, Gebete und Gedichte. Als Vorrat für schlechte Zeiten. Und das Schöne ist, dass ich sie nicht hamstern muss, dass ich sie weiter verschenken kann. Sie gehen mir nicht aus und können viele reich machen. Heute ist es eine Meditation zu Psalm 34,8. Sie wurde von einer Kollegin verfasst, von Doris Joachim, die als Referentin für Gottesdienst im Zentrum Verkündigung in Frankfurt tätig ist.

 

Engel.
Sie lagern um uns herum.
Sie breiten ihre Flügel aus oder ihre Arme – je nach dem.
Sie schützen nicht vor dem Virus.
Aber vor der Angst.
Das können sie:
Uns die Angst nehmen.
Und die Panik vor dem, was uns beunruhigt.
Engel wiegen uns nicht in falscher Sicherheit.
Aber sie können die verängstigte Seele wiegen.
In ihren Armen oder Flügeln – je nach dem.

Gebet

Jetzt, mein Gott, täten Engel gut.
An unserer Seite und um uns herum.
Denn wir brauchen Mut.
Und Phantasie.
Und Zuversicht.
Darum: Sende deine Engel.

Zu den Kranken vor allem.

Stille

Und zu den Besorgten.

Stille

Sende deine Engel zu denen, die anderen zu Engeln werden:
Ärztinnen und Pfleger,
Rettungskräfte und Arzthelferinnen,
alle, die nicht müde werden, anderen beizustehen.

Stille

Sende deine Engel zu den Verantwortlichen
in Gesundheitsämtern und Einrichtungen,
in Politik und Wirtschaft.

Stille

Und zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
auf der Suche nach Heilmitteln und Impfstoffen.

Stille

Sende deine Engel auch zu denen,
an die kaum jemand denkt – jetzt in der Zeit der Epidemie:
Die Menschen auf der Straße,
die Armen,
die Geflüchteten in den Lagern in Griechenland
und im türkisch-griechischen Grenzgebiet.

Stille

Jetzt, mein Gott, tun uns die Engel gut.
Du hast sie schon geschickt.
Sie sind ja da, um uns herum.
Hilf uns zu sehen, was trägt.
Was uns am Boden hält und mit dem Himmel verbindet,
mit dir, mein Gott.
Denn das ist’s, was hilft und tröstet.
Jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Es grüßt Sie und Euch herzlich
Gabi Schinkel

 

 

Licht der Hoffnung

Eine Kerze als Hoffnungslicht ins Fenster zu stellen, hat in vielen Regionen dieser Welt eine lange Tradition, in Schweden z.B.!

Als es noch keinen Strom gab, war dieses Fensterlicht dort nicht nur Schmuck in der dunklen Jahreszeit, sondern ein wichtiges Zeichen für Menschen, die unterwegs sein mussten. Es bot Orientierung, konnte in rabenschwarzer Nacht schon aus weiter Ferne gesehen werden. Es leuchtete heim und signalisierte Willkommen.

Solche Lichter wurden entzündet für Seeleute, die auf den Meeren vielen Gefahren trotzen mussten, für Bergmänner und Soldaten, die nach dem 2. Weltkrieg vermisst wurden oder noch in Kriegsgefangenschaft waren. Sie brannten in Zeiten der Teilung Deutschlands für die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der getrennten Familien.

Aus dieser Tradition heraus wurde eine Idee geboren, die jetzt durch unser Land und viele Kirchengemeinden zieht. Und der wir uns auch in Glückstadt anschließen wollen. Im Vertrauen auf die Zusage eines Psalmwortes:

„Gott ist denen nahe, die zu ihm beten und es ehrlich meinen. Er erfüllt die Bitten der Menschen, die voll Ehrfurcht zu ihm kommen. Er hört ihren Hilfeschrei und rettet sie.” ( Psalm 146)

Wir werden täglich um 18 Uhr die Glocken unserer Stadtkirche läuten. Und laden Sie ein, zu unserem Läuten eine Kerze zu entzünden und ans Fenster zu stellen. Damit es hinausscheint als Licht der Hoffnung für die Menschen in unserer Umgebung.

Zum Klang der Glocken beten wir in ökumenischer Gemeinschaft für unsere Stadt, unser Land und die Welt. Wir bitten Gott darum, seine Menschen in diesen beängstigenden Zeiten zu begleiten. Jeder Haushalt für sich. Wir halten uns voneinander fern und sind doch füreinander da. Beim gemeinsamen Vater Unser wissen wir uns mit allen verbunden und von Gott gehalten.

Und wenn Sie mögen, können Sie uns auch gerne ein Bild Ihrer brennenden Kerze zukommen lassen, auf unserer Facebookseite, als Anhang einer Mail, als Ausdruck per Post.

Auch wenn Sie sich nicht als religiösen Menschen verstehen oder sich einer anderen Weltanschauung als der christlichen verbunden fühlen, so können Sie mit dem Fensterlicht ein Zeichen des Mitgefühls und  des Dankes aussenden. So möchte ich unsere Kerzen auch verstehen, nämlich als Dank an alle, die jetzt unsere Gesellschaft am Laufen halten.

Stellvertretend für viele geht unser Dank an die,

die sich in den Krankenhäusern, Pflegeheimen und der ambulanten Versorgung um unsere Erkrankten und Hilfebedürftigen kümmern, die als Polizistinnen und Polizisten, bei der Feuerwehr und in den Rettungsdiensten für unsere Sicherheit einstehen, die in Lebensmittelgeschäften, Apotheken und im Logistikbereich für unsere Versorgung arbeiten und die Lieferketten nicht abreißen lassen, die sich dafür einsetzen, dass wir weiterhin Strom und Wasser zur Verfügung haben, dass unser Müll abgeholt wird und wir unseren Arbeitsplatz erreichen können,die sich jetzt ehrenamtlich dafür stark machen, dass diejenigen, die zuhause bleiben müssen, versorgt sind.

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Manche unter uns bangen um ihre wirtschaftliche Existenz. Andere warten noch auf Angehörige, die im Ausland festsitzen. Einige wurden positiv auf das Coronavirus getestet und verbringen nun ihren Alltag in häuslicher Quarantäne. Wir sorgen uns um unsere Eltern und Großeltern. Oder haben schon erfahren müssen, dass Menschen, die wir kennen und lieben, an den Folgen des Virus schwer erkrankt oder gar verstorben sind.

Diese Zeiten verlangen uns viel ab - deshalb brauchen wir Zeichen der Hoffnung. Lasst Sie uns in Gottes Namen aussenden.

Es grüßt Sie und Euch alle im Namen des gesamten PastorInnenteams - Gabriele Schinkel

 

 

Gute Worte für schlechte Zeiten

Was können wir tun gegen das Virus? Eine Menge!

Wir können die Vorgaben der Fachleute befolgen und zu Hause bleiben.

Aber wir sind nicht allein, und wir lassen niemanden allein!

In Gedanken und im Gebet bleiben wir einander verbunden.

Wir können uns gegenseitig bestärken und uns Mut machen durch die Gewissheit, dass wir zusammengehören.

Gute Worte, die uns daran erinnern, dass Gott auch in dieser Zeit bei uns ist, können uns darin bestärken.

Darum hängen seit heute an der Tür der Stadtkirche kleine bunte Papierrollen mit kurzen Texten, Gebeten und Gedanken.

Nehmen Sie sich gerne ein Wort mit! Und teilen Sie es mit Ihren Lieben!

Oder sagen Sie es am Telefon weiter!

Vielleicht wartet in Ihrer Nähe ja jemand darauf.

Und vor allem: Bleiben Sie behütet!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Statt Marktandacht

 

 

 

 

Statt Marktandacht (17. März 2020)

Gerade ist Halbzeit bei der Fastenaktion der Kirche „7 Wochen ohne Pessimismus“.

Das sagt sich so leicht, angesichts der aktuellen Lage. Die einen hamstern Nudeln und Toilettenpapier. Die anderen machen sich darüber lustig. Noch.

Aber viele Menschen beschleicht in diesen Tagen ein mulmiges Gefühl. Da ist dieses Virus, das man nicht sehen kann. Trotzdem scheint es uns immer einen Schritt voraus zu sein. Es hat schon so viel verändert! Im Internet kursieren die wildesten Gerüchte.

Was kann man tun in dieser Zeit? Ich glaube, den Verantwortlichen in Medizin und Politik kann man nur wünschen, dass sie besonnen und nach kluger Überlegung handeln - und das mit der nötigen Tatkraft.

Und man wünscht ihnen auch gute Nerven, angesichts der emotional hoch aufgeladenen Situation.

Aber sind das alles nicht auch Dinge, die wir selber brauchen?

Brauchen wir nicht eine gute Portion Besonnenheit, um nicht in Panik zu verfallen und damit unsere Nächsten nur noch mehr zu belasten? Brauchen wir nicht Kraft, um das alles durchzustehen? 

Und nicht zuletzt:

Brauchen wir nicht auch ein gutes Quantum Liebe, um nicht in wüsten Egoismus zu verfallen und beispielsweise die Läden leerzukaufen? - Da, wo es wirklich gebraucht wird, in den Kliniken und bei den pflegerischen Diensten, herrscht zum Teil Knappheit, weil einigen Zeitgenossen ihr eigenes Wohl wichtiger war, als das aller anderen. -

Angst ist nun mal ein schlechter Ratgeber. - Ist zwar eine Binsenweisheit, stimmt aber trotzdem. 

Und so schlecht stehen die Chancen nicht.

Mir kommt eine kleine Geschichte von Rudolf Otto Wiemer in den Sinn, die mir Mut macht.

Unter der Überschrift „Die Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen“ erzählt sie von einer kleinen Raupe, die mit bemerkenswerter Beharrlichkeit und Sturheit ihren Weg geht.  

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Zwanzig Autos in einer Minute.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.

Die Bärenraupe weiß nichts von Autos.
Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist.
Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.

Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits
Grün wächst. Herrliches Grün, vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen.
Zwanzig Autos in einer Minute.

Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Geht los und geht und geht und geht  - und kommt an.

Die kleine Raupe schafft etwas eigentlich Unmögliches. Eine Raupe auf einer viel befahrenen Straße, das kann nicht gut gehen.

Sie ist klein, sie ist verletzlich. Sie ist schwach. Sie wird übersehen. Und was da auf der Straße heranrollt, das geht weit über ihren Vorstellungshorizont hinaus; da wirken Kräfte, von denen sie keine Ahnung hat.

Geht es trotzdem gut, weil die Raupe an keine Gefahr denkt? Geht es gut, weil sie einfach nur Glück hat? Manchmal gewinnt ja auch jemand im Lotto. Manchmal sogar den Jackpot. Ist sie also einfach mit der Statistik durchgerutscht?

Oder kommt sie vielleicht an, weil sie einen guten Schutzengel hat? Keine Ahnung.

Mir kommt noch ein Text in den Sinn:

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, heißt es im Zweiten Korintherbrief. (2. Kor 12,9 ) 

Ein Allheilmittel oder eine Lebensversicherung ist das nicht.

Aber eine Ermutigung! Und mehr als das:

In wenigen Wochen ist Ostern, das Fest der Auferstehung. Das Fest des Lebens. – Es erinnert daran, dass viel mehr möglich ist, als wir uns jetzt zutrauen.

Haben wir Vertrauen! Wir können es schaffen!

Denn: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Bleiben Sie behütet! Auch vor Pessimismus! Und kommen Sie an!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Statt Gottesdienst - Der Glaube in Zeiten von Corona (15. März 2020)

Viel zu oft habe ich in den letzten Tagen die neuesten Nachrichten über das Corona-Virus auf meinem Smartphone gelesen. Fast stündlich veränderte und verschlimmerte sich die Situation. Was gestern noch galt, ist heute schon wieder hinfällig.
Ich lese von Hamsterkäufen und Einbrüchen in Arztpraxen, um Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel zu stehlen. Die dann zu Wucherpreisen im Internet angeboten werden. Börsencrash und Wirtschaftskrise, Grenzschließungen, Engpässe bei Medikamenten, Geisterspiele und Konzerte ohne Publikum, Besuchsverbote im Krankenhaus, noch mehr Infizierte, noch mehr Tote: Was kommt als nächstes?
Reicht es, wenn ich meine Hände nur mit Seife oder Spülmittel wasche? Habe ich nur eine Erkältung oder doch schon Covid 19? Welchen z.T. auch selbst ernannten Experten kann ich trauen? Und welche Ratschläge sind einfach falsch?
Und dann ertappe ich mich doch dabei, zur Sicherheit das Sparpack Toilettenpapier in den Einkaufswagen zu legen. Ich bin wohl schon infiziert - mit Sorgen und Ängsten.
In solchen Momenten versuche ich, innezuhalten und wieder zur Besinnung zu kommen. So wie es Martin Luther geraten haben soll:
„Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.“
Gefunden habe ich dieses Wort in dem Kalender, der die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche begleitet: Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus. Er steht auf meinem Schreibtisch. Das Motto wurde bestimmt, als noch niemand etwas von Corona und seinen Folgen ahnte. Und doch ist es wie für diese Zeit gemacht. Nicht um unsere berechtigten Sorgen und Ängste klein zu reden. Sondern an das Prinzip Hoffnung zu erinnern, dass gerade in der Geschichte von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu aufscheint.
Wir wissen noch nicht, was alles auf uns zukommen wird, welche Einschränkungen und Abschiede uns vielleicht noch bevorstehen. Nein, es ist längst nicht ausgemacht, dass alles gut wird. Aber Gott ist immer an unserer Seite, wenn es eng wird. Und lehrt uns zu hoffen und zu beten, dass es weitergeht. Diese Hoffnung ist uns mit Ostern versprochen, die gilt.
Es wird sich eigenartig anfühlen, die Botschaft von der Auferstehung nicht gemeinsam in Gottesdiensten feiern zu können. Das hat es so noch nie gegeben. Aber wir werden sie weiter sagen: in der Familie, persönlich am Telefon, in Radio, Fernsehen und Internet.
Wir sind herausgefordert, kreativ zu werden und andere Formen zu finden für Beistand, Seelsorge und gottesdienstliches Feiern. Vielleicht haben Sie da ja auch die eine oder andere Idee - und erzählen uns davon.
Ich wünsche mir, dass wir in diesen schwierigen Zeiten nicht übersehen, mit wie viel Verstand, Mut und Können Gott uns beschenkt hat - uns, unsere Familien und Freundeskreise, unsere Gemeinschaften. Mit Zuversicht kann es uns gelingen, einen Weg durch die Krise zu finden.
So wie in Wien: Dort haben zwei junge Leute in einem Mehrfamilienhaus einen Hilfsbrief für ältere Nachbarn aufgehängt, in dem sie anbieten, Einkäufe und andere Tätigkeiten in der Öffentlichkeit zu übernehmen. Er endet mit den Worten: Gemeinsam steht Wien auch eine Pandemie durch.
Auch solche Nachrichten finden sich im Internet: Gott sei Dank.
Bleiben Sie behütet - das wünsche ich Ihnen im Namen des gesamten PastorInnenteams
Ihre Gabriele Schinkel