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Hoffnungsworte

Gedanken zum Sonntag, den 02. August 2020 von Pastorin Schinkel

Bleiben Sie gesund!

Das ist wohl der Satz, der in den letzten Wochen und Monaten am häufigsten gesagt oder geschrieben wurde- an der Kasse im Supermarkt, am Ende eines Telefonats, einer Email, einer WhatsApp- Nachricht. Ein wohltuender Satz- fand ich immer. Der mir zeigte: Da ist jemand besorgt um mich. Bis mir eine Freundin offenbarte, wie sehr sie dieser Satz ärgern würde: “ Ich bin nicht gesund, sondern chronisch krank. Also kann ich nicht gesund bleiben. Ich fühle mich ausgegrenzt, nicht gesehen, nicht gemeint. Entweder sagst du es präziser und wünschst mir, von Corona verschont zu bleiben. Oder du suchst dir einen anderen Satz aus.” Seitdem schreibe oder sage ich lieber: Bleiben Sie behütet! Das klingt wie ein Segen und meint: Wie auch immer du dich gerade fühlst, was auch immer mit dir geschieht- Gott bleibt an deiner Seite.

Krankheit grenzt aus. Heute und auch damals, zu Jesu Zeiten. Dass er blind geboren wurde, grenzt den Mann aus, von dem uns im Johannes- Evangelium an diesem Sonntag erzählt wird. Er muss betteln, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im Vorübergehen werfen die Menschen hastig etwas in seine Schale. Kaum einer bleibt stehen, um mit ihm zu reden. Er spürt nicht selten auch Verachtung, es wird getuschelt über ihn. Manchmal hört er die Frage ganz deutlich: “Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?”

Wir könnten diese Frage als rückständig abtun. Nur damit zu erklären, dass die Menschen zu wenig wussten über Krankheiten und ihre Ursachen.  Sie als göttliche Strafe zu verstehen, half ihnen, das Unbegreifliche begreifen und damit leben zu können.

Aber es gibt eine moderne Variante dieser Frage. Denn wir wissen heute, dass über unsere Gesundheit auch unser Lebensstil entscheidet. Wie ernährst du dich? Treibst du Sport oder sitzt du nur faul rum? Hast du Übergewicht?

Klar, daß es sich nicht gehört, in der Schwangerschaft zu rauchen oder zu trinken.

Wenn Menschen eine schwere Krankheit bekommen, meldet sich oft das schlechte Gewissen. Hätte ich eher zur Vorsorgeuntersuchung gehen sollen? Warum nur habe ich mich nicht anders verhalten, ernährt, bewegt? Jetzt bekomme ich die Quittung! Ich bin schuld. Vor diesen Selbstzweifeln gibt es kein Erbarmen und keine Erlösung. Du bist selbst verantwortlich, ob du krank wirst oder nicht.

Indem wir die Verantwortung für die Gesundheit so individualisieren, werden leider auch die gesellschaftlichen Zusammenhänge von Krankheit ausgeblendet. Armut etwa oder Umweltbedingungen. Es gerät aus dem Blick, dass für viele Menschen der Zugang zum Gesundheitssystem, zu Behandlung und zu Vorsorge erschwert ist, weil sie zu einer benachteiligten Gruppe gehören, weil ihre Wohnverhältnisse unzureichend sind oder es ihnen an Bildung mangelt. So liegen Krankheit und Ausgrenzung auch heute noch eng beieinander.

Für Jesus ist die Frage nach der Ursache  für die Erblindung des Mannes nicht relevant. Und dem Gedanken, dass sie eine göttliche Strafe sein könnte, erteilt er eine klare Absage. Jesus reagiert so, wie Ärzt*innen es täglich in der Sprechstunde tun: er nimmt die Menschen so, wie sie sind, egal wie die Vergangenheit aussieht. Und er behandelt sie einfach.

Jesus schenkt dem blinden Bettler mit seiner neuen Sehkraft auch einen Blick für seine Würde. Die nicht abhängig ist von Gesundheit oder Krankheit. Geschenkt von Gott, unverlierbar.

Ja, wir haben unser Leben nur bedingt in der Hand. Doch Gott verläßt uns nicht. Gott begleitet uns, in gesunden wie in kranken Tagen.

Bleibt behütet!

Eure Pastorin Gabriele Schinkel

 

Worte zum Sonntag, den 19. Juli 2020

 

Liebe Gemeinde,

Mit einem einfachen „Auf Wiedersehen!“  verabschiedete ich mich in meiner ersten Gemeinde als noch junge Pastorin von einer Dame nach einer Beerdigung auf dem Friedhof.  „Ich hoffe nicht!“ erwiderte sie mir.  Da ich die Dame verdutzt ansah, erklärte sie es mir mit einem Lächeln; „Naja, ich sehe sie immer, wenn es um den Tod geht“…  Sichtlich irritiert fing ich an ihr zu erklären, dass ich als Pastorin ja nicht nur für Beerdigungen zuständig wäre, sondern  äh…zum Beispiel auch für Taufen und Trauungen… und merkte gleich das diese Antwort auch mich nicht zufrieden stellte. Die Dame war freundlich, doch blieb sie bei ihrer Haltung: so schnell wolle sie mich auf keinen Fall wiedersehen! 

Wir trennten uns und auf meinem Weg über den Friedhof zurück zur Sakristei fühlte ich mich in meinem schwarzen langen Gewand tatsächlich für einen Moment wie der Sensenmann höchstpersönlich… „mir fehlt nur noch die Sense in der Hand“ dachte ich bei mir. So ungefähr muss ich der Dame auf dem Friedhof  vorgekommen sein. Da kommt sie die Dame in Schwarz mit dem Tod im Gepäck.

Tatsächlich denke ich, dass der Umgang mit dem Tod, mit der eigenen Sterblichkeit wohl eine der größten Herausforderungen unseres menschlichen Daseins ist. Es gibt verschiedene Wege damit umzugehen. Eine Möglichkeit ist diesen einfach zu verdrängen und in den Keller zu verbannen. Diese Möglichkeit wählte wohl die Dame, der ich auf dem Friedhof begegnet war. Das Problem ist: der Tod bleibt nicht im Keller, sondern kommt auch gerne mal ins Haus und auch die Pastorin verlässt gerne den Friedhof und man begegnet ihr auf einmal im Supermarkt in der Schlange. Gerade die Verdrängung kann dem Tod ziemlich viel Auftrieb und Macht geben. Der christliche Weg ist zudem ein anderer. So schreibt Apostel Paulus im heutigen Predigttext an die Gemeinde in Rom folgende Zeilen:

„Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln“

Diese sehr  steilen Worte des Apostels haben es in sich: „In den Tod getauft…!“ „Lieber Apostel“ möchte ich da fragen: ja, im ernst, kannst Du diese Sätze auch  Eltern mit einem frischgeborenen Säugling auf dem Arm bei der Taufe ins Gesicht sagen….?! Ist das nicht ganz und gar fehl am Platz?

Neulich habe ich einen Bericht über eine Frau gehört, die sich Zeit ihres Lebens dafür eingesetzt hat, dass die Gesellschaft dem Tod des Menschen mehr Beachtung schenkt: Cicely Saunders, englische Ärztin und Begründerin der modernen Palliativmedizin und Hospizbewegung.  Sie kämpfte gegen das gesellschaftliche Verdrängen-Wollen des Todes an. Sie machte darauf aufmerksam, dass mit der Verdrängung des Themas auch eine Verdrängung von Menschen einhergeht. Aus den Augen und aus dem Sinn geraten eben auch all jene, die gerade im Sterben liegen oder Abschied nehmen müssen. Und von dieser Ausgrenzung sind wir am Ende alle betroffen, nur eben zu verschiedenen Zeitpunkten.

Aber sich dem Tod stellen, ganz konkret!  Wenn das so einfach wäre! Da ist dieser Satz: „Ich werde sterbe. Menschen, die ich liebe, werden sterben.“  Ich weiß von manchen Menschen, die  mitten im Leben stehen und gesund sind, die sich im Zuge der Pandemie auf einmal mit dieser Realität beschäftigt haben. Aber wie findet man zu einer Haltung? Reine Kopfsätze helfen, so denke ich, dabei kaum. Das Sterben ist dafür viel zu körperlich, persönlich und konkret. Eine Haltung - so meine Beobachtung-  gewinnen Menschen eben auch durch schlaflose Nächte, durch Tränen, und im Durchstehen von Angst, Wut und Verzweiflung.  Was einem Menschen Halt und Hoffnung gibt wächst durch die Erfahrungen hindurch.  Und was dem einem helfen mag, vermag einen anderen leer erscheinen. Abnehmen können wir uns diese Aufgabe nicht. Aber für jede und jeden, der gerade damit zu tun hat, ist es ungemein hilfreich sich in einer Gesellschaft wiederzufinden, die dieses Thema nicht verdrängt. Indem wir uns dem Thema stellen, verliert der Tod seine Macht und Bedrohlichkeit und wir gewinnen Raum zum Leben. Cicely Saunders schaffte es, dass überhaupt die Bedürfnisse von Sterbenden in den Blick genommen und ihre Lebensqualität verbessert werden konnte. Ihre Haltung und ihre Kraft für ihr Engagement bezog Saunders auch aus ihrem christlichen Glauben. Gott in Jesus Christus ist zu finden im Ringen des Menschen um etwas, was ihm Halt und Hoffnung in Anbetracht des Todes schenkt.

Amen und Auf Wiedersehen!

Ihre Pastorin Birgit Dušková

 

 

 

Gute Wünsche

Gott möge Dich segnen und Dir beistehen:

dass Du Besuch bekommst,
und Du Aufmunterung erfährst,
wenn es Dir nicht gut geht
oder Du krank bist.

dass Du Freunde oder gute Menschen findest,
wenn Dich Probleme quälen
und Du Dich aussprechen möchtest.

dass Du getröstet wirst,
wenn Du traurig oder mutlos bist.

dass Dir jemand einen Weg weist,
wenn Du Dich verirrt hast
und Du nicht mehr weiter weißt.

dass Du eine Gemeinschaft findest
und darin gute Menschen,
die Dich in den Arm nehmen,
wenn Du einsam bist
und Dich verloren fühlst.

dass Dir jemand beim Tragen hilft,
wenn Du schwere Last oder
schweres Leid zu tragen hast.

dass Du Hilfe erfährst,
wenn Du derer bedarfst.

dass Du an jedem Ort einen Menschen findest,
der Dir beisteht, der sich mit Dir freut,
der Dich in schweren Stunden begleitet
und Dich nicht allein lässt,
wenn Du Dich verlassen fühlst.

- Heinz Pangels -

 

 

 

Gedanken über Hebr 13, 1 - 3 zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 26.07.2020

Liebe Gemeinde!

Das Corona-Virus hat unser Leben durcheinandergebracht. Nach dem Lockdown, der vieles auf Null gesetzt hat, gibt es nun Lockerungen und damit stellt sich die Frage: Was geht, und was geht nicht. Dinge, deren Ablauf zuvor selbstverständlich waren und einem ohne großes Nachdenken von der Hand gingen, brauchen jetzt erst eine Überprüfung: Gefährde ich durch mein Verhalten andere und mich selbst? Oder geht es?
Wenn unser Leben aus dem Takt geraten ist, wenn bisherige Selbstverständlichkeiten nicht mehr gelten, sind wir auf der Suche. Und nicht wenige sehnen sich danach, dass einer oder eine sagt, was wir tun sollen, damit wir auf der sicheren Seite sind.

Das Schreiben an die Hebräischen Gemeinden listet im 13. Kapitel klare und prägnante Handlungsanweisungen auf. Der ganze Brief richtet sich in einer Art Predigt an die jungen Christengemeinden. Sie sind verunsichert.                             

Als Christen sind sie in ihrer heidnischen Umgebung auf Widerstand gestoßen. Sie sind unfreundlich behandelt und ausgegrenzt, ja misshandelt worden. Nun will der Verfasser sie trösten und bestärken. Er erinnert sie daran, dass das Ziel nicht ist, sich im Hier und Heute einzurichten, so als ob die Welt die Heimat wäre. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13,14),  schreibt er an die Gemeinden.

Wir sind Gäste auf Erden; angewiesen auf Gastfreundschaft, auf Zusammenhalt untereinander.
Und dann schreibt er ganz konkrete Anweisungen zum Tun in der Gemeinde:

„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“

Sind DAS Ratschläge, die Mut machen???

Drei Aufforderungen, ja die Mahnung „vergesst nicht!“ – DAS soll helfen?
Vor allem die zweite Aufforderung ist eine Zumutung „Gastfrei zu sein, vergesst nicht“ – das griechische Wort für Gastfreundschaft heißt wörtlich übersetzt: die Liebe zum Fremden. Denen, die den christlichen Gemeindegliedern unfreundlich begegnen, die sie ausgrenzen und ihnen übel mitgespielt haben – die Fremden, denen gegenüber sollen sie nun gastfrei sein? Spinnt der?

Wäre nicht vielmehr Vorsicht gegenüber dem Fremden angemessen? Man weiß ja nie… Der Fremde könnte ein Feind sein. Die Fremde könnte schaden. Sie könnte etwas wegnehmen oder schlimmer: etwas Unangenehmes ins Haus schleppen ….
Normalerweise würden wir zur Zurückhaltung und Vorsicht dem Fremden gegenüber raten.
Nicht so der Hebräerbrief. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“
Und nicht nur im Hebräerbrief lesen wird die Aufforderung zur Gastfreundschaft. Überall wird in der Bibel daran erinnert:

„Übt Gastfreundschaft“, mahnt Paulus die Gemeinden. (Römer 12,13).
Von Jesus wird erzählt, wie er bei Menschen einkehrt und sie so zu Gastgebern macht oder sie auffordert, die Gastgeberrolle zu übernehmen. Den Zachäus nötigt er, sein Haus für ihn zu öffnen. Jesus lädt sich selbst bei ihm ein, wird so Gast.

„… denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

Im 1. Buch Mose wird von Sara und Abraham erzählt, die gastfreundlich drei unbekannte Männer bei sich aufnehmen. Sie laden sie ein, im Schatten des Baumes zu rasten; versorgen sie mit Wasser, um den Staub abzuwaschen und anschließend bewirten sie die drei Fremden großzügig. Es entwickelt sich ein Gespräch, in dem Abraham und Sara, den lange Kinderlosen, der ersehnte Sohn verheißen wird.
Anschaulich erzählt die Geschichte, wie die freundliche Aufnahme der Fremden Abraham u. Sara verwandelt. Die herzliche Offenheit, mit der sie den Fremden begegnen, lässt sie die Erfahrung von Wunderbarem machen. Auch wenn sie es im Moment noch nicht erfassen und glauben können.

Später erfahren Abraham und Sara, dass wer Gastfreundschaft übt, nicht nur etwas gibt, sondern auch etwas bekommt: Besonderes und Unerwartetes kann geschehen: Der ersehnte Sohn wird geboren (1.Mose 18).


„… denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“
In der Kunst sind daher aus den drei Fremden in der Abrahams-Geschichte Engel geworden. Die Dreifaltigkeitsikone des russischen Künstlers Andréj Rubljów zeigt die drei Männer als Engel.

 Engel sind Botschafter. Hoffnungsboten. Sie kündigen neues Leben an. Mit dem fremden Gast kommt die Ahnung, dass Nichts beim Alten bleiben muss. Davon erzählen die großen Geschichten der Bibel. Bei Sara und Abraham. Bei Maria in Nazareth. Bei den Hirten auf dem Feld in Bethlehem. Am Grab Jesu.
In der Gastfreundschaft ist Segen enthalten. In der Begegnung mit dem Fremden, in der Gastfreundschaft ihm gegenüber, eröffnen sich neue Horizonte. Neue Lebensperspektiven tun sich auf.

Denn im Fremden, dem wir uns gastfreundlich öffnen, begegnet uns in letzter Konsequenz GOTT selbst.

Jesus bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „…Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ (Matthäus 25,35). Die Angesprochenen können sich nicht erinnern, wo sie Jesus gastfreundlich aufgenommen haben. Aber Jesus antwortet ihnen: „Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40).

Gastfreundschaft ist also mehr als eine soziale Geste oder eine mitmenschliche Regung. Gastfreundschaft ist Gottesdienst. Im Fremden, den wir aufnehmen, dienen wir Gott. - Im Fremden kann uns Gott begegnen.


Gastfreundschaft ist also elementarer Ausdruck unseres Glaubens. Sie traut dem anderen, der von außen kommt, nicht von vornherein  Böses zu, sondern ist neugierig und offen für das, was er oder sie mitbringen mag - und welche neuen Perspektiven sich uns eröffnen. Neues wird möglich.

Gastfreundschaft ist Begegnung. Wir kommen mit Menschen ins Gespräch, hören zu, teilen eigene Erfahrungen mit anderen. Sie ist eine Chance, aufmerksam zu werden für den Moment, der uns berührt - der etwas weit macht in uns.

In jedem Abendmahl geht es darum, dass wir nicht nur Gastgeber sind, sondern selber immer auch Gäste. Gott selbst lädt uns an seinen Tisch, damit wir uns bewirten und beschenken lassen von seiner Gegenwart in Brot und Wein.

Diese Erinnerung, dass Gott UNSER  GASTGEBER ist, kann uns darin bestärken, selber gastfreundlich zu sein. Wir sind ja selber Gäste in seiner Welt. Wir leben von Grundlagen, die wir nicht geschaffen haben. Wir leben von dem, was schon vor uns da war, und was auch nach uns bleiben wird.

Das Bewusstsein dafür macht uns zu „Hausgenossen Gottes“, wie es im Wochenspruch heißt.

Selber reich bewirtet, können wir umso leichter Gastgeber und Gastgeberinnen werden und offen sein für Andere.

Gerade jetzt in der Urlaubszeit begegnen wir dem Anderen, dem Fremden auf mannigfache Weise: indem wir selber Gäste an einem anderen Ort sind – oder indem wir Besuchern in unserer Stadt begegnen. Wir versuchen, unsere Kirche, so oft es geht, für Besucher zu öffnen – manchmal geht es nicht, weil sich niemand gefunden hat, der auf die offene Kirche aufpasst – aber wenn es klappt, wie viele schöne Begegnungen mit anregenden Gesprächen haben sich dadurch schon ergeben! Und manchmal wurden daraus sogar Freundschaften.

 

Wir werden reich beschenkt, wenn wir uns für einander öffnen. Wir können GOTT begegnen. Und es tun sich neue Perspektiven für das Leben auf. Für ein Leben als Kinder Gottes.

Welch ein Segen.
Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

Wahrheit

Ich war vierzehn, da sah ich,

im Holunder aß eine Amsel

von den Beeren einer Dolde.

Gesättigt flog sie zur Mauer

und strich sich an dem Gestein

einen Samen vom Schnabel.

Ich war vierzig, da sah ich,

auf der geborst´nen Betonschicht

wuchs ein Holunder.

Die Wurzeln

hatten die Mauer gesprengt;

ein Riss klaffte in ihr,

bequem zu durchschreiten.

Mit splitterndem Mörtel

schrieb ich daneben: „Die Tat einer Amsel.“

Wolfdietrich Schnurre, Schriftsteller

Bild von bernswaelz auf Pixabay

 

 

Worte zum Sonntag, den 12. Juli 2020

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Fahre hinaus, wo es tief ist!“

Liebe Gemeinde,

als Christen glauben wir, dass in Jesus Christus Gott in der Welt erscheint. Und er betritt die Welt nicht gewichtig über den Haupteingang, sondern über einen Seiteneingang. Selbst von einfacher Herkunft, geboren in einem Stall bei Bethlehem beginnt er sein Wirken nicht in der Hauptstadt, wo sich alles tummelt, was Rang und Namen hat, sondern in der allertiefsten Provinz, dem verschlafenen Landstrich rund um den großen See Genezareth Galiläa genannt. Die Menschen hier leben von Landwirtschaft, Viehzucht und vom Fischfang. Sie sind die ersten zu denen er predigt und unter denen er Menschen findet, die ihm auf seinem Weg begleiten werden.

Der heutige Predigttext erzählt, wie Jesus einfachen Fischern am See Genezareth begegnet. Um besser zu der versammelten Menschenmenge sprechen zu können, leiht er sich vom Fischer Simon Petrus ein Boot. Und so kommt es, dass er die Situation der Fischer wahrnimmt, die gerade am Ufer ihre Netze auswaschen. Die ganze Nacht hatten sie auf dem See gearbeitet doch keine Fische gefangen. Für die einfachen Fischer eine echte Not! Keine Fische für den Verkauf, kein Lohn, noch nicht einmal ein paar Fische um den eigenen Hunger zu stillen. Jesus unterbricht seine Rede und fordert sie auf noch einmal hinauszufahren und die Netze auszuwerfen. „Fahre hinaus, wo es tief ist“ sagt er zu Simon Petrus. Und eigentlich hätten die Fischer abwinken können, denn es ist ja ihr Beruf, sie kennen den See wie keiner anderer. Doch lassen sie sich auf die Ermutigung Jesu ein und tatsächlich fangen sie so viele Fische, dass die Boote zu sinken drohen. Der Simon Petrus ist tief bewegt von diesem Erlebnis. Er fällt auf die Knie. „Herr geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch! spricht er zu Jesus. Und Jakobus und Johannes, die mit ihm sind ergeht es ähnlich. Und Jesus spricht zu ihm: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst Du Menschen fangen. Und in der Bibel heißt es dann kurz: sie brachten ihre Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. Die Fischer Simon Petrus, Jakobus, Johannes werden zu Jesu ersten Jüngern.

Die Geschichte hat in unseren Augen mehrere Ebenen. Da ist die ganz praktische: Die Not der Fischer, die keinen Fang machten, wird überwunden. Auf einmal fangen sie sehr viele Fische! Ihr Einkommen ist gesichert, Hunger und Not sind abgewendet. Wir sind daran gewöhnt diese Ebene zu überspringen und ganz schnell zu dem symbolischen Gehalt, zu dem vorzustoßen, was wir als Sinnaussage bezeichnen. Ganz schnell zum Thema Nachfolge und Mission zu gehen.  Die Menschen in biblischen Zeiten konnten diese Trennung so leicht nicht vollziehen. Sie waren noch nicht daran gewöhnt, das materiell Konkrete vom Religiösen zu trennen. Die Menschen wussten unmittelbar, was Hunger bedeutete. Was es bedeutet, wenn kein Brot und keine Fische da sind. Dass Menschen in der Nähe Jesu auf einmal satt wurden, prägte sich in ihr Gedächtnis ein und nicht wenige Geschichten von wundersamen Speisungen sind daher überliefert. Die Schöpfung aus der die Nahrung stammt wurde zudem als Raum verstanden, in dem Gott selbst wirkt. Dass die Fischer auf Jesu Rat hin so viele Fische fingen, sagte ihnen, dass er mit Gott auf besondere Weise verbunden ist. Und dass Gott sich durch Jesus ihnen in ihrer schwierigen Lage zuwendet und es gut mit ihnen meint.

Ich erinnere mich an eine Begegnung mit Christen aus Tansania. Ein Mann berichtete voller Freude, dass Gott ihm eine Kuh geschenkt habe. Konkret hatte die Kirche in seiner Heimat ihm geholfen einen günstigen Kredit zu erhalten mit dem er dann die Kuh hatte kaufen können. Das wusste er natürlich, doch drückt es eben so aus: Gott hat mir eine Kuh geschenkt! Halleluja!

Heute in Europa sind wir stolz darauf, dass wir rationaler und aufgeklärter sind als die Menschen damals oder in anderen Teilen der Erde heute noch. Wir haben uns daran gewöhnt, dass das Materielle keine geistige  Bedeutung mehr hat. Die Tiere und die Natur sind zur Sache geworden, die organisiert, beherrscht jederzeit konsumierbar ist.

In der Begegnung mit Jesu, mit dem Heiligen fällt dem Fischer Simon Petrus auf, was ihn von Gott trennt. Er fällt in diesem Moment auf die Knie und bekennt seine Sünde.  Lese ich diese alte Geschichte vom wundersamen Fischfang in der Bibel so fällt mir auf, was uns verloren gegangen ist und was uns von Gott und seiner Schöpfung entfremdet hat und trennt.

Mitten in dieser gegenwärtigen Krise nehmen wir wahr, dass wir mit unserer Art mit der Natur umzugehen an eine Grenze stoßen. Wir haben die Lebensmittelproduktion industriell rational perfektioniert, doch leiden Menschen in dieser Welt noch Hunger und droht unser Ökosystem zu kollabieren. Besonders thematisiert wurden in der  letzten Zeit die Zustände in der Fleischindustrie. Aber auch über die Fischerei-Industrie wissen wir, dass immer mehr und immer billiger uns in den Abgrund führt. Die großen Fang-Trawler der EU fischen den Fischern an der afrikanischen Küste die Fische weg, ehemalige Fischer machen sich auf nach Europa, um das Überleben ihrer Familie in der Heimat zu sichern. Große Zuchtfischanlagen tragen zum Kollaps der ursprünglichen Fischbestände in der ganzen Welt bei.

Auch wenn unsere Netze noch voll sind, so sind sie doch im Grunde schon leer.

In der Geschichte verlassen Simon Petrus und die anderen Fischer ihr altes Leben. Sie brechen auf und folgen Jesus nach von einem Moment auf den anderen nach. Sie lassen das Alte hinter sich und fangen neu an.

In einer Welt in der die Tiere und die Natur zu konsumierbaren Gegenständen geworden sind können wir als Christinnen und Christen davon sprechen, was es heißt die Welt als Gottes Schöpfung zu betrachten. Das heißt nicht anderen radikalen Verzicht zu predigen, sondern selbst eine andere Haltung einzunehmen:  allem was lebt mit Achtsamkeit und Respekt zu begegnen.

Fürchte Dich nicht! spricht Gott in Jesu uns zu. Amen

Ihre Birgit Dušková

 

 

Wort zum Sonntag, den 05. Juli 2020

Der den Wolf füttert

Am letzten Sonntag habe ich Ihnen von Elisabet erzählt, der Gärtnerin aus Leidenschaft, Erfinderin des Gleichnisses vom Komposthaufen, Philosophin mit grünem Daumen. Sie erinnern sich? Eine wirklich lebenserfahrene und weise Frau.

Aber diese Beschreibung trifft nicht nur auf Elisabet zu. Und so erzähle ich Ihnen heute von einem lebenserfahrenen und weisen Mann. Ich glaube, Sie haben auch schon von ihm gehört.

 Ein alter Indianer sitzt mit seinem Sohn am Lagerfeuer und spricht: “Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen 2 Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.

 Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.”

 Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“

 Der alte Indianer schweigt eine Weile.

Dann sagt er: „Der, den du fütterst.“

Es ist eine sehr bekannte und beliebte Geschichte.

Weil wir sie gut kennen, die beiden Wölfe. Ihren Kampf täglich in uns spüren. Uns große Mühe geben, nur den guten Wolf zu füttern. Und doch immer wieder scheitern. Weil der böse Wolf uns so treuherzig und bedürftig ansieht.

Der Kampf, der sich in unserem Inneren abspielt, wird auch tagtäglich in unserer Gesellschaft ausgetragen, unter Nachbarn, zwischen Staaten. Alle wissen imgrunde, was zu tun wäre, um den Traum einer friedlichen und gerechten Welt Wirklichkeit werden zu lassen, einer Welt, in der auch noch die nachfolgenden Generationen ihre Lebensgrundlagen finden. Aber wir verweigern dem “guten Wolf” immer wieder die Nahrung, vielleicht weil wir unterbewusst der Überzeugung sind, dass es ihn gar nicht gibt. Dass sich der “Böse Wolf” nur manchmal in einen Schafspelz hüllt, oder dass er Kreide frisst, um uns zu täuschen.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Das ist die christliche Variante der Indianergeschichte.

Dieser Vers wird gerne als Tauf- oder Konfirmationsspruch ausgesucht. Das ist kein Zufall: Zum einen ist der Satz für sich genommen nicht religiös. Gott bleibt unerwähnt. Zum andern können ihm sicherlich weit über 500 Millionen Leute vorbehaltlos zustimmen: Das Böse durch das Gute besiegen – wer will das  nicht? Außerdem kann man sich diesen Satz leichter merken als die ganze Indianergeschichte. Er würde sich gut eignen als Motivationssatz, als Mantra, das man jeden Morgen zehnmal laut aufsagt und mit in den Tag nimmt. Und am Abend nachprüft, wieviel Böses man durch Gutes besiegen konnte. Und auf das Folgende  vertraut:

Worauf ich mich fokussiere, das wächst, wird größer und stärker, wird zur Gewohnheit.

Das könnte als spirituelle Übung funktionieren. Aber vielleicht würde man auch nach anfänglicher Euphorie rasch an Grenzen stossen, weil die Bilanz am Ende des Tages einfach nicht stimmen will und so meinen Vorrat an Güte schwinden lässt.

Spiritualität braucht eine Quelle. Wir können das Böse nicht aus eigener Kraft und Güte heraus besiegen. Wir brauchen Gott als Quelle von Liebe und Güte- und Vergebung. Wenn wir uns doch wieder besiegen lassen. Weil die ganze Welt nur nach dem Prinzip “Wie du mir, so ich dir” zu funktionieren scheint. Und wir Ermutigung brauchen, um wieder aufzustehen und weiter zu machen. Und es kann Situationen geben, wo wir an die Grenzen des menschlich Möglichen stossen und – gerade um des Friedens willen – Gewalt anwenden müssen. Dietrich Bonhoeffer stand vor diesem Dilemma, als er sich entscheiden musste, ob er sich am Attentat gegen Adolf Hitler beteiligen soll. Eigentlich war er aufgrund des Gebots der Feindesliebe überzeugter Pazifist. Aber dann entschied er, “dem Rad in die Speichen zu fallen”, um noch schlimmeres Unheil zu verhindern.

 “Liebt eure Feinde!”, sagt Jesus. Trotzdem. Immer wieder. Und er traut es uns zu, dass wir so leben. Dass es heilsam für uns ist, zu verzeihen. Den guten Wolf zu füttern. Und heilsam für die Welt.

Indianerehrenwort.

Ihre Pastorin Gabriele Schinkel

 

 

 

 

 

 

Gedanken am Sonntag, den 28.06.2020 von Pastorin Schinkel

Liebe Gemeinde,

Elisabet ist Gärtnerin aus Leidenschaft. Das beginnt mit dem Heranziehen zarter Pflänzchen in Frühbeet und Gewächshaus und endet mit der kreativen Zubereitung des Geernteten in ihrer gemütlichen Küche - die natürlich von Kräuterduft erfüllt ist. Und da Elisabet gerne Gäste bewirtet, habe ich auch erfahren, dass man Brennnesseln essen kann, sogar frittiert.

Elisabet ist Gärtnerin aus Leidenschaft, aber auch in der Lage, ihr Paradies vom Liegestuhl aus zu genießen. Mit einem Glas Wein in der Hand oder einem Becher Tee kommt sie dann auch schon einmal ins Philosophieren. Über Gott und die Welt und die Möglichkeiten, ihre Probleme zu lösen.

Elisabet ist eine sehr lebenserfahrene und weise Frau, und sie findet immer wieder die schönsten Gleichnisse in ihrem Garten. Jesus hätte das gefallen. Ihr verdanke ich die Erkenntnis, dass ein gelungener Versöhnungsprozess zu vergleichen ist mit dem, was in einem Komposthaufen geschieht. 

Der abgeharkte Rasenschnitt, das gejätete Unkraut, die geschredderten Zweige, das aufgesammelte Fallobst - all das verrottet da und wird im Lauf der Jahre zu guter Gartenerde. Manchmal riecht es unangenehm, für ein paar Tage, wenn die faulen Äpfel vergären. Manchmal wird es im Kompost auch warm, ja, richtig heiß. Da passiert sehr viel. Aber am Ende wird aus Abfall etwas, das neues Leben und Wachstum  möglich macht. Aber das dauert natürlich, und dieser Vorgang ist nichts für Ungeduldige.

Wenn Schuld vergeben, Verfehlung bereinigt, Schaden wieder gutgemacht werden soll, dann ist es oft ganz ähnlich. Es kann zwischendurch mal ein übler Geruch entstehen, es kann auch heiß werden – so heiß, dass man das Ganze zunächst nicht anfassen möchte. Es kann nötig sein, erst einmal abzuwarten, manches auszusieben und umzusetzen. Wenn etwas Gutes dabei herauskommen soll, braucht es seine Zeit. Heilungsprozesse brauchen Geduld und die Bereitschaft, sie zu gestalten.

Elisabet weiß, wovon sie redet.

Und ich weiß, dass sie zutiefst einem Gott vertraut, dessen Wesen Vergebung ist. Verzeihen. Tilgen. Begnadigen. Bereinigen. Neue Anfänge ermöglichen. Für die, die schuldig geworden sind, und die, die verletzt wurden.

Darauf können auch wir setzen.

Ihre Pastorin Gabi Schinkel

 

 

Sonntag, 21. Juni 2020

 

 

 

Hören Sie hier eine Predigt von Pastor Thomas-Christian Schröder, sowie Musik aus Händels Messias - gesungen vom Chor der Stadtkirche unter Leitung von Florian Hanssen.

 

 

 

 

Statt Gottesdienst am Sonntag, 14.06.2020

Unterfeuer Glückstadt

Liebe Gemeinde !

„Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Ein Licht zu haben, bedeutet zunächst einmal, nicht blind im Dustern umher zu tappen. Ein Licht zu haben, bedeutet, zu wissen, woher man kommt und wohin man geht. Es bedeutet also im weiteren Sinne, dem Leben eine gute Richtung geben zu können.

Dunkelheit kann Angst machen. Wer im Dunkeln geht, weiß nicht, wohin er tritt; er geht unsicher, tastend, übervorsichtig, ängstlich. Er erschrickt, wenn er an ein Hindernis stößt.

Ein Licht zu haben, bedeutet also auch einen inneren Halt zu haben, einen festen Orientierungspunkt. Licht stärkt unsere Zuversicht, es gibt Sicherheit und Hoffnung.

Die beiden Glückstädter Leuchttürme gehören zum vertrauten Stadtbild. Ihr Licht hilft den Seeleuten, den richtigen Kurs zu finden. Viele Schiffe kommen von weit her aus Übersee und Fernost. Manche laufen zum ersten Mal Hamburg an. Die Elbe ist für sie also ein unbekanntes Gewässer. Noch dazu ein Gewässer, das sich ständig verändert. Ebbe und Flut  mit ihren wechselnden Wasserständen und Strömungen, Untiefen und Sandbänke machen es schwer, den richtigen Kurs zu finden.

Besonders bei Dunkelheit. Und es sind noch viele andere Schiffe unterwegs.

In einem gewissen Sinne sind auch wir unterwegs auf einer viel befahrenen Wasserstraße. Auch im Leben gibt es Untiefen und Sandbänke, und wir erkennen sie nicht immer auf den ersten Blick. Und doch müssen wir einen Weg finden, der uns selbst und den anderen gerecht wird.  Wie weit kann ich die Kurve ausfahren? Wie viel Raum kann ich mir und meinen Bedürfnissen geben? Wie viel braucht der andere?  Wo sind die Grenzen? Welche Folgen hat das, was ich tue, für mich und für meine Nächsten? Was tut gut? Was schadet?

Und was ist, wenn mein Schiff schon aufgelaufen ist? Was ist, wenn ich festsitze auf dem Schlick und ich nicht mehr weiter weiß?  - Dann sagt mir das Leuchtfeuer: Ich bin nicht allein. Es gibt Menschen, die sind da, wenn ich sie brauche. Früher gab es noch den Leuchtturmwärter. Der regelmäßig nach oben stieg, um nach dem Licht zu sehen – und nach Schiffen Ausschau zu halten. Der Leuchtturm war Teil einer ganzen Sicherheitskette, zu der Menschen und Schiffe gehören. Der Leuchtturm sagte dem Seemann: „Wir kommen, wenn du in Not bist.“

Zu uns sagt Christus: „Ich komme, wenn du mich brauchst. Ich bin für dich da. „Ich bin das Licht der Welt.“- Ich bin auch dein Licht.“

Er hat sein Leben eingesetzt für die Menschen.

Auf vielen, vor allem älteren, Abbildungen sieht man Männer in offenen Booten auf die sturmgepeitschte See hinaus fahren, um Schiffbrüchige zu retten. Sie wagen ihr Leben, um andere zu retten. Das hat Jesus getan. Für die, denen das Wasser am Halse stand, hat er den Himmel auf die Erde geholt, indem er da war -  indem er ihre Hand ergriff. Die Aussätzigen, der Zöllner Zachäus, die Ehebrecherin, der Leugner und Versager Petrus – sie alle erfuhren: „Du gehst nicht unter; ich bin doch bei dir. Ich bin dein Licht und deine Rettung.“

Diese Erfahrung hat sie nicht mehr verlassen. Von Christus getragen und mit Seiner Hilfe haben sie ihr Lebensschiff wieder flott machen können – vielleicht auf einem ganz anderen Kurs, als dem, den sie vorher eingeschlagen hatten – aber unterwegs zu einem guten Hafen.

So, wie Jesus es gesagt hat: „Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Dieses große „Ja“ GOTTES – dieses „Ich bin hier bei Dir, ich bin da für Dich“ – das kann für uns so etwas werden, wie ein innerer Kompass,  der uns die Richtung zeigt – nämlich hin zu einem erfüllten Leben - zu den Menschen, zu meinen Nächsten und zu mir selbst.

Wenn wir dieser Richtung folgen, dann werden auch die Stillen gehört, die man sonst so leicht überhört. Dann kommen auch die Schwachen und die Langsamen zu ihrem Recht. Dann reden Menschen nicht aneinander vorbei, dann hören sie einander zu.

Das Licht Christi hilft uns, im Alltag mit seinen Anforderungen und Problemen diesen liebevollen Blick aufeinander nicht so schnell zu verlieren. 

Und erhellt von seinem Licht können wir vielleicht sogar auch füreinander so etwas werden, wie ein kleines Unterfeuer, das dem anderen zeigt: Du bist nicht allein. Wir sind da. Für Dich. Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

 

 

Predigt zum Sonntag Trinitatis , 07.06.2020

Bild von Christine Schmidt auf Pixabay

Predigttext: 4. Mose 6,22-27: „Der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: so sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Liebe Gemeinde,
diese Worte aus dem Alten Testament gehören neben dem Vaterunser zu den bekanntesten in der Bibel. Jeder Gottesdienst schließt damit.                          

Ohne Segen am Ende – da würde uns etwas Entscheidendes fehlen. Mir ist das in den zurückliegenden Wochen, in denen die Kirchen geschlossen waren und man Gottesdienste nur online erleben konnte, aufgefallen. Die Online-Gottesdienste waren in der Regel kürzer. Es wurden Lieder weggelassen, auf die Schriftlesung oder das Gebet am Anfang verzichtet, aber niemals auf den Segen am Schluss.

Bei allen möglichen Anlässen werden Segenswünsche ausgesprochen. Segen wünschen nicht nur gläubige Menschen. Nach meinem Eindruck empfinden viele, dass es tiefer geht, wenn statt „Viel Glück“ „Gott segne Dich“ gesagt wird.  
Segen wünschen wir nicht nur Geburtstagskindern, sondern auch Brautleuten, Jubilaren oder Menschen, denen ein wichtiges Amt übertragen wird. Bei allen wichtigen Stationen des Lebens begleitet uns der Segen: bei der Taufe und bei der Konfirmation, die auch Ein-Segnung genannt wird. Bei der letzten Lebensstation, der Beerdigung, wird die verstorbene Person aus-gesegnet.
Gesegnet zu werden, wünschen sich viele Menschen, auch solche, die sich sonst der Kirche nicht mehr verbunden fühlen.                                                                        

Beim Segen werden sie empfänglich, auch wenn manche nicht genau sagen können, was genau sie sich damit eigentlich wünschen.
Ich spüre da eine Sehnsucht nach Behütet-sein, nach Erfüllung der Träume, mit denen man das Leben begonnen hat. Man möchte dem Leben gewachsen sein. Man möchte eine innere Sicherheit haben und einen Weg gehen, an dessen Ende man dankend sagen kann: Ja, das war ein gesegnetes Leben.

Manche denken dabei an Wohlergehen und Gesundheit. Andere an Kinder, die ein Haus mit Leben erfüllen.

Aber, wenn Segen nicht erfahren wird ?!?

Wenn der Lebensweg brüchig wird, weil sich Krankheit einmischt oder Trauer oder Sorgen. Wenn Erfahrungen sich häufen, dass wir zerbrechlich sind, dass wir vieles nicht im Griff haben. Wenn sich Unsicherheit und Ungewissheit ausbreiten.

Ich denke, dass für viele Menschen das Erleben der Coronakrise mit ihren unüberschaubaren Folgen eine solche Dimension hat.
Da kann es schwer werden, daran zu glauben, dass GOTT einen wirklich segnet. Aber ER tut es, so sagen die biblischen Worte. GOTT segnet. Das wird uns immer wieder zugesprochen.
Uns sind die Segensworte meist in der Möglichkeitsform vertraut: „Der Herr segne dich.“ Wir hören sie dadurch mehr als einen Wunsch oder gar als Aufforderung. Im hebräischen Urtext hingegen steht das Wort für segnen in der Wirklichkeitsform: „Der Herr segnet dich.“

Bei diesen Beobachtungen geht es um mehr als um Grammatik. Denn wenn der Indikativ – so lautet der grammatische Begriff – die Wirklichkeit darstellt, dann wird damit bekräftigt: Es ist so. Gott segnet. Und dies nicht nur in Zeiten des Glanzes.

Wir Christinnen und Christen haben uns diese Worte aus der Hebräischen Bibel geborgt. Mit ihnen wurde das Volk Israel von Aaron, dem Bruder des Mose, am Berg Sinai gesegnet. Deshalb werden diese Segensworte auch Aaronitischer Segen genannt.

Später wurden damit die Israeliten im Jerusalemer Tempel gesegnet. Diese alten, kostbaren Worte verbinden uns zutiefst mit unseren jüdischen Geschwistern. Zu deren Geschichte gehört viel Entbehrung, Verfolgung und Mutlosigkeit. Und dennoch haben die Segensworte sie durch die Jahrhunderte hindurch begleitet, aufgerichtet, gestärkt.  Sie waren ihnen wie ein schützender Mantel.

Der Segen Gottes bewirkt also keine Erfolgsgeschichte im Sinne von Reichtum und Glück. Und die magische Vorstellung, dass man mit ihm unversehrt durchs Leben kommt, erfüllt er auch nicht.

Aber der Segen Gottes ist Zuspruch pur. Ich muss und ich kann dafür gar nichts tun. Das ist für uns Menschen gar nicht so einfach. Denn wir mühen uns oft ab, alles in der Hand zu haben, mitzubestimmen, zu planen und zu gestalten.

Demgegenüber bedeutet Gottes Segen eine große Ent-Lastung: Ich muss nichts tun. Ich muss mir nicht einmal Gedanken machen.
Im Segen leuchtet ein anderes Angesicht über uns als unser eigenes oder das eines anderen Menschen. Wenn wir uns selbst anschauen, machen wir das oft mit einem prüfenden, einem kritischen, vielleicht auch gnadenlosen Blick: Wie sehe ich denn schon wieder aus? Was habe ich da wieder gemacht? Auch wenn andere uns anschauen, entdecken wir immer wieder in Frage stellende oder abschätzige Blicke: Was soll denn das? Was willst du schon wieder? Manchmal sind wir auch einfach unsicher: Wie soll ich diesen Blick verstehen? Wie ist er gemeint?

Demgegenüber wird uns im Segen zugesagt: Gottes Angesicht leuchtet über uns. Ja, wir dürfen sagen: GOTT strahlt uns an!   - Auch wenn es uns vielleicht manchmal anders scheinen mag.

Gott will unser Wohl. ER lässt sein Angesicht über uns leuchten wie einen hellen, wärmenden Strahl. ER schenkt uns Seinen Frieden. Keinen Frieden, den wir mühsam erkämpfen und mit allen möglichen Waffen verteidigen müssen. ER gibt uns einen Frieden, der höher ist als all unsere Vernunft.

Was das bedeuten kann, wird in einem Buch von Inger Hermann eindrücklich beschrieben. Sie gibt darin ihre Erfahrungen als Religionslehrerin an Stuttgarter Förderschulen wieder. Die Kinder sind fast alle vernachlässigt und erfahren in ihren Familien verbale und körperliche Gewalt. Ein geordneter Unterricht ist selten möglich. Gerade deshalb ist Inger Hermann ein fester Rahmen wichtig, ein Gebet am Anfang und der Segen am Ende jeder Unterrichtsstunde. Den hat sie mit den Kindern auswendig gelernt. Den Kindern liegt an diesem Ritual. Sie spüren, dass da etwas anders ist und stellen für diesen Moment ihre Störungen ein und sorgen mitunter selbst für die dafür notwendige Ruhe. Als es einmal wieder drunter und drüber geht in der Unterrichtsstunde und selbst am Ende keine Ruhe einkehren will, fährt ein Schüler seine immer noch quasselnde Mitschülerin an: „Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen!“ Dieser Satz, der zum Titel des Buches wird, wirkt. Dann sprechen alle miteinander den Segen.
„Geborgenheitsritual“ nennt Inger Hermann diesen festen Rahmen, wo die Kinder für kurze Zeit etwas spüren, was völlig anders ist als das, was sie in ihrem Alltag erleben.

Ein Geborgenheitsritual kann der Segen auch für uns sein, gerade dann, wenn wir unser Leben nicht als geordnet und glücklich erleben.                                           

Und es ist gut, dass jemand anderes uns den Segen zuspricht. Wir dürfen ihn auf uns legen lassen wie einen schützenden Mantel. Wir dürfen uns damit umfangen lassen und gestärkt und aufgerichtet weitergehen.

Uns bleibt nur eines: „Amen“ zu sagen. Damit drücken wir aus: Ja, so sei es. Darauf vertrauen wir. Darin verankern wir uns. Gott lässt sein Angesicht über uns leuchten.
Amen.

Ihr Pastor Thomas-Christian Schröder

Statt Gottesdienst am Pfingstsonntag

Bild von Felix Mittermeier auf Pixabay

Resonanz

Als Konfirmand habe ich gelernt, Pfingsten sei das „Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes“.

Aber was soll ich mir darunter vorstellen?

Albert Schweitzer hat dafür ein anschauliches Bild gefunden: Er spricht von „Resonanz“.  Resonanz entsteht durch Berührung. Etwa wenn auf den Saiten eines Flügels Töne angeschlagen werden, dann schwingt auch der ganze Körper in Resonanz mit  – und verstärkt den Klang.

Resonanz gibt es auch ohne direkte Berührung, etwa wenn bei hohen Tönen die Gläser im Schrank anfangen, zu klingen.

Resonanz gibt es aber auch im übertragenen Sinne: wenn ein Mensch etwas sagt, was in mir Gefühle und Reaktionen hervorruft. Wenn ich ein Buch lese, einen Brief, eine e-Mail, etwas, das mich zum Nachdenken bringt, dann ist das eine geistige Resonanz.

Und in einer solchen Resonanz, sagt Schweitzer, können wir auch mit Jesus stehen. Wenn das, was er getan und wofür er gelebt hat, uns anspricht – wenn es uns tief drinnen berührt - dann entsteht Resonanz – dann schwingen wir mit.

Und ich glaube, wer auf Jesu Wellenlänge mitschwingt, der kann am Ende gar nicht mehr anders, als es so zu machen wie er - und mit seinen Mitmenschen – und auch mit sich selbst – achtsamer und liebevoller umzugehen.

Gemeinsam mit vielen Menschen überall auf der Welt bin auch ich Teil des einen großen Resonanzkörpers Jesu: seiner Gemeinde.

Ich darf darauf vertrauen, dass ich dazugehöre, auch wenn ich Abstand halten muss. – Der Gedanke gefällt mir.

In diesem Sinne ein frohes und gesegnetes Pfingstfest Ihnen allen!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Statt Gottesdienst am 24. Mai 2020

Bild von pixabay

Liebe Gemeinde,

„Ich setzte meinen Fuß in die Luft und sie trug.“

Diese Zeile stammt von der Dichterin Hilde Domin.  Sie soll ihn verfasst haben nach dem Tod ihrer Mutter. Er passt aber auch sonst zu ihrem Leben. In ihren Gedichten findet sie Worte für Erfahrungen von Verlust und Unsicherheit. Sie weiß, wovon sie spricht. Mit ihrem Mann hatte sie als Jüdin ihre Heimat Deutschland über Nacht verlassen müssen. Bis zur ihrer Rückkehr nach dem Krieg musste sie in den verschiedensten Ländern im Exil leben. Hilde Domin schreibt aber nicht nur über die Unsicherheit des Lebens, sondern auch über das, was dem Menschen helfen kann diese zu bewältigen. Die Sprache, die Dichtung selbst kann dem Menschen Halt und Geborgenheit in aller Unsicherheit schenken.

Unsicherheit und Ungewissheit bestimmen auch unser Leben in der Zeit der Pandemie. Werden wir selbst, unsere Familien und Nächsten gesund bleiben? Wie wird sich die Pandemie auf unser soziales Leben und die Wirtschaft auswirken. Die Nachrichten zeichnen keine guten Prognosen für die Zukunft. Und einige müssen bereits jetzt mit starken Einschnitten zurechtkommen. Wir müssen uns von vielen Dingen, die wir für die Zukunft geplant haben, gerade verabschieden und die Ungewissheit aushalten.

Auch im Kirchenjahr befinden wir uns in einer Zeit, die gekennzeichnet ist von Abschied und Verunsicherung, aber auch der Erwartung eines Neubeginns. An Himmelfahrt verließ Jesus die ihm nahestanden. Sie können ihn nicht mehr anfassen oder umarmen oder Gespräche mit ihm führen wie früher. Sie sind auf sich allein gestellt. Und sie realisieren, dass es so wie es früher war, nicht wieder werden wird. Das wird sie traurig, ratlos, vielleicht wütend gemacht haben. Doch in dieser Zeit vollzieht sich auch ein Wandel. Sie erleben, dass Jesus nun zwar körperlich nicht mehr anwesend ist, dass er ihnen aber nahe ist mit seinem Geist. Er stärkt sie mit seinem Geist nun innerlich in ihren Seelen.  Genau diese Erfahrung feiern wir am Pfingstfest, dem Fest des Heiligen Geistes. Und der Heilige Geist wirkt durch die Sprache. Sprache schafft Wirklichkeit.

Viele äußere Sicherheiten sind in unserem Leben gerade weggebrochen. Umso mehr kommt es nun an auf unsere Stärke im Inneren und die Kraft mitten in der Verunsicherung zu vertrauen.

Neben einem Management, welches wirksam die Pandemie eindämmt, um wieder Leben zu finden, brauchen wir auch Worte von Zuversicht und Vertrauen. Diese Worte finden wir in der Bibel in den Worten Jesu, die bis heute zu uns sprechen wollen. Diese Worte können wir aber auch einander als Menschen in diesen Tagen zusprechen.

So stärke Gott uns in diesen Tagen in unserem Inneren durch seinen Heiligen Geist! Amen.

Ihre Birgit Dušková

 

 

Statt Himmelfahrts-Gottesdienst

Da berühren sich Himmel und Erde

 

 

An diesem Himmelfahrtstag können Sie sich hier einen kleinen Film ansehen - mit Beiträgen und Musik der Pastoren und Pastorinnen, sowie den Kantoren der Region Elbmarschen.

Wir wünschen Ihnen einen gesegneten Himmelfahrtstag.

 

 

 

 

 

 

Statt Gottesdienst am 17. Mai 2020

Igor

Vom Beten

Alles begann mit den Worten, die mir meine Oma beim Schlafengehen beibrachte:

“Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.”

Ein Gebet , das theologisch sicher hinterfragt werden kann, aber doch der Anfang einer wunderbaren Freundschaft wurde. Später lernte ich das Vaterunser und dass es in Ordnung ist, mit eigenen Worten zu beten. Dass ich mit Gott reden kann wie mit einem guten Freund, der nichts weiter trägt von dem, was ich ihm anvertraue. Den ich treffen kann, wann ich will. Und der mich trifft, wenn ich es nicht erwarte.

Beten kann ein Hilfeschrei sein oder ein Lauschen in die Stille. Ich kann tanzend beten - oder beim Gemüseschneiden. An jedem Ort und zu jeder Stunde.

Heute ist der Sonntag Rogate. Übersetzt heißt das: Betet!

Betet! Denn das Gebet hält die Beziehung zu Gott lebendig.

Eine Beziehung lebt davon, dass wir uns austauschen, dass wir uns mitteilen, dass wir sagen, was uns auf dem Herzen liegt. Und auch hören, was unserem Gegenüber wichtig ist. In einer Ehe ist es so, unter FreundInnen, in der Beziehung zu den Kindern, zu Nachbarn und Kolleginnen. In den Phasen, in denen wir uns keine Zeit nehmen zum Reden, weil wir es nicht schaffen oder nicht wollen, wachsen die Missverständnisse.

So ist es auch in der Beziehung zu Gott. Sie wird und bleibt lebendig, wenn wir beten, wenn wir uns mitteilen und Gott die Chance geben, hörbar zu werden.

Davon erzählt ein Priester, der von einer alten Dame um Rat gebeten wurde: "Vierzehn Jahre lang habe ich fast ununterbrochen gebetet, doch nie habe ich ein Gefühl von der Gegenwart Gottes gehabt.” Der Priester fragt nach: “Haben Sie ihm Gelegenheit gegeben, ein Wort einzuwerfen?” Die Dame verneint: “Ich habe die ganze Zeit zu ihm gesprochen. Das ist doch Beten - oder?” Unser Priester verzichtet auf eine ausführliche Antwort und stellt der Dame eine Aufgabe: “Nehmen Sie sich täglich eine Viertelstunde Zeit, setzen Sie sich in einen bequemen Sessel und stricken Sie vor dem Angesicht Gottes. “ Ein paar Wochen später berichtet die Dame voller Begeisterung: “Das ist merkwürdig....Wenn ich zu Gott bete, also zu ihm spreche, fühle ich nichts. Doch wenn ich still dasitze, ihm gegenüber, dann fühle ich mich in seine Gegenwart eingehüllt.”

So bete ich auch oft. Gerade, wenn mir die Worte fehlen. Setze mich an einen ruhigen Ort, schließe die Augen oder schaue etwas Schönes an. Ich lasse den Atem gehen wie er will. Sehe die Bilder an, die aufsteigen, spüre meinen Gefühlen nach. Und stelle mir dann vor: Gott schaut mir zu, wie ich da sitze. Ohne dass ich sagen könnte, wie er genau aussieht - oder sie, oder es. Das ist auch nicht wichtig. Ich spüre nur ein ruhiges liebevolles Lächeln. Das mir allein gilt. Das nicht verschwindet, auch wenn meine Gedanken und Gefühle alles andere als liebevoll sind. Ich spüre Eile, aber das Lächeln schenkt mir Zeit. Tränen steigen in mir auf, aber das Lächeln tröstet mich. Ich fühle mich klein und ohnmächtig, aber das Lächeln weitet mein Herz und richtet mich auf. Ich sorge mich um einen Menschen,  aber das Lächeln sagt: “Ich schaue da gleich mal vorbei.”

Ich habe von Leuten gehört, die so ähnlich angefangen haben mit dem Beten. Ohne Vorerfahrung, aus Neugier auf religiöses Leben. Oder aus tiefster Not heraus. Denn die lehrt ja bekanntlich Beten.

Wer betet, sagt: Ich habe ein Ziel, das über mich selbst hinausgeht. Ich bin mir selbst nicht genug. Ich habe mein Leben nicht allein in der Hand.

“Ich habe heute viel zu tun, da muss ich viel beten”, schreibt Martin Luther an einen Freund. Damit stellt er klar: Wer betet, legt nicht die Hände in den Schoß. Im Gegenteil: Indem ich mein Leben mit und  vor Gott bedenke und die Welt ins Gebet nehme, werde ich zu verantwortlichem Tun befähigt.

Was für ein Geschenk, das Gebet! Es bereichert mein Leben, es öffnet mir den Himmel.

Ihre und Eure Pastorin Gabriele Schinkel

 

 

 

 

Gott auf der Parkbank

Lenny hat heute keine Lust zur Schule. Seine Mutter ist schon los. Sie ist Kassiererin im Supermarkt und muss früh anfangen. Und so frühstückt Lenny alleine, packt sich ein paar Coladosen und ein paar Schokoriegel in seinen Rucksack und stapft lustlos durch die Grünanlagen der Vorstadtsiedlung.

Missmutig kickt er ein paar leere Bierdosen über den Gehweg. Beim Spielplatz fläzt er sich auf eine Bank und packt einen Schokoriegel aus.
Eine alte Frau schiebt ihren Rollator vor sich her. Erschöpft setzt sie sich zu Lenny auf die Bank. Schüchtern fast und ganz ans andere Ende – sie will sich ja nicht aufdrängen.

Lenny futtert seinen Schokoriegel.
Da bemerkt er, wie sie sehnsüchtig nach der Schokolade schaut. Lenny ist irritiert: „Was will die denn?“
Dann zuckt er mit den Schultern, greift in seinen Rucksack, holt noch einen Schokoriegel heraus und gibt ihn der Frau. Dankbar lächelt sie ihn an. Und Lenny findet, ein wundervolles Lächeln!

Prompt greift er noch mal in seinen Rucksack, holt eine Coladose hervor, reißt den Verschluss auf und gibt sie ihr.

Mit zittriger Hand nimmt sie sie und lächelt noch strahlender als zuvor.
So sitzen die beiden den ganzen Vormittag auf der Bank, futtern einen Schokoriegel nach dem andern und trinken Cola.
Und sprechen kein einziges Wort.

Schließlich steht Lenny auf. „Muss jetzt los. Tschüß!“ „Tschüß!“
Zu Hause fragt ihn seine Mutter: „Was hast du denn heute so gemacht?“ „Du, Mom, ich habe Gott getroffen.“
„WAS?! Und wie sah er aus?“
„Sie hat ein wunderschönes Lächeln.“

Auch die alte Frau kehrt zurück. Die Pflegerin im Heim fragt sie: „Wo waren Sie denn? Wir haben uns schon Sorgen gemacht!“
„Ach, stellen Sie sich nur mal vor: Ich habe Gott getroffen!“ „Was?! Und wie sah er aus?“
„Er ist viel jünger, als ich dachte.“

Frei nach Dorothea Riedlinger-Frank
Bild von Ana Gic auf Pixabay

 

Statt Gottesdienst am 10. Mai 2020

Statt Gottesdienst

Gute Worte

Bild von Free-Photos auf Pixabay

„HERR,
wenn ich sehe die Himmel, DEINER Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die Du bereitest hast:
was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass DU Dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast DU ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über DEINER Hände Werk,
alles hast Du unter seine Füße getan:
Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere,
die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.“ – aus Psalm 8
Als ich ein Schuljunge war, hat mich mein Vater mitunter nachts geweckt, um mir die Sterne zu zeigen. Wir standen dann manchmal mitten in der Nacht draußen im Garten und schauten gemeinsam in den Himmel hinauf. Vater zeigte mir die Sternbilder, den Großen Wagen und den Kleinen Wagen. Er erklärte mir auch, dass die Sterne, die wir als kleine glitzernde Lichtpunkte sehen können, in Wahrheit Sonnen sind, so groß wie unsere eigene oder sogar noch größer und heller. Weil sie aber so weit von uns entfernt sind, sehen wir sie nur als Pünktchen.

Und er fuhr fort: „Das weißliche Band, das sich da über den Himmel zieht, das ist die Milchstraße. Sie ist eigentlich eine flache Scheibe und besteht aus unzähligen einzelnen Sternen. Sie sind aber so weit von uns entfernt, dass wir ihr Licht nur als verschwommenes schwaches Leuchten wahrnehmen. Unser Sonnensystem gehört auch dazu. Es liegt ganz am Rand der Milchstraße, und von dort schauen wir ins Innere.“

Damals als Kind habe ich nicht alles verstanden. Und es hat sich für mich recht ungemütlich angefühlt, als Erdenbewohner so ein Randsiedler des Universums zu sein. Ich kam mir so klein vor dabei. Hier standen wir zwei kleine Krümel und sahen nachts hinauf in den unendlich weiten Himmel. Aber die dort oben konnten uns doch unmöglich sehen hier unten. Wir waren ja winzig klein, wir waren doch zum Verschwinden gering.

„Was guckst du denn so traurig?“, fragte mein Vater. „Ich fühl mich so klein“, sagte ich. „Der Himmel ist so groß über uns. Da bemerkt uns doch keiner.“
Mein Vater schaute mich verwundert an. „GOTT hat den Himmel doch nicht groß gemacht, damit du dir klein vorkommen sollst“, erwiderte er. „Im Gegenteil! Ganz erhaben fühlen kannst du dich, wenn du denkst: In diese große Welt hat ER mich hineingesetzt, auf diese eine Erde. ER wollte, dass ich da bin. Ich. Genau hier. Und hier bin ich nun! Verstehst Du? Du bist einmalig. In diesem ganzen riesigen Universum gibt es kein einziges anderes Wesen, das genauso ist wie Du.“
Und als ich noch immer nicht ganz überzeugt war, fügte er hinzu: „Denke doch nur mal an einen Diamanten! Was macht ihn so kostbar? Na? Nicht zuletzt, dass er so selten ist: Ein kleiner Diamant in Tausenden von Tonnen Gestein! Aber welch ein Funkeln! Welches Feuer! Was für ein schöner Glanz! So viel Schönheit! - Ja, wir sind Gottes Edelsteine in SEINER Schöpfung!“

Er hatte Recht. Heute sagt uns die Wissenschaft, dass wir sogar buchstäblich Kinder des Himmels sind: Die Atome, aus denen wir bestehen – wir und die ganze Erde um uns herum, die Pflanzen und Tiere – wurden einmal lange vor unserer Zeit im Innern heißer Sterne durch Kernsynthese aufgebaut. Diese Sterne explodierten und verteilten ihre Materie im All. Daraus wurden neue Sterne und Planeten – und letztlich auch wir.

Wir sind wirklich etwas ganz Besonderes: wir sind Kinder der Sterne. Das dürfen wir uns gerade auch in dunklen Momenten gerne wieder in Erinnerung rufen.
GOTT hat uns groß gemeint und großartig gemacht. ER hat die Welt mit all ihren Naturgesetzen entstehen lassen und hat uns mitten hineingesetzt. Es gibt uns, weil ER uns will. Und ER freut sich, dass wir da sind.
ER liebt diesen kleinen blauen Planeten und seine Bewohner. Vielleicht finden wir in diesem Sommer ja Gelegenheit, einmal in Ruhe den Sternenhimmel über uns zu betrachten - und die Welt und uns selbst gleichsam einmal mit GOTTES Augen zu sehen – und zu staunen über das Wunder des Lebens, von dem wir ein Teil sind. Amen.
Thomas-Christian Schröder

 

Statt Gottesdienst am Sonntag, den 26.04.2020

Bild von Kaatjem auf Pixabay

Liebe Gemeinde,

sie sehen hier abgebildet eine Aufnahme vom Monument „Clave“ im Hafen von Rotterdam, welches an die Abschaffung der Sklaverei in den Niederlanden im Jahr 1863 erinnert.  Zu sehen ist ein Mensch, der sich gleich einem Tänzer in mehreren Schritten von den Ketten der Sklaverei befreit. Alex da Silva, der niederländische Künstler der das Monument schuf, hat seine Wurzeln auf den Kapverdischen Inseln. Die Inselgruppe vor der westafrikanischen Küste war ein wichtiger Umschlagsplatz für den transatlantischen Sklavenhandel. Alex da Silva selbst ist Nachfahre von Menschen, die Sklaverei erleiden mussten und das Monument ist somit auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte.

Der Bibeltext für den heutigen Sonntag steht im 1. Petrus 2, 21-25. Auch in diesem geht es um Sklaverei. Der Verfasser richtet sich in dem Abschnitt an diejenigen Gläubigen in den ersten christlichen Gemeinden, welche Sklaven und unfreie Hausangestellte waren.  Er ermahnt sie, sich ihren Herren unterzuordnen, auch jenen, die nicht freundlich und gütig sind, sondern „wunderlich“, „schräg“, „unberechenbar“. Im Leid der Sklaven erblickt er eine Verbindung zum Leiden Jesu. Im Ertragen des Leidens treten die Sklaven in seine Fußstapfen und werden seine Nachfolger. „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber nun bekehrt zu dem Bischof und Hirten eurer Seelen“ schreibt der Verfasser des Briefes. 

In Anbetracht der Geschichte der Sklaverei und des millionenfachen Unrechts und Leids, welches durch diese Menschen angetan wurde, ist dies ein tonnenschwerer ja schon problematisch zu nennender Text! Es sind Worte, die ich mit dem Wissen von heute so nicht einfach als frohe Botschaft weitersagen kann. Er verlangt nach Erklärungen und Einordnung. Das will ich im Folgenden einmal versuchen…

Der Text wurde in einer Zeit geschrieben in der Sklaverei weit verbreitet war. Das Vorhandensein von Sklaven war in der antiken Gesellschaft selbstverständlich. Zu Sklaven wurden Menschen, wenn sie in Kriegsgefangenschaft gerieten oder wenn sie ihre Schulden nicht zurückbezahlen konnten.  Was es in der damaligen Gesellschaft nicht gab, war ein Zusammenhang von  Sklaverei und Hautfarbe. Mit der rassistisch begründeten massenhaften Versklavung von afrikanischen Menschen begannen Europäer erst in der Neuzeit. In den neuen Kolonien wurden billige Arbeitskräfte benötigt. Um die Ausbeutung  und Versklavung von afrikanischen Menschen zu begründen, setzte man die Idee der Existenz einer minderwertigen Rasse in die Welt, die leider bis heute Anhänger findet. Der Verfasser des Predigttextes verbindet Sklaverei nicht mit Hautfarbe und Herkunft. Zu seiner Zeit kann prinzipiell jeder im Laufe seines Lebens, seine Freiheit verlieren, aber er oder sie kann sie unter bestimmten Umständen auch wiedererlangen. Er kennt das Leid, welches mit der Sklaverei verbunden ist und spricht dieses auch an. Was er nicht vor Augen hat, ist der massenhafte systematisch organisierte Menschenhandel, an den wir denken müssen, wenn wir das Wort Sklaverei hören.

Der Text wurde in einer Zeit geschrieben in der die christliche Gemeinde eine kleine Minderheit in der Gesellschaft bildete. Die Gläubigen rechneten damit, dass Jesus Christus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen würde. Es galt sich darauf vor allem innerlich vorzubereiten. Da das bald kommende Gottes Reich sowieso die Welt aus den Angeln heben würde, betrachteten sie sich nicht als eine Kraft, die die weltliche gesellschaftliche Ordnung bestimmen sollte. Vor diesem Hintergrund nahmen sie die Einrichtung der Sklaverei hin und rieten denjenigen unter den Schwestern und Brüdern, die unfrei waren, durchzuhalten und nicht aufzubegehren gegen ihre Herren. In dem für sie wichtigsten und auch gestaltbaren Bereich des gemeinsamen Glaubenslebens machten sie zwischen Freien und Sklaven keinen Unterschied. Als im Glauben gleichberechtigte Schwestern und Brüder feierten die ersten Christinnen und Christen miteinander Abendmahl, die gemäß der weltlichen Ordnung in der Außenwelt einander Herren und Sklaven waren.

Festhalten kann man also: der Verfasser hatte eine kleine gesellschaftlich keinesfalls einflussreiche Gruppe von Menschen vor Augen und was er schrieb sollte diesen helfen, die Zeit bis zur Wiederkunft Jesu zu bestehen. Eine Gruppe, die in Anbetracht dieser Erwartung unter sich bereits wagte, etwas einzuüben, was in der Gesellschaft damals nicht üblich war: nämlich sich als Gleichberechtigte vor Gott zu betrachten. „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Knecht noch Freier, da ist weder Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ schrieb Apostel Paulus im Brief an die Galater.

 

Die Situation änderte sich dagegen vollkommen als das Christentum sich weiter ausbreitete und nach und nach auch in der Position war, die Gesellschaft zu prägen. Betrachtet man den weiteren Verlauf der Geschichte so können wir feststellen, dass sehr gegensätzliche Einstellungen zur Sklaverei in der Kirche und unter Christinnen und Christen anzutreffen waren. Es gab sowohl Befürworter als auch entschiedene Gegner der Sklaverei. Es gab kirchliche Vertreter, die die unheilvolle Legende in die Welt setzten, alle dunkelhäutigen Menschen wären die Nachfahren von Ham, dem zweiten Sohn Noah, und würden unter einem Fluch stehen, der sie für immer zu Sklaven verdammte. Und es wurde eben auch auf den heutigen Predigttext verwiesen, der den Sklaven rät, sich ihren Herren unterzuordnen. Was einmal als Überlebensregel auf Zeit gedacht war, wurde nun zur gottgewollten Ordnung stilisiert. Die biblische Botschaft wurde verdreht, wenn diejenigen, die anderen Leiden zufügten oder die Macht hatten dieses zu beenden, den gequälten Menschen predigten ihr Leiden wäre Bestandteil der Nachfolge Jesu. Heute blicken wir mit Schmerz und Scham auf dieses Kapitel der Geschichte. Wir dürfen uns aber auch erinnern an all jene Menschen, wie die Abolitionisten (engl.  abolition – deutsch: Abschaffung), Christinnen und Christen, die sich ab dem 18. Jahrhundert leidenschaftlich mit der Bibel in der Hand  für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten und nicht müde wurden auf die Gottebenbildlichkeit aller Menschen hinzuweisen. Die Gleichberechtigung vor Gott sollte nun auch die menschliche Gesellschaft prägen. Bedeutsam im Kampf gegen Rassentrennung und Unrecht als Folgen der Sklaverei wurde im 20. Jahrhundert Martin Luther King, der eben auch Pastor und wortmächtiger Prediger und Ausleger der Bibel war.

Und heute? Auch wenn die Sklaverei offiziell nun seit mehr als 150 Jahren abgeschafft ist, ist sie in der Realität noch lange nicht überwunden. Weltweit sind schätzungsweise ca. 40 Millionen Menschen von modernen Formen der Sklaverei betroffen (Global Slavery Index 2016). Zur modernen Sklaverei zählt man Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Zwangsprostitution und die Rekrutierung von Kindersoldaten. Deutschland ist zum einen Transit- und Zielland des Menschenhandelns - vor allem im Bereich der Zwangsprostitution - und ein Absatzmarkt von Waren, die unter sklavenähnlichen Bedingungen produziert wurden. Zum anderen ist Deutschland ein Land in dem Menschen Zuflucht finden, die Sklaverei und Ausbeutung erleiden mussten, die fliehen konnten und hier die Chance haben, zu heilen und sich ein neues Leben aufzubauen.

Das Monument für die Abschaffung der Sklaverei in Rotterdam trägt als Inschrift eine Zeile aus einem Volkslied der Kapverdischen Inseln: „Der Körper des Sklaven geht, eine freie Seele bleibt“.  Hört man den Berichten von Menschen zu, die Sklaverei, Ausbeutung und Abhängigkeit am eigenen Leib erfahren mussten, wird deutlich, wie schwer der Prozess der Befreiung, den das Monument zeigt, in der Realität ist. Ein Körper, der einmal Gewalt ausgesetzt war, wird lange  bis lebenslang diese Gewalt auch erinnern. Der „Sklavenkörper“ geht nicht einfach. Da sind Wunden und Narben, die bleiben und schmerzen – manchmal ein Leben lang. Auf der anderen Seite bezeugen alle Menschen, die es geschafft haben sich aus Abhängigkeiten und Gewaltverhältnissen zu befreien, dass es im Menschen etwas gibt, dass nicht aufgibt nach Freiheit und Selbstsein zu suchen. Es scheint etwas im Menschen zu geben, das kein Mensch dem anderen nehmen kann. Das mag verschüttet und vergraben sein, aber es ist da. Mit dem Predigttext gesprochen, glaube ich, dass da einer als „Bischof und Hirte“ die Seele des Menschen behütet und dass aus dieser immer wieder heileres freieres Leben entstehen kann. Ich denke, dass ist tröstlich zu glauben für uns alle! In diesem Sinne bleiben Sie behütet!

Ihre Birgit Dušková

Statt Gottesdienst

Die Unendlichkeit des Sternenhimmels
(Bild von Free-Photos auf Pixabay)

Liebe Gemeinde!

„Weißt du, wieviel Sternlein stehen…?“ Als unsere 3 Jungs noch klein waren, haben meine Frau und ich ihnen das oft zum Einschlafen vorgesungen. „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet.“ Und am Schluss: „… kennt auch dich und hat dich lieb“. Mit diesem Lied konnten sie gut einschlafen. Und heute singt mein ältester Sohn es seiner kleinen Tochter vor.
Die Kinder fühlen sich geborgen mit diesem Lied. Sie spüren die Liebe von Mutter oder Vater. Und sie hören, dass auch Gott sie liebt. Das gibt ihnen Sicherheit für die Nacht. „Urvertrauen“ nennen das die Psychologen. Ich würde es „Gottvertrauen“ nennen. Es ist gut, wenn Kinder so aufwachsen können. Da wird eine Grundlage gelegt für das ganze Leben. Die Psychologen sagen, wer ein gesundes Urvertrauen hat, den kann im Leben so schnell nichts erschüttern.
So hat das wohl auch Wilhelm Hey gesehen, der Pädagoge und Pfarrer, der das Lied im 19. Jahrhundert gedichtet hat.

Wilhelm Hey hat sich von einem Abschnitt aus der Bibel inspirieren lassen. Im Buch des Propheten Jesaja ist auch von den Sternen die Rede, die Gott mit Namen ruft, damit ihm nicht einer fehlt. Dort lesen wir:


Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber“?

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?

Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.(- Jesaja 40, 26 – 31)

Es war eine schwere Zeit für Jesaja und seine Landsleute. Ihre Heimat war vom Krieg zerstört, die Menschen ins Feindesland verschleppt. Das unfreiwillige Exil dauerte nun schon viele Jahre. Kein Wunder, dass die Leute mürbe werden. Kein Wunder, dass sie sagen: „Gott kümmert sich nicht mehr um uns. Verlierer wie wir sind ihm egal.“


Jesaja will den Verzagten Mut machen: „Gebt nicht auf! Gott steht auch jetzt zu euch. Habt Geduld! GOTT, der das All in seiner unendlichen Weite geschaffen hat, kennt jeden Stern. Er KANN euch helfen.  Und Er WIRD euch helfen.“

So, wie die Eltern ihren Kindern singen: „Kennt auch dich und hat dich lieb!“

 

Alles nur „Opium fürs Volk“? „Eiapopeia“ und „Heile-Welt-Gedusel“ für kleine Kinder?  -  Nein.

Ich bin sowieso davon überzeugt, dass man Kindern nichts vormachen soll. Sie haben feine Antennen und spüren es sehr wohl, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Und Erwachsene spüren das auch.

Probleme zu verharmlosen, schlechte Nachrichten als fake news zu bezeichnen, das macht die Dinge nur schlimmer. Wohin das führt, sehen wir in dieser Corona-Pandemie zum Beispiel in den USA oder in Großbritannien, wo man es zu lange mit Verharmlosen probiert hat.

Jesaja verharmlost nichts. Er weiß, wie die Leute reden: „Gott hat mich verlassen“, zitiert er seine Landsleute, „er hat uns vergessen“ (Jes 49, 14).

Vielen geht es heute auch so.

Alte Menschen, die abgeschnitten sind von ihrer Familie, die sie so dringend bräuchten. Junge, die leben möchten in diesen Frühlingstagen und leben müssen wie Gefangene.

Und wie sieht es erst in anderen Ländern aus, wo die Versorgung nicht so gut klappt wie bei uns! Oder in den Flüchtlingslagern! „Um uns kümmert sich niemand, kein Mensch und kein Gott“. Wen wundert es, wenn sie so reden und verzweifeln. Und in ihrer Verzweiflung verzweifelte Dinge tun.

Was Jesaja uns rät, das klingt nur auf den ersten Blick betulich und hausbacken: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Mir gefällt diese altertümliche Formulierung aus der Luther-Bibel – vor allem das Wort „harren“.

Harren: Das heißt warten, heißt Geduld haben. Also nicht: alles hinschmeißen und weglaufen, wenn mir alles zu viel geworden ist. Nicht: Sich besinnungslos ins Leben stürzen, weil die Situation scheinbar nur so auszuhalten ist. Auch nicht die Augen schließen und schlafen, nichts mehr mitkriegen und wie betäubt aufgeben. Auch nicht so tun, als ob nichts wäre.
Jesaja rät: die Müdigkeit ruhig zulassen, warten, Pause machen, weil ich nicht mehr kann. Zugeben, dass ich nicht mehr kann. Aber darin sich nicht aufgeben, sondern wissen: Es wird anders werden. Das steckt für mich in diesem altmodischen Wort „harren“.

Harren heißt in der Erwartung leben, dass etwas Neues, etwas anderes kommt. Harren heißt, mit Gott rechnen. Harren heißt, auf Gott vertrauen. Damit rechnen, dass Gott einen neuen Anfang und neue Kraft geben wird.

Es lebt sich anders mit dieser Hoffnung: Das Leben ist nicht vorbei. Es braucht nur eine Pause.

Ich glaube: Viel von der verheißenen neuen Kraft kommt allein schon daher, dass ich begreife: Ich schaffe es nicht aus eigener Kraft – und das ist gar nicht schlimm. Ich kann das ruhig zugeben. Ich kann ruhig zugeben, dass ich auf Hilfe angewiesen bin – auf Hilfe von Gott und auf Menschen, die mir helfen. Das ist keine Schande. Angewiesensein ist eine Grundform menschlicher Existenz.

Ich darf ruhig sagen, ich schaffe das nicht alleine, nicht meinen Dienst, nicht die Betreuung der Kinder, wenn sie, wie jetzt, immerzu zu Hause sein müssen. Ich schaffe nicht die doppelte Arbeit im Büro, weil Kollegen krank geworden sind. Ich werde allein nicht mehr fertig mit meinem Kummer, ich weiß nicht weiter mit meinem Leben. Ich schaffe das nicht. – Ich bin angewiesen auf Hilfe. Gott, steh mir bei. Schick mir Hilfe. Vor Gott darf ich das ruhig sagen. Deswegen bin ich noch lange kein Versager.


Wenn man sich das traut, dann kann man eine neue und befreiende Erfahrung machen. Man kann entdecken, wie viel Hilfe es gibt und wie viele Helfer. Manches Mut-machende Wort hätte ich nicht gehört, manche Hilfe wäre nie eingetroffen, wenn nicht jemand gemerkt hätte: Der ist angewiesen auf mich. Eingestehen, dass ich angewiesen bin – das macht stark: weil man Menschen findet, die einem beistehen. Zugeben, dass ich angewiesen bin: Das verbindet stärker als vieles andere. Und gemeinsam sind Menschen immer stärker als einer allein. Die auf Gott harren, weil sie begriffen haben, dass sie angewiesen sind, die kriegen neue Kraft.


„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“ Die Pause machen, wenn sie müde geworden sind und auf GOTT vertrauen, die kriegen neue Kraft.

Wenn ein erster Schritt nötig ist, dann fragen sie nicht länger: Warum denn ich, sondern sagen: Warum nicht ich? Und wenn sie es allein nicht schaffen, dann sagen sie: Es ist nötig, dass wir da etwas tun. Allein schaffe ich das nicht. Aber zusammen könnte es gehen. Dann werden sie Hilfe finden. Dann wachsen Kräfte, die keiner erahnt hat.
Ich verlasse mich darauf: Gott gibt uns seinen Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit, wenn wir auf ihn harren. Denn er kennt uns und unsere Ratlosigkeit.

Und er hat uns lieb.

Amen.

Ihr Thomas-Christian Schröder

Statt Gottesdienst am Ostermontag

„Nun aber“, so schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth, „ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“ (- 1. Kor 15, 20).

Das Sicherste im Leben sei der Tod, so hört man es oft. Und solange alles so bleibt, wie wir es kennen, solange in der Welt alles beim Alten bleibt, bleibt auch der Tod das unwiderrufliche Ende des Lebens.

„Nun aber ist Christus auferstanden.“ Ostern ist im Grunde eine Befreiung. So, als ob die Tür eines Kerkers aufgerissen würde: Licht fällt in den finsteren Raum. Und der frische Wind, der hereinweht, schmeckt nach Freiheit, nach Weite, nach Aufbruch und nach Leben.

Bisher waren alle Menschen, unter das Verhängnis des Todes versklavt. Aber nun hat der Tod seine unheimliche Macht verloren, denn Christus ist auferstanden.

Schon sein Leben war ein einziger Aufstand gegen den Tod. Bei ihm war Liebe nicht nur ein Wort. Er schenkte Armen, Elenden, und Verachteten und Ausgestoßenen seine Nähe. Er heilte Leben, das in Scherben gegangen war. Er trieb die Mächte aus, die Menschen zerstören.

Mit seinem Kreuzestod schien das alles null und nichtig, aus und vorbei zu sein. Aber merkwürdig: seit Ostern ist sein Tod noch ermutigender als es sein Leben in Galiläa und Jerusalem je gewesen war.

Es ist wie auf diesem Bild: Die Botschaft von der Auferstehung, sie ist wie ein helles Licht, das schon jetzt durch den Spalt hereinbricht in unsere dunkle enge Welt. Noch sind wir innerhalb des Tores, in einem dunklen, bestenfalls von Dämmerlicht erhellten Raum. Aber das Licht, das zu uns hereinfällt, lässt die neue lichte Welt dahinter schon ahnen. Es regt sich was im Herzen.

Die Botschaft von der Auferstehung macht es möglich, auch aufzuerstehen - schon hier und jetzt – mitten im Leben – aus unseren Ängsten - aus unserer Lethargie – aus allem, was uns gefangen hält – auferstehen zu neuem Lebens-mut und zu neuer Hoffnung.

Mit der Sonne des Ostermorgens ging es den Frauen am Grabe auf, und es dämmerte den verstörten Jüngern: Gott hat Jesus im Tod nicht alleingelassen. Gott selber ist mit ihm in den Tod gegangen. Aber, wo Gott ist, da kann der Tod nicht bleiben! Die Lebendigkeit Gottes hat die Pforten des Totenreiches gesprengt. – Und das Leben flutet hindurch; es bricht sich Bahn!

Ostern ist wie eine geöffnete Tür, durch die das Licht aus einer anderen Welt in unser Leben fällt. Noch sehen wir nicht, was dahinter ist. Wir können es bestenfalls ahnen.

Aber es macht schon jetzt etwas mit uns. Veränderung liegt in der Luft, neue Hoffnung, Erwartung. Das Herz schlägt schneller.

„Nun aber... Nun aber ist Christus auferstanden!“ Das klingt trotzig und irgendwie auch triumphierend: „Ätsch!“ Der Knochenmann ist entmachtet! Der Mensch ist zum Leben da! Wir dürfen und wir können teilhaben an der Lebendigkeit Gottes.

Das Belastende und Irritierende, das wir um uns herum wahrnehmen, bleibt eine Herausforderung – aber es ist nicht alles! Corona ist nicht alles. Die Angst vor der Infektion und die Angst um die wirtschaftliche Existenz, sie sind nicht alles.

Udo Lindenberg hat es in seiner „flapsigen“ Art einmal so ausgedrückt: „Hinterm Horizont geht´s weiter, immer weiter …“.

Und er hat Recht: Ostern ist das entscheidende Datum, das unseren Horizont weitet und das uns Luft gibt zum Atmen.

Denn, verbunden mit Christus, kann uns nichts mehr scheiden von der Liebe Gottes. Und diese Liebe findet sich mit dem Tod nicht ab. Darum gibt es für Paulus auch gar keinen Zweifel: Der Tod führt sich zwar heute noch auf, als sei er der Herr der Welt, aber in Wahrheit ist er schon eine gebrochene Gestalt. Seinen Stachel hat er lassen müssen. Zu Ostern feiern wir den Anfang von seinem Ende.

Aber ist das alles nicht ein bisschen zu rosarot?

Mir kommt Willi in den Sinn. Er gehörte zur dritten Klasse; er war wie die anderen auch, nur mit einem Unterschied: er hatte einen Gehirntumor. Er wurde bestrahlt, und es ging ihm elend. Die Kinder seiner Klasse bekamen es mit. Sie hielten zu ihm und lachten manches auch weg mit ihrer Lebensfreude.

Und doch war die Krankheit stärker. Willi starb. Die Kinder wollten ihn auch bei der Trauerfeier begleiten. Doch die Eltern waren dagegen. Sie wollten die Kinder schützen und schützten aber wohl nur sich selbst. Die Kinder setzten sich gegen ihre Eltern durch. Sie gingen zu Willis Beerdigung. Alle malten sie ein Bild und banden sie alle zusammen zu einem Bilderbuch.

Einer hat Willi in Gott hinein gemalt, der dick ist und rund und für vieles Platz hat. Platz fanden die Kinder auch für ein Zebra. Damit die Tiere nicht vergessen werden. Willi hat gerne mit Tieren gespielt.

In den Bildern ist alles in Gott versammelt und geborgen in ihm.

„Tschüß“ haben sie noch auf ein Bild geschrieben und „Bis bald“.

Gängige Wünsche aus dem Schulalltag. „Tschüß, Willi. Bis bald.“ -

Gott ist ganz nah – bei dir, Willi – und bei uns!

Osterbotschaft pur.

Kinder können so stark sein. Sie machen es uns vor, wie man leben kann, auch wenn der Tod noch immer zu unserer Erfahrungswelt gehört.

Sie machen es uns vor, wie wir uns an diesem Leben freuen können, auch wenn wir Menschen, die wir liebgehabt haben, gehen lassen müssen.

Sie machen es uns vor, wie wir uns geborgen fühlen können, auch wenn wir selber einmal gehen müssen.

Sie lassen uns staunend miterleben, wieviel Leben wir in unsere Welt hinein bringen können durch kleine Gesten der Liebe und der Verbundenheit.

Und überall, wo das geschieht, da ist Auferstehung – da ist Ostern.

In diesem Sinne: Ihnen allen frohe und gesegnete Ostern!

Bleiben Sie behütet! Möge Gottes Segen Sie begleiten!

Ihr Thomas-Christian Schröder



Statt Familiengottesdienst

 

 

 

 

Erleben Sie mit Ihren Kindern einen kleinen Familiengottesdienst mit Pastorin Schinkel.

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Statt Gottesdienst am Ostersonntag

 

 

 

Freuen Sie sich Sie sich auf einen gemeinsamen Ostervideogruß der Kirchengemeinden aus der Region Elbmarschen.

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Statt Osternacht

 

 

 

Andacht zur Osternacht mit Pastor Schröder

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Statt Gottesdienst

 

 

Andacht zum Karfreitag mit Pastorin Gabi Schinkel

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Statt Gottesdienst am 05. April 2020

Liebe Gemeinde.

Wie soll ich mich verhalten? Worauf kommt es jetzt an?

Es gibt wohl kaum jemanden, der sich diese Fragen in den letzten Wochen nicht gestellt hat.

Aufgrund der Corona-Pandemie befinden wir uns in einer außergewöhnlichen, zu unseren Lebzeiten noch nie dagewesen Situation der Ausnahme. Etwas Bedrohliches kommt da auf uns zu, das uns zum Teil ratlos und ohnmächtig macht. Was tun?

Dass Menschen in so einer Situation erst einmal Nudeln und Toilettenpapier kaufen gehen, wundert mich nicht: man reagiert, man tut etwas, man handelt erst einmal drauf los. Ich kann das gut nachvollziehen. Langsam sind wir aus dieser Phase nun heraus und die Regale füllen sich wieder.

Wir fragen uns nun ernstlich: was macht nun in dieser Situation wirklich Sinn? Welche alten Regeln gelten in dieser Situation und wo müssen wir ganz neue Wege einschlagen?

In der biblischen Geschichte für den heutigen Sonntag Palmarum geht es um eine ganz ähnliche Frage.

Die Geschichte erzählt wie Jesus mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem in einem kleinen Ort namens Bethanien im Haus von Freunden zu Gast ist. Tod und Abschied werfen bereits einen Schatten auf die versammelte Gemeinschaft. Da betritt eine wohlhabende Frau den Raum und salbt den Kopf Jesu mit einem kostbaren Öl. Daraufhin entzündet sich zwischen den Jüngern und Jesu ein Streit. Die Jünger sind entsetzt: Was tut die Frau? Was soll diese Verschwendung? Man hätte das Öl ganz im Sinne des Gebotes der Nächstenliebe verkaufen sollen und den Erlös den Armen geben sollen. Doch Jesus verteidigt die reiche Frau und sagt: „Lasst sie! Was bekümmert ihr sie. Sie hat ein gutes Werk getan. Die Armen habt ihr allezeit bei Euch, wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun, mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte und hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“

Die Jünger wollen das, was ihnen vertraut ist: das Öl verkaufen und das Geld den Armen geben. Jesus verteidigt das Tun der Frau. Sie hat den Moment erfasst und das richtige getan. In Liebe, in Zuneigung einfach etwas verschwendet. Wird Jesus auf einmal egoistisch? Schaut man sich andere Geschichten in der Bibel an, so fällt auf, dass die Reaktion Jesu gut zu dem passt, was er auch sonst lebte und weitergab. Immer wieder bricht er Regeln und zieht dadurch auch Zorn auf sich. Doch tut er es nicht, weil er die Gebote und Regeln nicht achtet, sondern im Gegenteil, damit ihr tiefer liegender Sinn wieder zum Vorschein treten kann. Gott gab dem Menschen Gebote, damit sie dem Leben dienen. Werden die Regeln aber mit Härte und Gesetzlichkeit befolgt, verlieren sie die Kraft das Leben zu fördern. Sie fangen an die Lebendigkeit, die sie eigentlich ermöglichen sollen, zu ersticken.

Typisch für Jesus ist es, dass er den Menschen in der Umsetzung der Gebote in den konkreten Situationen sehr viel Freiheit zumutet.

Ich bin in der gegenwärtigen Situation froh, dass wir trotz der ungewöhnlichen Regeln, die unser Leben gerade prägen, es auch in unserer Gesellschaft immer noch auf diese Freiheit ankommt. Ich lebe in einem Land in dem Menschen sich frei informieren können und selbst denken können.

Ein Großteil der Menschen hält sich freiwillig und nicht aufgrund von Strafandrohung an die Abstandsregel, weil sie selbst davon überzeugt sind, dass sie dem Leben dient.

Ich hoffe, dass dieser Geist unter uns erhalten bleibt und in diesem Ausnahmezustand eigene Meinungsbildung, Überzeugung und Freiwilligkeit sich als stärker erweisen als Gesetze, Zwang und Kontrolle.

Wie die Szene in Bethanien von dem nahenden Tod Jesu überschattet wird, so ist auch unser derzeitiges Leben überschattet von der Bedrohung durch einen tödlichen Virus.

Menschen, die mit der Nähe des Todes in ihrem Leben schon einmal konfrontiert waren, sei es durch eine schwere Krankheit oder durch den Verlust eines Angehörigen, berichten oft, dass sie das Leben in einem anderen Lichte sehen als vor dieser Erfahrung. Die Endlichkeit dieses Lebens vor Augen, wagen Menschen auf einmal aus dem Hamsterrad auszusteigen, dass das Leben ansonsten schnell an uns vorüberrauschen lässt.

Worauf kommt es wirklich an? Was hat Bestand und was erfüllt mich wirklich? Auf diese Frage gibt es keine fertigen Antworten. Eine mögliche Antwort ist: die Beziehungen zu anderen Menschen sind das, worauf es ankommt. Und das Wertvollste unserer Tage ist nicht ein teures Öl, Parfum oder anderes Pflegeprodukt, sondern Zeit! Nicht wenige haben diese Zeit gerade. Sie ist auf einmal da. Wir können sie nutzen einander wahrzunehmen, auszuhalten, gern zu haben. Das geht auch am Telefon!

Wenn ich als Pastorin gefragt werde, wo Gott in so einer Situation der Bedrohung denn nun sei, dann ist meine einzige Antwort darauf: ich glaube dass er da zu finden ist, wo Menschen auch im Anbetracht einer Bedrohung sich aufmachen dem Leben Sinn zu geben. Dass er anwesend ist in unserer Phantasie, das Leben auch unter diesen Bedingungen zu gestalten. Dass er anwesend ist in der Liebe, die wir uns - auch durch unsere Konflikte hindurch - einander zeigen. Amen.

Ihre Birgit Dušková

NEUER GEMEINDEBRIEF

 

NEUER GEMEINDEBRIEF

Unsere Antwort auf die Corona-Krise ist: Mehr gemeinsam und mehr für die Menschen. Das greifbare Ergebnis ist ein neuer Gemeindebrief - entworfen von 9 Gemeinden von Borsfleth bis Horst. Das gab es noch nie. Texte für die Osterzeit, gemeinsame Aktionen und viele Informationen aus unseren Gemeinden und von unseren Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern. 6500 Exemplare. Besonders für die, die nicht im Internet unterwegs sein können.

Dieser Gemeindebrief wird ab Mittwochnachmittag auch nicht-virtuell verteilt werden: In Glückstadt ist er in Boxen vor der Kirche und vor der Kita Nordlichter erhältlich, bei den beiden Edeka-Märkten, im Kasten vor der Tourismus-Info und bei der Bücherstube. Und vielleicht fallen uns noch andere Orte ein...

Unsere Bitte: Bringen Sie den Gemeindebrief auch denen, die gerade nicht raus dürfen und/oder kein Internet haben.

Bleiben Sie gesund und behütet
ich wünsche Ihnen eine gesegnete Karwoche
Ihr
Stefan Egenberger

 

Statt Gottesdienst

Der Engel Gottes

 

Der Engel Gottes lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus. (Psalm 34,8)

Einige von Ihnen wissen es ja bereits: Ich sammle Geschichten. Sie werden mir erzählt, ich finde sie im Internet und in alten Büchern. Aber genau so gerne sammle ich auch geistliche Texte, Gebete und Gedichte. Als Vorrat für schlechte Zeiten. Und das Schöne ist, dass ich sie nicht hamstern muss, dass ich sie weiter verschenken kann. Sie gehen mir nicht aus und können viele reich machen. Heute ist es eine Meditation zu Psalm 34,8. Sie wurde von einer Kollegin verfasst, von Doris Joachim, die als Referentin für Gottesdienst im Zentrum Verkündigung in Frankfurt tätig ist.

 

Engel.
Sie lagern um uns herum.
Sie breiten ihre Flügel aus oder ihre Arme – je nach dem.
Sie schützen nicht vor dem Virus.
Aber vor der Angst.
Das können sie:
Uns die Angst nehmen.
Und die Panik vor dem, was uns beunruhigt.
Engel wiegen uns nicht in falscher Sicherheit.
Aber sie können die verängstigte Seele wiegen.
In ihren Armen oder Flügeln – je nach dem.

Gebet

Jetzt, mein Gott, täten Engel gut.
An unserer Seite und um uns herum.
Denn wir brauchen Mut.
Und Phantasie.
Und Zuversicht.
Darum: Sende deine Engel.

Zu den Kranken vor allem.

Stille

Und zu den Besorgten.

Stille

Sende deine Engel zu denen, die anderen zu Engeln werden:
Ärztinnen und Pfleger,
Rettungskräfte und Arzthelferinnen,
alle, die nicht müde werden, anderen beizustehen.

Stille

Sende deine Engel zu den Verantwortlichen
in Gesundheitsämtern und Einrichtungen,
in Politik und Wirtschaft.

Stille

Und zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
auf der Suche nach Heilmitteln und Impfstoffen.

Stille

Sende deine Engel auch zu denen,
an die kaum jemand denkt – jetzt in der Zeit der Epidemie:
Die Menschen auf der Straße,
die Armen,
die Geflüchteten in den Lagern in Griechenland
und im türkisch-griechischen Grenzgebiet.

Stille

Jetzt, mein Gott, tun uns die Engel gut.
Du hast sie schon geschickt.
Sie sind ja da, um uns herum.
Hilf uns zu sehen, was trägt.
Was uns am Boden hält und mit dem Himmel verbindet,
mit dir, mein Gott.
Denn das ist’s, was hilft und tröstet.
Jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Es grüßt Sie und Euch herzlich
Gabi Schinkel

 

 

Licht der Hoffnung

Eine Kerze als Hoffnungslicht ins Fenster zu stellen, hat in vielen Regionen dieser Welt eine lange Tradition, in Schweden z.B.!

Als es noch keinen Strom gab, war dieses Fensterlicht dort nicht nur Schmuck in der dunklen Jahreszeit, sondern ein wichtiges Zeichen für Menschen, die unterwegs sein mussten. Es bot Orientierung, konnte in rabenschwarzer Nacht schon aus weiter Ferne gesehen werden. Es leuchtete heim und signalisierte Willkommen.

Solche Lichter wurden entzündet für Seeleute, die auf den Meeren vielen Gefahren trotzen mussten, für Bergmänner und Soldaten, die nach dem 2. Weltkrieg vermisst wurden oder noch in Kriegsgefangenschaft waren. Sie brannten in Zeiten der Teilung Deutschlands für die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der getrennten Familien.

Aus dieser Tradition heraus wurde eine Idee geboren, die jetzt durch unser Land und viele Kirchengemeinden zieht. Und der wir uns auch in Glückstadt anschließen wollen. Im Vertrauen auf die Zusage eines Psalmwortes:

„Gott ist denen nahe, die zu ihm beten und es ehrlich meinen. Er erfüllt die Bitten der Menschen, die voll Ehrfurcht zu ihm kommen. Er hört ihren Hilfeschrei und rettet sie.” ( Psalm 146)

Wir werden täglich um 18 Uhr die Glocken unserer Stadtkirche läuten. Und laden Sie ein, zu unserem Läuten eine Kerze zu entzünden und ans Fenster zu stellen. Damit es hinausscheint als Licht der Hoffnung für die Menschen in unserer Umgebung.

Zum Klang der Glocken beten wir in ökumenischer Gemeinschaft für unsere Stadt, unser Land und die Welt. Wir bitten Gott darum, seine Menschen in diesen beängstigenden Zeiten zu begleiten. Jeder Haushalt für sich. Wir halten uns voneinander fern und sind doch füreinander da. Beim gemeinsamen Vater Unser wissen wir uns mit allen verbunden und von Gott gehalten.

Und wenn Sie mögen, können Sie uns auch gerne ein Bild Ihrer brennenden Kerze zukommen lassen, auf unserer Facebookseite, als Anhang einer Mail, als Ausdruck per Post.

Auch wenn Sie sich nicht als religiösen Menschen verstehen oder sich einer anderen Weltanschauung als der christlichen verbunden fühlen, so können Sie mit dem Fensterlicht ein Zeichen des Mitgefühls und  des Dankes aussenden. So möchte ich unsere Kerzen auch verstehen, nämlich als Dank an alle, die jetzt unsere Gesellschaft am Laufen halten.

Stellvertretend für viele geht unser Dank an die,

die sich in den Krankenhäusern, Pflegeheimen und der ambulanten Versorgung um unsere Erkrankten und Hilfebedürftigen kümmern, die als Polizistinnen und Polizisten, bei der Feuerwehr und in den Rettungsdiensten für unsere Sicherheit einstehen, die in Lebensmittelgeschäften, Apotheken und im Logistikbereich für unsere Versorgung arbeiten und die Lieferketten nicht abreißen lassen, die sich dafür einsetzen, dass wir weiterhin Strom und Wasser zur Verfügung haben, dass unser Müll abgeholt wird und wir unseren Arbeitsplatz erreichen können,die sich jetzt ehrenamtlich dafür stark machen, dass diejenigen, die zuhause bleiben müssen, versorgt sind.

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Manche unter uns bangen um ihre wirtschaftliche Existenz. Andere warten noch auf Angehörige, die im Ausland festsitzen. Einige wurden positiv auf das Coronavirus getestet und verbringen nun ihren Alltag in häuslicher Quarantäne. Wir sorgen uns um unsere Eltern und Großeltern. Oder haben schon erfahren müssen, dass Menschen, die wir kennen und lieben, an den Folgen des Virus schwer erkrankt oder gar verstorben sind.

Diese Zeiten verlangen uns viel ab - deshalb brauchen wir Zeichen der Hoffnung. Lasst Sie uns in Gottes Namen aussenden.

Es grüßt Sie und Euch alle im Namen des gesamten PastorInnenteams - Gabriele Schinkel

 

 

Gute Worte für schlechte Zeiten

Was können wir tun gegen das Virus? Eine Menge!

Wir können die Vorgaben der Fachleute befolgen und zu Hause bleiben.

Aber wir sind nicht allein, und wir lassen niemanden allein!

In Gedanken und im Gebet bleiben wir einander verbunden.

Wir können uns gegenseitig bestärken und uns Mut machen durch die Gewissheit, dass wir zusammengehören.

Gute Worte, die uns daran erinnern, dass Gott auch in dieser Zeit bei uns ist, können uns darin bestärken.

Darum hängen seit heute an der Tür der Stadtkirche kleine bunte Papierrollen mit kurzen Texten, Gebeten und Gedanken.

Nehmen Sie sich gerne ein Wort mit! Und teilen Sie es mit Ihren Lieben!

Oder sagen Sie es am Telefon weiter!

Vielleicht wartet in Ihrer Nähe ja jemand darauf.

Und vor allem: Bleiben Sie behütet!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Statt Marktandacht

 

 

 

 

Statt Marktandacht (17. März 2020)

Gerade ist Halbzeit bei der Fastenaktion der Kirche „7 Wochen ohne Pessimismus“.

Das sagt sich so leicht, angesichts der aktuellen Lage. Die einen hamstern Nudeln und Toilettenpapier. Die anderen machen sich darüber lustig. Noch.

Aber viele Menschen beschleicht in diesen Tagen ein mulmiges Gefühl. Da ist dieses Virus, das man nicht sehen kann. Trotzdem scheint es uns immer einen Schritt voraus zu sein. Es hat schon so viel verändert! Im Internet kursieren die wildesten Gerüchte.

Was kann man tun in dieser Zeit? Ich glaube, den Verantwortlichen in Medizin und Politik kann man nur wünschen, dass sie besonnen und nach kluger Überlegung handeln - und das mit der nötigen Tatkraft.

Und man wünscht ihnen auch gute Nerven, angesichts der emotional hoch aufgeladenen Situation.

Aber sind das alles nicht auch Dinge, die wir selber brauchen?

Brauchen wir nicht eine gute Portion Besonnenheit, um nicht in Panik zu verfallen und damit unsere Nächsten nur noch mehr zu belasten? Brauchen wir nicht Kraft, um das alles durchzustehen? 

Und nicht zuletzt:

Brauchen wir nicht auch ein gutes Quantum Liebe, um nicht in wüsten Egoismus zu verfallen und beispielsweise die Läden leerzukaufen? - Da, wo es wirklich gebraucht wird, in den Kliniken und bei den pflegerischen Diensten, herrscht zum Teil Knappheit, weil einigen Zeitgenossen ihr eigenes Wohl wichtiger war, als das aller anderen. -

Angst ist nun mal ein schlechter Ratgeber. - Ist zwar eine Binsenweisheit, stimmt aber trotzdem. 

Und so schlecht stehen die Chancen nicht.

Mir kommt eine kleine Geschichte von Rudolf Otto Wiemer in den Sinn, die mir Mut macht.

Unter der Überschrift „Die Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen“ erzählt sie von einer kleinen Raupe, die mit bemerkenswerter Beharrlichkeit und Sturheit ihren Weg geht.  

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Zwanzig Autos in einer Minute.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.

Die Bärenraupe weiß nichts von Autos.
Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist.
Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.

Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits
Grün wächst. Herrliches Grün, vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen.
Zwanzig Autos in einer Minute.

Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Geht los und geht und geht und geht  - und kommt an.

Die kleine Raupe schafft etwas eigentlich Unmögliches. Eine Raupe auf einer viel befahrenen Straße, das kann nicht gut gehen.

Sie ist klein, sie ist verletzlich. Sie ist schwach. Sie wird übersehen. Und was da auf der Straße heranrollt, das geht weit über ihren Vorstellungshorizont hinaus; da wirken Kräfte, von denen sie keine Ahnung hat.

Geht es trotzdem gut, weil die Raupe an keine Gefahr denkt? Geht es gut, weil sie einfach nur Glück hat? Manchmal gewinnt ja auch jemand im Lotto. Manchmal sogar den Jackpot. Ist sie also einfach mit der Statistik durchgerutscht?

Oder kommt sie vielleicht an, weil sie einen guten Schutzengel hat? Keine Ahnung.

Mir kommt noch ein Text in den Sinn:

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, heißt es im Zweiten Korintherbrief. (2. Kor 12,9 ) 

Ein Allheilmittel oder eine Lebensversicherung ist das nicht.

Aber eine Ermutigung! Und mehr als das:

In wenigen Wochen ist Ostern, das Fest der Auferstehung. Das Fest des Lebens. – Es erinnert daran, dass viel mehr möglich ist, als wir uns jetzt zutrauen.

Haben wir Vertrauen! Wir können es schaffen!

Denn: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Bleiben Sie behütet! Auch vor Pessimismus! Und kommen Sie an!

Ihr Pastor Christian Schröder

 

 

Statt Gottesdienst - Der Glaube in Zeiten von Corona (15. März 2020)

Viel zu oft habe ich in den letzten Tagen die neuesten Nachrichten über das Corona-Virus auf meinem Smartphone gelesen. Fast stündlich veränderte und verschlimmerte sich die Situation. Was gestern noch galt, ist heute schon wieder hinfällig.
Ich lese von Hamsterkäufen und Einbrüchen in Arztpraxen, um Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel zu stehlen. Die dann zu Wucherpreisen im Internet angeboten werden. Börsencrash und Wirtschaftskrise, Grenzschließungen, Engpässe bei Medikamenten, Geisterspiele und Konzerte ohne Publikum, Besuchsverbote im Krankenhaus, noch mehr Infizierte, noch mehr Tote: Was kommt als nächstes?
Reicht es, wenn ich meine Hände nur mit Seife oder Spülmittel wasche? Habe ich nur eine Erkältung oder doch schon Covid 19? Welchen z.T. auch selbst ernannten Experten kann ich trauen? Und welche Ratschläge sind einfach falsch?
Und dann ertappe ich mich doch dabei, zur Sicherheit das Sparpack Toilettenpapier in den Einkaufswagen zu legen. Ich bin wohl schon infiziert - mit Sorgen und Ängsten.
In solchen Momenten versuche ich, innezuhalten und wieder zur Besinnung zu kommen. So wie es Martin Luther geraten haben soll:
„Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.“
Gefunden habe ich dieses Wort in dem Kalender, der die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche begleitet: Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus. Er steht auf meinem Schreibtisch. Das Motto wurde bestimmt, als noch niemand etwas von Corona und seinen Folgen ahnte. Und doch ist es wie für diese Zeit gemacht. Nicht um unsere berechtigten Sorgen und Ängste klein zu reden. Sondern an das Prinzip Hoffnung zu erinnern, dass gerade in der Geschichte von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu aufscheint.
Wir wissen noch nicht, was alles auf uns zukommen wird, welche Einschränkungen und Abschiede uns vielleicht noch bevorstehen. Nein, es ist längst nicht ausgemacht, dass alles gut wird. Aber Gott ist immer an unserer Seite, wenn es eng wird. Und lehrt uns zu hoffen und zu beten, dass es weitergeht. Diese Hoffnung ist uns mit Ostern versprochen, die gilt.
Es wird sich eigenartig anfühlen, die Botschaft von der Auferstehung nicht gemeinsam in Gottesdiensten feiern zu können. Das hat es so noch nie gegeben. Aber wir werden sie weiter sagen: in der Familie, persönlich am Telefon, in Radio, Fernsehen und Internet.
Wir sind herausgefordert, kreativ zu werden und andere Formen zu finden für Beistand, Seelsorge und gottesdienstliches Feiern. Vielleicht haben Sie da ja auch die eine oder andere Idee - und erzählen uns davon.
Ich wünsche mir, dass wir in diesen schwierigen Zeiten nicht übersehen, mit wie viel Verstand, Mut und Können Gott uns beschenkt hat - uns, unsere Familien und Freundeskreise, unsere Gemeinschaften. Mit Zuversicht kann es uns gelingen, einen Weg durch die Krise zu finden.
So wie in Wien: Dort haben zwei junge Leute in einem Mehrfamilienhaus einen Hilfsbrief für ältere Nachbarn aufgehängt, in dem sie anbieten, Einkäufe und andere Tätigkeiten in der Öffentlichkeit zu übernehmen. Er endet mit den Worten: Gemeinsam steht Wien auch eine Pandemie durch.
Auch solche Nachrichten finden sich im Internet: Gott sei Dank.
Bleiben Sie behütet - das wünsche ich Ihnen im Namen des gesamten PastorInnenteams
Ihre Gabriele Schinkel